Nach dem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte:
Lob und Kritik für Papst-Rede in Jad Vaschem
Jerusalem / Bonn. Die Rede von Papst Benedikt XVI. in Jad Vaschem ist am Dienstag (12.05.2009) mit Lob und Kritik aufgenommen worden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland äußerte sich enttäuscht. Auch israelische Medien beurteilten die Ansprache eher negativ. Dagegen zeigten sich Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz zufrieden. Der frühere israelische Botschafter in Israel, Avi Primor, verteidigte die Rede gegen Kritik. Er nannte ihre Kernaussagen "sehr richtig".
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sagte der "Bild"-Zeitung, die Kirche in Deutschland sei "dem Papst für seine klaren Worte – auch gegen jede Form des Antisemitismus - sehr dankbar". Er habe deutlich gemacht, dass jede Generation die Verpflichtung habe, "an das Geschehene zu erinnern" und alles zu tun, "dass sich der Holocaust nie wiederhole". Der Vorsitzende der Unterkommission für die Beziehungen zum Judentum, Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff, nannte die Rede ein eindrucksvolles Zeugnis für Versöhnungswillen.
Knobloch: Geste halbherzig
Kritik kam von jüdischer Seite. Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch erklärte, der Papst habe mit seinem Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus zwar "ein positives Signal in Richtung Judentum ausgesandt". Die Geste erscheine jedoch halbherzig, weil eine klare Distanzierung von der Pius-Bruderschaft und deutliche Worte zum Holocaust-Leugner Richard Williamson gefehlt hätten. Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer sagte dem Nachrichtensender N 24, Benedikt XVI. habe die von seinem Vorgänger Johannes Paul II. gesetzten hohen Maßstäbe nicht fortgesetzt.
Auch israelische Medien spiegelten überwiegend Enttäuschung über eine "verpasste Chance" wider. Die linksliberale Tageszeitung "Ha'aretz" schreibt: "Der Papst erwähnte in Jad Vaschem nicht den Anteil der Nazis am Holocaust". Das Massenblatt "Jedijot Achronot" meint: "Er bat nicht um Verzeihung". Verschiedentlich wurde der Präsident von Jad Vaschem, Rabbiner Meir Lau, zitiert, der enttäuscht über die Rede sei und persönlichere Worte des Bedauerns erwartet habe.
Vatikan weist Vorwürfe zurück
Der Vatikan wies unterdessen Vorwürfe israelischer Medien zurück, Benedikt XVI. habe sich beim Besuch in Jad Vaschem nicht genügend zur Schuldfrage sowie zu seiner deutschen Herkunft geäußert. Der Papst habe diese Themen bei vielen früheren Gelegenheiten ausführlich behandelt und dieses Mal andere Themen in den Mittelpunkt gestellt, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am Dienstag (12.05.2009) in Jerusalem. Es sei unmöglich, in jeder Rede stets alle wichtigen Aspekte anzusprechen.
Entschieden wies Lombardi die Behauptung zurück, Joseph Ratzinger sei Mitglied der Hitlerjugend gewesen oder müsse sich als ehemaliger Wehrmachtssoldat für den Judenmord entschuldigen. Dass er gegen Kriegsende zusammen mit anderen Seminaristen als Flakhelfer eingezogen worden sei, sei keine freiwillige Entscheidung gewesen. Der heutige Papst sei alles andere als ein militaristischer Mensch. Auch Primor nahm Benedikt XVI. gegen die Kritik in Schutz. "Im Allgemeinen kommt der Papst in der Bevölkerung sehr gut an. Und er sagt auch das Richtige", sagte er N 24. Einschränkend fügte Primor hinzu, dass der Papst deutlichere Worte zur Schoah hätte wählen können.
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