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24.05.2012
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Erzbischof Werner Thissen.

Erzbischof Werner Thissen.

Hamburgs Erzbischof Thissen über Felix Genn

Was mir der Wein erzählt

Bistum. Pfingstmontag 1999, am Tag meiner Bischofsweihe, nach der Liturgie im Dom zu Münster, überreicht mir Bischof Hermann Josef Spital aus Trier eine Flasche "Waldracher Krone", Jahrgang 1989, Riesling, Beerenauslese, aus Leiwen an der Mosel. "Die kannst du noch Jahrzehnte im Keller lassen", bemerkt er, "was bei uns an der Mosel gewachsen ist, das hält sich gut."

Dann erzählt er, dass er sechs Tage später im Dom zu Trier auch einen Mitbruder zum Bischof weihen wird. Er freue sich sehr darauf, denn er erwarte viel von diesem neuen Weihbischof. Sein Name: Felix Genn.

Diesen treffe ich dann zum ersten Mal bei der Bischofskonferenz in Fulda. Dort gibt es eine feste Sitzordnung. Am Vorstandstisch nehmen die Kardinäle und Erzbischöfe Platz. In den vorderen Reihen gegenüber sitzen die anderen Diözesanbischöfe. Daran schließen sich die Weihbischöfe an. Immer in der Reihenfolge des Weihealters. Ganz hinten in der letzten Reihe haben die zuletzt Geweihten ihren Platz. Das sind Felix Genn und ich.

Wir wussten voneinander nur soviel, dass wir vom Weihealter her fast Zwillinge sind. Dass unsere Zeit als Nachbarn in der letzten Reihe der Bischofskonferenz kurz sein würde, das wussten wir nicht. Aber wir haben sie gut genutzt.

Was tun Nachbarn in der Schule, im Hörsaal, im Parlament, bei Vortragsveranstaltungen, wenn die Redner sich wiederholen? Sie schwätzen miteinander. Das geht nirgendwo so gut wie in der letzten Reihe. Mein Nachbar hat mir dabei viel erzählt vom Weinbau an der Mosel. Ich hatte bis dahin viel mehr Vorliebe für Frankenwein entwickelt. Aber seine Hinweise auf die einzigartigen Geschmacksnuancen, die unterschiedlichen mineralischen Böden und die Bedeutung der Sonneneinstrahlung und was er mir sonst noch alles Kenntnisreiches erklärt, haben mich überzeugt.

Natur, Arbeit und Kultur

Als ich ihm dann darlege, ich hätte einen Artikel geschrieben über "Wein und Zeit" in Erinnerung an Martin Heideggers "Sein und Zeit", da fühlt er sich gut verstanden. Denn es geht ihm nicht um Feinschmeckerallüren, sondern um den Dreiklang von Natur, menschlicher Arbeit und Kultur. So wie wir Gott danken bei der Gabenbereitung der Eucharistie für den Wein als "Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit".

Später besuchen wir gemeinsam sein Elternhaus in der Eifel. Dort wohnt jetzt seine Schwester mit ihrer Familie. Bis zum nächsten Weinbaugebiet sind es von dort noch viele Kilometer. In einem früheren Stallgebäude des Bauernhofes lagern aber keine Flaschen mit Wein, auch keine anderen Vorräte und auch keine landwirtschaftlichen Maschinen. Sondern: Bücher. Wie in einem Verlagshaus.

Als Leiter der Priestergruppe, die sich dem gewaltigen theologischen und spirituellen Werk des Priesters Hans Urs von Balthasar verpflichtet weiß, sorgt sich Bischof Genn auch für die Verbreitung dieses kostbaren Erbes.

In einem Buch Hans Urs von Balthasars, das Felix Genn mir damals schenkte, heißt es: "Mit keinem Seienden wird man fertig, und wäre es die kleinste Mücke, der unscheinbarste Stein. Es hat eine geheime Öffnung, durch die ihm immer neue Vorräte an Sinn und Bedeutung vom Ewigen her zufließen" (Elio Gurriero, Hans Urs von Balthasar, 358). Da musste ich wieder an den Wein denken: Sinn und Bedeutung vom Ewigen her.

Das Elternhaus von Bischof Genn liegt nahe bei Maria Laach. Wir sind an einem sonnigen Frühlingstag die Strecke zu Fuß gegangen. Benediktinermönch zu werden, sei für ihn, anders als für mich, nie eine Versuchung gewesen. Aber wie sehr er sich dieser Abtei und seinem Heimatort verbunden fühlt, konnte ich miterleben, als er dort seine "Bischofsprimiz" feierte.

Tägliche "Stille Zeit"

Auch mit den Jesuiten verbindet ihn eine starke Nähe. Diese begann mit dem Bund Neudeutschland, der heutigen Katholischen Studierenden Jugend. Dort lernt er die tägliche "Stille Zeit" und die Betrachtung der Heiligen Schrift kennen und schätzen. Jesuiten, die er als Spiritual in seiner Priesterausbildung erlebte, haben das vertieft. Von den Exerzitien des heiligen Ignatius ist sein Leben spürbar geprägt. Wie Ignatius geht es ihm darum, Gott in allen Dingen zu finden.

Wenn ein Bischof ein anderes Bistum übernimmt, wo er kaum jemanden kennt und alles fremd ist, dann braucht er neue geistliche Fixpunkte. Einer davon ist für Bischof Genn, als er nach Essen kam, unsere jährliche Wallfahrt geworden.

Weihbischof Heinrich Janssen und ich pflegen seit langem diese schöne Tradition der Fußwallfahrt von Xanten nach Kevelaer. Bischof Genn schloss sich gern an. Wir beginnen mit der Eucharistiefeier in der Märtyrerkrypta des Xantener Doms. Ziel ist die Gnadenkapelle in Kevelaer. In unseren Gesprächen gibt es dann immer genügend Stoff für die Gebetsanliegen in den jeweils folgenden Rosenkränzen.

Zwischendurch erzählen wir, dass Bischof Reinhard Lettmann wie wohl kein anderer seit den Zeiten des Gründerbischofs Liudger das Bistum zu Fuß durchquert hat. Zugleich haben wir unseren Bischofsbruder immer auch in Staunen versetzt über die vielen Zeugnisse christlicher Kultur im Bistum Münster. Nun wird ihm das alles als Bischof anvertraut. Und vor allem die Menschen, die sich darin bewegen.

Offen für die Menschen

Während ich das schreibe, steht die Flasche Wein von Bischof Hermann Josef Spital auf meinem Schreibtisch. Nicht um den Wein jetzt zu verkosten. Sondern um ihn erzählen zu lassen. Bischof Genn war Spiritual im Priesterseminar in Trier, als der Wein 1989 wuchs. Zehn Jahre später schenkt ihn mir der Bischof von Trier, der vor mir Generalvikar und Weihbischof in Münster war. Sechs Tage danach weiht er Felix Genn für den Dienst als Weihbischof in Trier. Und nun wird dieser Bischof von Münster.

Ich schaue auf die Flasche. Mir wird bewusst, was für ein großer Zeitensammler der Wein ist. Ich bin zuversichtlich, dass er sich weiter gut hält. Der Wein. Und auch der neue Bischof von Münster. Allerdings mit einem Unterschied: Der Wein entfaltet sich dadurch, dass die Flasche verschlossen bleibt. Der Bischof entfaltet sich dadurch, dass er offen bleibt für die Menschen in seinem Bistum.

Unser Autor: Erzbischof Werner Thissen

Dr. Werner Thissen ist seit 2003 Erzbischof von Hamburg. Der 70-jährige Priester des Bistums Münster aus Kleve war von 1986 bis 1999 Generalvikar des Bischofs von Münster, danach bis zu seiner Berufung nach Hamburg Weihbischof in Münster und Regionalbischof für die Region Borken/Steinfurt.

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