Studie:
Jede zweite behinderte Frau Opfer von Missbrauch
Osnabrück. Nach einer neuen Studie ist fast jede zweite körperlich behinderte Frau schon mal Opfer sexueller Übergriffe geworden. Nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (22.11.2011) zeigt dies eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld, die das Bundesfamilienministerium am heutigen Dienstag vorstellen wird und die der Zeitung vorliegt. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) nannte das Ausmaß des Missbrauchs gegenüber der Zeitung "erschreckend hoch" und kündigte schnelle Hilfe für die Opfer an.
In der Umfrage haben die Wissenschaftler teilweise in vereinfachter Sprache 1.561 blinde, gehörlose und körperlich beeinträchtigte Frauen zwischen 16 und 65 Jahren befragt. Danach sind Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen zwei bis dreimal häufiger Opfer von Missbrauch als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Mit 31 Prozent seien fast ein Drittel der in Betreuungseinrichtungen lebenden Frauen von sexuellen Übergriffen betroffen. In einer Vorgängerstudie aus dem Jahr 2004 betrug dieser Anteil noch 10 Prozent.
Diskriminierung und sexuelle Belästigung
Die aktuelle Erhebung weist aus, dass insgesamt jede dritte bis vierte Frau mit Behinderung in ihrer Kindheit und Jugend sexuelle Belästigung erlebt. Im Erwachsenenleben setze sich dies vielfach fort. Jede dritte bis fünfte Frau gibt in der Studie erzwungene sexuelle Handlungen an. In der Vorgängerstudie waren dies nur 13 Prozent der Befragten gewesen.
Ferner gaben mehr als 80 Prozent der Frauen an, unter Diskriminierung zu leiden. Mindestens eine Situation körperlicher Gewalt im Erwachsenenleben haben nach der Studie etwa zwei von drei Frauen erlebt, das seien fast doppelt so viele wie noch 2004.
"Sexuelle Gewalt kommt praktisch überall vor"
Ministerin Schröder sprach von einer schlimmen Nachricht. Gut daran sei lediglich "dass mit diesen Erkenntnissen endlich mehr Licht in dieses grausame Dunkel gebracht wird". Nur wer das Ausmaß von Gewalt und Missbrauch kenne, könne dagegen wirksam einschreiten.
Nach Schröders Worten wird mit dieser Befragung eine wichtige Lücke geschlossen, nachdem mit den Runden Tischen zum Kindesmissbrauch und zu Heimkindern bereits weite Bereiche der Gewalt- und Missbrauchsproblematik in den Blick genommen worden seien. Viel zu lange seien in Deutschland bei neuen Fällen von Gewalt- und Missbrauchsopfern die besonderen Umstände von Kinderheimen, Schulen, kirchlichen Einrichtungen oder Sportvereinen in den Fokus gerückt worden, betonte sie. "Mittlerweile müssen wir feststellen: Körperliche und sexuelle Gewalt kommt praktisch überall vor, wo Menschen auf Betreuung und Fürsorge vertrauen und dieses Vertrauensverhältnis ausgenutzt werden kann."
Balanceakt
Die Hauptaufgabe sieht Schröder jetzt darin, zuverlässige Strukturen einzurichten, damit Missbrauchsopfer schnelle und gute Hilfe selbstständig erreichen könnten. Besser noch sei es, aktiv auf mögliche Opfer zuzugehen. "Dabei müssen wir darauf achten, dass wir den Balanceakt zwischen der nötigen Sensibilität für Hilferufe einerseits und der Vermeidung eines Klimas des Misstrauens andererseits hinbekommen", sagte die Ministerin der Zeitung. Denn dem hohen Maß an Gewalt und Missbrauch stehe immer noch ein Vielfaches an ehrlicher Fürsorge und liebevoller Betreuung gegenüber.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
22.11.2011
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