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22.07.2017
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Anna Katharina Emmerick

Eine Darstellung der Wundmale von Anna Katharina Emmerick.

Annäherungen an eine Selige (3)

Warum das Leid?

Vor allem ihre Wundmale machten Anna Katharina Emmerick bekannt als Frau mit unsagbarem Leiden. Der Theologe und Mönch Elmar Salmann erklärt, was das mit Liebe zu tun hat:

Warum müssen Menschen, die Gott suchen, so sehr leiden? Es scheint gar, als wachse mit dem Maß der Nähe Gottes die oft schon natürlicherweise kaum zu tragende Last menschlicher Freiheit und Leidensempfänglichkeit. Gnade wie Leid gehören zu den individuellsten und zerbrechlichsten, ja zartesten Wirklichkeiten, die sich nur schwer begrifflich-allgemein fassen lassen.

Stigmatisierte Visionärin

Hier nun soll dies anhand des Lebens und Leidens von Anna Katharina Emmerick (1774-1824), einem einfachen münsterländischen Bauernmädchen, versucht werden. Seit früher Jugend in gleicher Weise an harte Arbeit wie an die Welt des Heiligen gewöhnt, verwirklichte sich nach langem Warten und Überwindung vieler Widerstände ihr Wunsch, in das Augustinerinnenkloster in Dülmen einzutreten. Als stigmatisierte Visionärin zog sie viele Repräsentanten der damaligen Geisteswelt an ihr Krankenlager; sie erlangte dadurch eine schwer auf ihr lastende Berühmtheit.

Hier soll nun an die in Dülmen lebendig gebliebene Tradition angeknüpft werden, nach der die Seherin als eine Frau in Erinnerung blieb, die die Leidensgestalt ihres Herrn von innen erschaut und an ihrem Leib ausgetragen hat.

Unendlichkeit im Endlichen

Leid scheint ein unvermeidbares Stigma der Endlichkeit zu sein, deren Wesen gerade in der Spannung zwischen der Unendlichkeit Gottes, der Freiheit des Einzelnen und der Widerständigkeit der Natur besteht. Der Mensch kann ohne die Versöhnung zwischen diesen nicht leben, die zugleich unerreichbar bleibt. Der Glaube überdeckt diese Wehmut irdischer Existenz keineswegs, er reißt sie erst auf, vernichtet jeden allzu leichtfertig geschlossenen Kompromiss. Glauben wirkt entsichernd. Gott ist nicht der Garant menschlichen Sicherungsbedürfnisses, sondern der Andere, der in das Eine, in dem der Mensch sich einzurichten sucht, einbricht. In die enge Welt menschlicher Angst fährt schneidend-tröstend die göttliche Weite, zur selbstvergessenen Übergabe rufend. Jede noch so vertraute Nähe ist plötzlich durchlöchert, jede Ferne von überraschender Nähe bedroht.

Genau dies widerfährt A. K. Emmerick. Warum kann ein armes Bauernmädchen nicht in seinem Milieu verbleiben, woher dieser Sog, dieses Mehr an Unbedingtheit, die es nirgends endgültig beheimatet sein lässt? Angesichts ihres Eingewurzeltseins in der Umgebung fällt ihre Fremdheit umso mehr auf. Sie war in einer anderen Welt zu Hause. Was ihr "natürlich" war, die Welt des Heiligen, galt den anderen wenig oder nichts. Und die Welt, in welcher sich ein jeder einzurichten weiß, blieb ihr, bei aller Weltklugheit und Natürlichkeit, fremd. Ungeachtet ihrer Vertrautheit mit Welt und Menschen, ist sie doch nirgends so recht zu Hause, bei Gott nicht, im Wunder nicht (dem sie kritisch und in Freiheit gegenübersteht), nicht bei den Menschen und Freunden.

Maß an Nähe und Ferne

Offenbar kommt ihr das Maß ihrer Nähe und Ferne zu den Dingen von woanders zu. Die Einheit zwischen der unendlichen und doch nahen Welt Gottes und der engen Welt des Menschen kann nicht begriffen, erzwungen oder konstruiert werden (dies war die Versuchung, der die Romantiker ihrer Umgebung, etwa Clemens von Brenatno, erlagen), sie erwächst aus der Liebe; und diese kann sich angesichts der Schuld und Verlorenheit des Menschen nur in der Form des Leidens auswirken. Heiliger Geist der Ewigkeit, Freiheit des Menschen, Natur – ihre Einheit will erlitten und erliebt sein von Menschen, die den Abstand zwischen ihnen austragen und gerade darin ihre Freiheit erringen.

Und war dies nicht das Lebensgesetz Jesu, der darin den Menschen näher sein konnte, als diese es sich selbst zu sein vermögen? Sie fliehen nämlich aus der Enge ihrer Welt in eine imaginäre Endlosigkeit; nirgends halten sie es aus, immer sind sie flüchtig. Andererseits klammern sie sich an jeden Fetzen kleinen Glücks, den das Leben ihnen hinhält, um nur ja nicht von der wirklichen Unendlichkeit behaftet zu werden. So halten sie sich an Fiktionen und taumeln zwischen Flucht und Schein und finden nirgends Halt.

Jesus hingegen (und mit ihm der Mystiker) lässt sich senden, wohin er nicht will – und siehe, es ist Heimat. Er kommt in die Welt, lässt sich binden, und es erwächst Freiheit. Er geht in die Ferne Gottes, und es naht mit Macht der Geist verbindlicher Liebe.

Heiligkeit und Sünde

Der Preis der erlösten Freiheit wird nicht errungen noch geschenkt, ohne sich mit ihrem Widerpart, dem bösen Nichts des Widergöttlichen und Schuldhaften, konfrontiert zu haben. Erst der Begnadete wird hellsichtig für das Dunkel, gewinnt ein inneres Gespür für den Riss zwischen Gut und Böse, Liebe und Hass, Heiligkeit und Schuld.

So wird auch A. K. Emmerick der Abgrund der Sünde in ihr selbst und in ihrer Umgebung in erschreckender Deutlichkeit bewusst. Zunächst begegnet sie ihm mit unbefangenem Realismus. Der Zustand der Kirche, des Klerus wie der Menschen ihrer Umgebung ist ihr nicht verborgen, und sie spricht von der Verderbnis der Christen mit nüchterner und doch leidenschaftlicher Anteilnahme. Mehr noch, angesichts der unausweichlichen Wirklichkeit Gottes, der Offenbarung seines Lichtes und seines Schmerzes wegen der Sünden erfährt sie den herzzerreißenden Widerspruch zwischen der Heiligkeit seiner Liebe und dem Reich des Bösen. Je reiner ihr aufgeht, wer Gott ist, umso unerbittlicher erschaut sie das Unwesen der Schuldverfallenheit des Menschen, umso unerträglicher wird ihr der Gegensatz, so dass sie meint, an ihm sterben zu müssen. Die qualvollsten Visionen gehören in diesen Zusammenhang.

Doch auch damit noch nicht genug. Sie stellt sich bewusst an die Seite der Sünder. Nicht nur, dass sie die ständige Nähe Brentanos erträgt, sie weiß sich verbunden mit allen, auch mit den Seelen im Fegefeuer. Ja, sie ficht mit Gott, erinnert ihn an die Gutheit seines Wesens, die Wirksamkeit seiner Erlösung, damit er um seiner Glaubwürdigkeit willen Versöhnung schaffe.

Geheimnis des Bösen

Nur der in und mit Gott Geeinte kann ermessen, was es um das Geheimnis des Bösen ist. Er ist kein Moralist, kein Ahnungsloser, der das Unmögliche aus seinem Inneren verdrängt hätte, sondern jemand, der den Zwiespalt in sich austrägt. Nur wer weiß, was Liebe ist, kann Hass als Hass erfahren.

Leid entstammt also dem Bösen und muss sich ihm stellen, jener denkwürdigen Verschlossenheit des Menschen, jener stolzen Unfreiheit, die in Wahrheit der Angst entspringt. Die eigene Freiheit Gott, dem Schöpfer, verdanken zu müssen, genau dies vermag sie nicht. Beides, Freiheit und Liebe, Selbstsein und Dank wird verspielt. Paradoxerweise merkt der Böse oft seine Verzweiflung nicht, weil er sich allzu wohlig in ihr einrichten kann. Er leidet nicht unter der Bosheit. Erst der Begnadete wird sich der Unmöglichkeit dieser Utopie bewusst, nur er schreitet den Abgrund der Verzweiflung aus, der die Sünde ist. Nur er erleidet sie.

Je mehr jemand liebt, umso ungeschützter setzt er sich der Andersheit des anderen aus. Nähe stiftet Ferne, unerbittliche Klarsicht. Dies geschieht erst recht, wenn man wie die Begnadete denen zugehören muss, zu denen man gar nicht gehört, wenn man das einem selbst Wesensfremde in sich aufzunehmen hat. So ist die tiefste Zuneigung zugleich die größte Quelle intensiven Leidens, weil sie die Extreme vereint und bei sich behält.

Mitleid und Widerstand

Ein solches Ineinander von Gnade und Leid findet sich auch bei A. K. Emmerick. Ihr Nirgends-Beheimatet-Sein bei gleichzeitiger Begrenzung, ja Fixierung auf einen Punkt, ihr Krankenlager in Dülmen, befähigt sie zu einer atemberaubenden Weite und Tiefe der Teilnahme an allem. Eine schier unerschöpfliche Kraft des Mitleidens schließt auch das Entlegenste noch ein, ohne das allzu bedrängend Nahe auszuklammern. Die ganze Heilsgeschichte, die biblischen Gestalten, der in Fontainebleau gefangene Papst, die Verdammten, all dies ist Gegenstand, nein: Inhalt ihrer Anteilnahme, bis hin zu den Menschen ihrer Umgebung, dem Bruder ihres Arztes Wesener und, allen voran, der Person Brentanos, den sie sechs Jahre hindurch an ihrem Bett erduldete.

Es fehlt ihr bei alldem jedes Pathos eines distanzierten, stellvertretenden Leidens für andere; sie ist nur präsent, vermag auch das ihr Fremdeste und Widerwärtigste noch zu umfangen. Dabei geschieht andererseits keinerlei Verschmelzung mit der Sphäre des anderen; ja, je näher ihr dieser kommt, umso klarer wird sie seines heilsgeschichtlichen Zustandes inne, sieht sie ihn in seinem je eigenen Verhältnis zu Gott.

Innerste Einsamkeit

Sie hat in der innersten Einsamkeit ihres Ich das Wir zu leben. Völlig unsentimentales Mitleid und eine unbestechliche Herzenskenntnis verbinden sich zu einer entsagungsreichen Form der Liebe in Freiheit und der Freiheit in Liebe. Und nur eine solche wird die Verkrampfung der Schuld lösen können; denn diese ist doch im Kern der Versuch, zwanghaft Nähe zu begründen, in eins mit der Nötigung, Freiheit durch Abstoßung zu gewinnen.

Wenn Gott solche Verknotungen er-lösen will, kann dies nur in Form des teilnehmenden Leidens geschehen. Er ist Zugehörigkeit zu denen, die ihn abstoßen, und herbe Distanz zu jenen, die meinen, ihm nahe zu sein. Er leidet die falschen Proportionen, die in den verdrehten Beziehungen der Menschen walten, von innen aus; er ist Nähe zu den Sündern, Ferne gegenüber den Frommen, und selbst in seinem Verhältnis zu den Jüngern verschlingen sich Vertrautheit und Fremde denkwürdig ineinander; er ist Liebe, die in ihrer Milde richtet und in ihrer unbestechlichen Klarheit zu heilen vermag.

Passion und Wahrheit

Die bohrende Frage nach dem Warum des Leidens kann nie schlüssig beantwortet werden, man muss sie ins Offene tragen. Es ist an diesem Punkt vor allem wichtig, jede Zelebration einer Schmerzbefangenheit zu meiden. Leiden hat keinen Wert, keine Tiefe an und in sich selbst. Alle Formen menschlicher Leidenssucht, alle Pathetik und Hysterie, aller Masochismus und Sadismus der menschlichen Geschichte sind nur Spielformen des Versuchs, dem wahren, auferlegten Leid zu entkommen. Wo man das zugemessene Leid geschöpflicher Liebe flieht, verfällt man dem ungemessenen, maßlosen Leid der Schuld und Dämonie, den schrecklichen Zwängen des Egoismus und der Angst. Man läuft von sich weg und kommt doch nicht von sich los; man will den anderen erobern und kann ihn doch nicht ertragen. Es ist das namenlose Leid der Leidenschaft, die keine Ferne kennen will und den Himmel zu erstürmen sucht. Es gibt das Leid der endlichen Liebe, die von der göttlichen Gnade und auf sie hin lebt: zerrissen, geschunden, verkannt, stets mitbetrübt und mitgetröstet, heilend; und andererseits das Leid der Sünde, die schmerzfreie Einheit erzwingen will und sie damit zerstört.

Wirkliche Passion kann nur Ausleben des Risses zwischen Gott und Welt, Geist und Natur, Heiligkeit und Sünde sein. Sie ist aber vor allem der Preis jener Liebe, die zwischen Ferne und Nähe zerrissen ist und nur in ihrem Ineinander gelebt werden kann.

Leid ist also die den Glauben begleitende Form der Dahingabe auf Hoffnung hin. Es kann nie an sich und als es selbst gewollt sein. Es ist als Passion auferlegt und will angenommen, bestanden werden. Es hat nie das letzte Wort, es soll sich nicht in sich verschließen, nicht heldenhaft sein, sondern öffnen. Es macht demütig, auf dass Großmut wachse. Im Leid selbst wartet keine Antwort auf das bohrende Fragen. Die Frage, die der Mensch selbst ist, kann nicht gelöst, sie muss von sich selbst er-löst werden.

Text: Pater Elmar Salmann | Foto: Michael Bönte
16.09.04

 

Dieser Beitrag von P. Elmar Salmann ist eine gekürzte Version des Aufsatzes "Gnade und Leid – Dogmatische Erwägungen zur Leidensmystik bei Anna Katharina Emmerick", den der Autor in seinem Buch "Zwischenzeit – Postmoderne Gedanken zum Christsein heute" (Verlag Schnell, Warendorf 2004, 208 Seiten, gebunden, 22 Euro) veröffentlicht hat.

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