
"Engel sollen dich begleiten" - Todesengel auf einem Friedhof.
Eine kulturgeschichtliche Betrachtung:
Ars moriendi
Wolfgang Amadeus Mozart schrieb 1787 in einem Brief über den Tod: "So habe ich mich mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes!" Wie kontrastiert diese gelassene Vertrautheit mit der großen Angst vieler Menschen heute vor dem Tod.
Ein plötzlicher, überraschender Tod, der das Leben möglichst schnell, am besten im Schlaf beendet, ohne etwas zu spüren oder sich darauf vorbereiten zu müssen – im Zeitalter lebensverlängernder Gerätemedizin ist das der Sterbe-Wunsch vieler. Den Menschen früherer Jahrhunderte wäre so etwas ein beängstigender Gedanke gewesen! Sie maßen dem bewussten Abschiednehmen, der lebenslangen Einübung und Vorbereitung auf den Tod und dem Erlernen einer "Ars bene moriendi", einer "Kunst des guten Sterbens", große Bedeutung bei.
Die Todesverwiesenheit des Menschen stellt ihm seit jeher die Aufgabe und Frage, wie er das Wissen um die eigene Endlichkeit und den unausweichlichen Tod in sein Leben, Denken, Handeln und seine Kultur miteinbeziehen kann. Es gilt die von Anfang an im Menschen angelegte Spannung von Werden, Sein und Vergehen zu akzeptieren, auszuhalten und aushaltend zu gestalten.
Jahrhunderte lang war der erste und natürlichste Berührungspunkt von Tod und Leben die Lebensgemeinschaft der Großfamilie, in welcher verschiedene Generationen miteinander immer wieder den Kreislauf von Geburt und Tod durchlebten. Dieser Ort der Todeserfahrung ermöglichte hautnahes Miterleben des Todes sowie eine Teil- und Anteilnahme am Prozess des Abschiednehmens, Trauerns und der danach notwendigen Lebensbewältigung.
Der französische Historiker Philippe Aries kennzeichnet in seiner sozialgeschichtlichen Untersuchung der "Geschichte des Tode" die Öffentlichkeit als einen unabdingbaren Wesenszug des rituellen, "gezähmten" Todes. Es war die Regel, den Sterbenden als Mittelpunkt zu betrachten. Von den ihn umgebenden Angehörigen gingen Kraft und Hilfe für eine gelassene Annahme der Sterblichkeit aus.
Im Mittelalter führten die Unheilswellen der Pest mit Massensterben zu einer "Entfremdung" des Todes. An die Stelle der Sterbebegleitung und Beerdigungszeremonie traten erzwungene Isolation am Lebensende und die Anonymisierung einer notdürftigen Verscharrung, einer Bestattungsart, die sonst nur Verdammten zuteil wurde.
Angesichts dieser Lebensunsicherheit und Todesangst stellten sich die Fragen: Welche Lebensäußerungen, welche kulturellen Leistungen, welche Vorstellungen vom Leben sind die Antworten auf die jeweiligen epochalen Todesbilder? Welche Gestalt darf der Tod annehmen, um den Bogen des für erträglich Gehaltenen nicht zu überspannen? In diesem Sinne sind die pastoraltheologischen Bemühungen zu verstehen, den Menschen auch unter widrigen Umständen zu einem guten und friedlichen Tod zu verhelfen.
So entstand zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine eigene, weite Verbreitung findende religiöse Literaturgattung zur "Ars moriendi", zur "Kunst des Sterbens". Nachdem diese Schriften sich zunächst an Priester und andere Sterbebegleiter wandten, erweiterte sich der Adressatenkreis schnell hin zu den Sterbenden selbst, die sich in der Meditation der Texte auf den eigenen Tod vorbereiten konnten. Leseunkundigen ermöglichten kostengünstig gedruckte Holzschnitte, beispielsweise so genannte "Totentänze", Trost und Hilfe im Sterben.
Der christliche Glaube an das ewige Leben als letzte Ziel- und Sinnbestimmung menschlichen Lebens lag all diesen Schriften zugrunde, milderte den Schrecken des Todes und half, den Tod anzunehmen als Übergang hin zu ewiger Seligkeit. Nach damaliger Auffassung entschied sich letztlich erst im Tod, ob der Mensch sich zu Gott bekehrte und ihm das ewige Leben geschenkt wurde oder ob er der Verdammnis und Hölle anheimfiel. Man stellte sich vor, dass höllische Mächte kurz vor dem Tod noch einmal alles daran setzen würden, um der bald aus dem Körper scheidenden Seele habhaft zu werden.
Die Unvorhersehbarkeit des nahen Todes, zumal in Zeiten der Pest, zeitigte eine Kultur, in der neben der Kunst des Sterbens gleichzeitig die Kunst des Lebens, die "Ars vivendi" entstand, welche den Menschen zu tugendhaftem, christlichem Leben ermahnte. Es wurde ein Lebensweg gefördert, der es ermöglichte, in jedem Augenblick des Lebens heilsam sterben zu können.
Karl Rahner betont in seiner theologischen Auseinandersetzung mit dem Tod: "Weil wir dauernd lassen, dauernd Abschied nehmen, dauernd durchschauen auf das Ende hin, dauernd enttäuscht werden..., darum sterben wir durch das ganze Leben hindurch." Dieses menschliche Dasein als "Sein-zum-Tode" zu verstehen, soll jedoch nicht zu stoischer Resignation, Selbstaufgabe oder Weltflucht führen. Vielmehr soll der Angst vor dem Tod ihre innerste Kraft genommen werden durch die Sensibilisierung für die vielen Erfahrungen im Leben, in denen vorlaufend schon eine Begegnung mit dem Tod gegeben ist.
Der Mensch, der sich diesen Sterbeerfahrungen stellt und sie bewusst erlebt, kann lernen, besser "abschiedlich" zu leben, bewusster sein Leben zu genießen und eine innere Freiheit dem biologischen Tod gegenüber zu gewinnen.
Text: Karin Wollschläger | Foto: Michael Bönte
04.11.2002
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