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24.05.2012
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Domkapitular Dieter Geerlings.

Domkapitular Dieter Geerlings.

Dieter Geerlings fordert mehr Menschlichkeit im Gesundheitswesen

Hilfe im Krankheitsfall

Bistum. Domkapitular Dieter Geerlings fordert von der Gesellschaft einen breiten Diskurs, um klare Kriterien zu entwickeln, nach denen in Zukunft medizinische Leistungen erbracht werden.

"Wir werden zum Beispiel die Frage beantworten müssen, wer wann und unter welchen Umständen besondere medizinische Leistungen erhält und wer nicht", sagt er. Und: "Wir müssen auch klären, wer darüber entscheidet." Dabei dürften nicht die Ärzte, Pflegeberufe oder Krankenhäuser in die Rolle der Rationierer gedrängt werden. "Wenn Einsparungen im Gesundheitswesen notwendig sind, muss die Gesellschaft die Aufgabe übernehmen, klare Kriterien zu formulieren, auch auf die Gefahr hin, dass es zu spürbaren Einschnitten kommt. Rationierungen aber lehne ich ab. Wohl aber wird die Frage nach Differenzierungen in der Gesundheitsversorgung und Therapie zu diskutieren sein. Die He­rausforderung ist, für einen Patienten die individuelle Therapie zur rechten Zeit und am richtigen Ort anbieten zu können."

Geerlings ist davon überzeugt, dass es nach der Bundestagswahl verstärkt zu Diskussionen kommen wird, wie das Gesundheitswesen bezahlbar wird. Halbherzige Reformen nach der Devise "Augen zu und durch" würden die anstehenden Probleme nicht lösen.

Auf die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände kommt nach seiner Auffassung unter anderem verstärkt die Aufgabe zu, darauf zu achten, dass "vulnerable" Gruppen nicht unter der Hand besonders von Einsparungen betroffen sind. Vulnerable ("verwundbare") Gruppen sind für Geerlings nicht nur sozial schwächer gestellte Menschen oder Menschen mit Behinderungen, sondern auch alte und betagte Menschen.

"Hier darf kein Diskussionsfeld für Rationierungen eröffnet werden. Jeder will in einer erträglichen Weise alt werden. Verstärkt können Krankheiten das Alter begleiten. Natürlich tauchen hier auch durch die demographische Entwicklung große Probleme für die Ökonomie des Gesundheitswesens auf. Darüber muss man sprechen, aber in einer menschengemäßen Perspektive. Alte Menschen dürfen nicht diskriminiert werden. Hier steht die Menschlichkeit des Gesundheitssystems auf dem Spiel."

Nach seiner Ansicht sind klare Kriterien und Verfahren zu entwickeln, die es möglich machen, medizinische Entscheidungen zu treffen, ohne das Vertrauen im Arzt-Patientenverhältnis zu beeinträchtigen. Darüber hinaus ist es dringend notwendig, die Eigenverantwortung und die Solidarität innerhalb der Gesellschaft zu stärken und zu entscheiden, in welchem Umfang die medizinische Versorgung durch die Gesellschaft abzusichern ist.

Eigenverantwortung ist für Geerlings allerdings auch ein problematischer Begriff. Sie muss Menschen auch möglich gemacht werden. "Bei einer normalen Familie mit zwei bis drei Kindern kann es schon zynisch klingen, hier mehr Eigenverantwortung für den Gesundheitsschutz zu verlangen", sagt er. Eine stärkere steuerliche Absicherung des Gesundheitssystems hält Geerlings für notwendig. "Wir müssen die gesetzliche Krankenversicherung von dem System der Lohnnebenkosten stärker abkoppeln. Das wird oft aus gesamtwirtschaftlichen Gründen gefordert. Aber wie findet man ein gerechteres und effizienteres Solidarsystem?"

Die Forderung nach mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen sieht Geerlings auch kritisch. Mehr Wettbewerb unter den Krankenhäusern zum Beispiel dürfe nicht dazu führen, dass Anbieter in bestimmten ländlichen Regionen eher "vom Markt" verschwänden, weil sie nach Ansicht von reinen Wettbewerbsbefürwortern zu klein und nicht mehr finanzierbar seien. Es müsse nach wie vor Einrichtungen geben, die eine bestimmte wohnortnahe medizinische Grund- und Regelversorgung gewährleisten.

"Wer von Patienten und deren Angehörigen mehr Mobilität verlangt, übersieht, dass für viele alte und behinderte Menschen das Wort Mobilität inzwischen auch bedrohlich klingt. Ich weiß auch zwischen dem Wünschbaren und Machbaren zu unterscheiden. Aber es ist sehr einseitig, die Gesundheitsversorgung aus der Perspektive des jungen dynamischen Autofahrers zu betrachten."

"Krankenhäuser sind Orte der Hoffnung auf Heil und Heilung, aber auch Orte, wo Patienten sowie Ärzte, Pflegende und Seelsorger an ihre Grenzen stoßen. Gerade wie man mit den Grenzen umgeht, zeigt, wie menschlich ›das System‹ tatsächlich ist", sagt Geerlings. Andererseits seien Krankenhäuser die Kernbereiche des Gesundheitswesens.

Hier und da werde davon gesprochen, dass in Deutschland längst eine Zwei-Klassen-Medizin herrsche. "Ich will das nicht grundsätzlich bestreiten. Aber man muss doch sehr genau und differenziert hinschauen. Jedenfalls müssen wir darauf achten, dass unser Gesundheitssystem sich nicht insgesamt dahin entwickelt. Es ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft und der Politik, dafür zu sorgen, dass arme und benachteiligte Menschen Zugang haben zu einer menschengemäßen und notwendigen Gesundheitsversorgung."

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