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24.05.2012
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Ein offenes Angebot: Die "Kirche am Markt".

Ein offenes Angebot: Die "Kirche am Markt" in Lüdinghausen.

"Das kann eine Win-Win-Situation sein"

Experten sprachen über Abschied von der Volkskirche

Hamburg. Sinkende Mitgliederzahlen, kaum Neupriester, riesige Gemeindegebiete: Solche Schlagworte bereiten vielen in den Kirchen schlaflose Nächte. Auch die Seelsorgeamtsleiter der deutschsprachigen Diözesen setzten bei ihrer Halbjahreskonferenz die Beschäftigung mit neuen Formen der Glaubensweitergabe auf die Tagesordnung.

Dass gerade das Erzbistum Hamburg, wo das bis Donnerstag dauernde Treffen erstmals stattfand, auf diesem Gebiet viel zu bieten hat, erlebten die mehr als 40 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol und Luxemburg an vielen Beispielen.

Ökumeneforum "Brücke"

Besonders imponierend ist für den Fuldaer Theologen Richard Hartmann das Ökumeneforum "Brücke" in der Hafencity. Dort sind ganze 18 Konfessionen Träger einer Kapelle mit regelmäßigen Gebetszeiten und Veranstaltungen. "Das Ökumeneforum ist für mich ein mustergültiges Projekt, weil es zeigt, dass man an vielen Orten Dinge unkompliziert ökumenisch machen kann", so der Vorsitzende der Konferenz deutschsprachiger Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen, der die Konferenz vorbereitet hatte.

Die Teilnehmer besuchten sieben für Hamburg typische Orte der Glaubenskommunikation, darunter den Karmel auf Finkenwerder, das Freiwilligenzentrum, die katholische Seemannsmission und die ökumenische Aktion "Der Andere Advent".

"Anderorte" - "Kulturorte" - "Notorte"

Für Hartmann sind dies Beispiele für so genannte "Anderorte". Die Kirche müsse künftig von der Gemeinde wegdenken und neue Orte der Kommunikation finden, ist er sich sicher. Dafür sei wichtig, Menschen mit geistlicher Begabung zu finden. So sorgten etwa Karmelitinnen, die sich in einem normalen Wohnblock einmieten, dort für eine "geistige Gravitation", so Hartmann.

Kirchliche "Notorte" wie Hospize, Angebote für Obdachlose oder andere Menschen in Notlagen zeigen für Hartmann die im Evangelium festgeschriebene unbedingte Solidarität der Christen. Für ebenso wichtig hält der Pastoraltheologe aber auch "Kulturorte" wie etwa "Kirche auf Schalke" oder im Europapark Rust. Und auf die Agora, den Marktplatz, sollte sich die Kirche ohnehin viel öfter wagen.

"Nicht im innerkirchlichen Saft schmoren"

Das kann beim Erfurter Weihnachtsmarkt, bei der Weinprobe auf Schloss Johannesberg oder im Hamburger Thalia-Theater sein, wo Erzbischof Werner Thissen über eine aktuelle Inszenierung spricht. "Wir dürfen nicht immer im innerkirchlichen Saft schmoren!", fordert der Professor.

Viele Menschen wünschten sich, den Pastor im Wirtshaus zu treffen, um ihn ansprechen zu können, weiß der Geistliche. Und rät ganz simpel: Pfarrer sollten öfter mal zu Fuß durch die Stadt gehen und sich nicht immer im Auto verstecken. Aber wie soll das gehen, wenn ein Termin den nächsten jagt, wie es Alltag vieler Pfarrer ist? Genau hier setzt für Hartmann der notwendige Paradigmenwechsel an.

"Wir haben uns getäuscht"

Von "flächendeckender Versorgung" habe ohnehin nie eine Rede sein können. So bringt die erforderliche pastorale Neuordnung sogar eine "Win-Win-Situation", ist er überzeugt. "Weil wir plötzlich in neue Gesprächszusammenhänge kommen, indem wir mit Menschen an anderen Orten neue Begegnungen haben und dabei vieles dazulernen." Um hierfür die Freiräume zu schaffen, müssten dringend Prioritäten gesetzt werden, fordert Hartmann.

Eine Trauerarbeit zum Abschied der Volkskirche, wie sie ein Konferenzteilnehmer fordert, hält Hartmann nicht für nötig. Gefragt sei eher eine "Ent-Täuschungsarbeit". "Wir müssen damit umgehen, dass wir uns über die Rolle der Kirche und unsere eigene Situation getäuscht haben."

Keine Traumtänzerei

Insgesamt ist dem 51-Jährigen nicht bange vor der Zukunft der Kirche. "Wir sind nicht mehr nur an einem Ort, sondern an vielen." Von Traumtänzerei hält Hartmann indes nichts. "Aber ich bin geprägt von Erfahrungen, dass die Hoffnung nicht zugrunde geht, sondern immer wieder ganz Neues passiert."

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