"Heroischer Tugendgrad" für Johannes Paul II. und Pius XII.
Applaus, Kritik und große Überraschung
Vatikanstadt. Applaus, Kritik, vor allem aber Überraschung hat die Entscheidung von Papst Benedikt XVI. ausgelöst, seinem Vorgänger Johannes Paul II. (1978-2005) gemeinsam mit Pius XII. (1939-1958) den "heroischen Tugendgrad" zu verleihen, eine Voraussetzung für die Seligsprechung. "Ein glückliches Zusammentreffen", betont Erzbischof Angelo Amato von der Heiligsprechungskongregation, eine "mutige Entscheidung", meint die Zeitung "Il Giornale", "zwei Giganten des Glaubens", triumphiert das katholische Blatt "Avvenire". Unterdessen wurden aus der jüdischen Gemeinde Roms Verwunderung und Vorbehalte gegen die päpstliche Entscheidung laut.
Die Ehrung für den Pacelli-Papst zeige "keine große Sensibilität", erst recht nicht drei Wochen vor dem römischen Synagogenbesuch des Papstes, betonte Rabbiner David Rosen, ein im Vatikan geschätzter Dialogpartner. Die jüdische Gemeinde Italiens äußerte Kritik an der historischen Einschätzung des Dekrets und fragt, warum man nicht die Öffnung aller Vatikanarchive abgewartet habe. Und für den Ex-Gemeindechef Amos Luzzatto reißt die Entscheidung – falls sich die "Zweifel über das Schweigen von Pius XII. zur Schoah nicht zerstreuen lassen" – schwer heilbare Wunden auf, mit Folgen für den jüdisch-christlichen Dialog.
"Mutige Entscheidung"
Es sei eine völlig unerwartete und eine mutige Entscheidung des Papstes gegen die vielen Legenden, die sich um Pius XII. ranken, meint "Il Giornale". In der Tat vermutete man bislang, Benedikt XVI. werde das vor zweieinhalb Jahren von der Kongregation einmütig verabschiedete Tugenddekret weiter ruhen lassen.
Als er das Dossier im Frühjahr 2007 erhielt, ordnete er überraschend eine weitere Untersuchung an. Er wollte die Folgen für die Beziehungen zum Judentum und zum Staat Israel bedenken, hieß es. Beobachter folgerten, der deutsche Papst wollte weiteres Material aus den sich öffnenden Archiven abwarten - oder die Entscheidung möglicherweise seinem Nachfolger überlassen.
Zeitpunkt verwundert
Jetzt hat Benedikt XVI. doch eine Entscheidung gefällt: Er erklärte Pius XII. für tugendhaft. Freilich ist das Tugenddekret noch keine Seligsprechung und erst recht keine Heiligsprechung. Das Votum für Pius XII. kam zum jetzigen Zeitpunkt überraschend. Allerdings war bereits früher spekuliert worden, der Vatikan könnte öffentliche Vorbehalte gegen den Pacelli-Papst abmildern, indem er seinen Prozess mit dem von Johannes Paul II. verband.
So hatte auch dieser im Jahr 2000 den Konzilspapst und Publikumsliebling Johannes XXIII. (1958-1963) gemeinsam mit dem nicht ganz unumstrittenen Pius IX. (1846-1871) zur Ehre der Altäre erhoben. Zudem würde eine gemeinsame Seligsprechung so unterschiedlicher Päpste die Weite der katholischen Welt und die Kontinuität ihrer Tradition unterstreichen. Diese hatte auch Paul VI. (1963-1978) im Blick, als er den Seligsprechungsprozess für den "progressiven" Johannes XXIII. gemeinsam mit dem des "konservativen" Pius XII. eröffnete.
Nachweis eines Wunders
Beide Verfahren sind unterschiedliche Wege gegangen. Der Prozess für Johannes XXIII. verlief relativ zügig. 37 Jahre nach seinem Tod wurde er im Jahr 2000 offiziell seliggesprochen und überholte damit seinen Vorgänger. Für den hat Benedikt XVI. nun 51 Jahre nach dessen Tod den heroischen Tugendgrad anerkannt. Bis zu einer Seligsprechung ist der Weg jedoch noch weit; denn gefragt ist noch der Nachweis eines Wunders, womit die Behörde jetzt beginnt.
Für Johannes Paul II. scheint das Heilungswunder so gut wie bestätigt: die unerklärliche und plötzliche Genesung der – wie der Wojtyla-Papst an Parkinson erkrankten – französischen Ordensfrau Marie Simon Pierre. Die Seligsprechung für den polnischen Papst scheint für Mitte Oktober 2010 geplant, rund um den Jahrestag der Papstwahl vom 16. Oktober 1978.
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Text: Johannes Schidelko,
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