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27.09.2016
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Kardinal von Galen

Kardinal von Galen.

Historiker Wolf zu Kardinal von Galen

Nicht immer ein "Löwe"

Münster. Im kollektiven Gedächtnis ist er "der Löwe von Münster", der aufstand und brüllte: mutig gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten. Doch: Nicht nur im Falle des bald seligen Clemens August Kardinal von Galen ist dieses über Jahrzehnte vor allem mündlich tradierte Bild nur schwer zusammenzubringen mit jenem, das Historiker mühsam aus den Zeugnissen der Geschichte rekonstruieren. Prof. Dr. Hubert Wolf zeigte jetzt die Differenzen auf.

Ein "Löwe" – zeitlebens? Nein, das sei von Galen nicht gewesen. Und dennoch – um eine der Schlussfolgerungen des renommierten münsterschen Kirchenhistorikers voran zu stellen – seien die drei berühmten Predigten des Westfalen gegen den Mord an Unschuldigen ein "zweifellos mutiger Schritt", dem unvermindert Respekt gebühre. Doch Wolf, der nun seine neuen, stark diskutierten Erkenntnisse aus den Vatikanischen Archiven der Öffentlichkeit vorgelegt hat, wollte auch im Rahmen der Ringvorlesung anlässlich des Jubiläums "1200 Jahre Bistum Münster" bei "seinen Leisten" als Historiker bleiben. Das Pro zur Seligsprechung – das obliege dem Vatikan.

Logische Konsequenz

Zu Lebzeiten habe Graf von Galen noch nicht erkannt, wohin die politische Reise Deutschlands gehen werde, so Wolf. Dies hatte ihm ein Zeitgenosse bescheinigt: der Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing, einer der mutigsten katholischen Kämpfer gegen das NS-Regime. Und weiter: Erst der Heilige Geist habe den Zweimetermann erleuchtet und zu den Predigten bekräftigt, zitierte Wolf.

Dass der lebensbedrohliche Weg auf die Kanzel hingegen keineswegs aus plötzlicher Eingebung resultierte, dass er vielmehr die beinahe logische Konsequenz der familiären Prägung, des auch "starrsinnigen" Charakters und der Erfahrungen von Galens im Berlin des frühen Jahrhunderts gewesen war, das zeigte der Wissenschaftler detailliert auf. Anhand von autobiographischen Dokumenten, unter denen ihm die Briefe des späteren Bischofs von Münster an seinen Beichtvater vor allem als historische Zeugnisse mit "hoher Authentizität" erschienen.

"Kein Waschlappen sein"

"Wenn Du Dich nicht nach den Waschlappen richtest, richten sich die Waschlappen nach Dir!", schrieb Galen an seinen Bruder. Aufgewachsen in einem streng katholischen und Papst verehrenden Elternhaus zeugt diese Gesinnung des jungen Galen nicht von einer nur blinden Obrigkeitshörigkeit. Das Gewissen galt dem späteren Geistlichen schon damals als oberste Maxime. Zwar bekannte er sich zur Monarchie, sah sich der Obrigkeit verpflichtet, so betonte Wolf, jedoch nur, weil diese eine von Gott eingesetzte gewesen sei.

23 Jahre in Berlin und damit am Brennpunkt des Sturzes der Monarchie, der Goldenen Zwanziger, des Erstarkens der Demokratie, der Krise des Parlamentarismus – auch dort habe sich, sagte der Leibniz-Preisträger, die elterliche Prägung des Theologen verfestigt. Dieser sei skeptisch gegenüber der Weimarer Verfassung geblieben, welcher der Gottesbezug fehlte. Doch einen totalitären Staat, den habe von Galen auch nicht akzeptiert. Freiheit und Autoritätsglaube – beide seien von Gott gewollt. Doch beide dürften nicht überbetont werden.

Gegen die Taktik des Verhandelns

Hitler sei für von Galen zunächst das "kleinere Übel" gewesen, ein "Bollwerk gegen den Bolschewismus", so Wolf. Doch schon 1934 habe der gleiche Mann vehement für einen Politikwechsel der Fuldaer Bischofskonferenz plädiert – "gegen die Taktik des Verhandelns hinter verschlossenen Türen" und für eine "andere Taktik, das Hervortreten an die Öffentlichkeit".

Als erster habe der als "dritte oder gar vierte Wahl" neugeweihte Bischof von Münster diese verfolgt – schon im ersten Hirtenbrief. Von diesem – so zeichnete der Historiker den Weg zu den so genannten "Euthanasie-Predigten" nach – sei ein Handlungsstrang von Galens stringent: "Unrecht von jedem abzuwenden – ohne Ansehen der Person." Man dürfte kein "Waschlappen" sein, wenn man sich gemäß seinem Gewissen einsetze.

Judenfrage verdrängt?

Nicht stringent sei des Kardinals Verhalten jedoch bezüglich anderer Verbrechen des NS-Regimes. So fehlten gegen die Judenverfolgung derartig klare Äußerungen des "Löwen". "Hätte er geredet, wäre es vielleicht schlimmer gekommen", werde bezüglich Papst Pius XII. behauptet – oft auch für den Münsteraner. "Doch van Galen selbst ist das beste Gegenbeispiel", so der Wissenschaftler, dem darin zu viel nicht-handfestes "hätte" steckt:

Der Bischof hat öffentlich Stellung bezogen – und die Ermordungen kranker und behinderter Menschen hatten danach abgenommen. Leise, gründlich und unaufgeregt solle man sich dieser historischen Leerstelle nun widmen, forderte Wolf, der als Ausgangsfrage jene nach dem Verhältnis des Adeligen zu den Juden überhaupt vorschlug. Seine Zwischenthese lautet: Aus Angst vor dem bolschewistischen System, vor dem Hitler Bischof Galen als Bollwerk galt, "hat er vielleicht die Judenfrage verdrängt".

Text: Kerstin Heil | Foto: Michael Bönte
23.06.2005

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