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18.11.2017
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Anna Katharina Emmerick

Das Bildnis der seligen Anna Katharina Emmerick auf dem Gobelin am Petersdom.

Die Seligsprechung in Rom

Stille Freude

Rom. So viel Licht war nie um sie. Über Anna Katharina Emmerick breitet sich der römische Himmel in tiefstem Blau. Und das Strahlen der Sonne ist man geneigt, "gnadenlos" zu nennen – wenn sich das nicht verböte angesichts dessen, was an diesem Sonntag auf dem Petersplatz vonstatten geht: die Seligsprechung der "Mystikerin des Münsterlandes", einer Frau, die es wahrlich nicht leicht hatte in ihrem Leben, und der Lust an der Sonne so fern war, wie vermutlich rein geographisch Rom und der Vatikan.

Eine Biographie voller Hindernisse, Kränkungen, Beschränkungen – und wirklicher, körperlicher Krankheit, tiefstem Leiden, Schmerzen, Qualen. Dazu mystische Erfahrungen, Visionen. Ein Leben zusammengenommen, das viel an Düsternis und Dunkelheit vermittelt – auch, weil die kleinen Fenster und niedrigen Decken im Kötterhaus kaum Licht hereinließen.

Und nun, an diesem sonnigen Sonntag in Rom, weit weg von Flamschen, Coesfeld, Dülmen, weit weg von 1774 und 1824, fern ihrer Lebenszeit – das volle Strahlen. So etwas geht nicht auf Anhieb zusammen. Mystik lässt sich nicht leichtfüßig, unbeschwert und schon auf den ersten Blick vermitteln – erst recht nicht an einem Ort wie dem Petersplatz, der doch vor allem öffentlich, Bühne der Verkündigung und Präsentation guter Vorbilder ist.

Politisch austariertes Protokoll

Innerlichkeit auf der einen Seite, liturgisches und heiliges und darstellendes Spiel gleichermaßen auf der anderen Seite – eine Spannung, die den Festgottesdienst durchzieht: das Bild einer im besten Wortsinn einfachen Frau an der Petersbasilika in Rom; eine Hochliturgie in konzentrierter Reinform, mit großen Einzügen und vielfachen Prozessionen, mit großer Dramaturgie, weit ausladenden Riten und politisch austariertem Protokoll, mit Bischöfen und Kardinälen, mit Heerscharen von Ministranten und Priestern, mit Chören, Kantoren, Instrumentalisten und einer echten Königin, Fabiola aus Belgien – auch wenn die nicht Anna Katharina Emmericks wegen gekommen ist, sondern in Ehrerbietung Karl I. gegenüber, der mit ihr und drei weiteren vorbildlichen Christen selig gesprochen wird.

Das Bildnis des letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn hängt gleichwohl ganz außen, direkt neben dem der Emmerick. Die Reihenfolge in der römischen Kirche ist nicht beliebig – mit Hierarchien nimmt man es genau im Vatikan. Und denen gemäß ist Karl I., mag er auch Kaiser und König zugleich gewesen sein, dem protokollaren Bilderrang nach eben Laie und hat am Ende der Seligen dieses Feiertages seinen Platz.

Unten, auf dem Petersplatz, sieht das anders aus – die herzoglichen Angehörigen haben es hinbekommen, exklusiv, als einzige jenen Platz zur Rechten des Papstaltares einzunehmen, der für gewöhnlich Nahestehenden aller neuen Seligen gebührt. Als nur sie am Ende der Feier zum Papst geführt werden, mischt sich Politik in die Feier. Gelinde gesagt: das passt nicht.

Was mag Anna Katharina denken?

Ob Anna Katharina sich daran gestört hätte? Überhaupt: Was mag sie "denken" darüber, dass sie nun selig ist? Oder sind solche Fragen naiv und eben darum müßig? – So, wie ihr Bild da hängt an der Fassade der Petersbasilika, kommen solche schlichten Fragen von selbst. Sie schaut nämlich, anders als die anderen Seligenbilder, ein bisschen wie von einer anderen Welt herab auf das, was da unter ihr auf dem Petersplatz geschieht. Zwischenzeitlich, bevor das Protokoll das vorgesehen hatte, lugt sie hinter dem vom aufkommenden Wind bewegten Gobelin hervor. Sie ist dabei.

Voll ist er nicht geworden, der Petersplatz, und die aufgestellten Stühle verraten, dass man wenngleich nicht mit Massen, so doch mit einigen Mitfeiernden mehr gerechnet hatte. Dass der Jubel von dort nicht überbordend rauscht, macht ihn sympathisch, und das hat beileibe nichts damit zu tun, dass Westfalen unter den Gläubigen sind.

Diese Feier der Seligsprechung am 3. Oktober 2004 durchzieht eine tiefe Freude, keine Frage. Aber eben eine stille Freude (wie Freude eben ist) – anders, als man das sonst auf der Piazza San Pietro und bei ähnlichen Anlässen gewohnt ist.

Sambarhythmen und Choral

Natürlich: Als Papst Johannes Paul II. zu Beginn des Gottesdienstes in seinem Papamobil zur Liturgie einfährt – vorbei an farbenfroh uniformierten Reitersleuten aus Ungarn –, da rufen ihm einige "Viva il Papa" zu und winken, was das Zeug hält, schwenken große Fahnen und ihre je nach Seligen-Delegation unterschiedlich bunten Schals und freuen sich aus vollem Herzen, den Papst zu sehen, nicht selten zum ersten Mal.

Ein Gruppe von jungen Musikern aus Brasilien schnappt sich Trommeln und Trompeten und übertönt mit Sambarhythmen den getragenen Choralgesang der vatikanischen Scholasänger; allerdings nur zehn Takte lang – bis herbeieilende, wild gestikulierende Herren in dunklen Anzügen die Ordnung wieder herstellen. Sonst, muss man eingestehen, hätten sie auch nicht viel zu tun.

Der Papst selber sagt nicht viel mit eigener Stimme bei dieser Feier. Er eröffnet den Gottesdienst, er spricht die offizielle Formel der Seligsprechung, er trägt die ersten und später die letzten Zeilen seiner Predigt vor; aber er zelebriert nicht einmal selber am Altar, sondern überlässt dies dem Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen, Kardinal Jos Saraiva Martins, und folgt der Eucharistie von einigen Metern seitlich des Altares aus.

Der kniende Papst

Sobald er von seinem fahrbaren Papststuhl auf den herbeigeschafften Betschemel bewegt wird, klicken die Kameras der unbarmherzigen Magazin-Presse ohne Unterlass. Der Papst nimmt das in Kauf; der Papst will knien, er lässt sich nicht feudal die Messe lesen. Johannes Paul II. Mag ein Papst der Medien, der Reisen, der Papst aus dem Osten sein – er ist vor all dem der kniende Papst.

Indes: Das, was Johannes Paul II. selber sagt, kann man kaum verstehen, er atmet schwer, und manchmal bricht plötzlich und laut ein Wort regelrecht aus ihm heraus, so viel Kraft muss und will er aufbringen. Und dennoch: Der Papst ist da, er zeigt sich, er feiert mit den Gläubigen zusammen die neuen Seligen –und er verbirgt nicht, dass er krank ist, dass er leidet.

Mag gut sein, dass ihm das angesichts dieser Seligen erleichtert wird. Die Menschen auf dem Petersplatz jedenfalls sehen ihm das nicht nur nach; viele bangen, ob er durchhält, bewundern seinen Mut, seine Entschlossenheit, seinen trotz Gebrechlichkeit eminent wichtigen Dienst: nicht weniger als da zu sein. Fanal einer Welt, die sich doch nicht nur mit äußerer Perfektion und schönem Schein begnügt.

Text: Markus Nolte | Foto: Michael Bönte
Oktober 2004

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