
Der Hochaltar in der Kapelle des Euthymiazentrums.
Die Ausstrahlung der Seligen ist ungebrochen
Phänomen Euthymia
Münster. Sind es die Geschichten von Gebetserhörungen, die die Faszination der Schwester Euthymia ausmachen? Oder ist es das Lebensbeispiel dieser unscheinbaren Ordensfrau, die – gütig und fromm – ihren Dienst tat bis zur Erschöpfung?
Tausende Berichte von Gebetserhörungen haben Schwester Raphaelis und Schwester Annette in den Archiven des Euthymia-Zentrums am Mutterhaus der Clemensschwestern in Münster gesammelt.
Ebenso füllen sich Fürbittbücher: im Euthymia-Zentrum, in der Raphaels-Klinik und im Internet, wie Schwester Annette berichtet. Die ganze Palette menschlicher Sorgen enthalten sie: "Krankheit, Arbeitslosigkeit, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Kinderwunsch, Erziehungsprobleme", führt Schwester Raphaelis aus, und sie meint lächelnd: "Euthymia ist die Frau für die aussichtslosen Fälle."
Unerklärlich
Fälle wie dieser: Bei einer Untersuchung einer Schwangeren diagnostizieren Ärzte schwerste Schäden bei dem Ungeborenen. Sie raten der werdenden Mutter dringend zur Abtreibung. Sie betet gemeinsam mit ihrem Mann zu Euthymia, sie besuchen das Grab der Seligen. Die jungen Eltern entscheiden sich gegen den Schwangerschaftsabbruch und für das Kind. Es wird geboren: kerngesund.
Oder diese Begebenheit: "Ich habe einen 60-jährigen Mann an der Grabkapelle getroffen, der mir seine Geschichte erzählt hat: Er war mit dem Fahrrad vom Niederrhein bis nach Münster gefahren, um Euthymia für die Gesundung seiner Frau zu danken", berichtet Schwester Raphaelis. "Euthymia hat geholfen" - davon berichten unzählige Tafeln und Schilder, einfach auf Karton geschrieben, in Metallplatten graviert oder kunstvoll gestaltet.
Mehr noch: Sogar Kinder tragen den ungewöhnlichen Namen Euthymia. "Wir wissen von Paaren, die einen Kinderwunsch hatten. Trotz aller ärztlicher Kunst blieb er aber unerfüllt und erst die Fürbitte Euthymias ermöglichte das Elternglück", erzählt Schwester Raphaelis.
Kraft finden
Doch es sind nicht nur die spektakulären Gebetserhörungen, von denen die beiden Betreuerinnen des Euthymia-Zentrums wissen. Viele seien trotz des Gebetes nicht gesund geworden, aber sie hätten dennoch Kraft erhalten, "ihren Weg zu gehen". "Gott erhört jedes Gebet, aber nicht wie wir uns das vorstellen", meint Schwester Raphaelis. "Euthymia hilft, wenn unser Leben durchkreuzt wird, sie hat Verständnis und bittet für uns beim großen Gott."
Gerade darin sieht Schwester Annette die Faszination, die von der Seligen ausgeht: "Euthymia hat ihr Leben angenommen. Sie war total auf den Willen Gottes ausgerichtet und konnte sich selbst zurückstellen." Als junge Schwester, gibt Annette zu, sei ihr die Haltung Euthymias fremd gewesen: "Sie war mir zu tugendhaft." Erst später sei sie ihr näher gekommen. Bei Schwester Raphaelis ist die Verbindung anders, denn sie hat noch als Kinderkrankenpflegeschülerin Euthymia als Waschhausschwester erlebt. "Gottes Wille wurde ihr Wille", erklärt Raphaelis die innere Haltung der Seligen. "Sie nahm wahr, wenn jemand bedrückt war. Dann reagierte sie sehr behutsam und sie versprach: "Ich bete für Sie!""
Tief beeindruckt seien sie und ihre Mitschülerinnen gewesen, wenn sie Euthymia beim Gebet erlebt hätten. Nach Dienstschluss auf der Kinderstation der Raphaelsklinik seien sie noch kurz in die Kapelle gegangen. Oft habe Euthymia nach schwerer Arbeit dort gekniet und gebetet, "ohne sich an die Bank anzulehnen", was die jungen Frauen beeindruckt habe. "Das kann man nur, wenn man ganz tief in sich ruht", meint Schwester Annette. War Euthymia eine Mystikerin? Schwester Raphaelis und Schwester Annette sehen das so: "Bestimmt nicht in großen Worten, aber absolut sicher in ihrer ganz tiefen Verwurzelung in Gott."
Text: Norbert Göckener in "Kirche+Leben" | Foto: Michael Bönte
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