Missbrauchsskandal:
Druck auf katholische Kirche nimmt zu
Bistum. Im Missbrauchsskandal wächst der Druck aus Medien und Politik auf die katholische Kirche in Deutschland. Am Wochenende wurden weitere Fälle aus kirchlichen Einrichtungen bekannt. Die deutschen Bischöfe wollen sich auf ihrer am Montag beginnenden Frühjahrsvollversammlung mit dem Thema befassen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. Sie erwarte von der katholischen Kirche "konkrete Festlegungen", welche Maßnahmen sie dafür ergreifen wolle, sagte die Ministerin dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".
Die FDP-Politikerin schlug unter anderem einen Runden Tisch aus Staats-, Kirchen- und Opfervertretern vor. Ein solches Gremium sei "ein guter Weg, um die zahlreichen Missbrauchsfälle aufzuklären und der katholischen Kirche Gelegenheit zu bieten, mit den Opfern über freiwillige Entschädigungen ins Gespräch zu kommen".
Laut Medienberichten wurden in den vergangenen Tagen weitere Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt, die sich vor 30 bis 50 Jahren in mindestens sechs katholischen Einrichtungen ereigneten. Nach geltendem Strafrecht sind die meisten dieser Fälle verjährt. Die Verjährung tritt bei minderschweren Missbrauchsfällen dann ein, wenn das Opfer sein 28. Lebensjahr vollendet hat.
Unterdessen verurteilte der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky in scharfer Form jegliche Fälle von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen in der Kirche. In seinem Fastenhirtenbrief sprach Sterzinsky von einer "Ungeheuerlichkeit". Unabhängig vom Ergebnis der juristischen Untersuchungen "müssen wir schon jetzt einen in seiner Tragweite schwer zu ermessenden Schaden feststellen und alles Fehlverhalten verurteilen und es dem Gericht auch unseres Gottes überantworten", heißt es in den Schreiben. Zugleich erinnerte er daran, dass die Kirche schon immer "ein Haufen von Sündern" gewesen sei, dem Gott dennoch seine Heilsbotschaft anvertraut habe.
Die Mitte Januar bekanntgewordenen Vorfälle der 70er und 80er Jahre am Berliner Canisius-Kolleg hatten die aktuelle Welle von Medienberichten, Beschuldigungen und Geständnissen ins Rollen gebracht.
Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen räumte derweil für die Vergangenheit Versäumnisse ein. "Man hätte sehr viel mehr tun müssen und tun können, um diese Fälle zu verhindern", sagte Thissen der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). In der "Frankfurter Rundschau" (Samstag) äußerte sich der Erzbischof mit den Worten: "Es gibt in unseren Reihen sexuellen Missbrauch in einem erschreckenden Maße, das wir nicht für möglich gehalten hätten." Die Kirche könne jedoch jetzt mit aktiver Aufklärung eine Vorreiterrolle einnehmen. Das liege im "eigenen Interesse, denn eine Kirche mit morschem Gebälk hat keinen Bestand".
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, sagte der "Badischen Zeitung" (Samstag), er wolle mit einer Stellungnahme zu den Missbrauchsfällen die Beratungen der Frühjahrsvollversammlung abwarten. Als Konferenz-Vorsitzender wolle er diesen Beratungen nicht vorgreifen.
Die kircheninternen Kritiker von "Wir sind Kirche" kündigten eine Mahnwache zum Auftakt der Vollversammlung an. Zugleich schlossen sich die Initiatoren der Forderung von Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger nach Einrichtung eines Runden Tisches an. Außerdem müssten die kirchenrechtlichen Voruntersuchungen bei Verdachtsfällen beschleunigt werden, um strafrechtliche Verjährungen möglichst zu verhindern.
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KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
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