Bischof Trelle:
"Sarrazin bedient latent vorhandenen Rassismus"
Hildesheim. Die katholische Kirche hat die These von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin, Juden hätten ein bestimmtes Gen, scharf zurückgewiesen. "Solche Formulierungen sind geeignet, latent vorhandenen Rassismus mit allen darin enthaltenen Vorurteilen zu bedienen", sagte der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Norbert Trelle, am Montag (30.08.2010) im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Hildesheim.
"Sie konterkarieren - ob gewollt oder ungewollt - Bemühungen um Integration und sind, zumal in Deutschland, gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern völlig unangebracht", so der Hildesheimer katholische Bischof.
Er frage sich, ob Sarrazin humangenetische Erkenntnisse habe, "die es ihm erlauben, auch Angehörigen anderer Religionen - Muslimen, Christen und Buddhisten etwa - bestimmte, nur sie betreffende Gene zuzuweisen, obwohl sie alle bekanntermaßen verschiedenen Völkern und Kulturen angehören?"
"Entlarvendes ein Menschenbild"
Zu Sarrazins Einschätzung, gerade muslimische Einwanderer seien nicht an Eingliederung interessiert, sagte Trelle, Pauschalaussagen über die Integrationsbereitschaft von Migranten seien nicht seriös und verfehlten die Wirklichkeit. Viele Migranten seien an besserer Eingliederung interessiert, andere wiederum nicht, sagte der Bischof. Starke Bildungsferne verschärfe die Probleme. "Aber bildungsferne Deutsche sind oft auch nicht gut integriert", so Trelle. Hier gebe es einen Nachholbedarf in der Bildungspolitik.
"Sollte Herr Sarrazin jedoch der Meinung sein, die zu uns gekommenen Zuwanderer seien prinzipiell weniger intelligent und vererbten biologisch-genetisch eine mindere Intelligenz, so hält eine solche These wissenschaftlicher Betrachtung kaum stand und entlarvt ein Menschenbild, das schon sehr fragwürdig ist", so Trelle.
"Sarrazin inszeniert sich mit seinem Buch"
Sarrazins Engführung auf muslimische Einwanderer nannte der Bischof problematisch. Unbestritten sei, dass bestimmte konservative und fundamentalistische Auslegungen des Islam ein Hindernis für die Integration darstellten. Studien belegten jedoch, dass die Religionszugehörigkeit sich nur bei einem kleinen Teil der Muslime in Deutschland als Eingliederungshindernis erweise. Insgesamt sei die Frage der sozialen Herkunft und Zugehörigkeit für die Integrationsfähigkeit viel entscheidender.
Weiter sagte Trelle, Sarrazin inszeniere sich mit seinem Buch als "Provokateur und Tabubrecher, als ob die Dinge in der Diskussion des letzten Jahrzehnts nicht beim Namen genannt worden seien". Er glaube nicht, dass der Autor der Mehrheit aus der Seele spreche. Doch berge dass Buch die "Gefahr, dass sich bei denen, die anfällig sind, Vorurteile verstärken", so der katholische Bischof. "Damit steht er für eine Radikalisierung der Debatte, von der ich nichts Gutes erwarte."
Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
30.08.2010
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