Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn beim Neujahrsempfang des Diözesankomitees
Bistum. Am Samstag (14.01.2012) feierte Bischof Felix Genn in der Überwasserkirche in Münster einen Gottesdienst anlässlich des Neujahrsempfangs des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum Münster. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, von Dialog und Aufbruch ist in den letzten Wochen und Monaten viel die Rede. Diese beiden Grundworte werden auch unsere Begegnung heute Nachmittag begleiten. Es sind Grundworte unseres Glaubens. Deshalb müssen wir uns darum bemühen und darauf achten, dass sie nicht abgegriffen werden, wie es so vielen wesentlichen und wichtigen Begriffen geht. Denken Sie an das Wort "Gott" oder an das Wort "Liebe". Gerade, weil Dialog ein Motiv aufnimmt, das die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, vor allen Dingen im Blick auf seine Aussagen über die Sendung in der Kirche in unser Heute, und das Denken Pauls VI. - vor allem weise ich hin auf seine erste Enzyklika - bestimmt hat, muss es uns daran gelegen sein, immer wieder neu die Tiefendimension dieser Schlüsselbegriffe, dieser Grundmelodie, zu bedenken. Dialog hat etwas mit der Grundbewegung und dem Aufbruch Gottes zu uns zu tun. Denn das ist ja das Proprium unseres christlichen Glaubens, dass Gott in ein Gespräch, in einen Dialog, mit dem Menschen eingetreten ist, und dass dieser Dialog zum Aufbruch ermutigt je neu und nie endet.
Liebe Schwestern und Brüder, von Dialog und Aufbruch können wir auch in unseren Texten lesen, die die Kirche uns heute, am 2. Sonntag im Jahreskreis, vorlegt, aus dem großen Schatz der Heiligen Schrift. Ich möchte mit Ihnen dies ein wenig bedenken, um vielleicht anzurühren an diese Tiefendimension. Dann werden wir sicherlich nachher in dem Vortrag noch mehr über diese Wirklichkeiten aufnehmen können.
Die Geschichte, die da erzählt wird im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, ist die Geschichte eines Gespräches und eines Aufbruchs. Schauen wir sie uns etwas näher an und gehen wir, vielleicht sogar mit unserer Phantasie, in diese Szene hinein. Stellen wir uns den Schauplatz vor, in dem sich diese Begebenheit abspielt. Da steht ein Mensch. Es ist der Täufer Johannes. Er steht da, er steht hin, er kippt nicht um. Er richtet seinen Blick ganz klar und direkt auf Jesus. Er nimmt Ihn in den Blick. Er wagt es angesichts dieses Menschen von Nazareth, der noch gar nicht von sich hat reden lassen, zu behaupten, das sei derjenige, der in der Glaubensgeschichte Israels als der Knecht Gottes charakterisiert wird. Dieser Mensch sei derjenige, der mit der zarten Macht der Liebe, mit der Ohnmacht eines Lammes, fähig sei, alle Gewalt durch Gewaltlosigkeit und Hingabe zu besiegen und so die Sünde, die sich im Schuldstrom der Menschheitsgeschichte immer wieder neu konkretisiert, hinweg zu tragen. Da gibt jemand Zeugnis von seinem Glauben, steht hin und bekennt diesen Glauben. Das führt andere, die um ihn herum sind, die seine Umgebung darstellen, zum Aufbruch. Sie gehen einfach hinter diesem Jesus her. Sie folgen Ihm nach. Sie möchten sozusagen das Experiment machen zu sehen, ob die Worte des Johannes Gewicht haben und zutreffen. Dann entwickelt sich ein Gespräch. Jesus dreht sich nach ihnen um. Er nimmt sie in den Blick. Das Erste, was das Johannesevangelium von Jesus berichtet, ist die Frage: "Was sucht ihr?" (Joh 1, 38).
Liebe Schwestern und Brüder, welch eine fundamentale Frage! Was sucht ihr? Menschen auf der Suche. Wenn wir nicht mehr auf der Suche sind, stirbt unser Leben ab. Was bestimmt unsere Suche? Wonach suchst du? Was ist die tiefste Sehnsucht deines Herzens? Was suchst du? Das fragt dieser Jesus. Sie antworten nicht, indem sie sagen: "Wir sollen dir von Johannes dem Täufer schöne Grüße bestellen. Er hat uns schon etwas erzählt von dem, was sich mit deiner Person verbindet." Sie bleiben nicht banal und an der Oberfläche, sondern sie stellen eine Gegenfrage. Im Gespräch mit Ihm entwickeln sie zunächst einmal eine Herausforderung an Ihn: "Wo hast du deine Bleibe?" (ebd.).
Das Wort "bleiben" durchzieht den gesamten Text, und weit über diesen Abschnitt des Johannesevangeliums hinaus wird es zu einem Grundwort der johanneischen Theologie. Wo bleibt du? Um nicht langweilig zu wirken, hat die Einheitsübersetzung gewechselt zwischen "wohnen" und "bleiben", aber gemeint ist: Wo hast du deine Bleibe? Das heißt: Wo bist du – du selbst -, wo stehst du in dir? Wo bist du? Wer bist du? Ich möchte wissen, was du für ein Mensch bist, woraus du lebst, was deine Identität ist.
Liebe Schwestern und Brüder, und Jesus sagt: "Kommt und seht!" (Joh 1, 39). Einladung, Einladung zum Aufbruch, sich mit Ihm einzulassen, auseinanderzusetzen, zu beschäftigen. Wahrhaft personale Begegnung! Sie gehen mit. Sie folgen dieser Einladung: "Kommt und seht!" Er behauptet nichts von sich, sondern Er lädt sie ein, sich mit Ihm zu beschäftigen, dann werden sie schon eine Antwort auf die Frage erhalten, wer Er ist, und wo Er Seine Bleibe hat. Er denkt mit Sicherheit daran, dass sie dann auch die Frage beantworten können, die Er ihnen gestellt hat: Was suchst du? In der Begegnung mit Ihm werden sie auf dem Weg der Antwort begegnen. Es handelt sich um eine grundlegende Erfahrung, an die sie sich noch viel später erinnern werden; denn der Evangelist sagt ausdrücklich, dass sie den ganzen Tag bei Ihm bleiben, ja er gibt sogar die Uhrzeit an: "Es war um die zehnte Stunde" (Joh 1, 39). Aus dieser grundlegenden Begegnung heraus können sie anderen erzählen, was sie mit Ihm erfahren haben. Natürlich wüssten wir gerne mehr, was sie im Einzelnen in dieser ersten Begegnung von Ihm gehört, mit Ihm erlebt haben. Davon wird hier nichts berichtet – oder doch? Es wird nichts Unmittelbares berichtet. Aber wir können alles, was uns die Evangelien erzählt haben, als Ausfluss dieser Begegnung, als Vertiefung dieser Erfahrung ansehen. So wird aus dieser ersten Stunde mit Ihm die Geschichte unseres Glaubens. Die beiden haben aus ihr erzählt, wie sie entdeckt haben, dass Er Seine Bleibe beim Vater hat, dass Er in Gott verwurzelt ist. Sie sahen, wo Er bleibt, wo Er immer bleibt, wo Er ganz bei sich ist – in der Öffnung auf den Vatergott und damit auf die Menschen hin.
Das, liebe Schwestern und Brüder, das bewegt sie aufzubrechen und weiterzuerzählen, auch hinzustehen, Zeuge zu sein für das, was sie erfahren haben. Der eine, Andreas, begegnet seinem Bruder Simon, er erzählt ihm, dass sie den gefunden haben, den die Glaubensgeschichte Israels den Messias nennt. Ausdrücklich heißt es: "Und er führt ihn zu Jesus" (Joh 1, 42). Aus dieser Begegnung erhält Petrus, auf den Jesus jetzt Seinen Blick richtet, so wie Johannes der Täufer eingangs auf Jesus seinen Blick gerichtet hatte, den Auftrag, Fels zu sein und zu bleiben für die Dauer der ganzen Geschichte des Glaubens.
So geht Dialog zum Aufbruch: Die Anfrage von Jesus sich gefallen zu lassen, was wir suchen, Ihm zu signalisieren, dass wir mehr von Ihm wissen wollen, bei Ihm zu bleiben, den anderen davon zu berichten, sie zu Ihm zu führen und sich senden zu lassen, um Seinen Auftrag zu übernehmen, mit dem man nicht gerechnet hat. Wenn wir in diesem grundlegenden Gespräch bleiben, dann ist Dialog nicht irgendeine Plauderei, nicht irgendein Austausch zwischen Personen, sondern er geht an die Grundlage, des Austausches, den Gott mit den Menschen sucht. Ich glaube, wenn wir in dieser Weise unsere Dialoge führen, würden wir auch entdecken, was unsere Sendung in unserer Zeit ist.
Wir werden heute einem Mann zuhören, der aus Bayern kommt. Er wird sich in Westfalen mit Sicherheit wohl fühlen. Sein Bischof aus der Kindheit war Kardinal Faulhaber, der das Wort geprägt hat: Vox temporis, vox Dei - Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes. Rede, Herr, dein Diener hört (1 Sam 3, 10). Im Hören auf die Stimme Gottes in Jesus und in unserer Zeit, im Entdecken des glaubenden Anderen, werden wir den Weg finden für all das, was uns aufgetragen ist. Dabei dürfen wir uns bewusst sein, dass die Grundbewegung von Ihm aus geht. Er wird sich auch nach uns umdrehen und uns zuerst fragen: Was sucht ihr. Möchten wir Ihm doch antworten: "Rede, Herr, dein Diener hört." Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
14.01.2012
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