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28.05.2017
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Anna Katharina Emmerick

Das Kreuz über dem Grab der seligen Anna Katharina Emmerick in Dülmen.

Annäherungen an eine Selige (2)

Als klinge Vertrautes in der Seele an

Ihre "Visionen" haben sie berühmt gemacht, anderen ist Anna Katharina Emmerick gerade deshalb fremd. Der Priester und Psychoanalytiker Carl Möller erklärt, warum diese "inneren Bilder" jedem etwas sagen müssten.

"Jede Häuserzeile, jeder Winkel strömt etwas aus von dem innigen mystischen Geist der Emmerickzeit." Die Charakterisierung Dülmens durch den Dichter Werner Bergengruen in seinem Buch "Deutsche Reise" gehört ganz und gar vergangenen Zeiten an.

Wer heute – oft von weither kommend – das Grab der Anna Katharina Emmerick in der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen aufsucht, dem weht wohl kaum mehr mystischer Geist entgegen. Trotz der außerordentlichen Renaissance, die die Seligsprechung nicht nur bei den Dülmenern hervorruft, ist sie gerade in ihrer Heimat vielen fremd und mit ihrer "Visionenflut" ein Rätsel geblieben – lebensfremd und alltagsfern. Und doch hat ihr geistliches Erleben etwas Alltägliches, sollte es haben.

In der Mitte meiner Diakonatszeit in der Dülmener Heilig-Kreuz-Gemeinde erkrankte mein Vater schwer und kämpfte bald mit dem Tod. Am vierten Tag kehrte ich von seinem Sterbebett – etwas zögerlich – nach Dülmen zurück. Am späten Abend ging ich in meiner Sorge und Traurigkeit an das Grab von Anna Katharina Emmerick. Nur eine Kerze brannte dort, sonst war es dunkel. Während ich betete, erlosch plötzlich das Licht der Kerze, die eigentlich noch Tage hätte brennen müssen.

Natürlich durchzuckte mich als erstes der Gedanke: "Das ist ein Zeichen. Jetzt ist dein Vater gestorben!" Ich wusste aber auch, dass die Krypta der Kreuzkirche zugig ist. Also versuchte ich, der erloschenen Kerze keine besondere Bedeutung beizumessen und vernünftig zu bleiben.

Merkwürdige Zerissenheit

Eine Weile noch blieb ich im Gebet und kehrte dann in mein Zimmer zurück. Ich war gerade eingeschlafen, als das Telefon klingelte und ich die Nachricht vom Tod meines Vaters erhielt.

Dieses Ereignis führt mitten in eine merkwürdige Zerrissenheit zutiefst persönlicher religiöser Erfahrung hinein. Das äußere Zeichen: die erlöschende Kerze. Dieses äußere Bild löst in mir eine merkwürdige spontane Gewissheit aus, die durch ein inneres Bild noch gestützt wird: Das Bild des gestorbenen, des toten Vaters. Die Intuition unterstellt einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen Kerze und sterbendem Vater. Das Erlöschen der Kerze wird zum Symbol für ein erlöschendes Lebenslicht. Der Verstand lenkt gegen und mahnt, nicht zu schnell in die Nähe von Einbildung, Magie, okkultem Phänomen oder gar in die Nähe eines krankhaften Verhaltens zu geraten, wie es sich in verzweifelten Situationen durchaus ereignen kann.

Die so genannten "mystischen" Erfahrungen Anna Katharina Emmericks standen in eben diesem Spannungsverhältnis. Ich bin davon überzeugt, dass die künftige Selige von einer wirklich tiefen, authentischen, gesunden Religiosität erfüllt war.

Neuer Erlebnishorizont

Was bedeutet das also konkret? Für den, dem eine solche "authentische religiöse Erfahrung" zuteil wird, ist es, als durchschreite er eine bisher verschlossen gebliebene Tür, ein neuer Erlebnishorizont öffnet sich – die Ebene des rein Innerweltlichen wird überschritten.

Für Anna Katharina Emmerick war das kein Problem, sie lebte von Kindheit an in diesen beiden Welten, der irdischen und der himmlischen. Gleichwohl bleiben diese Phänomene ihrer Visionen vielen Menschen verschlossen und fremd –und gleichzeitig wieder erschreckend anziehend... Was hat es also damit auf sich?

Auch wenn visionäres Erleben eine große geistliche Gabe sein mag: Visionen sind zunächst nichts außerordentlich Hervorgehobenes, das nur großen Mystikern vorbehalten ist. Es geht um eine "natürliche, ganz normale " Fähigkeit der menschlichen Psyche, nämlich: Bilder aus dem Unbewussten erstehen zu lassen und gegebenenfalls zu verarbeiten.

Um schwierige Zusammenhänge, um Unaussprechliches auszudrücken, greifen wir zu Bildern – etwa in der Sprache der Mythologie, der Märchen, in den heiligen Schriften der Religionen: der brennende Dornbusch, Wasser in Wein verwandeln, die Lilien auf dem Felde, der Schatz im Acker... Jesus spricht zu seinen Jüngern in Form von Gleichnissen und Bildern. Dadurch gelingt es, die Menschen tiefer zu berühren, als es mit dem Verstand möglich wäre. Zugleich dringt er über den bildhaften Ausdruck in Gleichnissen zur tieferen Wahrheit seiner Botschaft vor. Es scheint als klinge dadurch dem Menschen Vertrautes in seiner Seele an: Ich werde berührt. Ich finde mich darin wieder, es erschließt sich mir etwas, es öffnet sich mir...

Innenbilder, Außenbilder

Der Mensch, der seit Jahrtausenden Bilder hervorbringt – beginnend mit den Höhlenmalereien der Frühzeit – hat demnach einerseits die Fähigkeit, eine unzählige Variation von Bildern aus dem Urgrund seiner Psyche hervorzuholen. Andererseits wird er durch Außenbilder in der Tiefe seiner Seele angesprochen: Still am Ufer sitzen und auf den Fluss, das Fließende des Wassers schauen; Meer und Sonnenuntergang sind solche "ansprechenden" Außenbilder. Er wird positiv wie negativ angerührt, denn die Bilder sind in ihrer gefühlsmäßigen Aufladung sehr unterschiedlich.

Eine weitere Kategorie menschlichen Bild-Erlebens sind Träume in der Nacht. Traumbilder erscheinen in präziser Klarheit, können aber ebenso diffus und verwirrend wirken. Traumbilder haben eine unterschiedlich intensive, emotionale Dichte. Häufig können wir uns gar nicht mehr an sie erinnern, und doch können sie aufgrund ihrer Gefühlsdichte unsere Tagesstimmung erheblich beeinflussen.

Dass der Mensch jede Nacht mehrfach träumt, ist wissenschaftlich unumstritten; dass Träume zur Psychohygiene des Menschen lebensnotwendig sind, ebenfalls. Das bedeutet, dass Träume vor psychischen Blockaden schützen bzw. diese auflösen können.

Seele als Motor

Sowohl Aspekte tiefenpsychologischer Erkenntnisse der vergangenen Jahrhunderte als auch die jüngsten Ergebnisse der Neurologie, allen voran die Untersuchungen des Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther, sprechen der Seele eine Wirklichkeit zu, die im Menschen eigenständig und schöpferisch wirkt: d. h. die Seele ist gleichsam der Motor dafür, dass es den Menschen zur Entfaltung und Selbstfindung drängt. Dieses "Zu sich selbst finden" ist aber kein Kreisen um sich selbst, sondern der schöpferische Anstoß, seiner Lebensberufung bewusst zu werden und sie zu entfalten. In religiöse Sprache übersetzt könnte das auch heißen: lernen, auf die Stimme Gottes in mir zu hören. "Bilder-Denken" ist nichts Primitives, das modernen wissenschaftlichen Methoden widerspräche, weil es zu vage, undifferenziert erschiene.

Dass Träume Botschaften Gottes enthielten, stand für die Träumenden im Alten wie im Neuen Testament außer Frage. Johannes Bours, der langjährige Spiritual des Priesterseminars in Münster, entdeckte in der Tiefe des menschlichen Unbewussten einen Raum, aus dem göttliche Botschaften ins Bewusstsein des Menschen drängen. Die biblischen Träume sind nicht nur für ihn Orte der Gottesbegegnung, Räume der Offenbarung, Räume der Wahrhaftigkeit.

Visionäres Erleben, wie es Anna Katharina Emmerick und zahlreichen anderen Mystikern als Gabe und Aufgabe Gottes zugefallen oder auch auferlegt worden ist, ist eine weitere Stufe auf dem Weg der Möglichkeiten bildhaften Erlebens beim Menschen. In der Vision hat die Seele unverstellt Kontakt zum göttlichen Kern.

Schöpferisches Bilderelben

Der Vision ist zwar das bildhafte Erleben mit den genannten Bereichen wie Mythologie, Märchen, Weisheitsliteratur und Kunst gleich, aber sie steht aufgrund ihrer religiösen Dimension in einem nicht nur vermittelten, sondern unmittelbaren Kontakt mit dem Quellgrund, mit der Inspiration für ein solches "schöpferisches Bilderleben": Gott. Denn in jeder einer solchen Vision geht es immer um die Offenbarung Gottes in der Welt – sei es durch die geschenkte konkrete Anschauung Gottes, sei es durch die tief im Menschen angelegte, so genannte archetypische Symbolsprache dieser inneren Bilder.

In Träumen bleiben die Inhalte der Bilder meistens so symbolhaft verschlüsselt, dass genügend Ich-Persönlichkeit als Schutzmauer bestehen bleibt, um von ihren Inhalten nicht überflutet zu werden. Je mehr Schutzmauern jedoch – im guten, nicht im krankhaften Sinn – niedergerissen sind, desto unmittelbarer wird die Gegenwart Gottes, seine Offenbarung, wahrgenommen: bis hin zur "Schau Gottes".

Ein Gottesbild ist nicht Gott

Aus der Sicht einer psychologischen Entwicklung bricht für Anna Katharina die Schutzmauer ihrer Erziehung, ihres anerzogenen, dunklen Bildes eines strafenden, den Menschen überfordernden Gottes mit allem auch krankmachenden Potenzial. Wichtig: Ein Bild von Gott, das sich entwickelt hat durch die elterliche und kirchliche Erziehung, ist nicht schon Gott selber. Gott muss sich Bahn brechen durch die Mauer unserer Eigenbilder von Gott, bis sich sein wahres Bild offenbaren kann, das er der Seele von Anfang an eingeprägt hat.

Das ganze spätere Verhalten von Anna Katharina Emmerick zeigt die wachsende Gewissheit, dass sie dem liebenden Gott ganz vertrauen kann. Das Schauen öffnet die Tür zum Unbewussten und dem darin verankerten Urbild der Seele: ein liebender Gott.

Text: Dr. Carl Möller | Foto: Michael Bönte
09.09.04

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