
Professor Dr. Matthias Sellmann (l.) und Professor Dr. Wilhelm Damberg.
Tagung der Seelsorgeamtsleiter in Münster
Seelsorge im Umbruch
Münster. Visionen einer zukünftigen, auf die Fragen der Zeit offen reagierenden Pastoral sind ohne die Bewusstwerdung gewachsener Strukturen kaum möglich. Darauf haben der Kirchenhistoriker Professor Dr. Wilhelm Damberg und der Pastoraltheologe Professor Dr. Matthias Sellmann von der Ruhr-Universität Bochum auf der Konferenz der Seelsorgeamtsleiter hingewiesen, die am Donnerstag (17.06.2010) in Münster endete.
Damberg stellte den Seelsorgeamtsleitern der 27 deutschen Generalvikariate in einem "Crashkurs" mehr als 2.000 Jahre Kirchengeschichte in Gemeinde und Pfarrei vor. Vielfach knüpfte er an Aspekte an, die auch heutigen Christen auf den Nägeln brennen. Mit Blick auf die Reformation, die eigentlich eine "kirchliche Revolution" gewesen sei, erläuterte Damberg: "Lange Zeit glaubte man, die Reformation sei eine Folgerung des Niedergangs der katholischen Welt und seiner schlechten Kleriker gewesen." Neuere Forschungen hätten aber ergeben, dass nicht die Kleriker schlechter geworden seien, "sondern dass die Erwartungshaltung der Laien an die Kleriker sich gesteigert hatte". Besonders das Bildungsbürgertum forderte mehr Qualität im Religiösen: "Alte Antworten wurden nicht mehr akzeptiert."
Langer Prozess des Priestermangels
Interessant auch, was Damberg über Entwicklungen Anfang des 20. Jahrhunderts sagte. Die Industrialisierung habe zu einer Migrationsbewegung geführt, in deren Folge es zur Bildung von katholischen Vereinen und Verbänden kam, die wichtige soziale und pastorale Aufgaben übernahmen. "Das Priesterwachstum konnte mit dem Bevölkerungswachstum nicht mithalten", sagte Damberg. "Das ist ein Prozess, der bereits Anfang des 19. Jahrhunderts augenscheinlich wurde und nicht erst – wie oft geglaubt – seit Beginn der 1960er Jahre."
Der Kirchenhistoriker Damberg befasst sich im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts mit dem flämischen Soziologen Staf Hellemans auch mit dem aktuellen Strukturwandel der katholischen und evangelischen Kirche. In allen Diözesen Europas finde eine Entwicklung statt, "bei der alle religiösen Aktivitäten auf eine mittlere Ebene oberhalb der Pfarrei verlagert werden, zum Beispiel auf die Ebene von Diözesen und Kirchenkreisen. Das zentrale Problem dieses Strukturwandels ist die Frage: Wie können wir noch die Menschen vor Ort erreichen?", fragte Damberg.
Verlagerung auf mittlere Ebene
Die Forschungsergebnisse, die im Herbst unter dem Titel "Die neue Mitte der Kirche. Der Aufstieg der intermediären Instanzen in den europäischen Großkirchen seit 1945" im Kohlhammer-Verlag erscheinen, sollen auch Lösungsmöglichkeiten aus den verschiedenen Ländern aufzeigen, sagte Damberg zu kirchensite.de. Als Beispiel nannte er eine Idee aus Frankreich, bei der in den Gemeinden Teams aus fünf Engagierten gebildet werden, um Jugendtage oder Angebote für Schüler zu entwickeln.
Auch aus pastoralen Erfahrungen der USA hofft die deutsche Seelsorge Honig zu saugen. In seinem Vortrag über die "veränderte Sozialgestalt der Pastoral heute" verdeutlichte der Soziologe und Pastoraltheologe Professor Dr. Matthias Sellmann, eine bestimmte "Sozialgestalt von Kirche" sei zu Ende: die "Monokultur der hauptamtlich begleiteten, gruppenhaften Vergesellschaftung in einer nahräumlich und interaktiv überschauten Treffens-Gemeinschaft bzw. familiären Gemeindekirche." Stattdessen sei die aktuelle Kirche immer mehr durch "pastorale Großräume" geprägt.
Projekte mit den USA
Im Rahmen eines Projekts versuchen Wissenschaftler, Kleriker und Laien, Erfahrungen aus den USA für die deutsche Seelsorge zu nutzen. Sellmann sagte gegenüber kirchensite.de, dass es inzwischen drei Formen der Zusammenarbeit gebe: ein Programm, bei dem Multiplikatoren direkt in den USA bei einem mehrwöchigen Aufenthalt Erfahrungen in der Pastoral vor Ort sammeln könnten. Desweiteren gebe es Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Schließlich würden zurzeit sieben konkrete Projekte umgesetzt. So schule im Bistum Essen nach US-Vorbild ein Priester ehrenamtliche Kantoren zur Belebung der Liturgie. Im Bistum Hildesheim lebten Menschen im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einer Wohngemeinschaft mit geistlicher Begleitung zusammen.
Text: Karin Weglage | Foto: Karin Weglage
17.06.2010
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