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24.05.2012
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Nikolaus.

Die Requisiten sind eindeutig: Harry de Groot kommt als Bischof Nikolaus von Myra nach Enschede. Aber kommt er so auch bei den vielen Menschen an, die ihn begeistert empfangen?

Harry de Groot ist Nikolaus in den Niederlanden

"Ein ganz klein bisschen Religion"

Enschede. Ein Mal im Jahr wird er in seiner ehemaligen Heimatstadt Enschede zum Bischof, zum Heiligen, zum Nikolaus. Harry de Groot weiß aber nur allzu gut, dass die meisten Niederländer mit der Mitra, dem Kreuz oder dem Bischofsstab nicht mehr viel anfangen können. Trotzdem hofft er, dass er mehr zu den Menschen transporieren kann als nur die große Partylaune und eine Menge Bonbons.

Der Wiedererkennungseffekt ist gering. Wenn Harry de Groot durch die Straßen von Enschede geht, spricht ihn niemand an. Selbst an den belebten Markttagen in der niederländischen Stadt an der Grenze zu Deutschland wird niemand auf den 65-Jährigen aufmerksam. Er kann ganz in Ruhe seine Einkäufe machen und Freunde treffen. Das ist nicht immer so. Denn ein Mal im Jahr kann er sich vor Aufmerksamkeit kaum retten. Zu Tausenden stehen die Menschen dann am Wegrand und jubeln ihm zu, wenn er mit dem Schiff, der Eisenbahn und schließlich mit dem Pferd in die Stadt kommt. De Groot ist seit 18 Jahren der Nikolaus in Enschede. Und damit für einen Tag der absolute Mittelpunkt.

"Dann bin ich Prominenter als der Bürgermeister", sagt er. Das merkt er nicht zuletzt in den Momenten, in denen er gegen Ende des Nikolausumzuges auf dem Rathausbalkon steht. "Keiner will die Rede des Stadtoberhauptes hören – alle wollen nur mich hören." Der angeklebte Rauschebart, die dicken Augenbrauen und die rot-goldene Bischofsmütze verhindern aber ein Wiedererkennen in der übrigen Zeit des Jahres, wenn er in Zivil von seiner Heimatstadt Utrecht in seinen ehemaligen Wohnsitz kommt. "Das ist das Los des Nikolauses – ein Star nur für einen Tag."

Kein Heiliger

Ein Star – oder doch mehr? "Oho", kommt es mit tiefer Stimme vom Oberstudiendirektor, fast wie in einem Nikolaus-Gedicht. Er versteht die Frage sofort. Nachdenklich reibt er seine markante Nase, vielleicht das einzige Merkmal, das seinen Einsatz als Nikolaus verraten kann. "Ich wünsche mir, dass es mehr ist." Immerhin kommt Sinterklaas, wie ihn die Niederländer nennen, traditionell mit Mitra und Bischofsstab. "Nein, als Heiliger wird er bei uns nicht gesehen", bremst de Groot sofort. "Das wäre zu viel verlangt in unserer Gesellschaft, die das Religiöse so weit an den Rand gedrängt hat." Aber vielleicht etwas Romantisches; jemand, der mehr zu sagen habe als "Oho"; einer, der den Menschen etwas Wichtigeres mitbringe als tonnenweise Pfeffernüsse und Kaubonbons.

Harry de Groot in Zivil: So erkennt ihn in Enschede kaum jemand wieder.

"Es geht um ein verbindendes Gefühl, und das wäre schon sehr viel, finde ich." Weil es das Verbindende in einer so liberalen Gesellschaft wie in den Niederlanden kaum noch gebe, sagt er. "Keine Religion, kein Idol, kein Politiker kann heute noch etwas rüberbringen, auf das alle hören." Wohl aber die traditionsreiche Legende am Nikolaustag. "Für einen Tag hören alle auf ihn. Er verbindet die Menschen und kann dabei eine klare Aussage transportieren. Er kann eine moralische Instanz sein. Wo gibt es das sonst noch?"

Aber was transportiert er? "Bloß nicht zu viel erwarten", bremst de Groot wieder. Aber es sei etwas, das sonst kaum Gehör erhalten würde. "Ich vergleiche ihn manchmal mit dem jungen Che Guevara." Jenem südamerikanischen Revolutionär, von dem er einmal ein großer Anhänger war, bevor dieser politisch wurde und zum Guerilla-Krieg in Südamerika aufrief. "Er nahm viel auf sich, um den armen Menschen des Kontinents zu helfen – wie Sinterklaas eben." Da ist einer, der sich für andere einsetzt. "Wenn das alle kleinen Kinder ein Mal im Jahr mitnehmen, ist das doch wunderbar."

Wichtig ist de Groot vor allem die Atmosphäre rund um das Fest, das die Niederländer meist schon im November mit großen Nikolaus-Umzügen in den Städten beginnen. "Da geschieht etwas, was für die Gesellschaft heilsam sein kann." Er braucht nicht lange zu überlegen, was das ist: "Die Familie steht im Mittelpunkt und damit auch die Liebe zu den Kindern." Nicht die großen Geschenke – "dafür ist später der Weihnachtsmann zuständig". Sondern das Miteinander, das gemeinsame Feiern, das Wahrnehmen des Einzelnen in der Familie werden wichtig. Die traditionellen "Familiengedichte" seien Ausdruck einer solchen Zuwendung, weiß er: "Jeder schreibt Verse, manchmal seitenlang, die Ereignisse des ganzen Jahres werden zum Thema, es wird gelacht." Für viele Kinder bedeute das eine Wertschätzung und Freude, die sie sonst vielleicht das ganze Jahr nicht erführen.

Geheimnis seiner Ausstrahlung

Er denkt dabei oft an seine eigene Kindheit im gut katholischen Elternhaus. "Sinterklaas war ein einziges Freudenfest – er war für mich der große Mann, der Reiter auf dem weißen Pferd, der Helfer in der Not." Es war ein Leichtes für seine Eltern, ihn auch erzieherisch zu instrumentalisieren. "Wenn du weiter so frech bist, kommst du in seinen Sack", habe er nicht selten zu hören bekommen. Genauso hat er es an seine drei Kinder weitergeben, und heute erzählt er es seinen Enkelkindern. Eben in dieser Traditionen sieht er das Geheimnis der großen Ausstrahlung, die sich Nikolaus in den Niederlanden erhalten habe. "Ich erlebe heute immer noch viele Großeltern, die ihren Enkeln sagen, dass der Nikolaus sie mit nach Spanien nehmen werde, wenn sie nicht brav sind."

Die Traditionen rund um das Fest seien Gold wert, sagt de Groot. Als er vor 18 Jahren das erste Mal gefragt wurde, ob er den Nikolaus-Part in Enschede übernehmen könne, habe er deshalb auch darauf bestanden, traditionell auf dem Rücken eines weißen Pferdes die Stadt zu durchqueren. "Genau das waren meine Kindheitserinnerungen." Dass er eine Pferdehaarallergie hat, die er nur mit starken Medikamenten in den Griff bekommt, ist ihm egal. "Ich will dann unbedingt reiten, auch wenn ich sonst die Nähe von Pferden meiden muss."

Denn er weiß aus seiner eigenen Kindheit, wie dieser "alte, weise Bischof" hoch zu Ross auf die Kinder wirkt. "Ich fühle mich dann wie eine Vaterfigur." Einer, der die Distanz zu den jungen Menschen verringern könne. Selbst bei den vielen, die irgendwann sagen, dass sie nicht mehr an den Nikolaus glauben. "Wenn ich ihnen die Hand gebe, werden sie wieder ehrfürchtig."

Darin liegt eine große Schnittmenge mit dem, was er das übrige Jahr macht. Er ist Streitschlichter an Schulen in den ganzen Niederlanden und vermittelt dort zwischen Schülern, Eltern, Lehrern und Schulleitungen. "Ich komme dorthin wie ein kleiner Sinterklaas: als Respektsperson, die den Draht zu den Menschen findet und am Ende Friede und Freude stiftet."

Als Sinterklaas kann er das nur, weil die Unternehmer und Geschäftsinhaber in Enschede durch den von ihnen gesponserten Auftritt mehr Geld in die Kassen bekommen. Das tue aber keinem weh, sagt de Groot: "Ich sehe das mehr als Symbiose – die vielen, zum Teil ergreifenden Erlebnisse kann ich nur haben, weil die kommerzielle Seite die Aktion unterstützt." Zwei dieser Erlebnisse aus den vergangenen 18 Jahren hebt er besonders hervor. Da war die Ankunft per Schiff bei dichtem Nebel. "Im Hafen konnten wir nichts sehen, wir hörten nur den Gesang aus tausenden Kinderkehlen." Plötzlich habe sich der Nebel gelichtet, und die Kinder seien in Jubel ausgebrochen. "Da hat mein Herz einen Sprung gemacht."

Unbeschwerte Momente

Auch der abschließende Besuch der Kinderstation im örtlichen Krankenhaus sei immer ergreifend. Die wenigen Minuten bei einem Kind, das nur noch wenige Tage zu leben hatte, sind ihm intensiv in Erinnerung geblieben. "Es lag unter einem sterilen Zelt, und keiner durfte hinein – nur der Nikolaus." Die Freude, vielleicht die letzten unbeschwerten Momente des Kindes, hätten ihn ungemein ergriffen. Diese und ähnliche Momente sind es, die ihn nach seiner Arbeit als Nikolaus immer völlig geschafft, aber euphorisch wieder nach Hause aufbrechen lassen. Auch wenn kaum noch jemand in den Niederlanden etwas mit dem Nikolaus als Bischof oder Heiligen anfangen könne. "Ein bisschen mitmenschliche Atmosphäre nehmen alle mit, vielleicht so etwas wie ein ganz klein bisschen Religion."

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