Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn beim Jubiläum des St.-Josef-Gymnasiums
Bochholt. Bischof Felix Genn feierte am Samstag (21.01.2012) einen Gottesdienst beim 100-jährigen Jubiläum des St.-Josef-Gymnasiums in Bocholt. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, Ihr werdet in diesem Jahr, liebe Schülerinnen und Schüler, einen runden Geburtstag Eurer Schule ausgiebig feiern können. Zwar ist es nicht Euer Lebensalter, aber allein an diesem Jubiläum seht Ihr, wie sehr Ihr eingefügt seid in die Geschichte dieses Gymnasiums seit hundert Jahren. Wie es bei einem Geburtstag üblich ist, gibt es viele Programmpunkte, in die Ihr einbezogen werdet. Der Bogen wird geschlagen vom heutigen Gottesdienst, bis Ihr dann zum Ende dieses Jubiläums aufbrechen werdet als Schulgemeinschaft in die Ewige Stadt Rom. Dieses Jubiläum gibt Euch auch die Möglichkeit auf das zu schauen, worum es eigentlich geht, wenn wir von einer katholischen Schule sprechen.
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Schülerinnen und Schüler, heute Morgen beginnt diese Besinnung mit einem Dank. Wofür danken wir eigentlich? Als Schüler hat man nicht als erstes den Dank auf den Lippen, wenn man an die Schule denkt. Da kommen einem ganz andere Gefühle, Erinnerungen und Gedanken, und doch ist es ja interessant zu sehen, dass aus einem gewissen Abstand heraus, wenn die Belastung von Prüfungen und Schulalltag hinter einem liegen, möglicherweise für sehr, sehr viele doch auch der Horizont aufscheint: Es war gut, am Kapu gewesen zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass viele von Euch das jetzt schon sagen: Ich bin froh, an dieser Schule zu sein. Also auch Ihr habt aktuell Grund zur Dankbarkeit für Vieles, und sei es nur für die großartige musikalische Ausbildung, die wir heute Morgen in ihren Früchten genießen dürfen.
Kapu heißt dieses Gymnasium. Damit ist über die Jahrzehnte ein Charakteristikum benannt, für das ich als erstes danken will, dass die Kapuziner, die heute Morgen durch den Leiter der Kapuzinerprovinz in Deutschland, Pater Christoph, vertreten sind, mit anderen Mitbrüdern hier über Jahre und Jahrzehnte jungen Menschen die Möglichkeit gaben, durch Internat und Schule eine akademische Ausbildung zu bekommen. Ich bin dankbar für all die, die mit Ihnen gewirkt haben. Viele werden heute Morgen unter Ihnen sein, und ich kann mir vorstellen, dass manche auch in diesen Tagen in Erinnerungen schwelgen werden, manches wieder aufblitzt bei ehemaligen Schülerinnen und Schülern, Begegnungen sichtbar werden. Ich möchte allen danken, die auch jetzt im Auftrag des Bistums, das nun den Träger seit fast 20 Jahren bildet, diesen Dienst tun. Herrn Kohnen nenne ich stellvertretend, mit Ihnen die Lehrerinnen und Lehrer im Zusammenwirken mit den Eltern und den Schülern, die Schulseelsorge, die durch Herrn Bösing heute Morgen hier repräsentiert ist. Wir tun das an einem Ort, der eine über 1200-jährige Geschichte des Glaubens birgt, für die der Pfarrer dieser Gemeinde, Pfarrer Gehrmann, steht. In dieses Gefüge geht die Botschaft fürs Heute: Die Sendung einer Schule im katholischen, christlichen Geist. Darum wird immer wieder neu gerungen werden müssen. Sie haben sich, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schulgemeinschaft, dieser Auseinandersetzung gestellt, als Sie in einer Präambel kurz zusammengefasst haben, um was es Ihrer Schule geht.
In der Stadt, so sagte ich, heißt sie Kapu. Weniger St.-Josef-Gymnasium. Dennoch habe ich mich gefragt: Was mag wohl der Name dieses Mannes für eine Schule sagen, und wie mag dieser Mann zusammenspielen mit dem, was Sie als Sendung und Auftrag in unserem Heute, in einer globalen, nicht mehr christentümlichen Gesellschaft leben und verwirklichen möchten? Dass eine Schule Marienschule heißt, ist schon eher gebräuchlich. Aber Josef? Im Blick auf diese Gestalt hat die Kirche die Gestalt Abrahams ausgewählt, um sie von ihm her in der Tiefe und in ihren Dimensionen zu beschreiben. Deshalb der Text aus dem Römerbrief, wo Paulus auf die Gestalt Abrahams zurückgreift, und die Erzählung aus dem Leben des heiligen Josef.
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Schülerinnen und Schüler, vielleicht etwas ungewöhnlich, so alte Männer – Abraham, wer weiß, vor wie viel hunderten von Jahren er gelebt hat, oder ob er nur eine Symbolfigur war. Auf jeden Fall bestimmt er bis zur Stunde die Geschichte. Denn nicht nur Christen und Juden berufen sich auf ihn, sondern auch die für uns immer mehr machtvolle und zur Auseinandersetzung rufende Religion des Islam. Offensichtlich verdichtet sich in dieser Gestalt etwas, was für tausende, abertausende von Menschen und ihr Leben etwas zu sagen hatte. Es ist ganz schlicht: "Er glaubte, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet" (vgl. Röm 4,20-22). Ich darf das anders sagen: Weil er glaubte, war er schwer in Ordnung. Weil er glaubte, war er gut und gerecht. Diese Figur zeigt auf, welche Möglichkeiten in Gott stecken. Damit bringe ich die Grundlage ins Spiel, ohne die weder eine katholische Schule noch eine Präambel noch der Auftrag, der mit einer solchen Schule verbunden ist, gar nicht zu denken sind: Gott. Eine problematische Aussage. Das wisst Ihr auch. So einfach und selbstverständlich wie das klingt – er glaubte -, ist das doch gar nicht. Dann, wenn man genauer hinschaut, wird es schon problematisch. Er glaubte, dass er als uralter Mann mit einer uralten Frau der Verheißung Gottes gemäß noch Vater werde für viele Völker, die er gar nicht übersieht. Ausgedrückt in dem schönen Bild, dass er aus der Enge seines Zeltes - so weit gespannt auch die Pfosten sein mochten -, unter die Größe und Weite des Himmels tritt und glaubt, dass Gott fähig ist, ihm eine Nachkommenschaft zu schenken, so zahlreich wie die Sterne des Himmels. Christen, Juden und Muslime - bis heute -, so zahlreich wie die Sterne des Himmels. Hier ist Gott nicht eine Wirklichkeit, die bloß eine akademische Größe ist, sondern die wirkt. Hier ist Gott nicht ein einengender, das Leben abschneidender Gott, sondern einer, der in die Weite führt, der Horizonte eröffnet, der Fruchtbarkeit möglich macht über alles technische Machen und Produzieren hinaus.
Die Kirche hat immer in dieser Figur ihre Grundgestalt gesehen. Deshalb wird auch dieser Mann Josef von Abraham her gelesen. Es war nicht ein Mann, der Abitur gemacht, der eine akademische Ausbildung genossen hat. Es war ein Zimmermann, einer, der geglaubt hat, ein Mensch, der glaubt: Auch da, wo er an den Rand seiner Existenz kommt. Einer, der sich sein Leben ganz anders geplant und vorgestellt hat und nun erleben muss, dass die Fruchtbarkeit seiner Braut nicht von ihm, sondern von der Geisteskraft Gottes stammt. Was für eine Zumutung! Hat hier Gott nicht das Leben eingeengt, stranguliert, jemanden an den Rand gedrückt? Josef, von dem es heißt, er sei gerecht (vgl. Mt 1,19), ist deshalb gerecht, weil er Gott glaubt, weil er Gott nicht als einen ansieht, der das Leben vergiftet, sondern der im Leben der Menschen mitgeht, Mitgeher ist, einer ist, der das Leben führt – wer sonst wüsste so wie Er, was für uns zum Guten ist? Diesen Gott hat er akzeptiert, angenommen. Deshalb bekommt sein Leben eine neue Dimension. Josef hätte nie gesagt: Es gibt Tage, die sind ohne Sinn, so wie es eben in einer Liedzeile hieß, sondern von Gott her hat er Aufklärung bekommen, Licht: Dass das Leben mehr ist, als das, was ich mir unter dem Dach meiner Möglichkeiten vorstelle, sondern indem ich mich öffne für diese Wirklichkeit, die wirksam wird, bekommt das Leben ganz andere Dimensionen. Das ist umstritten. Das brauche ich Ihnen und Euch nicht zu sagen. Aber es weckt die beste Kraft in uns, nämlich sich zu entscheiden und in Freiheit zu wählen: Sage ich dazu Ja oder lehne ich es ab?
Die Menschen, die hier über 1200 Jahre Christentum gelebt haben, diejenigen, die 100 Jahre das Kapu geprägt haben, hatten sich entschieden, Gott im Spiel zu lassen und ins Spiel des Lebens und des Diskurses einzubringen. Weil sie von Gott her dachten, konnten sie gut über den Menschen denken. Weil sie Gott zugewandt waren, waren sie dem Menschen zugewandt, wurden sie hochsensibel, die Geister zu unterscheiden, um das Gute zu empfangen, waren sie geschwisterlich zugetan der gesamten Schöpfung und Natur und allen Menschen, weil sie wussten: Das alles ist nicht Materie und Material zu meiner Verfügung, sondern ich bin derjenige, der zunächst die anderen, die Natur und die Schöpfung empfängt. Sie ist mir aufgetragen, sie so zu gestalten, dass Gott wirksam bleibt.
Liebe Schülerinnen und Schüler, eine Schule im katholischen Geist bedeutet immer, die Weite der ganzen Welt und der Wirklichkeit anzuschauen, und sie vom Punktstrahler Gottes aus anzuleuchten und zu sehen, wie ein völlig anderes Licht und eine andere Dimension hineinkommt.
Liebe Schülerinnen und Schüler, Schule - da geht es nicht bloß um die Frage: Was wissen wir, und was können wir wissen, sondern es geht um mehr. Es geht darum, dass dieses Wissen geprägt ist von der Frage: Was ist der Mensch, und was können wir als Menschen hoffen, damit uns nicht die Zeit zerrinnt? Gott und die Botschaft Jesu Christi können uns dazu die Antworten geben, die Fragen aufhellen. Dann wissen wir auch, was wir tun sollen. Die Grundfragen, die der Mensch sich stellt: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Was ist der Mensch?, bekommen von Gott her eine Weite, überdimensional. Darin bin ich nicht eingeengt. Gott vergiftet nicht das Leben, sondern Er entgiftet es, weil Er uns empfänglich macht für alles Gute.
Ich wünsche Ihnen, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern und liebe Schülerinnen und Schüler, dass Ihnen weiterhin aus dieser Botschaft möglich ist, das zu leben, nicht nur zu sagen und zu schreiben: "Gott und der Welt zugewandt, offen und empfänglich für alles Gute, geschwisterlich den Menschen, der Natur und allen Geschöpfen zugetan." Dann bleiben Sie weiter ein wichtiger Punkt auch im Kulturleben dieser Stadt. Herzlichen Dank und herzliche Ermutigung. Amen.
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