
"Die Adventszeit hat etwas mit Sehnsucht und Frieden zu tun."
Zur Weihnachtszeit steigt das Trennungsrisiko bei Paaren
Oh je du fröhliche
Münster. Die Besucher erhielten ein Glas Sekt zur Begrüßung. Danach konnten sie sich informieren über die Dienste von Detektiven, Anwälten oder Lebensberatern. Deutschlands erste Scheidungsmesse "New Start" war laut Auskunft von Veranstalter Christopher Pruefer ein voller Erfolg. Dass die Premiere in Düsseldorf am ersten Adventswochenende stattfand, sei allerdings reiner Zufall gewesen. Trotzdem war der Zeitpunkt so schlecht nicht gewählt. Denn in der Vorweihnachtszeit, so die übereinstimmende Auskunft vieler Fachleute, steigt das Risiko für Krisen in Partnerschaft und Ehe.
Warum das so ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Pruefer, dessen Gesellschaft Added Life Value in Deutschland das Internetportal scheidung.de betreibt, glaubt, dass der Trend weniger mit dem fast schon sprichwörtlichen Zoff unterm Christbaum zu tun hat. Der Anwalt tippt eher auf eine "emotionale Veränderung" zum Jahresende. "Da lässt man die zurückliegenden Monate Revue passieren und steckt sich Ziele für die Zukunft." Und diese Richtungsentscheidungen beträfen eben oft auch das partnerschaftliche Zusammenleben.
Online-Scheidungen und Psychotests
Die Seite scheidung.de und ihre Ableger in Frankreich, Polen, Spanien, der Türkei, China und Russland verzeichnen im Schnitt täglich rund 15.000 Besucher - mit deutlich steigender Tendenz vor und unmittelbar nach den Weihnachtstagen. Die dort angebotenen Dienstleistungen wie Online-Scheidungen oder Psychotests stoßen allerdings nicht überall auf Gegenliebe. Manche Familienrechtler sehen das Angebot skeptisch. Kirchliche Eheberater haben ebenfalls Vorbehalte; aber auch sie berichten von steigendem Beratungsbedarf in der Weihnachtszeit.
"Die Adventszeit hat etwas mit Sehnsucht und Frieden zu tun", sagt Norbert Wilbertz (Münster) vom Vorstand der Katholischen Konferenz für Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Da falle eben die Enttäuschung bei Paaren besonders krass aus, wenn etwa das TV-Programm dem Weihnachtsessen und der gemeinsamen Bescherung vorgezogen werde, meint der Therapeut und Theologe. Die Erwartungshaltung ist enorm - und wird durch die Werbung in Funk und Fernsehen oft noch verstärkt, wie Dieter Rehmann von der Werbeagentur Rehmann & Szymanski erläutert.
"Heile-Welt-Soße"
Die "Heile-Welt-Soße" vieler Spots mit den Bildern einer harmonischen Großfamilie sei den tatsächlichen Erfahrungen der Konsumenten meist völlig entgegengesetzt, räumt der Experte ein, dessen Unternehmen auch kirchliche Organisationen wie Caritas und Adveniat berät. Echtes Familienleben finde in der Gesellschaft immer seltener statt. Trotzdem, so scheint es, laufen die Assoziationen der Werbebranche immer in die gleiche Richtung: Oma und Opa mit Vater und Mutter samt Kindern, die sich in trauter Eintracht zur fröhlichen Feier versammeln. "Ich könnte mir schon vorstellen, dass Werbung stärker auf die Realität Bezug nimmt", so Rehmann. "Aber dafür bräuchte es auch Unternehmen, die den Mut haben, die ausgetretenen Pfade zu verlassen."
Zu genau diesem Schritt rät der münstersche Therapeut Wilbertz auch Paaren, deren Beziehung zum Weihnachtsfest in die Krise zu schlittern droht. "Wichtig ist, dass ich mich nicht immer als Opfer des anderen erlebe, sondern frage, was ich dazu beitrage, dass meine Erwartungen enttäuscht werden." Dabei helfe es auch, einmal in die Rolle des Anderen zu schlüpfen, um aus der Vorwurfshaltung herauszukommen. "Das kann ungemein entlastend wirken", weiß Wilbertz. Anders ausgedrückt: Wer die Zeit für offene Gespräche nutzt, hat mehr vom gemeinsamen Leben. Reden statt Streiten - so können die freien Tage an Weihnachten und "zwischen den Jahren" sogar zu einem echten Neustart für die Beziehung werden.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
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Bistumshandbuch: Ehe-, Familien- und Lebensberatung
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Text: Joachim Heinz,
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Michael Bönte
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