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18.12.2017
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Goertz

Dr. Stephan Goertz (*1964) ist Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz. Von 1992 bis 2004 war er am Seminar für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster tätig.

Interview zum Synoden-Schreiben von Papst Franziskus

Theologe Goertz: "Amoris laetitia" öffnet ersehnten Dialog

Mainz. Nach zwei Weltbischofssynoden und intensiven Beratungen liegt die Botschaft von Papst Franziskus zu Ehe und Familie vor. Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz versucht eine erste Einordnung.

Im Vorfeld gab es viele und teils sehr unterschiedliche Erwartungen an die Botschaft von Papst Franziskus zu Ehe und Familie - wie fällt jetzt das Urteil des Moraltheologen aus?

Professor Dr. Stephan Goertz: Grundsätzlich positiv. Auch wenn es – wie bei solchen Dokumenten üblich – Licht und Schatten gibt. Ich interpretiere das Dokument als den Versuch des Papstes, in der Ehelehre entschiedener, als es in der Vergangenheit der Fall war, an die Reformanliegen des II. Vatikanischen Konzils anzuknüpfen.

Das heißt?

Goertz: Die Liebe bildet das Zentrum von Ehe und Familie. Der sexuelle Genuss wird als gute Gabe Gottes gewürdigt. In der Frage der Empfängnisregelung erinnert Franziskus an die Verantwortung und Gewissenskompetenz der Eheleute. Eine strenge Verurteilung bestimmter Methoden vermeidet er. Die Kategorie des "Naturgemäßen" beziehungsweise "Naturwidrigen", die über Jahrhunderte die Sexualmoral dominiert hat, tritt in den Hintergrund.

Was bedeutet das für das kirchliche Eheverständnis?

Goertz: Es geht um den wechselseitigen Respekt der Eheleute in ihrer Würde. Die Liebe der Partner humanisiert die Sexualität. Das ist das neue und entscheidende Prinzip. Die Nachkommenschaft ist Frucht dieser Liebe, aber nicht mehr ihr primärer Zweck.

Wie würden Sie die Botschaft der Kirche an die Ehepaare zusammenfassen?

Goertz: Die Eheleute sollen durch die Kirche Ermutigung und Begleitung erfahren und nicht an erster Stelle mit einem Katalog strikter Verbote konfrontiert werden.

Das werden die wiederverheirateten Geschiedenen sicher aufmerksam zur Kenntnis nehmen ...

Goertz: ... auch wenn die diesbezüglichen Ausführungen auf den ersten Blick enttäuschen könnten, weil sie keine ausdrückliche Weiterentwicklung der jetzigen Praxis erkennen lassen.

Woraus könnten die Betroffenen stattdessen Hoffnung auf einen anderen Umgang mit ihrer Lebenssituation schöpfen?

Goertz: Liest man die Aussagen des Papstes genauer und in ihrem Kontext, dann wird deutlich, dass es Franziskus nicht um eine Zementierung des Bestehenden geht. Er will zwar ausdrücklich keine neue generelle gesetzliche Regelung, aber er will offenbar auch keine blinde und starre Anwendung bestehender Regelungen.

Was folgern Sie daraus?

Goertz: Dass damit der Weg frei ist für ortskirchliche Interpretationen, etwa für das Modell, das das Erzbistum Freiburg vorgelegt hat und das nach einem Prozess der Gewissensprüfung und Versöhnung in Einzelfällen einen Zugang von wiederverheirateten Geschiedenen zum Sakramenten-Empfang ermöglichen kann.

Mit Spannung erwartet wurden auch die Aussagen zur Homosexualität ...

Goertz: ... die ich als zwiespältig beurteile. Auf der einen Seite wird die Würde der Menschen mit einer homosexuellen Orientierung betont und Achtung und Respekt verlangt. Das ist viel, wenn man an die Situation in vielen Teilen der Welt denkt. Auch fehlt eine ausdrückliche Verurteilung homosexueller Praxis als schwere Sünde.

Aber?

Goertz: Auf der anderen Seite betont der Text erneut, dass es keinerlei Analogie zwischen heterosexuellen und homosexuellen Partnerschaften gebe. Auf diese Weise missachtet man die Werte und Tugenden, die auch in homosexuellen Beziehungen selbstverständlich gelebt werden.

Welchen Einfluss messen Sie den deutschsprachigen Bischöfen bei der Erstellung des Papiers zu?

Goertz: Er ist an einigen wichtigen Stellen deutlich zu erkennen. Ich denke etwa an die Stichwörter der Unterscheidung der Situationen und der Gewissensprüfung im Hinblick auf die Wiederverheirateten. Auch die Hinweise auf die Notwendigkeit, allgemeine Normen klug auf konkrete Situationen zu beziehen, dürften auf die deutschsprachige Gruppe zurückgehen. Dies gilt auch für die Bereitschaft, sich selbstkritisch mit Aspekten der eigenen Vergangenheit der Morallehre auseinander zu setzen. Die deutschen Bischöfe, die sich in der Vergangenheit für eine Weiterentwicklung der Lehre eingesetzt haben, können sich bestätigt sehen.

Unterm Strich: Weist das Dokument Papst Franziskus als den Reformer aus, als den ihn viele sehen oder sehen wollen?

Goertz: In der Kirchengeschichte sind Reformer häufig dadurch zu solchen geworden, indem sie auf eine frische und neue Weise die Quellen des Glaubens aufsuchen. Genau das tut Franziskus. Er entwickelt seine Vorstellung von Ehe und Familie entlang der Meditation einer Bibelstelle über die Liebe. Und in diesem Licht beurteilt er das kirchliche Lehren und Handeln.

Was bedeutet das für die theologisch-wissenschaftliche Debatte?

Goertz: Franziskus beendet einen Jahrzehnte dauernden Stillstand in der kirchlichen Ehemoral. Und eröffnet damit wieder die Möglichkeit zu einem fruchtbaren Dialog zwischen Moraltheologie und Lehramt. Auf diesen Moment haben wir lange warten müssen.

Haben sie konkrete Wünsche mit Blick auf den künftigen Kurs der Kirche?

Goertz: Zu hoffen wäre, dass in den Fragen, in denen weltkirchlich eine Erneuerung momentan nicht möglich scheint - wie etwa der Genderdebatte oder dem Umgang mit Homosexualität - der Dialog fortgesetzt und intensiviert wird. Hier könnten die Ortskirchen entscheidende Akzente setzen.

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Interview: KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Universität Mainz
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