Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Dokumentiert: Vortrag von Bischof Genn beim Hausfest in Lantershofen
26.05.2016
Artikel drucken
Logo kirchensite.

Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn beim Hausfest in Lantershofen

Lantershofen. Bischof Felix Genn hielt beim Hausfest in Lantershofen am Montag (14.05.2012) einen Vortrag zum Thema "Welche Priester braucht die Kirche?" bei der Feier zum 40-jährigen Bestehen des Studienhauses St. Lambert. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seines Vortrages.

Verehrter, lieber Bischof Stephan, sehr geehrter Herr Regens, lieber Michael, sehr geehrter Herr Subregens, sehr geehrter Herr Spiritual, meine Damen und Herren Professoren und Dozenten, sehr geehrte, liebe Seminaristen, verehrte Gäste!

"Bischof träumt – der ideale Priester": So betitelte die Rheinzeitung am Mittwoch, 13.05.1992, ihren Bericht über die 20-Jahr-Feier des Studienhauses St. Lambert hier in Lantershofen. Mit diesem Titel nahm sie Bezug auf den Vortrag, den der damalige Trierer Bischof, Dr. Hermann-Josef Spital, beim Festakt zu diesem Anlass gehalten hat. Das Trierer Bistumsblatt Paulinus hat in seiner Ausgabe vom 17.05.1992 den Titel "Priesterträume und andere Wunschbilder" gewählt.

Wünsche eines Bischofs und Träume eines Bischofs von den zukünftigen Priestern – das könnte auch heute noch ein Bischof formulieren – so meinte jedenfalls Regens Dr. Bollig, als er mich zu diesem Festvortrag einlud. Er gab mir als Arbeitstitel: "Was ich mir für Priester wünsche". Ausdrücklich hat er nicht von einem idealen Priester gesprochen. In der Einladung zu diesem Festakt haben Sie gesehen, dass das Thema für meinen Vortrag viel objektiver und nüchterner formuliert worden ist, aber nicht weniger anspruchsvoll.

Ich soll also heute darüber sprechen, welche Priester die Kirche braucht. Ich soll nicht sagen, welche ich mir wünsche, welche ich mir erträume, sondern welche Priester die Kirche braucht. Dahinter steckt sicherlich die Vorstellung, dass ein Bischof das auf jeden Fall wissen muss, weil er die Richtung für die Kirche vorgibt, um so zu sagen, welche Priester für diese Richtung gebraucht werden. Selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, von der Kirche im Heute zu sprechen, von ihren Notwendigkeiten und Bedürfnissen und dementsprechend auch von der Notwendigkeit für den priesterlichen Dienst im Heute. Selbstverständlich ist dabei auch vorausgesetzt, dass der Bischof dem klassischen katholischen Glaubensverständnis gemäß durch die Spendung des Sakramentes der Priesterweihe mit den Priestern in einer besonderen sakramentalen Gemeinschaft verbunden ist. Deshalb wird er sich auch die Priester aussuchen, die er von seinem Auftrag als Hirte der Teilkirche, der er vorsteht, für notwendig erachtet, und wird voraussetzen, dass die Priester, die er dann auswählt, sich mit diesen Notwendigkeiten konform erklären.

Verehrte Gäste, liebe Schwestern und Brüder, diese Selbstverständlichkeiten gelten aber so ohne Weiteres gar nicht mehr. Weder hat der Bischof die Richtung für die Kirche vorzugeben, noch kann er unbedingt voraussetzen, dass er die Priester bekommt, die er für seine von ihm entworfenen Notwendigkeiten sich vorstellt, noch darf er ohne Weiteres voraussetzen, dass das Gehorsamsversprechen, das bei der Diakonen- und Priesterweihe abgelegt wird, vom Gottesvolk verstanden und von den Priestern immer eingehalten wird. Es kann also sein, dass er für die Kirche einen ganz bestimmten Priestertypus als notwendig und unbedingt zu brauchen ansieht, dass aber gerade darin schon die Geister sich scheiden, und vieles von dem sich widerspiegelt, was in der derzeitigen kirchengeschichtlichen Stunde für den Weg der Kirche in unserem Heute kontrovers diskutiert wird.

Andere werden einer solchen Frage, welche Priester die Kirche braucht, gerade auch heute, gegen halten, dass die Kirche die Priester braucht, die sie immer gebraucht hat, nämlich solche, die den Auftrag des Apostolischen Amtes, Zeuge der Auferstehung zu sein und dies in Wort, Sakrament und im Dienst der Liebe, realisieren. Von daher würde sich sogar ein Vortrag erübrigen. Die Antwort wäre klar: Die Kirche braucht als Priester Zeugen der Auferstehung, und dies sind sie durch die Verkündigung des Wortes Gottes, durch die Feier der Sakramente und durch den Dienst tätiger Liebe. Das alles bündeln sie im Dienst der Leitung der ihnen vom Bischof anvertrauten Gemeinde im Verbund mit dem Bischof und mit der Gesamtkirche. Durch ihr zölibatäres Leben, das ohne den Zusammenhang der Evangelischen Räte immer weniger gedacht werden kann, geben sie auch existentiell Zeugnis davon. Das alles ist richtig, stimmig, würde sogar einen gemeinsamen Nenner über alle Diskussionen hinweg ermöglichen.

Ich möchte, dies alles vorausgesetzt und nichts davon zurücknehmend, die objektive Fragestellung dieses Vortrages gerne aber auch verknüpfen mit dem, was Regens Dr. Bollig mir bei der Einladung zu diesem Vortrag ans Herz gelegt hat: Zu sagen, was ich mir wünsche, wenn ich an die Situation der Kirche in unserem Heute denke. Ich kann das schlicht in einem Satz zusammenfassen: Ich wünsche mir einen Priester für die Kirche in unserem Heute, der liebt. Einen liebenden Menschen wünsche ich mir, und ich bin davon überzeugt, dass die Kirche gerade einen solchen Priester heute braucht. Ich darf Sie dabei erinnern an das Wort von Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika "Deus caritas est": "Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen. Er weiß, dass Gott Liebe ist und gerade dann gegenwärtig wird, wenn nichts als Liebe getan wird. Er weiß, dass die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das beste Zeugnis für den Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt" (31).

Ich kann diese Kernaussage gut verbinden mit dem Wort, das Papst Benedikt XVI. bei seiner berühmten Freiburger Rede gesagt hat, in der er die Liebe als das Einfachste und Schwerste zugleich bezeichnet und als das einzige Mittel, mit dem wir die Menschen, die uns begegnen, zu dem führen, der uns innerlicher ist als wir uns selbst (vgl. Freiburger Rede des Deutschlandbesuches von Papst Benedikt XVI.)

Ich möchte von dieser Liebe in drei Dimensionen sprechen:

1. Ein Priester ist ein Mensch, der die Menschen liebt, der sie von Herzen liebt.

Wenn ich gefragt werde, was ich für wesentlich wichtig im priesterlichen Dienst halte, und was sich dementsprechend auch für die Ausbildung ergibt, antworte ich immer spontan: "Ein Priester ist jemand, der die Menschen von Herzen liebt, weil er Gott liebt." Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass gerade die Liebe das ist, was die Kirche heute für ihren Dienst und Auftrag in der Welt braucht.

Dabei können wir Papst Benedikt XVI. unmittelbar recht geben: "Sie ist das Einfachste und Schwerste zugleich." Sie ist das Einfachste, weil wir von Kindsbeinen an wissen, was Liebe und geliebt werden bedeutet. Aus dem Urakt der Liebe sind wir entstanden, der Urakt der Liebe ist es, der uns angelächelt hat, der uns gezeigt hat: "Es ist gut, dass es Dich gibt. Es ist gut, dass es Welt, Schöpfung, den Menschen gibt." In der Erfahrung der Liebe, die wir von Kind an machen durften, haben wir das Gutsein der Wirklichkeit ohne jegliche philosophische Reflektion unmittelbar erleben dürfen. Jeder, der einmal von ganzem Herzen selbstlos auf eine Tat der Liebe zurückgeblickt hat, wird sagen können: "Es war ganz einfach." Es ist deshalb so einfach, weil es unserem innersten Wesen entspricht, lieben zu können. Es entspricht unserem Wesen und unserer tiefsten Sehnsucht. Wir wissen, wie verwandelnd Liebe sein kann, wie Menschen sich plötzlich verändern, weil sie eine Erfahrung der Liebe gemacht haben, weil sie sich geliebt wissen.

Zugleich wissen wir aber auch, dass sie sehr schwer sein kann. Gerade wenn Menschen diese Urerfahrung des Geliebtwerdens nicht machen, sondern angesichts dieser Beschreibung schon ihre Wunden spüren, wird deutlich und offenbar, dass diese schöne Wirklichkeit, die so sehr unserer Sehnsucht und unserem Wesen entspricht, tief verletzt werden kann. Und weiter: Wie schwer kann es sein, Liebe wirklich zu üben – keiner hier im Raum kann diesen Satz nicht bestätigen! Wenn die Kirche in leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit das Tun der Liebe gewissermaßen systematisiert hat, dann hängt das genau mit dieser Erfahrung verwundeter Liebe zusammen. Schauen wir auf diese einzelnen Werke, wissen wir unmittelbar, es kann sehr schwer sein zu lieben. Es kann noch leicht sein, die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu tränken, die Nackten zu bekleiden, aber es kann schon schwer werden, bestimmte Kranke zu besuchen, und erst recht, wenn es darum geht, einen Sünder zurecht zu weisen oder einem Zweifelnden recht zu raten, oder einen Lästigen geduldig zu ertragen und denen, die uns beleidigen, gerne zu verzeihen.

Und doch, um auch hier Papst Benedikt XVI. zu folgen, sind genau diese Taten der Liebe das Beste an Zeugnis, das wir der Welt von der Auferstehungsbotschaft geben können, von der Botschaft, dass Gott einen wunderbaren Tausch an uns vollzogen hat, als Gott sterblicher Mensch wurde, damit wir sterbliche Menschen in Christus sein göttliches Leben empfangen.

Nun werden Sie sagen, das dies noch nichts Spezifisches für einen Priester sagt, sondern für jeden Christen gilt. In der Tat: Aber der Priester bleibt ja Christ, insofern kann er sich dieser Grundverpflichtung gar nicht entledigen. Aber in seinem Tun, nämlich in den eben genannten Vollzügen der Verkündigung und der Sakramentenspendung, im Dienst der Leitung wäre alles unnütz, wenn er nicht von der Liebe getragen und erfüllt wäre. Auch hier gilt das Wort des Apostels Paulus aus dem Hohenlied der Liebe im ersten Korintherbrief: "Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts (1 Kor 13, 1-3). Gerade weil der Priester liebt, wird er ein ringender, suchender Mensch sein, ringend um das Wort, damit es wirklich in den Herzen der Menschen Frucht bringt, suchend mit den Suchenden, fragend mit den Fragenden.

Eine Dimension ist dabei besonders wichtig: Weil er liebt, wird er aushalten, dass er zur Botschaft nie zwingen kann. Er wird aushalten, ohnmächtig zu bleiben, scheinbar nichts bewirken zu können. Er wird in Liebe aushalten, was schon der Prophet Jesaja sagt: "Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott" (Jes 49,4). Als liebender Hirte wird er keinen Menschen aufgeben, sondern gerade für diejenigen ein Beter, bei denen er nicht ankommt. Nur ein liebender Priester wird existentiell vollziehen können, was der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, Roger Schutz, einmal gesagt hat: "Wir begreifen, dass Christus jedem die Freiheit lässt, sich für ihn zu entscheiden oder ihn abzulehnen. Er zwingt niemanden. Seit bald 2000 Jahren steht er in Einfachheit vor unseren Menschenherzen und klopft an: Liebst Du mich? Bleibst Du bei mir, um zu wachen und für alle zu beten, die am heutigen Tag, irgendwo auf der Erde, von denen, die sie lieben, verlassen werden, die Hass oder Folter ausgesetzt sind? Selbst, wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, wir alle können uns in der Gegenwart des Auferstandenen halten. In langen Zeiten der Stille, in denen nach außen hin nichts Entscheidendes geschieht, macht sich das Beste in uns breit, bauen wir uns im Innern auf."(1)

2. Der Priester ist ein Christus liebender Mensch

Liebe Schwestern und Brüder, verehrte Damen und Herren, aus den Exerzitien, den geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola, habe ich etwas Fundamentales gelernt: Liebe ist nicht machbar. Man kann sie nicht befehlen. Natürlich weiß ich, dass ich den Nächsten lieben soll, wie mich selbst. Natürlich kann ich immer wieder aufrufen und Appelle formulieren, geduldig zu sein, zu verzeihen, in Liebe den anderen zu ertragen und so fort. Am Ende der Exerzitien lädt der heilige Ignatius den Beter ein, die Liebe zu betrachten, um sie zu erlangen. Das scheint mir der richtige und einzige Weg zu sein, um ein liebender Mensch zu werden. Wenn ich die Liebe erlangen will, ein liebender Mensch werden möchte, ist es notwendig, dass ich mich von ihr erfüllen lasse. Indem ich Gottes Liebe anschaue, indem ich den Herrn am Kreuz betrachte, indem ich mir vergegenwärtige, was Gott alles in Schöpfung und Erlösung für mich getan hat, und wie er sich für mich abmüht, um mir auch noch besondere Gaben zu schenken, indem ich anschaue, dass diese Liebe von Gott herabfließt wie das Wasser aus der Quelle, werde ich innerlich erfüllt davon und so zur Antwort der liebenden Hingabe fähig.

Das ist genau der Sinn der priesterlichen Formation und Ausbildung in einem Seminar. Hier wird mir ein geschützter Raum zur Verfügung gestellt, in eine Beziehung zu Jesus hineinzuwachsen, zu dem, der diese Quelle der Liebe erschlossen hat, weil er selber aus dieser Liebe lebte, aus der Einheit mit dem Vater, aus dem Geist, der in Gott lebt und wirkt. Der Priester wird dann ein liebender Mensch sein, der "die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen von heute" (GS 1) nicht nur wahrnimmt, sondern auch aufnimmt und sie sich zu Eigen macht, weil er in der tiefen Verbindung mit dem steht, der unsere Trauer und Angst als unser Hoherpriester auf sich genommen hat, so wie es klassisch der Hebräerbrief sagt: "Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4, 15-16).

Aber diesen Jesus kann ich lieben lernen, weil er mich zur Freundschaft einlädt: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe" (Joh 15, 15). In dieser Freundschaft aber ist es möglich, es ihm gleich zu tun, der von sich sagt: "Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn (Joh 5, 19). In dieser Freundschaft ist es möglich, mit ihm als dem Menschgewordenen und Auferstandenen in unserem Heute gegenwärtig zu leben, so dass wir geradezu mit ihm gleichzeitig werden. Das ist auch der innere Sinn der Evangelischen Räte, des Gehorsams, der Armut und der Jungfräulichkeit. Das ist also auch der innere Sinn der zölibatären Lebensform: Mit diesem Freund so verbunden zu sein, dass ich ihm alles schenken kann, was er mir geschenkt hat, dass ich ihm also nicht etwas schenke, was schlecht ist, oder auf etwas verzichte, weil es schlecht ist, sondern gerade auf etwas verzichte, weil es schön und gut ist. Deshalb erscheint es mir wichtig, der Welt davon in der Kirche heute Zeugnis zu geben und so Zeuge der Auferstehung, eines immerwährenden ewigen Lebens zu sein: Ein Mensch zu werden, der von Christus einfach entzündet ist. Ich möchte diesen Gedanken abschließen mit einem Text des früheren Generals der Gesellschaft Jesu, Pater Pedro Arrupe: "Für mich ist Jesus Christus alles. Nur so kann ich ausdrücken, was Jesus Christus in meinem Leben bedeutet: alles. Er war und ist mein Ideal seit meinem Eintritt in die Gesellschaft Jesu, er war und bleibt mein Weg, er war und ist immer noch meine Stärke. Ich denke, es ist nicht nötig, viel zu erklären, was das heißt: Nehmen Sie Christus aus meinem Leben, und alles wird zusammenstürzen, wie ein Körper, dem man das Skelett, den Kopf und das Herz wegnimmt."(2)

3. Deshalb braucht die Kirche heute Priester, die die Kirche lieben.

Dies ist ein heikles Kapitel. Wir wissen, wie angefochten die Kirche ist. Wir wissen auch, wie sehr wir von ihr enttäuscht sind, weil sie einfach nicht so ist, wie sie sein soll, und wie wir sie gern hätten.

Kürzlich machte mich jemand darauf aufmerksam, dass Kardinal Ratzinger einmal versucht hat, den Hass gegen die Kirche zu analysieren. Er spricht davon, dass die Angriffe gegen die Kirche, ja geradezu die blinde Wut und Feindschaft mit einer tiefen Enttäuschung zusammenhängen können: Man erwartet von der Kirche etwas Ideales, Reines, Heiliges und ist umso bitterer enttäuscht, dass sie gerade das nicht ist. Wie gut könnte es sein, wenn sie so wäre! Da sie aber nicht so ist, wendet man sich aufgrund der Erfahrung mit ihr gegen sie, man kann sogar soweit gehen, sie wirklich zu hassen. Kennen wir nicht diese Momente auch in unserem eigenen Innern? Aber fängt nicht hier vielleicht gerade das geistige Werk der Barmherzigkeit an, die Lästigen zu ertragen, denen, die uns beleidigen, gern zu verzeihen? Beginnt nicht hier gerade jene Bewegung, mit der Papst Benedikt XVI. seine Freiburger Rede eingeleitet hat, indem er auf das Wort von Mutter Teresa verwies, dass die Kirche sich in der Tat ändern müsse, aber dass es mit mir und Dir beginnt? Kann Liebe zur Kirche nicht gerade da beginnen, mich selbst als eines der unvollkommenen Glieder der Kirche zu lieben? Weil ich hier vor Priesterkandidaten spreche, muss ich unmittelbar an das Wort von Georges Bernanos in seinem Tagebuch eines Landpfarrers denken: "Es ist leichter, als man glaubt, sich zu hassen. Die Gnade besteht darin, dass man sich vergisst. Wenn aber endlich aller Stolz gestorben ist, dann wäre die Gnade der Gnaden, demütig sich selbst zu lieben als irgendeines der leidenden Glieder Christi."(3)

Aber schauen wir noch einmal von Christus her auf die Kirche. Wir sprechen gut biblisch von ihr als seinem Leib, ja sogar als seiner Braut. Wenn das wirklich wahr ist, können wir sie dann noch verachten, müssen wir sie dann eigentlich nicht lieben? Wenn sie sein Leib ist, seine Braut, was ist er dann um sie bemüht, sie immer wieder neu zu reinigen und zu heiligen, wie es der Epheserbrief sehr deutlich sagt: "… wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos" (Eph 5, 25-27). Wenn einer das Recht gehabt hätte im Laufe der Kirchengeschichte, ihr den Scheidebrief zu geben, dann doch wohl sicherlich er als Erster! Ich erinnere hier daran, dass die Kirchenväter die Kirche oft als die keusche Hure bezeichnet haben, um beide Wirklichkeiten in ihr auf eine sehr pointierte Weise bildlich zum Ausdruck zu bringen.

Kann man sie nicht wirklich lieben, weil er sie liebt, weil er in ihr rein und unverfälscht sein Wort und seine Gnadengaben in den Sakramenten bewahrt? Kann man sie nicht lieben, weil sie uns Maria schenkt, in der der reinste Typus der Kirche mitten unter uns gegenwärtig ist, so dass wir sie als die Immaculata und so als die Mutter und Fürsprecherin anrufen können? Können wir sie nicht lieben, weil so viele Schwestern und Brüder im Laufe der Geschichte trotz ihrer Sünde zu einem Zeugnis großer Heiligkeit gelangt sind?

Pater Günter Gerhartz SJ, der lange Jahre als Spiritual hier in Lantershofen gewirkt hat, hat mich vor fast 20 Jahren bei einem Vortrag vor den deutschen Spiritualen auf die Kirchensituation zur Zeit der Gründung der Gesellschaft Jesu aufmerksam gemacht. Im Jahr 1538 gründete Ignatius die Gesellschaft Jesu, zu einer Zeit, da die Kirche eine wirklich marode Gestalt hatte. Vier Wochen, nachdem Papst Paul III. die Gründungsurkunde unterzeichnet hat, wird im Vatikan in einem rauschenden Fest die Hochzeit des Enkels von eben diesem Paul III. mit Margaretha von Österreich gefeiert. In einer solchen Situation stellt sich Ignatius der Kirche zur Verfügung und schreibt Jahre später in seinem Exerzitienbuch einige Regeln, denen er den Titel gibt: "Regeln, um das wahre Fühlen zu erlangen, das wir in der Dienst tuenden Kirche haben sollen" (EB 352-370). Er beginnt dabei mit dem Lob, und er spricht nie über den Tadel.

Wie würden wir es heute machen? Braucht die Kirche nicht heute in einer Situation, die uns viele Missbräuche, gerade auch derer gezeigt hat, die in ihr Dienst tun, Menschen, die sie wirklich loben, weil in ihr das Wort der Schrift, die Sakramente, Maria und die Heiligen zu finden sind - trotz allem, weil in ihr trotz allem auch heute Menschen keusch, arm und gehorsam leben, weil in ihr junge Männer trotz allem den aufrechten Willen haben, die Freundschaft zu Christus in Reinheit, Armut und Gehorsam zu leben? Oder haben wir uns so an die Sünde in der Kirche gewöhnt, dass wir ihr nicht mehr zutrauen, sich reinigen zu können?

4. Schluss

Verehrte Gäste, liebe Schwestern und Brüder, welche Priester die Kirche brauche, und was ein Bischof sich für seine Priester wünscht, dazu sollte ich heute einige Anmerkungen machen. Ich schließe mit dieser Provokation: Die Kirche braucht Menschen als Priester, die lieben, die die Menschen lieben, die Christus lieben, die die Kirche lieben. Ja, sie braucht gerade heute Priester, die nicht aufgeben wie Jesus seine Kirche zu lieben, die aber deshalb nichts vertuschen, nichts Falsches wahr nennen, nichts Unreines rein, sondern die versuchen, in den Blick Jesu hineinzugehen, den er nach der Verleugnung dem Petrus zuwirft, so dass Petrus bitterlich weint. Die Kirche braucht Priester, die nicht nur in diesen Blick Jesu hineingehen, um aus ihm auf die Kirche zu blicken, sondern die sich diesen Blick Jesu als Erster gefallen lassen und die diesen Blick aushalten, ihn betrachten, um so noch tiefere Liebe zu erlangen. Denn: Bleibend gilt, was der heilige Augustinus im Zusammenhang mit der Übernahme des bischöflichen Amtes gesagt hat, als er auf die dreimalige Frage des Herrn an Petrus schaut: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?" (Joh 21, 15). Augustinus betrachtet diese dreimalige Frage des Herrn und schließt: "Nach der Liebe wurde gefragt und dann die Last auferlegt. Wo die Liebe größer wird, da wird die Last leichter." (4)

In diesem Sinne möchte ich gerade die Seminaristen ermutigen, sich durch nichts und niemanden, weder durch Hetze oder Stress, weder durch Belastungen der Strukturreformen noch durch Skandale irgendwelcher Art ins Burnout drängen zu lassen, sondern burning persons zu werden – brennende Personen, die sich gerade in der Zeit ihrer Formation tagaus tagein zu der brennenden Person, nämlich dem Herrn selbst, hinbewegen, um alles ausbrennen zu lassen, was ihm entgegensteht, damit sie mehr und mehr von seiner Liebe erfüllt werden.

Ich wünsche diesem Haus hier noch viele Jahre und Jahrzehnte, weil es einen guten Rahmen bietet Menschen zu helfen das zu verwirklichen, was Papst Benedikt XVI. mit dem eingangs zitierten Wort meint, mit dem ich auch schließen will: "Der Christ weiß, dass die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das beste Zeugnis für den Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt. Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen, und nur einfach die Liebe reden zu lassen. Er weiß, dass Gott Liebe ist und gerade dann gegenwärtig wird, wenn nichts als Liebe getan wird" (Deus caritas est 31). Diese Stätte hier kann helfen, dass der Christ das weiß, dass der zukünftige Priester es lernt, um es ein Leben lang nicht mehr zu vergessen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Anmerkungen:

(1) Kreuzweg, Mutter Teresa – Frère Roger, ausgewählt und herausgegeben von der Gemeinschaft von Taizè, Freiburg 1984, 54.
(2) Diesen Text habe ich von Pater Josef Maureder SJ während persönlicher Exerzitien empfangen.
(3) G. Bernanos, Tagebuch eines Landpfarrers, Neuausgabe Freiburg 2007, 331.
(4) Augustinus, Serm. 340,1: PL38,14, 183f.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Gelix Genn
14.05.2012

Übersicht: Katholikentag

Vom 25. bis 29. Mai findet in Leipzig der 100. Deutsche Katholikentag statt.

Haus der Seelsorge

Die Klosterfürbitte, der Gruppen-Chat und die E-Mail-Seelsorge haben seit dem 1. Mai 2016 eine eigene Internetseite: www.haus-der-seelsorge.de.

Glaubenswissen

Katholikentage: Impulse für Kirche und Gesellschaft.

Der Leib Christi

Gedanken zum Empfang der Eucharistie.

Abschied vom "Breul"

Das Bistum Münster plant den Bau eines neuen Wohnheims für 200 Studierende in Münster.

Beratung – Hilfe - Unterstützung

Die Kirche hält eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote bereit, Menschen in individueller Notsituation zu unterstützen und ihnen zu helfen.

VIDEO-Tipp ...

kirchensite.de-Serie begleitet Neupriester.

Heilige und Selige

Das Bistum Münster kann auf viele Frauen und Männer zurückblicken, die ein herausragendes Zeugnis für den christlichen Glauben abgelegt haben.

Jahr der Barmherzigkeit

Am 8. Dezember hat Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet.

Dossier: Maria - Mutter Jesu

Dieses kirchensite.de-Dossier stellt Informationen über die Muttergottes zusammen.

Fronleichnam

"Demo" des Glaubens und typisch katholisch.

Moderne Sklaverei

Papst Franziskus hat Lohndumping und Schwarzarbeit als "Todsünden" verurteilt.

Dossier Wallfahrt

Seit Jahrhunderten machen sich Christen auf den Weg, um unterwegs Gott ein Stück näher zu kommen.

Bibelarbeiten

Die Bibelarbeiten befassen sich mit Schriftstellen aus dem Alten und Neuen Testament und eignen sich für die Gemeindearbeit und für die persönliche Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift.

Bischöfliches Offizialat Vechta

Weltweit einzigartig.

Wallfahrtsorte

Heek: Heiliges Kreuz.

Verbände

Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands.

Familienkreise

Austausch mit Gleichgesinnten.

Ausländerseelsorge

Der Glaube spricht viele Sprachen im Bistum Münster.

Regionen

Niederrhein.

Kirche von A bis Z

Wallfahrt: Gott besonders nahe.

Durch das Jahr

Maiandachten zum Herunterladen.

Geistlicher Impuls

Geistliche Musik: Ave Maria – Gegrüßet seist du, Maria.

Mit der Bibel leben

Der Glaube Marias.

Heiligenlexikon

30. Mai: Heilige Reinhild von Westerkappeln.

Glaubens-ABC

Beten: Sein vor Gott.

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand