Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles
29.07.2016
Artikel drucken
Logo kirchensite.

Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn anlässlich des Tages der Ehrenamtlichen

Bistum. Am Samstag (13.03.2010) fand in Münster der Tag der Ehrenamtlichen statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Vortrag von Bischof Felix Genn unter dem Thema "Ein Leib und viele Glieder in Christus, unseren Herrn" (Gotteslob 634). kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seines Vortrags.

Liebe Frau Pernhorst, vielen Dank für die Begrüßung und für Ihr solidarisches und ermutigendes Wort in jeder Hinsicht, auch in dieser schwierigen Situation, in der wir uns derzeit befinden.Sehr geehrte Damen und Herren aus den Kirchengemeinden, den Caritaseinrichtungen, den gewählten Gremien und Verbänden unseres Bistums, vom Bischöflich Münsterschen Offizialat in Oldenburg, über den Niederrhein, aus den Kreisdekanaten Kleve und Wesel, aus Borken/Steinfurt, aus Coesfeld/Recklinghausen, aus Münster/Warendorf, aus unserem großen Bistum. Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, mit den Mitbrüdern im geistlichen Dienst, ein herzliches Willkommen zu diesem gemeinsamen Tag hier in der Halle Münsterland!Vor beinahe einem Jahr bin ich hier- es war in einem anderen Raum, aber hier in dieser Halle - nach der gemeinsamen Eucharistie im Dom, als Ihr neuer Bischof begrüßt worden. Vor elf Monaten hatte ich an der selben Stelle anlässlich des "Tages der Seelsorger" die Gelegenheit, in einem ersten intensiven Kontakt die Priester, Diakone und Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten in unserem Bistum kennen zu lernen.Gerne habe ich die Anregung aus dem Diözesankomitee aufgegriffen, heute gemeinsam mit dem Diözesankomitee ehrenamtlich engagierte Frauen und Männer aus unserem Bistum zu diesem Begegnungstag einzuladen. Die große Zahl an Anmeldungen unterstreicht eindrucksvoll den hohen Stellenwert dieses Begegnungstages. Ich freue mich, dass sich wiederum an gleicher Stelle die Gelegenheit zum Austausch und Kennen lernen bietet, auch wenn dies angesichts der großen Anzahl von Personen immer nur eingeschränkt möglich ist.

Folgende Verse werden Wilhelm Busch zugesprochen:

"Willst du froh und glücklich leben
lass kein Ehrenamt dir geben
willst du nicht zu früh ins Grab
lehne jedes Amt gleich ab.
Ohne Amt lebst du so friedlich
und so ruhig und gemütlich
du sparst Kraft und Geld und Zeit

I. Wertschätzung und Dank

Ich hoffe sehr, dass diese mit einem Augenzwinkern formulierten Zeilen auf Sie und Ihr Engagement im Bistum Münster nicht zutreffen, im Gegenteil. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr ehrenamtliches Engagement als eine persönliche Bereicherung und auch als eine Bestärkung im Glauben erfahren.

In meinem ersten Jahr als Bischof von Münster habe ich an unterschiedlichsten Orten, in Einrichtungen, bei Gottesdiensten und Wallfahrten den reichen Schatz Ihres Engagements erfahren dürfen. Es beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, mit welcher Selbstverständlichkeit und welch großem Gottvertrauen sich so unzählige Menschen in unserem Bistum in Dienst nehmen lassen. In meinem Interview für "Kirche und Leben" habe ich von den Schätzen gesprochen, für die unser Bistum dankbar sein kann. Sie gehören zu diesen Schätzen!

Es ist unmöglich, die Fülle ehrenamtlichen Engagements angemessen darzustellen. Erlauben Sie mir stattdessen eine sicherlich unvollständige, aber exemplarische Auflistung einiger Beispiele:

  • Im November des vergangenen Jahres sind in unserem Bistum die Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände neu gewählt worden. Tausende Gläubige bringen durch diese Zusage der Mitarbeit zum Ausdruck: Mir liegt die Zukunft meiner Kirchengemeinde am Herzen. Diese Entscheidung erwächst nicht aus purer Euphorie oder in Ermangelung von Alternativen. Sie ist bewusste Entscheidung zur Mitarbeit, zum Gebet und zum Leben mit und in der Kirche.
  • Das Bistum Münster trägt den inoffiziellen Titel, ein Verbändebistum zu sein. In unseren katholischen Verbänden engagieren sich Christen für die Belange Notleidender, für Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, sie bemühen sich um gerechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, um die Geschlechtergerechtigkeit und vieles andere. Sie prägen so als Christen unsere Gesellschaft maßgeblich mit.
  • Kinder und Jugendliche engagieren sich als Messdiener, in den Verbänden des BDKJ, in Pfarrgruppen und offenen Jugendzentren. Erst vor wenigen Wochen durfte ich einigen Jugendlichen stellvertretend für viele tausende den Dialogpreis des Bistums für gute Taten überreichen - als Dank für das große Engagement im Rahmen der 72-Stunden-Aktion im vergangenen Jahr.
  • In der Caritas sorgen sich Ehrenamtliche um das Wohl alter und kranker Menschen, begleiten Hilfesuchende bei Behördengängen, stellen Lebensmittel und Bekleidung zur Verfügung und spenden Trost bei Tod und Trauer.
  • Jedes Jahr werden unzählige Jungen und Mädchen auf die Sakramente der Eucharistie und Buße sowie auf die Firmung vorbereitet. Eine große Zahl von Katechetinnen, zum Großteil sind dies die Mütter, begleitet den Glaubensweg der Kinder, und sie entdecken nicht selten auch für sich neue Zugänge zum Glauben. Auch viele engagierte Katholiken unterstützen den Weg der Erwachsenen, die sich taufen lassen wollen. 
  • In unseren Kirchengemeinden, in geistlichen Gemeinschaften und kirchlichen Einrichtungen wirken Ehrenamtliche mit an der Gestaltung der Liturgie, treffen sich zum gemeinsamen Gebet und zur eucharistischen Anbetung.
  • Jahr für Jahr pilgern Hunderttausende in unserem Bistum nach Telgte, Kevelaer, Bethen, Eggerode und an andere Wallfahrtsorte in unserem Bistum.

Bitte nehmen Sie für all Ihr Engagement, liebe Schwestern und Brüder, meine Hochachtung und meinen aufrichtigen und herzlichen Dank an. Ich erlaube mir dies auch stellvertretend für die Menschen zu sagen, die von Ihrem Einsatz profitieren.

II. Ehrenamt heute

Dieser Dank fällt umso deutlicher aus, da Sie in einer Übergangszeit, in der volkskirchliche Strukturen an ein Ende kommen und eine neue Sozialgestalt von Kirche noch nicht klar erkennbar ist, unserer Kirche die Treue halten. In dieser Zeit engagieren sich viele oftmals über alle Maßen in unseren Kirchengemeinden und Einrichtungen.

Deshalb möchte ich neben der Wertschätzung und dem Dank für Ihren Dienst einige Überlegungen zum Ehrenamt vortragen. Sie alle werden spüren und haben es womöglich schon schmerzhaft erfahren, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass Menschen sich dauerhaft und verbindlich bei uns engagieren. Es ist nicht sicher, ob das, was uns lieb und teuer ist, auch auf Zukunft Bestand haben wird. Christian Hennecke, Regens im Bistum Hildesheim, hat es anlässlich einer Veranstaltung hier im Bistum Münster 2008 so ausgedrückt: "Obwohl es noch nie in der Kirchengeschichte so viele engagierte und spirituell tiefe Gemeindechristen gegeben hat, bleiben sie ohne Nachfolger."(1) Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Ich möchte heute auf zwei wesentliche Veränderungen hinweisen, die eine hilfreiche Erklärung erkennen lassen.

1. In früheren Jahren war es gerade in kirchennahen Milieus selbstverständlich, sich ehrenamtlich zu engagieren. Dies war entweder milieubestimmt (das gehört sich einfach!) oder vereinsgebunden (aktiv im katholischen Verband) und prinzipiell auf Dauer angelegt. Mir hat einmal eine Frau im Saarland gesagt: "Herr Bischof, einmal ehrenamtlich, immer ehrenamtlich." Viele von Ihnen werden das bestätigen können. Sie kennen ja auch das Bild vom Weihnachtsbaum, an den man immer wieder neu eine Kugel hängt: So ist das bei manchen ehrenamtlich Engagierten, vielleicht bei Ihnen auch. Ehrenamtliche verstanden sich und ihre Arbeit als "stille Helfer auf leisen Sohlen".

Es wird der Realität nicht gerecht, nun darüber zu klagen, dass sich junge Menschen heute immer weniger für die Allgemeinheit engagieren. Eine Befragung der Bundesregierung zu ehrenamtlichem Engagement in Deutschland aus dem Jahr 2004 belegt im Gegenteil, dass sich die Bereitschaft zum Engagement sogar erhöht hat. Die Engagementquote, d.h. der Anteil von freiwillig Engagierten an der Bevölkerung, ist von 34 % im Jahr 1999 auf 36 % im Jahr 2004 gestiegen.(2)

Allerdings haben sich die Motive und Ansprüche geändert. Man spricht von einem so genannten "neuen Ehrenamt", das wie folgt gekennzeichnet ist:

  • Die Bereitschaft zur Mitarbeit ist heute eher biografisch bestimmt und somit zeitlich befristet, ("wenn meine Kinder im entsprechenden Alter sind, engagiere ich mich in der Kommunionvorbereitung").
  • Es wird ein projekthaftes Engagement bevorzugt mit klarem Anfang und Ende.
  • Mitbestimmung und Selbstverantwortung werden stärker eingefordert: Jede/r möchte mit seinen/ihren Begabungen ernst genommen werden.
  • Engagement ist für Menschen heute sehr stark mit dem Anliegen verbunden, auf diesem Wege Zugänge in spannende und förderliche Netzwerke zu erlangen.
  • Ehrenamtliche erwarten eine solide Aus- und Fortbildung für die jeweilige Aufgabe und eine professionelle Begleitung.
  • Und schließlich: Sie erwarten eine angemessene Anerkennung und Wertschätzung ihres Engagements vor allem durch die Hauptberuflichen. Hierzu gehört auch eine explizite Verabschiedungskultur nach getaner Arbeit. Gerade dieser Aspekt der Wertschätzung ist der innere Grund gewesen, warum ich von vornherein mich damit einverstanden erklärte, als Frau Pernhorst ziemlich früh zu Beginn meiner Tätigkeit hier im Bistum, die Bitte vortrug, den heutigen Tag zu veranstalten.

Ich weiß nicht, ob wir diesen Wandel in unseren Kirchengemeinden, Verbänden und Gruppierungen schon in Gänze realisiert haben. Dort treffen diese unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen an das Ehrenamt aufeinander. Das, was viele über Jahre so und nicht anders gemacht haben, sehen sie mit den Neuen nicht fortgesetzt oder finden keine Nachfolger. Gleichzeitig entwickeln neue Ehrenamtliche andere Ideen und Angebote. Die Arbeit der Verbände und unserer Gremien ist eher auf Dauer angelegt, hingegen sind neue pastorale Projekte häufig zeitlich befristet oder einmalig.

Ich sehe hierin eine große Herausforderung. Sie zwingt uns, genauer hinzuschauen, welche Aufgaben einer neuen kontinuierlichen Begleitung bedürfen und welche sich zeitlich und inhaltlich anders strukturieren lassen.

Lehrreich in Bezug auf eine zeitgemäße Organisation des Ehrenamtes ist ein Blick auf die immer häufiger anzutreffenden Freiwilligenagenturen. Sie verstehen sich als Mittler zwischen Menschen, die ein Interesse haben, sich ehrenamtlich zu engagieren, und Einrichtungen, die Unterstützung durch Ehrenamtliche suchen. Der Interessierte kann anhand seines persönlichen Profils (Zeitkapazitäten, Kompetenzen, Interesse) Partner für sein Engagement suchen. Die suchende Einrichtung beschreibt detailliert die zu vergebende Aufgabe (Inhalt, Qualifikation, Fortbildung, Zeitaufwand etc.). Im anschließenden direkten Kontakt wird dann die Zusammenarbeit vereinbart.

Ich denke, dass wir die Arbeit der Ehrenamtlichen in unseren größeren Pfarreien an dem Modell der Freiwilligenagenturen ausrichten könnten. Richtungweisend scheint mir das Beispiel einer unserer Kirchengemeinden zu sein, die eine Stelle zur Ehrenamtlichen-Koordination einrichtet. Hier sollen alle ehrenamtlichen Aktivitäten gebündelt und Fortbildungsangebote konzipiert werden. Um auf Zukunft ehrenamtliches Engagement zu sichern, gilt es, neue Modelle und Vernetzungen von Ehrenamtlichen auszuprobieren. Hierzu wird es seitens des Bistums die Unterstützung und Begleitung von Modellprojekten geben.

Auch wenn dies der Tag für die Ehrenamtlichen im Bistum Münster ist, möchte ich doch an dieser Stelle etwas zu den Priestern, Diakonen, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten und weiteren hauptamtlichen Mitarbeitern sagen: Ich sehe eine ihrer wesentlichen Zukunftsaufgaben darin, die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen professionell zu gestalten. Dies beinhaltet, ehrenamtliches Engagement in Wort und Tat wertzuschätzen, für eine angemessene Aus- und Fortbildung Ehrenamtlicher Sorge zu tragen und ihnen - soweit möglich - Entscheidungs- und Partizipationsräume einzuräumen. Hierbei hilft eine professionelle Ehrenamtlichenkoordination, die die Begabungen und Talente der Menschen in Verbindung bringt mit konkreten Aufgaben und zu bewältigenden Herausforderungen. Die Aus- und Fortbildung der Priester, Pastoralreferenten und Diakone in unserem Bistum wird hier auf Zukunft einen Akzent setzen müssen.

Ehrenamtliches Engagement in der Kirche ist keineswegs nur schmückendes Beiwerk, noch dient es als Lückenbüßer für die kleiner werdende Zahl von Priestern. In einer Verlautbarung des Apostolischen Stuhls heißt es: "Es ist zu betonen, dass die apostolische Tätigkeit der Laien bei der Evangelisierung in Gegenwart und Zukunft wichtig und dringlich ist. Die Kirche kann von diesem Wirken nicht absehen, weil es zu ihrer Natur als Gottesvolk gehört und weil sie es braucht, um ihren eigenen Evangelisierungsauftrag zu erfüllen."(3)

Der Auftrag der Kirche, Menschen die frohe Botschaft und das Kommen des Gottesreiches zu verkünden, ist ein Auftrag des gesamten Gottesvolkes.

2. Ein zweiter wesentlicher Aspekt im Zusammenhang Ehrenamt heute: Sie alle und mich bewegt die Frage nach der Zukunft der Kirche im Bistum Münster. Dies ist sowohl die Frage nach einer auf Zukunft tragfähigen Gestalt von Kirche wie auch nach der Tiefe unserer Gottesbeziehung und der Weitergabe des Glaubens an die kommenden Generationen.

Ich möchte an dieser Stelle grundsätzlich wiederholen, was ich anlässlich des "Tages der Seelsorger" gesagt habe: "Es ist meine feste Überzeugung, dass eine bestimmte Sozialgestalt von Kirche nicht zu Ende geht, sondern zu Ende ist. Was meine ich damit? Es ist eine Gestalt von Kirche, die wesentlich dadurch geprägt war, dass Kirche und Gesellschaft nahezu deckungsgleich waren, dass der Bürger automatisch Christ gewesen ist. Ich weiß nicht, ob wir diesen Wandel innerlich angenommen haben, oder ob wir uns noch von manchen religiösen Praktiken, die in sich wertvoll sind, leicht den Blick verstellen lassen und übersehen, dass diese Praxis noch lange nicht die Grundentscheidung des Glaubens mit ihren Konsequenzen einschließt."(4)

Kinder und Jugendliche wachsen nicht mehr automatisch in den christlichen Glauben hinein. Viele Familien sind auch heute noch lebendige Glaubenszellen, Gott sei Dank. Wir müssen aber auch nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass dies nicht für alle Familien gilt. Gerade in der Erstkommunion- und Bußvorbereitung erleben wir dies ganz unmittelbar.

Genauso wenig selbstverständlich ist eine gelebte Gottesbeziehung für Erwachsene. Viele tun sich schwer mit ihrem christlichen Glauben, er verflüssigt sich sozusagen im Laufe des Lebens, tritt in den Hintergrund und hat womöglich gar keine Bedeutung mehr. Gleichzeitig erleben wir zaghafte, nicht auf den ersten Blick erkennbare Neuaufbrüche christlichen Lebens in geistlichen Gemeinschaften und der Erwachsenenkatechese.

Ich bitte und ermutige Sie: Schauen Sie nüchtern und mit Realitätssinn auf die Situation der Kirche heute.

Der Wiener Kardinal Schönborn hat dies in einem fünffachen Ja zum Ausdruck gebracht, das ich mir gerne zu Eigen mache:

1. "Ja sagen zu unserer Zeit, zum Heute, in der wir leben. Gott liebt diese Zeit, die Menschen heute. Wir leben heute. Sehen wir mit Jesu Augen diese Zeit." Was sehen wir, wenn wir die heutige Zeit mit den Augen Gottes sehen? Wir können uns nicht wegwünschen aus dieser Zeit und aus dieser Realität. Es gilt die Welt mit offenen Augen und offenem Herzen anzunehmen. Dies ist Gottes Zeit für uns. Da fällt mir ein - das darf ich dazwischen fügen -: Zu meinem 60. Geburtstag bekam ich von einem über 90-jährigen Priester des Bistums Essen, der Kaplan in Warendorf war, als ich geboren wurde, einen Brief. Er schrieb: Das ist unvergleichlich 1950 und 2010. Aber eines kann ich ihnen sagen: Jede Zeit ist "Gottes Zeit". Das hat mich sehr ermutigt.

2. Ja sagen zu unserer Situation. Trauen wir uns, gemeinsam hinzuschauen auf das, was wir loslassen müssen und das, was der Geist des Herrn uns für heute als neue Chancen zeigt." Es ist dies die Frage nach den Prioritäten und dem, was wir heute nicht mehr tun bzw. zumindest jetzt nicht tun. Und es ist die Frage danach, wohin der Geist uns heute führt.

3. "Ja sagen zu unserer gemeinsamen Berufung als Getaufte und Gefirmte." Lassen Sie mich hierauf etwas später noch zurückkommen.

4. "Ja zur Stellvertretung: Wir tragen im Glauben, in unserem Beten und Feiern viele andere mit. Dass wir wenige sind, soll uns nicht schrecken." Das Schauen auf Zahlen kann deprimieren. Es sind "noch weniger" Kirchenbesucher, "noch weniger" Familien, in denen das Gebet gepflegt wird usw.. Ich halte es für richtiger und auch für geboten, die Perspektive zu wechseln. Statt uns durch das "noch weniger" zu lähmen, auf das zu schauen, was gelingt, wo wir stellvertretend für viele den Glauben feiern, verkünden und leben. Vertreter des Bistums Hildesheim verwenden in diesem Kontext den selbstbewussten Satz: "Die fetten Jahre kommen noch"!

5. "Ja zum gesellschaftlichen Auftrag:" - Das ist mir sehr, sehr wichtig; gerade aus meiner Ruhrgebietserfahrung. "Wir sind in einer spannungsreichen Situation: einerseits werden unsere Mittel und Möglichkeiten weniger, andererseits werden die Nöte und Herausforderungen größer. Das Ja zu unserem gesellschaftlichen Auftrag ist ein wesentlicher Teil unserer Mission."(5)

Soweit Kardinal Schönborn. Ich habe seine Punkte mit ein paar Worten von mir kommentiert.

Die zu Ende gehende Sozialgestalt von Kirche war geprägt durch eine Gemeindetheologie, die auf dauerhaftes Engagement und auf Beziehung in der so genannten Pfarrfamilie gesetzt hat. "Wer mitmacht, erlebt Gemeinde" war das Motto dieses Gemeindebildes. Dieses Ideal trägt heute nicht mehr. Vielen Menschen ist eine dauerhafte Bindung an ihre örtliche Kirchengemeinde nicht mehr wichtig. Dies dürfen wir aber nicht voreilig missverstehen als ein grundlegendes Desinteresse. So kommen heutzutage Menschen vorübergehend und aufgrund bestimmter Anlässe immer wieder in Kontakt mit unseren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Verbänden.

Wenn wir nüchtern die kirchliche Realität und unseren Auftrag in der Welt von heute annehmen, können Energien für neue Wege der Glaubensverkündigung und Glaubensweitergabe freigesetzt werden.

Diese Überlegungen führen in eine tiefere Dimension dessen, was wir unter einer Pfarrei verstehen dürfen. Papst Johannes Paul II. hat in seinem nachsynodalen Schreiben "Christifideles Laici" 1988 – die Synode beschäftigte sich mit der Sendung der Laien in der Kirche - über die Pfarrei geschrieben: "Auch wenn sie zuweilen an Gliedern und Gütern arm ist, wenn sie sich geographisch über weiteste Gebiete erstreckt oder inmitten dicht bevölkerter und problemvoller moderner Stadtviertel fast unauffindbar ist, besteht die Pfarrei nicht in erster Linie aus einer Struktur, aus einem Gebiet oder aus einem Gebäude, vielmehr ist sie "die Familie Gottes, als von einem Geist durchdrungene Gemeinde von Brüdern", sie ist …"brüderlich (natürlich auch schwesterlich) und gastfreundlich", die "Gemeinschaft der Gläubigen". Letztlich gründet die Pfarrei in einer theologischen Gegebenheit, weil sie eucharistische Gemeinschaft ist. Dies bedeutet, dass sie als Gemeinschaft befähigt ist, Eucharistie zu feiern, in der sie die lebendigen Wurzeln ihres Wachstums sowie das sakramentale Band ihrer communio mit der gesamten Kirche findet."(6)

Ich möchte Sie ausdrücklich ermutigen, an den sich daraus ergebenden Fragen mitzudenken: Werden unsere Kirchengemeinden als Gemeinschaft der Gläubigen wahrgenommen? Sind sie ein Ort gelebter Gastfreundschaft, in der Fremde willkommen sind? Gerade für kirchlich Distanzierte kann bisweilen der Eindruck entstehen, dass es sich bei unseren Kirchengemeinden um in sich geschlossene Kreise handelt, die nicht wirklich offen sind für Außenstehende. Wie können wir diesem Eindruck eine Kultur der Offenheit entgegensetzen?

Die französische Religionssoziologin Danièlle Hervieu-Léger spricht davon, dass es zukünftig in Westeuropa schwerpunktmäßig zwei Ausprägungen geben wird, in denen Menschen in Kontakt zur Kirche kommen werden, entweder als Pilger oder als Konvertiten.

Pilger sind Gläubige auf der Durchreise, die eine Pilgerherberge auf ihrem Glaubensweg suchen, an der sie inspiriert werden, wo sie wieder auftanken können. Solch eine Herberge ist aber kein Ort, an dem Pilger dauerhaft bleiben werden. 

Konvertiten sind Menschen, die nicht seit ihrer Geburt im christlichen Glauben groß geworden sind, sondern sich erst später bewusst für ihren Glauben entschieden haben. Oder es sind Menschen, die zwar getauft und in den Glauben eingeführt wurden, diesen aber erst als Erwachsene neu für sich entdeckt haben.

Ich möchte Sie eindringlich bitten: Fragen Sie sich in Ihren Kirchengemeinden, Vereinen und Verbänden: Welche Angebote können wir Pilgern, d.h. Christen auf ihrem Glaubensweg machen? Welche Angebote gibt es für Pilger jenseits von Gemeindewallfahrt und anderen Großereignissen?

Welche Möglichkeiten gibt es für Erwachsene, um mit dem christlichen Glauben in Berührung zu kommen, seien Sie getauft oder ungetauft? In allen Pfarreien werden Kinder und Jugendliche auf die Sakramente vorbereitet. Ich sehe die Notwendigkeit, ebenso flächendeckend Glaubenskurse für Erwachsene anzubieten. Hierzu werden wir in unserem Bistum ein Begleitungs- und Ausbildungsangebot erarbeiten und anbieten müssen. 

Neben Pilgern und Konvertiten braucht es aber auch diejenigen in unseren Kirchengemeinden, die da sind und da bleiben und den anderen dadurch Herberge geben. Hier können Ehrenamtsgruppen auf Dauer wichtige Aufgabe übernehmen.

Die differenzierte Wirklichkeit unseres Bistums (ländlich – städtisch, große zusammengeführte Pfarrei – kleinere Kirchengemeinden) erfordert eine differenzierte Neuorientierung der Pfarreien. Die Beschreibung einer sinnvollen wie auch zukunftsfähigen Vernetzungsstruktur, z.B. von territorialer Seelsorge in der Pfarrei wie auch kategorialer Seelsorge z.B. in der Schule oder Krankenhaus ist notwendig.

Wie ist eine sinnvolle Vernetzungsstruktur in größeren Kirchengemeinden zu realisieren? Was sind mögliche Chancen und Herausforderungen? Welche anderen kirchlichen Orte jenseits von Pfarrgemeinde gilt es (neu) zu entdecken? (Krankenhaus, Kindertagesstätten, Altenwohnheime, Caritas-Sozialstationen, Schulen etc.) Welche gemeinsame Vision prägt unsere Kirchengemeinde?

Diese Fragen bedürfen meiner Ansicht nach einer Weiterbearbeitung und Klärung.

Die Strukturen des Laienapostolates, wie sie sich nach dem II. Vatikanischen Konzil und der Würzburger Synode ausgeprägt haben (Pfarrgemeinderat, Diözesanrat, Kreiskomitee, Diözesankomitee) sind Ausdruck einer kirchlichen Gestalt, die stark auf Vergemeinschaftung und dauerhaftes Engagement setzt. Wenn eine Sozialgestalt von Kirche an ihr Ende kommt, was bedeutet dies dann für die Zukunft des organisierten Laienapostolates in unserem Bistum? Ist es sinnvoll, immer mehr Anstrengungen zu unternehmen, die bestehenden Strukturen auf Gemeinde-, Kreis- und Bistumsebene aufrecht zu erhalten? Ich möchte unmissverständlich sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit den Laien auf allen Ebenen des Bistums, in der Pfarrei, auf Kreis- wie auf Bistumsebene für unerlässlich halte und in keiner Weise darauf verzichten möchte. Ich möchte aber sehr wohl mit Ihnen gemeinsam darüber nachdenken, welche Formen und Strukturen auf Dauer geeignet sind, um eine bestmögliche Beteiligung der Laien auf unterschiedlichsten Ebenen in unserem Bistum zu gewährleisten.

III. Ehrenamt oder Charismen?

Liebe Schwestern und Brüder, ich mute Ihnen noch einen dritten Punkt zu. Ein Punkt, der mich wirklich umtreibt und, seit ich diese Herausforderung des Vortrags angenommen habe, nicht ruhig lässt. Ich nenne das etwas provokativ: Ehrenamt oder Charisma?

In der uns so geläufigen Unterscheidung von Haupt- und Ehrenamt schwingen unterschiedliche Aspekte mit: Machen die Hauptamtlichen etwa das gleiche wie die Ehrenamtlichen nur mit dem Unterschied, dass sie mehr Zeit zur Verfügung haben und für ihre Arbeit bezahlt werden? Brauchen wir zukünftig mehr Engagement von Laien, um den Rückgang bei den Priestern und Pastoralreferenten und -referentinnen zu kompensieren? Sind Ehrenamtliche im so verstandenen Sinne nur Lückenbüßer für das wegfallende Hauptamt? Ist das Ehrenamt denn wirklich aller Ehren wert, wie der Name vermuten lässt, oder ist es doch eigentlich eher mühselig und mühsam?

Ich bin der Überzeugung, dass die Bezeichnung Ehrenamt dem, worum es uns als Christen im Innersten geht, kaum gerecht wird. Im 1. Korintherbrief Kapitel 12 spricht der Apostel Paulus von den Geistesgaben, die den Menschen geschenkt werden: 

"Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen" (1 Kor 12,4-6).

Das griechische Wort für Gnadengabe heißt "Charisma". Es bringt sehr eindrücklich zum Ausdruck, was unseren christlichen Glauben prägt: Wir sind von Gott Beschenkte. Jeder getaufte und gläubige Christ ist ein von Gott Beschenkter, egal ob Priester oder Laie, ob Haupt- oder Ehrenamtlicher, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, ob krank oder gesund.

Dies macht unsere gemeinsame Würde als Christ aus: von Gott Beschenkte zu sein.

Der Jesuit Norbert Baumert definiert Charisma als "eine aus der Gnade Gottes hervorgehende, jeweils von Gott besonders zugeteilte Befähigung zum Leben und Dienen in Kirche und Welt."(7)

Was bedeutet das konkret? Meine Talente und Fähigkeiten sind mir von Gott frei gewährt, ungeschuldet. Ich verdanke sie keiner Leistung oder besonderen Anstrengung. Sie sind mir sozusagen als Zugabe geschenkt. Der Heilige Geist teilt, wie es in 1 Kor 12, 11 heißt "einem jeden seine besondere Gabe zu, wie er will."

Kann ich das glauben, dass der Heilige Geist mir besondere Talente hat zukommen lassen? Habe ich diese besonderen Gnadengaben in meinem Leben schon entdecken dürfen? Ich wage zu sagen, dass Ihr ehrenamtliches Engagement, das Sie heute hierhin geführt hat, solch ein Gottesgeschenk ist.

Ist die Fülle und Vielfalt an Charismen, mit denen sich Menschen in unseren Kirchengemeinden und in unserer Gesellschaft engagieren, nicht faszinierend?

Ich denke an Menschen, die die seelische und materielle Not anderer wahrnehmen und ihnen ihre Gesellschaft und Begleitung anbieten. Ich bin immer wieder beeindruckt von dem vielfältigen Engagement in der Caritas: Besuchsdienste im Krankenhaus und in den Altenwohnheimen, Mittagstisch für Senioren, gemeinsame Weihnacht für Alleinstehende, Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser.

Ich denke an diejenigen, die als Katechetinnen und Katecheten ihren Glauben bezeugen und so Suchenden Orientierung bieten.

Ich denke an diejenigen, die sich auf vielfältige Weise um eine würdige Liturgie bemühen, diejenigen, die in Gottesdiensten, Andachten und Gebetsgruppen mitwirken und dort ihre Berufung sehen.

Ich denke an Jugendliche und junge Erwachsene, die Kindern und Jugendlichen das Zusammenleben in einer Gruppe oder im Verband ermöglichen und ihre Zeit und Kraft für eine gemeinsame Ferienfreizeit zur Verfügung stellen.

Und ich denke an die unzähligen engagierten Christen in unseren Kirchengemeinden, der Caritas und unseren Verbänden, deren Einsatz und Engagement im Verborgenen stattfindet, die nicht viel Aufhebens um ihre Arbeit machen. Ohne deren unermüdlichen Einsatz sind nicht nur unsere Kirchengemeinden, sondern ist auch unsere Gesellschaft als Ganze nicht denkbar. Das sind Gaben, Charismen, und ich könnte da noch viele hinzufügen, wenn ich daran denke, was manche Verbände gesellschaftspolitisch leisten, wie sie sich kritisch einbringen, weil sie aus dem Geist Jesu sich dazu befähigt fühlen. Schaue ich auf die Gaben, die jedem, jeder Getauften von Gott geschenkt sind, beantwortet sich die Frage nach dem Stellenwert und der Bedeutung der Ehrenamtlichen eigentlich von selbst. Sie sind niemals Lückenbüßer, niemals mehr oder weniger wichtig, je nachdem, wie viele Priester es im Bistum Münster gibt. Sie sind mit ihren je individuellen Geistesgaben von Gott reich Beschenkte und wirken mit am Auftrag der Kirche, Zeichen und Werkzeug der innigsten Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit zu sein, wie das Konzil sagt (LG1).

Vielleicht brauchen wir gerade diese Zeit mit ihren gesellschaftlichen Umbrüchen, um den Wert und die Bedeutung der Charismen aller Getauften neu zu entdecken, zu entfalten und zur Geltung zu bringen. Im so verstandenen Sinne kann der Pastoraltheologe Rainer Bucher sagen:"Weder sind die ehrenamtlichen Mitglieder des Volkes Gottes Handlungsmarionetten der Hauptamtlichen noch die sog. Laien Handlungsmarionetten der Kleriker. Sie sind alle zusammen das eine Volk Gottes, in dem sie unterschiedliche Aufgaben und Ämter haben, und zwar füreinander und für die Vergegenwärtigung des Evangeliums!"(8)

Im Konzilstext "Lumen Gentium" über die Kirche heißt es, dass diese Gnadengaben "den Nöten der Kirche besonders angepasst und nützlich sind."(9) Welch eine tröstliche und zugleich beeindruckende Perspektive. Alles, was nützlich ist und der jeweiligen Zeit angemessen, ist der Kirche bereits geschenkt.

Wir dürfen somit darauf vertrauen, dass nicht nur jedem von uns persönlich besondere Gnadengaben geschenkt sind, sondern dass die Kirche als Ganze über all das verfügt, was nötig ist. Die Kirche hat alle notwendigen Gnadengaben ob sie, wie das Konzil sagt "nun von besonderer Leuchtkraft oder aber schlichter und allgemeiner verbreitet sind,"(10) bereits zur Verfügung.

Wir alle dürfen darauf vertrauen, dass Gott diese unendliche Fülle seiner Gaben nicht nur zu Zeiten des Apostels Paulus oder zu Zeiten der jungen Kirche großzügig ausgießt, sondern auch hier und heute, und deshalb sehe ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, die Sie stellvertretend heute Morgen hier sind, als Spurensucher, als solche, die, wie Wünschelrutengänger Wasserquellen entdecken, Charismen in den Gemeinden aufspüren und finden. Dafür braucht man nicht eine besondere Intelligenz oder ein akademisches Studium. Sie werden entdecken, was Menschen in Ihrer Gemeinde bereits an Gaben haben, weil sie ja getauft sind und die Kraft des Geistes in ihnen schlummert und lebt. Deshalb: Charismen dienen der Gemeinde – Charismen hat jeder Getaufte. Sie zu wecken ist wichtig.

Charismen dienen der Gemeinde

Im Ersten Korintherbrief findet sich im 14. Kapitel ein Hinweis darauf, wie wir als Christen mit diesen von Gott geschenkten Charismen umzugehen haben: Da sagt nämlich der Apostel Paulus: "Da ihr nach Geistesgaben strebt, gebt euch Mühe, dass ihr damit vor allem zum Aufbau der Gemeinde beitragt," (1 Kor 14,12).

Charismen erlangen dann ihre Bestimmung, wenn sie der Gemeinschaft der Kinder Gottes zur Verfügung gestellt werden. "Das echte ist nicht einfach, wo Wunder ist, sondern wo Dienst ist: verantwortungsbewusster Dienst zur Erbauung, zum Nutzen der Gemeinde."(11) In Anlehnung an die genannte Definition von Baumert dürfen wir dies noch weiter öffnen auf die Verantwortung nicht nur gegenüber der Kirche, sondern auch gegenüber der ganzen Welt.

Anstatt zu fragen: Welches Ehrenamt möchte oder soll ich ausfüllen? Welche Aufgabe gilt es zu erledigen? könnte die Frage stattdessen lauten: Welche gottgeschenkten Gaben besitze ich, und wie kann ich diese zum Nutzen aller einbringen?

In der US-amerikanischen katholischen Kirche hat sich in Anlehnung an ein Zitat aus dem 1. Petrusbrief das so genannte Stewardship-Modell durchgesetzt. "Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat" (1 Petr 4, 10). Im griechischen Text steht bei dem Wort, das wir mit ‚vielfältig’ übersetzen, poikile, das man auch mit dem Wort ‚bunt’ übersetzen kann. Wir sollen also einander dienen als gute Verwalter der bunten, vielfältigen Gnade Gottes.. Jeder Christ versteht sich als Steward, als Verwalter der Gnadengaben Gottes. Als guter Verwalter bin ich gefordert, mir Gedanken zu machen, wie ich dieses Gottesgeschenk wiederum der Gemeinschaft zur Verfügung stellen kann. Konkret wird dies in den beiden Dimensionen "Zeit" und "Talente":

Zeit:
Wie viel meiner wöchentlichen Zeit bin ich bereit in den Dienst anderer Menschen, der Kirchengemeinde, der Caritas zu stellen? Welche Zeit möchte und kann ich z.B. aufwenden für das gemeinsame Gebet in meiner Familie, für mein Engagement in der Katechese oder der örtlichen Caritasgruppe? Ich habe bewusst das Wort ‚kann’ betont. Manchmal habe ich den Eindruck: Wir überfordern uns gegenseitig. Sie dürfen auch Nein sagen, liebe Schwestern und Brüder! Sie dürfen Nein sagen; denn wir kriegen nicht alles hin, und Dienst mit und an Menschen ist immer uferlos. Immer! Und Sie entdecken in Ihrer Kreativität immer Neues.

Talente:
Welche besonderen Talente sind mir geschenkt, die ich zum Nutzen anderer einbringen kann? Habe ich das Talent, gut zuhören zu können oder bin ich handwerklich begabt? Kann ich gut meine eigenen Glaubenserfahrungen und Glaubensgeschichten in Worte fassen, oder bin ich eher talentiert, Dinge zu planen und zu organisieren? Es muss nicht jeder im Glaubensgespräch fit sein, es kann auch einer schweigen dürfen. In ihrem Stewardship-Modell konkretisieren amerikanische Kirchengemeinden dies mit der Frage - jetzt komme ich zur Verknüpfung mit dem, was ich über Ehrenamt heute gesagt habe -: Welche Selbstverpflichtung bin ich bereit, für die kommenden zwölf Monate einzugehen? Würde dies nicht viel besser zu den beschriebenen Erwartungen der Menschen heute passen, Engagement zeitlich zu befristen?

Der Dienst für die Gemeinschaft ist ein wichtiges Kriterium für einen gewissenhaften Umgang mit meinen Charismen. Der Korintherbrief verweist auf ein weiteres: "Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, der alles übersteigt: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte, … hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, … , hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts" (1 Kor 12, 31b, 13, 1-3) oder wie es im Lukasevangelium heißt: "Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren" (Lk 10, 5-6).

Ist die Liebe der Maßstab all unserer Bemühungen? Wie liebevoll sind wir in der Auseinandersetzung um die Zusammenführung von Kirchengemeinden, bei der Frage nach der Zukunft der Seelsorge, in der Zusammenarbeit von "alten Hasen" und neuen Haupt- wie Ehrenamtlichen? Wie friedlich sind wir zueinander und wie friedfertig wirken wir in die Gesellschaft hinein? "Das höchste Charisma der Liebe manifestiert sich unauffällig in tausend sehr wenig sensationellen Situationen des Alltags und bringt das fertig, wozu der Mensch von Natur aus sich immer wieder als unfähig erweist."(12)

Im Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern macht uns der Apostel noch auf ein weiteres Kriterium aufmerksam.

"Denn wie der Leib eine Einheit ist, so doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus"  (1 Kor 12,12). Die Vielfalt der von Gott geschenkten Gnadengaben verweist gleichzeitig auf die Entfaltung der Verschiedenheit ("Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör?", sagt Paulus in 1 Kor 12, 17) wie auch auf die Förderung der Einheit des eines Leibes: "Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied von ihm" (ebd.27).

Ich möchte die Überlegungen zu den Charismen, wie Paulus sie im Korintherbrief entfaltet, ergänzen durch einen Verweis auf das 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Dort heißt es im Kontext der Aussendung der 72 Jünger: "Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte" (Lk 10.1). Der Herr sendet uns niemals allein. Eine Aufgabe, und sei sie noch so wichtig, kann und soll nicht von einer Person alleine geschultert werden. Die Aussendung in Gemeinschaft bewahrt uns vor der Überforderung des Einzelnen. Wir dürfen sie aber auch als Aufforderung und Ermutigung zur Teamarbeit verstehen.

Die besondere Verantwortung der Laien

Es ist deutlich geworden, dass es um mehr als nur die Frage nach der Zukunft des Ehrenamtes in unseren Kirchengemeinden, Vereinen, Verbänden und der Caritas geht. Es geht um die Frage eines persönlich gelebten Glaubens, den ich als Geschenk erfahre und weitererzählen und weitergeben möchte. Weiter zu erzählen – kann das nicht ein Charisma von älteren Menschen sein? Wie viel narratives Charisma, steckt in unseren Schwestern und Brüdern, der älteren Generation! Was können sie noch einbringen, selbst wenn sie manuell und mit ihrem Körper kaum noch etwas tun können! Was können diese Schwestern und Brüder noch alles weitergeben!

Wo sehe ich als Bischof die besondere Verantwortung der Laien in unserem Bistum? Damit möchte ich noch einmal zusammenfassen, worum es mir heute geht:

  • Christen sind Talentsucher. Christen entdecken bei sich und bei anderen Charismen und bringen diese ins Spiel. Was kann mein Nachbar, meine Nachbarin, meine Freundin, mein Freund gut, worin ich eine Geistesgabe sehe? Vielleicht merkt er das selbst nicht. Aber ich darf ihm zeigen, es bei sich zu entdecken. Welche Menschen fallen mir durch zarte und leise Gesten auf, die es lohnt anzusprechen? Wo nehme ich geisterfülltes Leben wahr? Der bereits zitierte Norbert Baumert sagt: "Nur der Mensch, der mit den Augen Gottes sieht, erkennt darin das Wirken Gottes als geistliche Mitte, und nur er vermag in anderen Menschen den gleichen Geist zu erkennen."(13). Ich lade Sie ein: Seien Sie Talentsucher, bei sich und bei anderen.
  • Christen sind Sozialraum-Erkunder. Das Konzilsdokument über das Laienapostolat spricht von der besonderen Weltverantwortung der Laien. Sie leben mittendrin: In der Berufswelt, in der Familie, im Freundeskreis, im Sportverein und bei der Freizeitgestaltung. Ich lade Sie ein, Kundschafter des Lebens zu sein: Wo gelingt heute Leben und wo steht es in Gefahr? Wo drohen Menschen unter die Räder zu geraten, z.B. unter die Räder unserer Wirtschaftsordnung, des beruflichen Drucks, des sozialen Abstiegs, der Vereinsamung, der Krankheit und der Todesgefahr? Die Kirche braucht diese Lebenskunde der Christen, sonst verfehlt sie ihren Auftrag. In der stärkeren Orientierung an den Lebensthemen der Menschen sehe ich eine zentrale Aufgabe der Arbeit unserer Pfarrgemeinderäte. Hier können wir uns mit vielen, die sich in unserer Gesellschaft engagieren, verbinden, mit kirchlichen Verbänden, mit Schulen, mit Vereinen und Gruppen, die nicht kirchlich gebunden sind. Hier, auch in den nicht kirchlich gebundenen, gibt es über uns hinaus viele Verwandte!
    Auch die Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten und weitere hauptamtliche Mitarbeiter sind Talentsucher in unseren Kirchengemeinden, indem sie Charismen suchen und finden. Sie sind "Talentbefähiger", indem Christen für ihre Aufgaben angemessen aus- und fortgebildet werden, und "Talentförderer", indem sie das Engagement von Menschen angemessen würdigen.

Dies werden wichtige Aufgaben der Zukunft sein: Talente zu suchen, zu befähigen und zu fördern und diese Begabungen als Geschenke des Geistes Gottes zu deuten.

Einen letzten Hinweis möchte ich geben: Im erwähnten Konzilstext über das Laienapostolat können wir lesen: "Mit fortschreitendem Alter weitet sich der Geist, kann jeder gründlich die Talente entdecken, die Gott ihm geschenkt hat, und wirksamer jene Charismen einsetzen, die ihm der Heilige Geist zum Wohl seiner Brüder und Schwestern  verliehen hat."(14)

Wenn diese Wahrnehmung stimmt, könnte dies ein Anstoß gerade auch in einer alternden Gesellschaft sein, stärker als bisher in unseren Kirchengemeinden und anderen kirchlichen Orten den Kontakt zu Erwachsenen und Ältergewordenen zu suchen, seien sie getauft oder ungetauft, an eine Kirchengemeinde gebunden oder nicht, ehrenamtlich engagiert oder distanziert. Ja, ich denke auch an Ungetaufte und Menschen, die der Kirche ferner stehen: Ist es eigentlich schlimm, wenn wir sie gewinnen wollen, mit uns Christen zu sein? Vielleicht "schwächeln" wir genau an diesem Punkt heute!

Lassen Sie mich die wesentlichen Aspekte abschließend noch einmal kurz zusammenfassen:

  • Ich sehe die Notwendigkeit einer besseren Begleitung, Fortbildung und Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements.
  • Ich bitte und ermutige Sie, die kirchliche Situation heute nüchtern und mit Realitätssinn anzunehmen. Die Pfarrei als Gemeinschaft der Gläubigen erfahrbar zu machen, in der "Pilger" und "Konvertiten" eine geistliche Heimat finden, ist eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre.
  • Die Entdeckung und der Dienst der Charismen zum Aufbau der Gemeinde ist zentral für die Zukunft der Kirche von Münster. Die charismatische Durchdringung unseres Bistums ist mir ein großes Anliegen.

Am heutigen Tag verzeichnet der Heiligenkalender den Gedenktag eines uns allen Unbekannten, des Hl. Leander, des Bruders des Kirchenlehrers Isidor, der im 6. Jahrhundert in Spanien lebte. Sein griechischer Name heißt übersetzt: "Mann aus dem Volk." Haupt- und Ehrenamtliche, Geistliche und Laien sind Männer und Frauen des einen Gottesvolkes. Miteinander sind wir gerufen, dem Wort des Propheten Nehemia zu trauen: "Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke" (Neh 8,10). Wenn unser persönlich gelebter Glaube in der Gemeinschaft des Gottesvolkes dem Aufbau der Gemeinde dient, wird diese Freude am Herrn wie selbstverständlich von uns erlebt und für andere erfahrbar werden. Wir werden andere mitnehmen können, mit uns an den Gott des Lebens zu glauben, der seinen Sohn Jesus von den Toten auferweckt hat und uns seinen Geist schenkt, der das Angesicht der Erde erneuert.

Kardinal Ratzinger hat im Kontext neuer geistlicher Bewegungen gesagt: "Was in der Breite der Gesamtkirche – gerade auch inmitten der Krise der Kirche in der westlichen Welt – hoffnungsvoll stimmt, ist das Aufbrechen neuer Bewegungen, die niemand geplant und die niemand gerufen hat, sondern die einfach aus der inneren Vitalität des Glaubens selbst kommen. In ihnen zeichnet sich – sehr leise wohl – doch so etwas wie eine pfingstliche Stunde der Kirche ab."(15)

Liebe Schwestern und Brüder, ich übertrage das auch auf Sie. Es ist nicht nur gesagt auf kirchliche Bewegungen neuerer Zeit. Ich bin überzeugt, und dafür stehen Sie heute: Je mehr wir alle uns des Geschenkes unserer Taufe bewusst sind und aus ihr leben, wird uns Gottes Geist noch oft überraschen. Wir fangen erst an, Kirche zu sein, und sind allen dankbar, die vor uns in ihrer Zeit damit angefangen haben, so dass wir heute glauben können! 

Nochmals Ihnen allen Danke und uns einen gesegneten Tag!

Anmerkungen:

(1) Hennecke, Christian, Kirche im Übergang. Die fetten Jahre kommen noch, in: Unsere Seelsorge März 2009, 6.
(2) Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Zusammenfassungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005, 9.
(3) Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester, AAS 129 (1997), 5.
(4) Ansprache am Tag der Seelsorgerinnen und Seelsorger am 28. April 2009, 5.
(5) Aus der Ansprache Christoph Kardinal Schönborns  anlässlich der Eröffnung der Diözesanversammlung am 22. Oktober 2009 im Wiener Stephansdom.
(6) Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles Laici über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt, AAS 87 (1988), 40.
(7) Baumert, Norbert, Charisma – Versuch einer Sprachregelung, in: Theologie und Philosophie 66 (1991), 46.
(8) Bucher, Rainer, Zwischen Chaos und Kairos. Manuskript zur gleichnamigen Veranstaltung anlässlich des 97. Deutschen Katholikentages 2008 in Osnabrück, 3.
(9) II. Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium (LG), Dogmatische Konstitution über die Kirche, 12.
(10) LG 12.
(11) Küng, Hans, Die charismatische Struktur der Kirche, in: Concilium 1 (1965), 285.
(12) Küng, H., Die charismatische Struktur der Kirche, 286.
(13) Baumert, N., Charisma – Versuch einer Sprachregelung, 41.
(14) II. Vatikanisches Konzil, Apostolicam Actuositatem (AA), Dekret über das Laienapostolat, 30.
(15) Cordes, Paul Josef, Den Geist nicht auslöschen. Charismen und Neuevangelisierung, Freiburg 1990, 5.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Dossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Felix Genn
13.03.2010

Haus der Seelsorge

Die Klosterfürbitte, der Gruppen-Chat und die E-Mail-Seelsorge haben seit dem 1. Mai 2016 eine eigene Internetseite: www.haus-der-seelsorge.de.

Glaubenswissen

Diaspora: Christen in der Zerstreuung.

Beten mit Kindern

Vor dem Urlaub.

Berufe der Kirche

Die Diözesanstelle ist Ansprechpartner für Menschen, die Interesse an einem Beruf in der Kirche haben.

Jahr der Barmherzigkeit

Am 8. Dezember hat Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet.

Mariä Himmelfahrt

Papst Pius XII. Erklärte am 1. November 1950, dass Maria "nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden ist".

Dossier Wallfahrt

Seit Jahrhunderten machen sich Christen auf den Weg, um unterwegs Gott ein Stück näher zu kommen.

Beitrag für Betriebsrenten

Caritas-Mitarbeiter beteiligen sich künftig an den Beiträgen für ihre betriebliche Altersversorgung.

VIDEO-Tipp ...

Bistumsmedien für "brüderliche Zurechtweisung".

Bibelarbeiten

Die Bibelarbeiten befassen sich mit Schriftstellen aus dem Alten und Neuen Testament und eignen sich für die Gemeindearbeit und für die persönliche Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift.

Eine-Welt-Arbeit

Die Eine-Welt-Arbeit im Bistum Münster wird vom Referat Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat in Münster koordiniert.

Kommentar

Der Angst keine Chance! - Markus Nolte über vier Anschläge in einer Woche

Haushalt des Bistums

Laufende Einnahmen und Ausgaben.

Wallfahrtsorte

Kevelaer: Trösterin der Betrübten.

Verbände

Kolpingwerk.

Ferienfreizeiten

Daheim und unterwegs.

Frauenseelsorge

Kirche und Frauen - das ist ein facettenreiches Pflaster.

Regionen

Borken-Steinfurt.

Kirche von A bis Z

Caritas: "Lieb" und "teuer".

Durch das Jahr

Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt.

Geistlicher Impuls

Irischer Reisesegen.

Mit der Bibel leben

Bibelarbeit zum Hohelied.

Heiligenlexikon

31. Juli: Ignatius von Loyola.

Glaubens-ABC

Engel: Gottes Bote.

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand