
Nach dem Missbrauchskandal rechnen Experten mit bis zu 250.000 Kirchenaustritten im vergangenen Jahr.
Erste Schätzung nach Missbrauchsskandal
Wahrscheinlich so viele Austritte wie nie
Freiburg. Wegen des Skandals um sexuellen Missbrauch sind nach Einschätzung des Freiburger Religionssoziologen Michael Ebertz im vergangenen Jahr so viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten wie nie zuvor. "Ich rechne für 2010 mit etwa 200.000 bis 250.000 Austritten aus der katholischen Kirche. Das wären etwa 80 Prozent mehr als im Jahr 2009", sagte Ebertz am Freitag (21.01.2011) im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Freiburg. Bislang lag der höchste Wert im Jahr 1992 bei knapp 200.000 Austritten. Erstmals seien zudem mehr Christen aus der katholischen als aus der evangelischen Kirche ausgetreten; auch hätten sich mehr Katholiken zu einem Übertritt in die evangelische Kirche entschieden.
Als Ursachen verweist Ebertz auf "die schwere Zuspitzung der Kirchenkrise durch die sexuellen Gewalthandlungen und ihrer Tabuisierung durch Vertreter der Kirche, insbesondere Priester und Ordensleute" sowie die "Skandalisierung der Missbrauchsvorfälle in der Öffentlichkeit". Viele Katholiken hätten vor diesem Hintergrund entschieden, der Kirche den Rücken zu kehren. Dabei sei es nicht nur um die Taten von Missbrauch und Gewalt gegangen, sondern auch um das Gefühl, dass "die Institution Kirche für Vertuschung und Tabuisierung verantwortlich sei".
Der an der Freiburger Katholischen Hochschule lehrende Religionssoziologe betonte, die Kirche habe bei der Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch viel erreicht. Gleichzeitig sei es aber falsch, wenn einige Bischöfe glaubten, dass die Sache vorbei sei und ausgesessen werden könne.
Ebertz begrüßte die vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch angestoßene Initiative zu einem breiten Dialog über Reform und Zukunft der Kirche. Allerdings gibt es nach Einschätzung des Wissenschaftlers bislang keinen Konsens unter den katholischen Bischöfen, wie dieser Dialogprozess bundesweit ausgestaltet werden solle.
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Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: KNA
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