
Die "Via Dolorosa" in der Altstadt von Jerusalem ist ein geschäftiger Bazar.
Israel: Die Passions- und Ostergeschichte vor Augen (2)
"Er soll sich selbst helfen"
Israel ist ein faszinierendes, aber auch spannungsreiches Land, sagt Franzis Rewer. Die 20-Jährige war mit einer Gruppe der Katholischen Studierenden- und Hochschulgemeinde Münster im heiligen Land und hat jene biblischen Orte erlebt, an denen ihr die Passions- und Ostergeschichte besonders nahe kam. In kirchensite.de schreibt sie über ihre Eindrücke und Gefühle:
Unsere Gruppe steht am Ort der Geißelung Jesu in Jerusalem. Viel gibt es nicht zu sehen: Ein Platz versteckt hinter einer Mauer und daneben eine Kirche. Nachdem sie Jesus festgenommen haben und er die ganze Nacht gefangen gehalten wurde, wird er am nächsten Morgen vor den Hohen Rat geführt. Sie befinden ihn für schuldig und bringen ihn zu Pontius Pilatus. Der findet an ihm nichts, weswegen er schuldig zu sprechen wäre, und schickt ihn zu Herodes, der in diesen Tagen in Jerusalem war. Es fällt kein Urteil und Jesus wird wieder zu Pilatus gebracht.
Dieser will ihn auspeitschen lassen, aber nicht darauf eingehen, ihn zu kreuzigen. Der Ort, der als Ort der Geißelung verehrt wird, liegt vor uns. Es war vermutlich früher Morgen, als Pilatus ihn hier auspeitschen ließ. Ich frage mich, wie es den Jüngern an diesem Tag ergangen ist. Jesus stirbt als Verbrecher. Obwohl Pilatus ihn eigentlich nicht kreuzigen lassen will, fordert das Volk auch nach der Geißelung "Kreuzige ihn, kreuzige ihn"(Lk 23,21) Drei Jahre lang sind sie ihm gefolgt, haben seine Wunder gesehen und die Menschen, die auf ihn zugeströmt sind. Jetzt ist der Menge lieber, den Verbrecher Barabbas freizulassen, als Jesus zu verschonen.
Wir gehen die "Via Dolorosa" entlang, jene Straße, an der die Pilger des Kreuzwegs Jesu gedenken. Sie geht durch das muslimische Viertel von Jerusalem und wird von zahlreichen Geschäften gesäumt, in denen christliche Heiligenbilder neben jüdischen Leuchtern und geschnitzten Koran-Kalligraphien verkauft werden. Wenn ich nicht die Angaben zu den Kreuzwegstationen an den Wänden der Häuser und Geschäfte sehen würde und das Schild auf dem "Via Dolorosa" steht, hätte ich an dieser Straße vorbeigehen können. Hier herrscht mit Ausnahme weniger Gruppen, die hier den Kreuzweg beten, alltägliches Treiben: Die Verkäufer versuchen mir einen Schal anzupreisen, ein kleiner Trecker beliefert die Geschäfte mit Waren, Polizei und Militär bewachen die Stadt.
Franzis Rewer (r.) erfuhr die heiligen Orte in Israel als spannungsreich und faszinierend. |
Zusammen mit zwei Verbrechern trägt Jesus sein Kreuz in Richtung Golgotha. Die Todesstrafe: In dieser Zeit ist sie keine Seltenheit. Für die Menschen hier wird der Alltag vermutlich weitergegangen sein. Simon von Zyrene, der vom Feld kommt und gerade an dieser Straße vorbei geht, wird gezwungen, Jesus das Kreuz zu tragen. Eigentlich habe ich mir die Via Dolorosa stiller vorgestellt und mehr Menschen erwartet, die hier andächtig den Kreuzweg beten. Trotzdem frage ich mich, ob dieses Bild der Realität, in der Jesus gelebt hat und gestorben ist, nicht näher kommt als meine Vorstellung. Nicht jeden wird dieser Mann interessiert haben, der da mit einem Klärholz auf der Schulter die Straße entlang gegangen ist. Er gehört zu den Verbrechern, die sterben müssen.
Sie kreuzigen ihn. Der, der so vielen geholfen hat, hängt am Kreuz unter den Verbrechern und die Soldaten höhnen: "Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen. (Lk 23,22)"
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