Fälle in Hamburg und St. Blasien
Missbrauchs-Skandal an Jesuitenschulen weitet sich aus
Berlin. Der Skandal um den sexuellen Missbrauch von Schülern des Berliner Canisius-Kollegs zieht weitere Kreise. Der ranghöchste deutsche Jesuit, Pater Stefan Dartmann, erklärte am Montag (01.02.2010) in Berlin, ihm seien bislang 25 Opfer bekannt. Außer den 20 Betroffenen am Canisius-Kolleg seien es drei an der Hamburger St.-Ansgar-Schule und zwei Personen am Jesuitengymnasium in St. Blasien im Schwarzwald.
Die beiden mutmaßlichen Täter Peter R. (69) und Wolfgang S. (65) würden sexueller Übergriffe und der Anleitung zur Selbstbefriedigung und unsittlicher Berührungen beschuldigt. Die Missbrauchsfälle an Schülern seien in den Jahren 1975 bis 1984 erfolgt. Dartmann erklärte, Wolfgang S. sei auch außerhalb der Schulen des Missbrauchs verdächtig. So habe er im Rahmen seines Laisierungsantrags angegeben, während eines Aufenthalts in Chile und Spanien zwischen 1985 und 1990 Übergriffe begangen zu haben.
"Warum sind die Vorfälle nicht ans Licht gekommen?"
Der Jesuitenprovinzial sagte, es stelle sich "die bohrende Frage, warum die Vorfälle damals nicht ans Licht gekommen sind". Offensichtlich hätten die Vorgesetzten der beiden Verdächtigen damals keine Meldepflicht gesehen. "Es wäre richtig gewesen, die Fälle an eine Strafverfolgungsbehörde zu übergeben", betonte er. Dies sähen auch die seit 2003 gültigen Richtlinien für Ordensangehörige vor.
Der Rektor des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, räumte ein, dass es bereits 1981 "versteckte Hinweise" auf die Missbrauchsfälle in dem Jesuiten-Gymnsiaum gegeben habe. Die hätten sich in einer schriftlichen Kritik von ehemaligen Schülern am Konzept der Sexualpädagogik gefunden. Er sagte auf Nachfrage, der Orden sei für finanzielle Ersatzansprüche der Opfer offen.
"Alle unter den Tisch gekehrt"
Der heutige Direktor an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule, Friedrich Stolze, sagte, am Montag hätten sich drei ehemalige Schüler beziehungsweise eine Mutter wegen Missbrauchsfällen in den 80er Jahren gemeldet. Der ehemalige Direktor am Kolleg Sankt Blasien, Pater Hans Joachim Martin, sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur, es habe im Jesuitenorden und im Kolleg Sankt Blasien in früheren Jahren "ganz schwere Vorkommnisse" gegeben, die "alle unter den Tisch gekehrt" worden seien. So hätten sich Schüler in den 1970er Jahren an ihn gewandt, weil sie von drei Erziehern des Internats sexuell missbraucht worden seien. Er habe die Mitglieder des Ordens daraufhin aus dem Kolleg entlassen. Wenig später seien sie aus dem Orden ausgetreten.
Der Pater rechnet damit, dass sich in den kommenden Wochen weitere Opfer melden. Strenge Hierarchien und eine Tabuisierung von Sexualität hätten im Orden und an dessen Schulen zu "unseligen Strukturen" geführt, so Martin, der das Kolleg Sankt Blasien von 1977 bis 1987 leitete.
Jahrelange Vertuschung
In diese Zeit fällt die zweijährige Lehrtätigkeit von Pater Wolfgang S. in Sankt Blasien, der laut Medienberichten mehrere Fälle sexuellen Missbrauchs an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg eingeräumt hat. Martin wirft der Ordensleitung vor, der Schulleitung von Sankt Blasien die Vorfälle aus Berlin verschwiegen zu haben. Dann sei es auch in Sankt Blasien zu Missbrauch gekommen. Wolfgang S. habe ihm gegenüber die Vergehen zugegeben, sagte Martin. Daraufhin habe er die Ordensleitung informiert, und Wolfgang S. habe die Schule 1984 verlassen.
Martin sagte, es müsse geklärt werden, welche Strukturen die Missbrauchsfälle begünstigten und wie es zu jahrelanger Vertuschung kommen konnte. Auch die Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle von sexuellem Missbrauch, Ursula Raue, will mögliche Hintergründe untersuchen. Die Deutsche Bischofskonferenz zeigte sich "tief betroffen" von den Berichten. Sprecher Matthias Kopp verwies in Bonn zugleich darauf, dass die Bischofskonferenz 2002 eigene Richtlinien erlassen habe. Diese seien "unmissverständlich und nach wie vor die Grundlage unseres Handelns." Alle Diözesen hätten spezielle Beauftragte für die Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen eingesetzt.
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Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
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