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26.03.2017
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Anna Katharina Emmerick

Die letzten zehn Lebensjahre von Anna Katharina Emmerick waren geprägt durch schwere Krankheiten.

Teil 1: Die Alltags-Bewährung

"Ins Kloster, es gehe wie es wolle"

Das vorbildliche Leben der Anna Katharina Emmerick wurde oft schwärmerisch verzuckert und literarisch verkitscht. Hans-Josef Joest, Chefredakteur der münsterschen Bistumszeitung Kirche+Leben und des Online-Magazins kirchensite.de eröffnet einen unverstellten Blick. Er arbeitet drei Grundhaltungen heraus, die Anna Katharina Emmerick auszeichnen und heutigen Menschen lohnende Anstöße geben können, ihren Glauben zu vertiefen.

Der große hinduistische Asket Mahatma Gandhi hat den Christen unnachahmlich den Spiegel vorgehalten: "Ich wäre sicherlich Christ, wenn die Christen es 24 Stunden täglich wären." Gandhis Kritik zielt auf diejenigen ab, die glauben, mit einer Stunde Gottesdienst ihre "Christenpflicht " ableisten zu können. Typisch für diese Haltung ist ein Missverständnis: Der Glaube wird als schmückendes Beiwerk für Feiertage gesehen, als Lückenfüller im prallen Terminkalender, als Rückversicherung für dunkle Tage. Für Anna Katharina Emmerick war der Glaube kein selten getragenes, feines Kleid für besondere Anlässe, der Glaube war ihre Haut–ständig mit ihr verbunden, prägendes Merkmal ihrer Persönlichkeit.

Nähe und Ferne

Aber auch Anna Katharina Emmerick erfuhr, dass ein Glaubensweg nicht nur von Oase zu Oase führt, sondern sich auch in Wüsten verlieren kann. Als junger Mensch durchlebte sie über mehrere Jahre eine Phase der Gottferne. Sie musste sich zwingen, einen Gottesdienst zu besuchen; Versuchungen quälten sie. Erst mit 21 Jahren kehrte die Freude am Kirchenbesuch zurück. Anna Katharina Emmerick prüfte sich, um herauszufinden, was ihre persönliche Berufung im Glauben war. Die wahre Religion besteht "nicht in vielem Beten", erläuterte sie ihrem Arzt Dr. Wesener, "sondern in der Erfüllung seiner Pflicht". Jedem Christen komme eine besondere Aufgabe zu, jeder müsse "die Bahn rechtschaffen durchlaufen, die ihm Gott, der Herr, vorgesteckt" habe.

Diese besondere Aufgabe zu entdecken und anzunehmen, das verstand sie als Berufung der Glaubenden. Seit ihrer Kindheit bewunderte Anna Katharina Emmerick Ordensfrauen und Mönche. Manchmal lief sie sonntags zu einem Feldweg in der Nähe des elterlichen Hauses, weil sie wusste, dass dort ein Coesfelder Kapuzinerpater vorbeikam. Begeistert grüßte sie ihn dann und erhielt von ihm den Segen, "worüber sie sich recht innig gefreut habe". Im Alter von etwa 16 Jahren hatte Anna Katharina Emmerick ein Berufungserlebnis – nicht im stillen Kämmerlein, sondern auf dem Feld, während der Arbeit im Kreis der Geschwister und Landarbeiter. Es war drei Uhr nachmittags, und sie hörte die Glocke der Nonnen von Coesfeld läuten. Der Klang war ihr vertraut, wie oft hatte sie dem Geläut gelauscht, wenn der Wind günstig war?

Aber diesmal schien alles anders, wie Dr. Wesener notierte: "Dieses Mal wandelte sie ein so unbeschreibliches Gefühl an, dass die Arbeiter ihr zu Hilfe eilen wollten, indem sie einer Ohnmacht nahe war. Es sei ihr vorgekommen, als wenn ihr einer zurief: Du musst ins Kloster, es gehe wie es wolle! Von dem Augenblick an sei auch ihr Entschluss fest gewesen."

Wille und Widerstand

Fortan verfolgte Anna Katharina Emmerick beharrlich ihr Ziel, im Ordensleben ihre Berufung zu verwirklichen – ein schwieriger Entschluss! Denn er traf auf den erbitterten Widerstand der Eltern, und die ärmlichen Lebensverhältnisse der Familie erschwerten diese Absicht zusätzlich. Als Anna Katharina Emmerick sich ihrer Mutter anvertraute, stellte diese ihrer Tochter das Klosterleben "als etwas höchst Beschwerliches" dar. Für Anna Katharina werde es umso enttäuschender sein, "da sie als ein armes Bauernmädchen verachtet und verstoßen würde". Von diesem Gespräch an, berichtete Anna Katharina Emmerick später, habe ihre Mutter "alles angewendet, um ihr diesen Gedanken auszureden".

Aber die junge Frau verfolgte ihre Berufung beharrlich und eigenständig weiter. Der Wunsch nach einem Leben im Orden bedeutete für Anna Katharina Emmerick keineswegs eine Flucht aus ihrer bedrückenden Welt, keine Abkehr von der Not in ihrer Nähe. Glaube war für sie nicht Privatfrömmigkeit. Gebete galten ihr mehr als eine Aneinanderreihung von Bitten um das eigene Wohlergehen. Was ihre Gebete neben dem Gotteslob vor allem sein sollten, verdeutlichte sie Dr. Wesener: "Das Schönste, gottgefälligste Gebet ist übrigens das Gebet für andere." Glaube im Alltag hieß für Anna Katharina Emmerick vor allem Anteilnahme, den Nächsten wahrnehmen, offen für ihn sein.

Die Schriftstellerin und Brentano- Freundin Luise Hensel beispielsweise berichtete über diese spürbare Zuwendung: "Sie nimmt aus Liebe zu den Menschen Teil an allem, was man ihr erzählt." Ihre Alltags-Bewährung zeigte sich beispielhaft an ihrer Zeit im Haus des Coesfelder Organisten Söntgen: Seit Jahren verspürte Anna Katharina Emmerick den dringenden Wunsch nach dem Ordensleben, versuchte ihn auch gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern zu verwirklichen.

Glaubenstiefe und Mitgift

Bedrückt nahm sie wahr, wie für manche Oberin soziale Herkunft und Mitgift von Bewerberinnen mehr zählten als deren innere Bereitschaft. Mühevoll sparte Anna Katharina Emmerick deshalb vom bescheidenen Ertrag ihrer Schneiderarbeit, um auch den materiellen Maßstäben eines Ordens genügen zu können. Da bot sich eine glückliche Chance. Die Klarissen in Münster wollten sie aufnehmen, wenn sie Orgel spielen könne. Also legte Anna Katharina Emmerick Nadel und Faden beiseite und wechselte in den Haushalt des Organisten Söntgen.

Doch es kam anders: so sehr sie Gott im Ordensleben nahe sein mochte, er durchkreuzte ihre Pläne. In den drei Jahren bei Söntgen sollte sie keine einzige Orgelpfeife zum Tönen bringen, dafür aber bis zur Erschöpfung Hausarbeit leisten, häufigen Streit in der Familie schlichten, aus ihrer zurückgelegten Leinwand Kleidung für Söntgens Kinder nähen und mit ihren Ersparnissen Söntgens Gläubiger besänftigen. Vordergründig hätte es kaum schlimmer kommen können: alles verloren, nichts erreicht. Die Klosterpforten für immer verschlossen? Nein, jetzt öffneten sie sich...

Anna Katharina Emmerick akzeptierte die Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld so wie sie waren: die sie demütigenden Mitschwestern im Kloster Agnetenberg, ihre Unfrieden stiftende Schwester Gertrud ebenso wie die lernbehinderte Maria Feldmann, die bei Anna Katharina Emmerick das Schneidern lernte. Maria Feldmann sagte nach ihrer Ausbildung voller Dankbarkeit über die im Alltag erfahrene Güte: "Ich hatte sehr große Zuneigung zu ihr, weil sie mir bei meinem langsamen Begriff mit der größten Sanftmut Unterricht erteilte."

Zuhören und verändern

Anna Katharina Emmerick konnte zuhören, sie konnte Menschen verändern: ihren Hausarzt Dr. Franz Wilhelm Wesener zum Beispiel. Als der junge Mediziner und freisinnige Denker von den Wundmalen hörte, besuchte er Anna Katharina Emmerick rasch, um den spontan vermuteten Betrug nachzuweisen. Das Treffen veränderte sein Leben...  

In vielen intensiven Gesprächen an ihrem Krankenbett entdeckte Wesener nicht nur den tief verschütteten eigenen Glauben wieder; er fand zu praktischer Nächstenliebe, half fortan unentgeltlich mittellosen Kranken und verwundeten Soldaten, setzte sich unermüdlich für die Pockenschutzimpfung ein – und das neben seinen Familienpflichten als Vater von 13 Kindern. Anna Katharina Emmerick leistete in ihrem Alltag, was sie jeweils vermochte.

Selbst schwer krank, nähte sie im Bett aus Stoffresten Hemden und Mützen für Kinder. Auch in der  Krankheit verfiel sie nicht dem Fehlschluss, unnütz, überflüssig und nur noch hinderlich, für andere allenfalls belastend zu sein. Und selbst angesichts ihrer Schmerzen und ihrer eingeschränkten Bewegungsfreiheit behielt sie die Menschen in ihrer Umgebung mit ihren Sorgen und Bedürfnissen im Blick. Anna Katharina Emmerich gewann eine innere Haltung zu Besitz und Geltung, die heute ebensolche Gültigkeit beanspruchen darf wie zu ihren Lebzeiten.

Es war ein Montag, der 17. Mai 1813, als das Gespräch von Dr. Wesender mit Anna Katharina Emmerich in allgemeine Themen abschweifte, weil die Kranke "heiter und ruhig" war. Bald ging es um Reichtum und materielle Werte. Und Anna Katharina Emmerick vertrat Auffassungen, die den Arzt beeindruckten: "Sie sagte, nicht der sei reich, der viel Geld und viele Güter habe, sondern der, welcher immer mehr nach Geld und Gütern trachte, der, dessen ganzes Herz am Geld hänge." Diesen Maßstab sollten Christen unabhängig von der Größe ihres Besitzes an sich legen: Wie sehr halten mich die Gedanken an Geld gefangen?

Anna Katharina Emmerick nahm im Urteil über Besitz eine wichtige Unterscheidung vor: Nicht der Kontostand sage etwas darüber aus, wie sehr sich ein Mensch vom materiellen Streben bestimmen lasse, sondern seine innere Einstellung zum Besitz. Ein Reicher, der nach dem biblischen Bild vom Nadelöhr nicht in das Himmelreich gelangen kann, war für Anna Katharina Emmerick ein Mensch, "welcher seine Güter nicht recht anwendet, oder der immer danach trachtet, und sich immer ängstige, er habe nicht genug". Sie bekräftigte ihre Überzeugung, die innere Haltung zum Geld sei ausschlaggebend. "Hiernach könne ein Mensch, der Tausende besitze, nicht reich sein, und einer, der nur einige Taler habe und sie bei sich bewahre und immer nach mehr geize, im biblischen Sinne reich sein", notierte Wesener Anna Katharina Emmericks Einstellung.

Schau und Entblößung

Eine große Versuchung hatte Anna Katharina Emmerick zu bestehen, als bekannt wurde, dass sie die Wundmale Christi trug. Jetzt hätte sie sich wichtig machen, ihre Person zur Schau stellen können, womöglich hätte sich daraus sogar Kapital schlagen lassen. Ihre Reaktion war ganz anders: Die Neugierigen, die Skeptiker, die Forscher vergrößerten ihr Leid. Zuweilen konnte Anna Katharina Emmerick hautnah nachfühlen, was die Passionsgeschichte ausdrückt, wenn sie auf Jesu Entwürdigung verweist, als er seiner "Kleider beraubt" wurde.

Weil sie sich zurücknehmen wollte, empfand sie das öffentliche Interesse als Entblößung. Nicht anders, als sie zeitweise kaum noch feste Nahrung zu sich nehmen konnte: da ließ sie sich eigens "Schaugerichte" hinstellen, um Besucher von diesem ungewöhnlichen Umstand abzulenken. Das Verhalten der kirchlichen Verantwortlichen bedeutete auch eine Prüfung für den Glauben von Anna Katharina Emmerick.

Manche Untersuchung ihrer Wundmale verlief entwürdigend, manche Befragung feindselig. Als Generalvikar Clemens August Droste zu Vischering eine medizinische Überprüfung verlangte, brachen für die Kranke zehn Tage starker Schmerzen und angstvoller Verwirrung an – teilweise unter ständiger Bewachung durch fremde Männer.

Treue und Tugend

Beharrlich widerstand sie der Möglichkeit, die Wundmale als persönliche Auszeichnung zu sehen. Bescheiden verwies Anna Katharina Emmerick ihre persönlichen Vertrauten auf ihre Schwächen – selbst  noch kurz vor ihrem Tod: "Ach, könnte ich nur auf den höchsten Turm steigen und der ganzen Welt zurufen, dass ich nichts bin als eine armselige Sünderin."

Anna Katharina Emmerick erfuhr ungeachtet aller schweren Prüfungen in ihrem Leben, was Bischof Reinhard Lettmann so umschreibt: "Gott ist treu und steht zu seiner Entscheidung, mit der er uns gewollt hat. Menschliche Treue hat ihren letzten Grund in der Treue Gottes." Für diese Macht der Treue legte Anna Katharina Emmerick Zeugnis ab. Die weitere Charakterisierung dieser Treue im Glauben, wie Bischof Lettmann sie versteht, sagt zugleich viel über die Lebenseinstellung von Anna Katharina Emmerick aus: "Als stille Tugend lärmt sie nicht in den Medien und auf den Straßen und Märkten. Doch sie baut auf. Sie stiftet Vertrauen, schafft Verbindlichkeit und trägt Verantwortung." Letztlich lebte Anna Katharina Emmerick aus einem festen Halt in Gott heraus, der sie ebenso Widerstände durchstehen wie Krankheiten durchleiden ließ.

Während viele ihrer Zeitgenossen nur noch formelhaft kirchliche Handlungen vollzogen oder in anderen Heilslehren Orientierung suchten, stand Anna Katharina Emmerick zu ihrer Glaubensentscheidung: "Welche Religion, welcher Philosoph kann uns so beruhigen wie diese?"

Halt und Gelingen

In ihrem Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen fand Anna Katharina Emmerick die entscheidenden Impulse, um ihren Weg gehen zu können, ihre persönliche Berufung zu leben – an ihrem Ort, mit ihren Möglichkeiten. Anna Katharina Emmerick nahm ihre ganz persönliche Lebensaufgabe so an, wie sie sie verstanden hatte. Diese Erfahrung gelingenden Lebens ungeachtet aller vordergründigen Gebrechlichkeit wollte sie auch anderen als Ermutigung schenken: "Allein lasst uns auf Gott vertrauen und uns an unsere Religion halten! Denn wirklich, gibt es wohl etwas Tröstlicheres auf Erden als diese?"

Text: Dr. Hans-Josef Joest | Foto: Archiv
September 2003

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