
"Sind die Stammzellen die Wunderwaffe der Wissenschaft?", fragten sich die Ärzte bei ihrem Treffen in Münster.
Ärztetreffen im Bistum Münster
Wunderwaffe Stammzellen?
Münster. "Wunderwaffe Stammzellen? - Ist der Mensch regenerierbar?" Unter dieser provozierenden Leitfrage stand das Ärztetreffen im Bistum Münster, zu dem Bischof Reinhard Lettmann im April 2007 in die Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster eingeladen hatte. Wie die Bischöfliche Pressestelle Münster mitteilt, waren mehr als 200 Mediziner aus der ganzen Diözese gekommen, um ein Thema zu diskutieren, mit dem sich auch der Bundestag in einer Anhörung im Mai befassen werde.
In seiner Begrüßung hob Lettmann hervor, dass die zurzeit gültige, restriktive gesetzliche Regelung zur Arbeit mit embryonalen Stammzellen seinerzeit von maßgeblichen Forschern gewollt und deshalb beschlossen worden war. "Nun fordern dieselben Wissenschaftler die Aufhebung der Stichtagsregelung", stellte der Bischof fest. Da stelle sich die Frage, inwieweit mit der Öffentlichkeit gespielt und manipuliert werde. Lettmann stellte klar, dass ein fairer, ethisch-ehrlicher, wissenschaftlicher Diskurs wichtig und notwendig sei. Dazu biete auch das Ärztetreffen des Bistums Gelegenheit.
Die beiden Hauptvorträge hielten der Stammzellforscher Prof. Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin Münster und der emeritierte Moraltheologe Prof. Klaus Demmer, der früher an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrte. Die anschließende Fragerunde moderierte Prof. Jürgen van de Loo von der Medizinischen Universitätsklinik Münster. Organisiert hatte das Treffen Pfarrer Ludger Winner von der Akademikerseelsorge der Diözese.
Chancen für Patienten?
Ein wesentlicher Aspekt war die Frage, welche Chancen sich künftig möglicherweise für Patienten böten, wenn die Stammzellforschung tatsächlich Heilungsansätze bringe. Prof. Schöler sagte dazu: "Reproduktionsmedizin möchte Gebrechen des Alters und Krankheiten lindern." Auf Nachfrage musste er einräumen, dass die Möglichkeiten ihn zwar überzeugen würden, man heute aber nichts versprechen dürfe.
Der Genforscher äußerte sich auch zur Frage, inwieweit es Alternativen zur Arbeit mit embryonalen Stammzellen gebe. Mehr Chancen sah er in der so genannten Zell-Reprogrammierung, wobei adulte (erwachsene) Stammzellen etwa aus Nabelschnurblut mit embryonalen Stammzellen verschmolzen würden. Adulte und embryonale Stammzellen müssten erforscht werden. Deshalb forderte der Wissenschaftler, dass es deutschen Forschern künftig erlaubt sein solle, auch frische embryonale Stammzellen einzuführen – was außer den Deutschen und Italienern derzeit alle dürften.
In dem Zusammenhang zeigte Schöler Widersprüche in Gesetzen auf, die er ausmache: Nach Abtreibungen würden in Deutschland Föten von zehn Zentimeter Größe legal am Weiterleben gehindert, während es den Wissenschaftlern verboten sei, Embryos von einem oder zwei Zehntel Millimeter Größe zu Forschungszwecken zu verwenden. Zudem würden überzählige Embryonen, die als Nebenprodukt von Retortenbabys entstünden, zu Hunderttausenden in Deutschland zu biologischem Abfall. "Da wird man doch fragen dürfen, warum Stammzellforscher nicht mit solchen Embryonen arbeiten dürfen", sagte Schöler.
Aus Sicht des Moraltheologen Demmer stellte sich dies anders dar: "Kein Embryo darf geopfert oder instrumentalisiert werden." Er warf die Frage auf, ob überhaupt jemand das Recht habe, über Embryonen zu bestimmen: etwa die Eltern, der Arzt, die Forschungsgemeinschaft oder ein ethisches Komitee – was er kategorisch verneinte. Und: "Was macht den Unterschied zwischen todgeweihten Embryonen und todgeweihten älteren Menschen?" Nur die Forschung an adulten Stammzellen sei ethisch gesehen ebenso unkritisch wie Ansätze, bei denen "Artefakte" (vom Menschen erzeugte Zellhaufen, die keine lebensfähigen Individuen sind) verwendet würden.
Wann beginnt Leben?
Auch die Frage, wann das Leben beginnt, wurde erörtert. Demmer warnte vor einem Dammbrucheffekt: "Jede Grenzziehung, wo das Leben beginnt, ist willkürlich – weil der Entwicklungsprozess kontinuierlich ist." Auch kein Kleinkind überlebe auf sich allein gestellt, ebenso wenig viele Kranke, Gebrechliche und Alte.
Wie er tatsächlich mit solchen Fragen umgehe, wenn es hart auf hart komme, zeige sich möglicherweise dann, wenn ein ihm nahe stehender Mensch sterbenskrank würde, bekannte der Zellforscher: "Wenn ich dann eine Chance sähe, durch Forschung mit embryonalen Zellen zu helfen, würde ich auch ins Ausland gehen, damit ich es darf." Und der Moraltheologe offenbarte: "Wir enden immer in einem Dilemma, es gibt keine Lösung ohne ethisches Fragezeichen – alles andere ist Utopie."
Text: pd | Foto: Sigrid Romann,
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