
Psychotherapeut Wunibald Müller.
Psychotherapeut Wunibald Müller:
Kirche überging Interessen der Missbrauchsopfer
Münsterschwarzach. Die katholische Kirche hat nach den Worten des Theologen und Psychotherapeuten Wunibald Müller bei Missbrauchsfällen ihr eigenes Ansehen über die Interessen der Opfer gestellt.
Die Verantwortlichen seien mit entsprechenden Vorwürfen gegen Priester so umgegangen, dass die "Heiligkeit" der Kirche keinen Schaden nehme, sagte der Leiter des Münsterschwarzacher Recollectio-Hauses am Mittwoch (26.01.2011) im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Ein solches klerikales Denken und Verhalten sei als "strukturelle Sünde und Schuld der Kirche selbst" zu sehen.
Vom "Gift des Klerikalismus" befreien
Die Kirche müsse sich vom "Gift des Klerikalismus" befreien, erklärte der Theologe. Dabei gehe es nicht darum, nicht länger ja zum Papst, den Bischöfen, den Priestern oder Weihevollmachten zu sagen. Nichts verloren hätten in der Kirche jedoch "Privilegien, Sonderbehandlungen, Anspruchsdenken oder klerikales Gehabe, bei dem geistliche Vollmacht missbraucht wird, um Macht und Kontrolle über andere auszuüben".
Gleichzeitig rief der Psychotherapeut dazu auf, in der Kirche einen Dialog über Tabuthemen wie Sexualität, Homosexualität und Zölibat zu führen. "Die Kirche muss endlich die Sexualität aus der Dunkelkammer herausholen, wo sie oft ein unwürdiges Leben fristet." Die Missbrauchsfälle zeigten, zu welchen Verwerfungen es im sexuellen Bereich komme, wenn dies nicht geschehe, so Müller.
Gefahr der Unglaubwürdigkeit
Zudem laufe die Kirche Gefahr, sich beim Thema Homosexualität und Zölibat "unglaubwürdig zu machen", meinte Müller. Dabei denke er an Priester, die zwar mit der Absicht angetreten seien, zölibatär zu leben, sich aber dazu nicht in der Lage sähen. "Ein entscheidender Lebensbereich wird dann in einem Dunkelraum gelebt, was zu spirituell und moralisch fragwürdige Verhaltensweisen und Arrangements führen kann."
Das Recollectio-Haus ist eine Einrichtung der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach. Es wird finanziell mitgetragen von den Diözesen Augsburg, Freiburg, Limburg, Mainz, München und Freising, Paderborn, Rottenburg-Stuttgart und Würzburg. Seine Angebote richten sich an Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter in persönlichen und beruflichen Krisen.
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KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: KNA
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