
Der Vatikan möchte, dass möglichen Opfern von Kindesmissbrauch Gerechtigkeit widerfährt.
Kasper: Analyse muss Weltkirche einschließen
Vatikan will klares Durchgreifen und Gerechtigkeit für Opfer
Berlin. Der Vatikan drängt bei Missbrauchsfällen auf entschiedenes Durchgreifen. Oberstes Ziel müsse es dabei sein, "möglichen Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen", hieß es in einer nicht namentlich gekennzeichneten Erklärung der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" (07.03.2010). Der Heilige Stuhl sei "dankbar für das Bemühen um Klarheit innerhalb der Kirche", so die Stellungnahme. Zugleich wünsche man, "dass ebensolche Klarheit auch in anderen öffentlichen und privaten Einrichtungen geschaffen wird, wenn das Wohl der Kinder wirklich allen am Herzen liegt".
Kurienkardinal Walter Kasper reagierte mit "tiefer Enttäuschung, Schmerz und sehr großem Zorn" auf die jüngsten Nachrichten über Missbrauchsfälle in Deutschland. Die Kirche müsse "Klarheit schaffen", die Verantwortlichen vor Gericht bringen und die Opfer entschädigen, forderte der deutsche Kardinal in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung "La Repubblica".
"Keinerlei Rechtfertigung, keine Toleranz"
Angesichts so schwerer Verbrechen an unschuldigen Minderjährigen gebe es "keinerlei Rechtfertigung, keine Toleranz", so der Kurienkardinal. "Es handelt sich um verabscheuungswürdige Verbrechen, die mit absoluter Entschlossenheit verfolgt werden müssen". Im Blick auf den angekündigten Brief von Papst Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal in der irischen Kirche sagte Kasper, das Problem verdiene eine umfassendere Analyse, die die Weltkirche einschließe und nicht nur eine einzelne Nation.
Unterdessen berichteten mehrere Medien über weitere Missbrauchsfälle aus den vergangenen Jahrzehnten, erstmals auch aus einer nichtkirchlichen Einrichtung. Laut "Frankfurter Rundschau" (FR) soll es in der Odenwaldschule in Heppenheim zu zahlreichen schweren Missbrauchsfällen gekommen sein. Betroffen Altschüler gingen von bis zu 100 Missbrauchsopfern aus. Der Vorstand habe nach Angaben der Zeitung den jahrelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Pädagogen eingeräumt.
"System sadistischer Strafen"
Der "Spiegel" ging weiter auf den Missbrauch von Minderjährigen bei den Regensburger Domspatzen in den 50er und Anfang der 60er Jahre ein. Demnach behandelten mehrere Therapeuten im Münchner Raum ehemalige Chormitglieder, die durch sexuellen Missbrauch oder körperliche Misshandlungen traumatisiert wurden. Ein Betroffener aus dem Allgäu berichtete dem Magazin von grausamen Ritualen im Internat Etterzhausen, einer Vorschule, aus der sich die Domspatzen in Regensburg rekrutierten.
Der Regisseur und Komponist Franz Wittenbrink, der bis 1967 im Regensburger Internat der Domspatzen lebte, sprach gegenüber dem "Spiegel" von einem "ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust", das dort bestanden habe.
Schneider lobt katholische Kirche
Nach Angaben der "Kölnischen Rundschau" haben sich bislang 30 ehemalige und ein derzeitiger Schüler im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen am Bad Godesberger Jesuiten-Gymnasium Aloisiuskolleg gemeldet. Gegen sechs Patres würden Vorwürfe erhoben, von denen fünf inzwischen verstorben seien.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, würdigte die Anstrengungen der katholischen Kirche um Aufarbeitung der Missbrauchskandale aus den vergangenen Jahrzehnten. Es handele sich "um ein allgemeines gesellschaftliches Problem" und er sehe das Bemühen der katholischen Kirche "in großer geschwisterlicher Verbundenheit", sagte Schneider der Tageszeitung "Die Welt".
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles begrüßte in einem Interview der Zeitschrift "Superillu" den von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) vorgeschlagenen Runden Tisch. "Ich halte den Vorschlag für überlegenswert und bin gesprächsbereit". Das Problem sei verbreiteter in der Gesellschaft als bisher bekannt. Die SPD-Politikerin forderte eine offene Debatte über geeignete Maßnahmen und Initiativen - "auch um zu verhindern, dass nach Abebben des aktuellen Skandals das Thema wieder in der Versenkung verschwindet".
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KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
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