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11.02.2012
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Dr. Werner Greulich

Dr. Werner Greulich.

Dr. Werner Greulich zum Thema Trauer

"Das Paket aufschnüren"

Dr. Werner Greulich ist Seelsorger im Hospiz "Zum Heiligen Franziskus" in Recklinghausen. Im Gespräch mit "kirchensite" erklärt er einige Merkmale des Trauerprozesses und fordert eine Offenheit der christlichen Trauer- und Bestattungskultur gegenüber individuellen Vorstellungen des Trauernden.

kirchensite.de: Muss das Trauern im Todesfall neu erlernt werden?

Greulich: Wir machen von Kindesbeinen an immer wieder kleine und große Verlusterfahrungen: Trennungen, Entwicklung zur Eigenständigkeit, neue Freundschaften oder Partnerschaften – es gibt viele Abschiede auf dem Lebensweg. Und eben deshalb geht kein Mensch wirklich "grün" in eine Trauersituation hinein.

kirchensite.de: Können diese Erfahrungen einfach so auf die Trauersituation übertragen werden?

Greulich: Der Tod ist da sicherlich noch einmal eine neue Dimension. Und da liegt eigentlich das Problem: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind heute so, dass der Tod lange Zeit nicht zum Erfahrungsbereich des Menschen gehört. Vielleicht sieht er erst mit 50 Jahren seinen ersten Toten. Und selbst dann muss es nicht zu einer Erfahrung werden, in der dieses Erlebnis und die anderen Abschiede lebendig sind. Das liegt an dem gesellschaftlichen Verbot der Trauer.Es fehlt uns damit die Kultur, das Leben als Veränderung und Abschied zu sehen.

kirchensite.de: Wie müsste eine solche Kultur aussehen?

Greulich: Die Trauer will in Worte gefasst sein und braucht einen Gegenüber, der zuhört und teilnimmt. Und sie braucht einen Ort, eine Anlaufstelle für Erinnerungen und Gedenken. Schließlich braucht sie auch Zeit. Denn die Trauer reduziert sich bei zunehmendem Zeitabstand zum Todestag nicht immer weiter gen Null. Sie kommt in Wellen, in spiralförmiger Bewegung und hat ihren individuellen Rhythmus. Deshalb braucht sie Gedenktage und Trauerphasen – eben Zeit. Rituale schaffen Platz für diese Worte, den Ort und die Zeit.

kirchensite.de: Kann man einen allgemeingültigen Verlauf der Trauer skizzieren?

Greulich: Der Mensch geht seinen Trauerweg so spezifisch, wie seine Beziehung zum Verstorbenen war, und so individuell, wie der Trauende selbst lebt. Daher gibt es keinen 'allgemeingültigen' Verarbeitungsprozess, wohl aber Gemeinsamkeiten. Die Wissenschaft benennt vier Reaktionsformen: Die Verdrängung, das Tun, das Fühlen und das Denken. Alle vier Anteile durchlebt der Trauernde: Er will den Verlust nicht wahrnehmen und lenkt sich ab, er fühlt den Schmerz des Verlustes, er beginnt, den Sinn der Dinge und des Lebens zu hinterfragen, er fängt an, im Tun neue Erfahrungen zu sammeln. Nur: wann er wie und wo in diesem Trauerprozess ansetzt; in welcher Reihenfolge er die Phasen durchlebt; ob er zwischen den einzelnen Zuständen hin- und herspringt – das ist so verschieden, wie die Menschen verschieden sind.

kirchensite.de: Kann der Trauernde sich Teilziele setzen?

Greulich: Nein! Denn das, was zunächst zählt, ist das eigene Erleben, der individuelle Prozess. Ob ich wütend, traurig, neidisch, lethargisch oder aggressiv bin – ich muss mich meiner eigenen Dynamik anvertrauen. Ich darf auch in ein Loch fallen – jeder Mensch ist so kreativ, dass er dort wieder herausfindet. Unter Druck setzen, um Ziele zu erreichen, hilft da nicht.

kirchensite.de: Gibt es Fehler beim Trauern?

Greulich: Der Kardinalsfehler ist das Verbot der Trauer. Der trauernde Mensch weiß selbst am besten, was er braucht und sollte sich alle Freiheit in seiner Trauer nehmen. Sicher kann er von anderen Menschen Impulse bekommen, um sich in seiner Trauerreaktion zu verstehen. Sicher braucht er auch Rückhalt, denn Trauern kostet Kraft. Sicher braucht er Hilfestellung, um Ängste zu überwinden. So lange er und sein Umfeld aber Trauer zulassen, kann er kaum Fehler machen.

kirchensite.de: Kann man so ein "dickes Fell" in Sachen Trauer entwickeln?

Greulich: Kein "dickes Fell", sondern eine Dünnhäutigkeit. Und das ist fundamental: Du wirst sensibel und lässt zu, was dich wirklich berührt. Diese Sensibilität macht fähig, Verluste zu tragen.

kirchensite.de: Fängt die christliche Trauer- und Bestattungskultur diesen komplexen individuellen Prozess auf?

Greulich: Sie begleitet diesen Prozess mit einer ganzen Reihe von Ritualen. Nur dürfen diese nicht einfach nur so vollzogen werden, sondern müssen eine Ankopplung an die Trauer der Menschen, die Geschichte und das Leben der Beteiligten haben.

kirchensite.de: Können sich dabei Lücken auftun?

Greulich: In der Praxis ja: Wenn das Ritual nur einfach vollzogen wird. Wenn das Wort, der Name oder die Lebensgeschichte hinter dem christlichen Ritual zurücksteht, dann tun sich große Lücken auf. Oder anders – Überfrachtungen: Wenn das tröstende Wort durch die Verkündigung der Auferstehung zurücktritt. Dort wo die Trauer der Menschen nicht mit ins Wort kommt, da werden reale Empfindungen der Trauernden mit theologisch richtigen Worten zugedeckt.

kirchensite.de: Wenn man die Individualität des Trauernden ernst nimmt, ergibt sich also auch für die christliche Trauerkultur eine Stylfrage?

Greulich: Wir müssen uns im Klaren sein, dass die tradierte christliche Trauerkultur in der individualisierten Gesellschaft eine unter vielen ist und dass die Menschen heute auswählen. Vielerorts wird von den Seelsorgern ja schon eine gewisse Stylfreiheit praktiziert. Da kann man sich auch einiges von anderen Trauerrednern abschauen, die mit großer Freiheit sehr gut auf die individuellen Situationen eingehen können. Diese kreativen Formen gilt es aufzunehmen. Nicht den Trennstrich ziehen: Das ist christlich, das nicht…! Wir sind auf dem falschen Dampfer, wenn wir so tun, als ob wir ein Kulturerbe retten müssten.

Wir müssen uns vielmehr dem Dialog stellen, wenn ein Mensch einen individuellen Bestattungs- und Trauerweg wählt. Wichtig ist, dass der Trauernde in die Rituale der Trauerkultur mit einbezogen wird und wenn etwas vom Licht des Evangeliums in die Trauersituation hineinleuchtet. Dafür sollte das christliche Modell nicht gleich im Ganzen angelegt werden, sondern die Aspekte, die den Menschen ansprechen und ihm gerecht werden. Wir sollten das Paket also aufschnüren und schauen, was in der individuellen Situation zum Leuchten kommen kann. So sinnvoll das alles auch ist, was wir in diesem Paket haben.

Interview: Michael Bönte | Foto: Bönte
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