
Erzbischof Reinhard Marx.
Koalition fehlt "vernünftige Vision"
Erzbischof Marx warnt vor "weiter so" in der Krise
Berlin. Der Münchener Erzbischof Reinhard Marx hat vor einem "weiter so" von Wirtschaft und Politik angesichts der Finanzkrise gewarnt. Er sei "wieder skeptisch geworden", ob es wirklich zu einer Lernphase und einer Grundsatzdebatte komme, sagte er am Dienstagabend (10.11.2009) in Berlin. "Das verplätschert ein wenig." Offensichtlich wolle man wieder da anknüpfen, wo man vor der Krise gewesen sei. Marx äußerte sich bei der Jahrestagung der Deutschen Nationalstiftung.
Dabei äußerte er sich auch zum schwarz-gelben Koalitionsvertrag. Darin fehle "vielleicht doch eine vernünftige Vision", sagte er. Er brauche dort weiß Gott keine Utopien. Es gehe aber um eine Vision, die die Menschen auch zusammenführen könne, die eine Gesellschaft der Teilhabe betone.
"Markt und Gewinn sind gerechtfertigt, aber…"
Der ökonomische Nutzen, so Marx weiter, sei von übergroßer Bedeutung. "Aber er ist nicht alles." Er bezeichnete es als falsche Entwicklung, wenn Kapitalismus und Kapital der entscheidende Dreh- und Angelpunkt des Systems seien. "Markt und Gewinn sind gerechtfertigt, aber sie sind nicht unser Leben." In der Krise müsse es darum gehen, Staat und Markt, Gesellschaft und Person wieder neu in ein Verhältnis zueinander zu bringen und die Zuordnung "wieder neu zu entdecken". Dabei müsse auch das Verhältnis der Menschen untereinander ein anderes werden.
In der gegenwärtigen Lage sehe er eine "Krise im System", so Marx. Allerdings sei sie so gravierend, dass auch das System als ganzes wenigstens von vielen in Frage gestellt werde. "Das berührt das Vertrauen in das System selber." Weiter rief er dazu auf, die Funktionsweise von Institutionen und die Notwendigkeit moralischer Ressourcen neu zu bedenken. Institutionen funktionierten nicht einfach selbstverständlich aus sich selbst heraus. "Wenn nur jeder das tut, wozu er verpflichtet ist, kann man den Laden gleich zu machen", meinte er.
"Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft"
Der Erzbischof warb für eine Rückbesinnung auf eine "nachhaltige Soziale Marktwirtschaft". Dieses Leitwort könne ein Impuls sein für die Vorstellung des Zusammenhalts in der modernen Gesellschaft. Dabei gehe es nicht um ein statisches Prinzip, sondern um die Freiheit und Verantwortung jedes einzelnen. Seit Jahren erinnerten die Kirchen an die Bedeutung von Tugenden. Auch in der Wirtschaft - das sei mehr als deutlich geworden - seien Ethik und Tugenden nach wie vor notwendig.
Für die Wirtschafts- und Finanzkrise habe es längst Vorboten gegeben, die man aber ignoriert habe, betonte Marx. So habe Papst Johannes Paul II. schon im Jahr 1991 in seiner Sozialenzyklika "Centesimus Annus" vor der Dominanz eines reinen Materialismus gewarnt. "Diese Gefahr ist eingetreten", so der Erzbischof. Der Kapitalismus habe sich, "salopp gesagt, überschlagen" und stecke jetzt in der Krise. Nun habe man in einer globalisierten Welt noch einmal die Chance, daraus zu lernen. Ob es eine weitere Chance geben werde, bezweifele er. Marx ist Senatsmitglied der 1993 gegründeten Nationalstiftung.
Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Michael Bönte
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