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23.05.2012
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Schwester Vianelde

Schwester Vianelde Keuß im Gebet.

Schwester Vianelde erlebte im Gebet zum Kardinal ein Wunder

"Und dann habe ich gebetet"

Wimbern. Immer wieder: "Und dann habe ich gebetet." Aus Schwester Vianelde Keuß sprudeln die Erlebnisse nur so heraus. Ergreifende Berichte aus ihren 85 Lebensjahren. 35 Jahre davon war die Steyler Missionsschwester im zunächst indonesischen, später dann unabhängigen Timor im Einsatz. Eine Zeit des enormen persönlichen Engagements, voll menschlicher Schicksale, deren Erleben ihr nicht selten "über den Kopf zu wachsen drohte". In dieser Zeit sei es für sie immer wichtiger geworden, ein "gelebtes Vertrauen zu Gott" zu finden: "Viele Situationen in dieser Zeit erforderten das Gebet – ohne hätte ich aufgegeben."

Und so erzählt Schwester Vianelde, die heute im Heilig-Geist-Kloster Wimbern in der Nähe des sauerländischen Werl lebt, von keinem Erlebnis, bei dem nicht auch das Gebet eine Rolle gespielt hat. "An den Punkten des Lebens, wo menschliche Kräfte am Ende sind, musst du das Vertrauen zu etwas suchen, was außerhalb menschlicher Kraft liegt." Gerade zu Beginn ihrer Missionszeit, als sie oft ohne Unterstützung von Medizinern in Krankenstationen des tropischen Landes arbeiten musste, seien diese Momente häufig gewesen. "Ich war Hebamme, Ärztin und Krankenschwester in einem – das Gebet für die Patienten musste immer Platz haben."

Nichts außer dem Gebet

Wie bei der Geschichte von den schwer kranken Kindern, für die es keinen Arzt zur Diagnose gab, für die keine Therapie, keine Medizin, keine Hoffnung mehr da war. "Ich habe sie auf ein Zimmer gelegt und zugedeckt – mehr war nicht möglich." Nichts außer dem Gebet, das sie stundenlang  sprach und das Wirkung zeigte: "Sie  aßen und tranken wieder, kamen zu Kräften – völlig unerwartet für mich, wunderbar."

Wunderbar. Sie greift in ihre Tasche und zieht ein kleines Bild mit dem Porträt von Kardinal von Galen hervor. Ein Andenken an jenes Erlebnis aus dem Jahr 1995, das in den folgenden Jahren eine zentrale Rolle im Seligsprechungsverfahren des Kardinals spielen sollte. Täglich ging sie als damals 74-Jährige in die staatliche Poliklinik neben dem Kloster in Atamboa, um mit den Schwerkranken zu sprechen. "Geh heute mal auf die Kinderstation", habe ihr eine Krankenschwester an jenem Tag gesagt. "Dort liegt ein Junge im Sterben."

"Die hochschwangere Mutter saß am Bett ihres Kindes und weinte", erinnert sich Schwester Vianelde. "Und der Vater sagte mir, er habe seinen Sohn bereits dem Herrgott übergeben." Die Atmung flach, zu schwach zum Sprechen und "glühend heiß wie ein Ofen" habe sich der 13-jährige Henrikus Nahak hin- und hergewälzt.

Folgen eines Blinddarmdurchbruchs, der den Bauchraum entzündet hatte. Die Notoperation einer jungen Ärztin in dem schlecht ausgestatteten Krankenhaus verbesserte seine Situation kaum, die Schmerzen blieben. "Er lag wirklich im Sterben."

"Lieber Kardinal, hilf!"

"Und dann habe ich zu Kardinal von Galen gebetet – auf Indonesisch, damit die Eltern es verstanden." Das Bild, das sie jetzt immer bei sich trägt, habe sie auf den Bauchverband des Jungen gelegt: "Lieber Kardinal, du bist an der gleichen Krankheit gestorben – jetzt hilf, damit dieser Junge gesund wird!"

Die Eltern hätten zuvor nichts von dem Kardinal gehört, aber sie habe bemerkt, wie in diesem Augenblick "die Hoffnung in ihre Augen zurückkehrte": "Ein wichtiger Augenblick für uns alle – sie haben vielleicht gespürt, mit welcher Zuversicht und Sicherheit ich sprach, und beteten mit ganzem Herzen mit." Gemeinsam mit einer Krankenschwester, die stehen blieb, sprachen sie noch ein Gesätz des Rosenkranzes.

Als Schwester Vianelde am nächsten Tag zurückkehrte, saß Henrikus aufrecht in den Kissen, ohne Dränagen, ohne Infusionen und rief ihr entgegen: "Schwester – ich habe keine Schmerzen mehr!" Der Junge wurde wieder gesund, machte Abitur und fand Arbeit in Timor. Medizinisch nicht zu erklären, das bestätigte ihr die Ärztin damals. "Ein Wunder, keine Frage", sagt Schwester Vianelde.

Aber warum ging ihr Gebet an den Kardinal? Sie hat viele Antworten. In ihrer Familie auf dem Bauernhof in Hauenhorst bei Rheine sei der Bischof von Münster schon zu Lebzeiten verehrt worden: "Für seine Geradlinigkeit und seinen Gerechtigkeitssinn – ich hatte schon als junge Frau verstanden, wie wichtig das in jener Zeit war." Für sie entwickelte von Galen etwas von einer Vaterfigur, auch weil ihr eigener Vater früh starb: "Er erinnerte mich allein von der Statur und vom Auftreten her an ihn."

Unvergesslicher Anblick

Lebhaft sind ihre Erinnerungen an die erste Begegnung mit dem Kardinal bei einer Firmfeier im heimatlichen Dorf, als sie ihn mit 19 Jahren von der Orgelbühne aus beobachtete. Beim Auszug lehnte sie sich über die Brüstung, um ihn besser sehen zu können und wurde von ihm gesegnet. Mit Blickkontakt: "Väterlich gütig – ich kann mich noch genau an seine Augen erinnern." Einige Male begegnete sie ihm noch, etwa bei der Wallfahrt nach Telgte, wo sie in der vollen Kirche auf dem Rand des Weihwasserbeckens saß, um ihn besser sehen zu können.

"Er hatte von Beginn an etwas Herausragendes, ‚Heiligenmäßiges‘ für mich." Allein dieses Gefühl habe ihr das Gebet zu ihm immer nahe gelegt. Es gab viele davon, gerade in der Mission, "besonders für Menschen, die mit Leibschmerzen zu uns kamen." Denn ein Mensch, der selbst so etwas erlebt habe, könne das Anliegen besser vermitteln, es vor Gott tragen, sagt Schwester Vianelde: "Ich habe immer geschaut, welche Probleme die Patienten hatten und wen ich dafür anrufen konnte." Es habe viele kraftvolle Erlebnisse mit diesen Gebeten gegeben. "Und eben dieses Wunder."

Sie schrieb der Äbtissin der Benediktinerinnenabtei in Dinklage davon, und ein halbes Jahr später wurde sie zu ihrem Bischof in Timor gerufen. "Er hatte Nachricht aus Münster bekommen." Von da an waren ihre Aussagen fester Bestandteil des Seligsprechungsprozesses von Galens, begünstigt durch ihre Rückkehr aus der Mission nach Wimbern im Jahr 1997. "Allein im Gespräch mit den Vertretern des Papstes musste ich 41 Fragen beantworten." Entscheidend war schließlich auch die Aussage der Ärztin in Timor, die aus medizinischer Sicht das bestätigte, was Schwester Vianelde sofort gespürt hatte: "Es ist etwas geschehen, was menschliche Kräfte nicht hätten vollbringen können."

Text: Michael Bönte | Foto: Bönte
06.10.2005

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