
Existenzieller Konflikt
100.000 nutzten katholische Schwangerenberatung
Berlin. Rund 100.000 Frauen und Männer haben im Jahr 2010 in den katholischen Schwangerschaftsberatungsstellen in Deutschland Rat und Hilfe gesucht. Rund 1,2 Prozent von ihnen befanden sich in einem "existenziellen Schwangerschaftskonflikt", wie es im jetzt veröffentlichten Jahresbericht der Beratungsstellen von Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen heißt. Der Bericht enthält Daten aus 88 Prozent der insgesamt 274 Beratungsstellen mit ihren 500 Standorten in der Bundesrepublik.
Im Jahr 2000 waren die katholischen Bistümer der Anweisung des Papstes folgend aus dem geltenden staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung ausgestiegen; seitdem stellen sie keine Beratungsscheine mehr aus. Das Profil der katholischen Beratung hat sich seitdem stark verändert - vor allem bei den "existenziellen Schwangerschaftskonflikten". Im Vergleich zu den aktuellen 1,2 Prozent kamen vor dem Ausstieg rund 20 Prozent der Ratsuchenden zu einer Konfliktberatung bis zur 12. Schwangerschaftswoche.
Frühe Hilfen für Schwangere
Inzwischen setzen die 646 Beraterinnen und Berater stärker auf frühe Hilfen für Schwangere und junge Mütter, Beratung bei Pränataldiagnostik oder sexualpädagogische Angebote. "Das Beratungsaufkommen im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik ist im Vergleich zum letzten Jahr stark gestiegen", fasst die zuständige Caritas-Referentin Sabine Fähndrich die Entwicklung zusammen. In diesem Bereich gab es 2.419 Beratungsfälle. In 644 Fällen wurde eine erwartete Behinderung des Kindes zum Thema.
Um Schwangeren und jungen Müttern schnell helfen zu können, haben der Caritasverband und 16 der 21 katholischen Bistümer 2010 zudem das Projekt "Frühe Hilfen in der Caritas" gestartet - und wollen es weiter ausbauen. Darin werden alle kirchlichen Angebote zugunsten junger Familien gebündelt - vom katholischen Krankenhaus bis zur Migrantenberatung. Die Schwangerschaftsberatungsstellen dienen in diesem Netz häufig als Knotenpunkte.
56 Prozent der Ratsuchenden ohne Berufsabschluss
Der Jahresbericht zeigt, wie nötig solche Hilfen sind: Die kirchliche Schwangerschaftsberatung erreicht schwerpunktmäßig Menschen aus so genannten Armutsmilieus. So waren 56 Prozent der Ratsuchenden ohne Berufsabschluss; lediglich 25,7 Prozent bezogen ein Einkommen aus Erwerbstätigkeit. Jede vierte Ratsuchende war arbeitslos und nahezu die Hälfte bezog Hartz-IV-Leistungen.
Insgesamt hatten laut Bericht 47,6 Prozent der Ratsuchenden eine ausländische Staatsangehörigkeit oder Migrationshintergrund. Viele der Frauen und Paare müssen darüber hinaus mit großen Alltagsbelastungen fertig werden: mit Krankheiten, schlechten Wohnverhältnissen, Niedriglöhnen, Verschuldung oder Partnerschafts- und Gewaltproblemen. "Besonders auffallend ist, dass Schwangerschaft häufig mit Verantwortungs- und Zukunftsängsten belegt ist", betont Fähndrich. Viele Frauen und Paare hätten kein Zutrauen, ihr Leben eigenständig zu verändern.
Kritik an Familienpolitik der Bundesregierung
Deutliche Kritik äußert die Caritas in diesem Zusammenhang an familienpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung. "Sie verschärfen die Situation eines Teils der Ratsuchenden", heißt es mit Blick auf die im Januar 2011 in Kraft getretene Anrechnung des Elterngelds auf Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Kinderzuschlag.
In der immer wichtiger werdenden Online-Beratung - 3.712 Ratsuchende erbaten Hilfe über das Beratungsportal www.beratungcaritas.de - betrug der Anteil der Konfliktberatungen 7,1 Prozent. "Viele Ratsuchende wählen bewusst das Internet als "niedrigschwelligen und anonymen Zugang in die Beratung", heißt es.
Unabhängig von Religion genutzt
Ein Blick auf die Religionszugehörigkeit der Nutzer zeigt, dass die katholische Schwangerschaftsberatung unabhängig von Weltanschauung und Religion genutzt wurde. 32,5 Prozent der Ratsuchenden war katholisch, 27,8 Prozent waren Muslime. Weitere 19,8 Prozent gehörten der evangelischen Kirche an. Der Anteil der Konfessionslosen lag bei 11,5 und der Anteil anderer Religionen bei 8,5 Prozent.
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Text: Christoph Arens,
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Michael Bönte
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