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24.05.2012
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Gereon Heuft

Gereon Heuft ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Diakon.

Gereon Heuft ist Psychotherapeut und Diakon

Bereicherndes Spannungsfeld

Münster. Es geht um das Innenleben des Menschen, um die Gefühle und Regungen, die ihn als Person ausmachen. Es geht um seine Seele, sagen die einen. Die anderen sprechen von der Psyche. Für Gereon Heuft ein Spannungsfeld, mit dem er sich vielleicht so intensiv auseinander setzen kann wie nur wenige.

Heuft ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Psychatrie und Neurologie. Zudem ist er ausgebildeter Psychoanalytiker, Lehrstuhlinhaber für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinkums Münster. Und der 54-Jährige ist Seelsorger: Seit dem vergangenen Jahr ist er Ständiger Diakon in der St.-Theresia-Gemeinde.

"Ich sehe da ganz bewusst eine Unterscheidung", sagt er. Psyche und Seele seien keine unterschiedliche Begriffe für ein und dieselbe Sache. „In der Psychotherapie gibt es genaue Modelle, wie Psyche funktioniert, es ist ein medizinischer Sachverhalt", unterstreicht er die Abgrenzung. Daraus resultierten für den Mediziner eindeutige Mechanismen und Therapien. In der Seele spiegele sich hingegen ganz zentral die Gottesbeziehung des Menschen wider, sagt er: "Gott kommt auf die Menschen zu, und der Mensch muss darauf antworten – der Seelsorger unterstützt ihn bei dieser Antwort." Seele und Psyche - für Heuft bilden sie zwei Hälften eines Ganzen, "bei dem es natürlich Überschneidungsbereiche" gibt.

Spannend für jemanden, der sich in beiden Bereichen beheimatet fühlt. Zumal das Verhältnis in der Vergangenheit alles andere als unverkrampft war. "Lange Zeit haben sich diese beiden Richtungen gegeneinander gesperrt", weiß er. "Psychologie sah Glaube als neurotisches Problem an – Seelsorge sah in der Psychotherapie eine Methode, die den Glauben zu diffamieren drohte." Heute sei es eher ein Verhältnis des gegenseitigen Respekts. "Das Wissen voneinander und den jeweiligen Möglichkeiten ist wichtig." Denn nur, wer die Qualitäten des anderen Bereiches kenne, könne ermutigen, sich auch dort Hilfe und Antworten zu holen.

Getrennte Bereiche

Grundsätzlich aber bleiben die Bereiche getrennt. Auch für ihn, der den Menschen das eine Mal als Seelsorger, das andere Mal als Therapeut gegenübersteht. Etwa 1.500 Erstgespräche führen die Mediziner seiner Klinik im Jahr mit Menschen, die mit Ängsten, Depressionen, psychisch bedingten körperlichen Symptomen oder traumatisiert zu ihnen kommen. Als Diakon begegnet er den Menschen unter einem anderen Vorzeichen. „Es geht dann nicht um Behandlung, es geht um die Begegnung, um die gemeinsame Gestaltung des Glaubens."

Eine Vermischung der beiden Bereiche wäre deshalb für ihn fatal. "Ein Seelsorger sollte nie konkret in einem Krankheitsfall zu therapieren versuchen, genauso wenig wie ein Therapeut seelsorglich aktiv werden sollte." Es müsste dem Helfenden immer bewusst sein, in welcher Funktion er dem Hilfe-Suchendem gegenüberstehe. Heuft nennt ein markantes Beispiel: "Wenn ich Chirurg wäre, würde ich ja auch nicht mein Skalpell aus dem Operationssaal mitnehmen und dem Gläubigen zeigen, wie gut ich schneiden kann – das wäre Körperverletzung, weil Behandlung ohne ausdrücklichen Auftrag."

Aus seinen Erfahrungen weiß er aber auch nur zu gut, dass es menschliche Notsituationen gibt, aus denen man allein mit dem Glauben nicht herauskommen kann. "Es gibt Dinge, die ich nicht alleine dadurch in den Griff bekomme, dass ich sie vor Gott bringe." Ein Problem, das verstärkt werde, wenn in der Krankheit eine gewisse Gottesferne vermutet werde. "Wenn jemand mit religiösem Hintergrund das Gefühl vermittelt bekommt, er habe psychische oder psychosomatische Probleme, weil er nicht ausreichend Gottvertrauen habe, ist das in seiner Situation zutiefst belastend und zerstörend."

Eine Gefahr, die besonders bestehe, wenn das Wissen über psychische Erkrankungen fehle. "Uns Seelsorgern muss deshalb immer bewusst sein, wie unsinnig und unbarmherzig ein solcher Rückschluss ist.", sagt Heuft und findet wieder ein markantes Beispiel: „Ich versuche ja auch nicht, ein gebrochenes Bein mit der Bibel zu heilen."

Signale der Hoffnung

In dieser Situation habe man vielmehr die Aufgabe, Signale der Hoffnung zu setzen. „Dir kann geholfen werden", sei die Aussage des Psychotherapeuten. "Gott hat dich gerade jetzt im Blick", sei die Haltung des Seelsorgers. „Es ist deshalb wichtig, in allen seelischen Notsituationen den Blick für die Möglichkeiten des anderen Bereiches zu behalten", sagt Heuft. "Ich kann den Hunger nach Heilung immer vor Gott bringen, muss aber auch etwas dafür tun, dass er gestillt wird, gegebenenfalls mit Hilfe der Psychotherapie."

Die Kombination des Seelsorgers und Mediziners ist für ihn daher eine Bereicherung im Kontakt mit den Menschen. „Ich spiele die Bereiche nicht gegeneinander aus, aber mein Engagement kann mir sicher neue Türen öffnen." Auf der einen, wie auf der anderen Seite. Das Wissen über die Notsituationen der Menschen aus seinem Berufsleben etwa ermögliche ihm eine offenes Ansprechen von Ängsten und Sorgen auch als Seelsorger: "Die Menschen empfinden es als Bereicherung, wenn ich aus den lebensnahen Erfahrungen Beispiele entwickeln kann."

Auf der anderen Seite könne ein Patient erwarten, dass er auch in seinen Glaubensfragen ernst genommen werde, wenn er wisse, dass Heuft auch Diakon sei. Wenngleich er die Rollen niemals wechseln würde, das unterstreicht er noch einmal. "Aber aus der Beheimatung sowohl in der spirituellen als auch in der psychischen Welt können Signale für den Patienten kommen, selbst wenn ich sie nicht ausspreche." Ein Nebensatz, allein der Tonfall könne das Gegenüber aufmerken lassen. „Wieso geht der Behandler denn so mit dem Problem um?", könne die entscheidende Frage  eines Patienten sein, die ihn zu neuen Antworten bringen könne: "Da gibt es noch etwas, was auch mich hält."

Permanent diakonisch

Aber auch, wenn sein Glaubenshintergrund vom Patienten überhaupt nicht gefragt sei, sei sein Einsatz "irgendwie permanent diakonisch, ohne das Seelsorge darüber steht". Den Menschen dienen  - jene Kernaufgabe des Diakons erfüllt er auch als Arzt, wenn er sich ihrer Krankheiten annehme. Warum also dann noch sein Entschluss, Ständiger Diakon zu werden? "Dafür gab es viele Gründe", sagt er. "Das öffentliche Eintreten für den Glauben ist mir wichtig", nennt er einen. Durch die Weihe sei er zudem intensiver gebunden als etwa in seinem bisherigen kirchlichen Engagement unter anderem im Pfarrgemeinderat oder als Kommunionhelfer: "Es ist ein Sakrament, hinter das ich nicht mehr zurücktreten kann - ich bin bin in die Pflicht genommen, kann nicht einfach aufhören, mich vom Plan nehmen lassen."

Zudem habe er im Amt des Diakons noch einmal ganz neue Möglichkeiten, seinen Glauben in der Begegnung mit den Menschen und in der Liturgie bereichern zu lassen. Viele Glaubensgespräche  gehören zu seinen Aufgaben, die Mitfeier der Gottesdienste, Besuche der Gemeindemitglieder. Diese intensive Glaubenserfahrung helfe ihm sicher auch in seinem Beruf, sagt Heuft: "Denn der Psychotherapeut hat nicht die Antworten auf die letzten Fragen." Doch gerade in seinem Beruf müsse er ständig damit umgehen. "Ich kann durch meinen Glauben eine Grundhoffnung in mir aufrecht erhalten, mit der ich das Spannungsfeld der menschlich nicht zu beantwortenden Fragen aushalten kann."

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