
Der berühmte Paulus-Kopf aus der Domkammer des St.-Paulus-Domes in Münster während eines Pontifikalamts mit Weihbischof Overbeck im Paulus-Jahr.
Interview mit Weihbischof Overbeck zum Paulus-Jahr
Auskunftsfähigkeit von Christen gefragt
Bistum. Zu Halbzeit des Paulus-Jahres hat das Bistum Münster im Januar 2009 das Fest der Bekehrung des Völkerapostels in besonderer Weise begangen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, feierte im münsterschen St.-Paulus-Dom ein festliches Pontifikalamt. Bereits am Tag zuvor fand nach einer Pontifikalvesper eine theologische Akademie statt, zu der Diözesan-Administrator Weihbischof Franz-Josef Overbeck ins Fürstenberghaus eingeladen hatte. – Im Interview mit kirchensite.de erläuterte er das Ziel der Veranstaltung und zog eine Halbzeitbilanz des Paulus-Jahres.
kirchensite.de: Das Fest der Bekehrung Pauli wird Ende Januar in Münster mit Gottesdiensten und einer theologischen Akademie in besonderer Weise gefeiert. Worum geht es bei diesen Feiern?
Diözesan-Administrator Weihbischof Franz-Josef Overbeck: Die Theologie und Botschaft des heiligen Paulus ist von großer theologischer Wichtigkeit. Sie berührt wesentliche Fragen unseres Kirche-Seins wie unseres Christ-Seins. Dabei geht es sowohl um das Werden der jungen Kirche, ihre anfänglichen Missionswege wie aber auch um den Kern unseres kirchlich gelebten Glaubens, sei es Taufe, Eucharistie, Gnade, Sünde, die Beziehung zu den Juden usw. Da das Fest "Pauli Bekehrung", das seit je her im St. Paulus-Dom gefeiert wird und genau in der Mitte des Paulusjahres liegt, vor uns steht, war es ein Anliegen, die entsprechenden liturgischen Feiern mit einer theologischen Akademie zu verbinden, die sich den genannten Perspektiven stellt. Außerdem bietet sich die Gelegenheit, ein Zeichen unserer Verbundenheit mit allen deutschen Bischöfen und Bistümern zu setzen. So habe ich darum gerne den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Herrn Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Freiburg, eingeladen, am Fest Pauli Bekehrung (Sonntag, 25. Januar 2009) zu uns zu kommen, ein Pontifikalamt zu feiern und zu predigen. Alle Nachbarbischöfe und deutschen Diözesanbischöfe sind ebenso eingeladen.
kirchensite.de: An wen richtet sich die theologische Akademie (vorrangig)?
Overbeck: Die theologische Akademie am Samstag, 24. Januar 2009 – vorher findet eine Pontifikalvesper im St. Paulus-Dom statt – richtet sich an eingeladene offizielle Gäste, an das Domkapitel, an Personen des kirchlichen und öffentlichen Lebens wie aber auch an theologisch Interessierte. Diese sind entsprechend über die Verbindung mit der Katholisch-Theologischen wie auch der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität, mit dem Franz-Hitze-Haus und anderen Bildungseinrichtungen angesprochen. Die Akademie wird auch durch öffentliche Plakate für Studierende und andere Interessenten öffentlich gemacht.
kirchensite.de: Bei der theologischen Akademie geht es um "Inkulturation und Identität" – was verbirgt sich dahinter?
Overbeck: Die beiden Stichworte weisen auf zentrale Inhalte des paulinischen Wirkens und der paulinischen Verkündigung hin. Die Frage der "Inkulturation" berührt die Weise der Missionsstrategien des heiligen Paulus und der jungen Kirche. Es geht um die Wege, das Evangelium zu den Menschen zu bringen und das Kirche-Sein zu leben. Bei dem großen Stichwort "Identität" handelt es sich um Fragen, die mit der Bestimmung des Menschen als Christ durch Taufe und Gnade etc. berührt werden, gerade auch hinsichtlich der ökumenischen Dimensionen. Die Akademie darf diese Frage nicht unterschlagen.
kirchensite.de: In welcher Weise können die Gläubigen im Bistum Münster für ihre Identität als Christen im 3. Jahrtausend vom heiligen Paulus lernen?
Overbeck: Die Identität des glaubenden Christen in der katholischen Kirche kann im Bild der Ellipse gut beschrieben werden. Sie nimmt als einen Scheitelpunkt den Umkehrprozess des Einzelnen in den Blick, der sich von Christus rufen und durch das Geschenk der Taufe in die Gemeinschaft der Glaubenden und der Kirche einbinden lässt. Die großen Stichworte vom Christ-Sein aus "Einsicht und Entscheidung" werden auf diese Weise in Erinnerung gerufen. Paulus selbst ist ein lebendiges Beispiel für einen solchen Weg. Der andere Scheitelpunkt der Ellipse beschreibt das Kirche-Sein des katholischen Christen. Die Missionsarbeit des heiligen Paulus, seine Sorge um die entstehenden jungen Christengemeinden, sein Aufruf zur Solidarität, seine Betonung der Eucharistie und des Gebetes sind Hinweise existenzieller Art darauf, wie das Christ-Sein lebt und lebendig ist, das wesentlich ein Christ-Sein in der Kirche ist. Christ-Sein gibt es ohne Kirche und das heißt ohne konkrete Anbindung für uns an unser Bistum Münster nicht.
kirchensite.de: Zur Frage der Inkulturation: Wo sollten nach Ihrer Auffassung die Katholiken noch stärker in die Gesellschaft hineinwirken und wo müssen sie noch mehr von der Gesellschaft lernen, um als Gesprächspartner wahr- und ernst genommen zu werden?
Overbeck: Ein Hineinwirken der Katholiken in unserer Gesellschaft gibt es auf vielfältige Weise. Mir scheint heute von großer Bedeutung zu sein, dass das christliche Ethos zum einen durch gut gefeierte Gottesdienste und eine lebendige Liturgie bezeugt wird, die anziehend ist. Zum anderen sind es die selbstverständlichen caritativen Dienste, durch die der Christ zeigt, dass er sich zum Nächsten derer macht, die - auf welche Weise auch immer - arm und zerbrochen sind und am Rande liegen. Die großen Fragen der Wirtschaft, der Politik, der Ethik und der Medizin verlangen heute ebenfalls ein Ethos, das ihnen einen Rahmen weist, innerhalb dessen sie dem Wohl des Einzelnen wie der Gesellschaft und darüber hinaus der Welt dienen. Die lokale Verantwortung und die globalen Zusammenhänge sind in dieser Rücksicht neu zu bedenken. Dafür braucht es Gläubige, die kompetent und professionelle arbeiten. Je mehr Lebensbereiche unserer gesamten Gesellschaft in diese Dynamik einbezogen sind, umso besser ist es. Der offene Lernprozess, in dem wir in vielen Fragen stehen, braucht Wachsamkeit und Aufmerksamkeit. Der hohe Professionalisierungsgrad vieler Berufe ruft nach einer in vielfacher Weise gestärkten Auskunftsfähigkeit und Persönlichkeit von Christen, die den starken Differenzierungsherausforderungen unserer Welt gewachsen sind. Zugleich ist aber auch eine Einfachheit und Schlichtheit im Glauben gefordert, die jenseits der Kompliziertheit ein verantwortungsbewusstes Zeugnis vom Glauben gibt und dies in alle Lebensbezüge, welcher Art auch immer, einbringt. Wer so Gesprächspartner ist, wird, davon bin ich überzeugt, wahrgenommen wie auch ernst genommen.
kirchensite.de: Zur Halbzeit des Paulus-Jahres: Wie fällt Ihre Halbzeit-Bilanz des Paulus-Jahres aus? Wo sehen Sie im Bistum gute Ansätze Person, Botschaft und Wirkung des Völkerapostels für das Leben der Gläubigen und Gemeinden stärker zu verankern?
Overbeck: In unserem Bistum und darüber hinaus gibt es viele Initiativen, sich mit der Botschaft des Apostels Paulus auseinander zu setzen. Dies habe ich bei den vielen Rückmeldungen hinsichtlich der Aktivität in unserem Bistum deutlich gemerkt. Viele haben in den Gemeinden, in Predigt und Gottesdiensten auf die Botschaft des heiligen Paulus und seine Person Bezug genommen und werden dies weiterhin tun. Die Anregungen aus der Hauptabteilung Seelsorge wie auch der für unser Bistum verfasste Gebetszettel bezeugen dies zum Beispiel. Wo immer in Gebet und Gottesdienst wie in geistiger und geistlicher Auseinandersetzung Person und Botschaft des Apostels Paulus zum Thema gemacht werden, ergeben sich entsprechende Chancen solcher Verankerung. Mich hat in den vergangenen Monaten die Kreativität vieler Verantwortlicher in unserem Bistum, aber auch die Sensibilität und Wachheit vieler, mit denen ich sprechen konnte, bewegt wie auch bestärkt, die zentralen Botschaften und die Kantigkeit der Person des heiligen Paulus immer wieder in die Mitte zu stellen.
Interview: Norbert Göckener | Foto: Michael Bönte
04.12.2008
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