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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn beim Priestertag des Bistums Speyer
11.02.2012
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn beim Priestertag des Bistums Speyer

Bistum Speyer. Am Mittwoch (27.01.2010) fand in Pirmasens ein Priestertag des Bistums Speyer statt. Bischof Felix Genn hielt hierbei einen Vortrag. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung des Vortrags.

Verehrter, lieber Bischof, lieber Mitbruder Karl-Heinz, lieber Bischof Anton, lieber Weihbischof Otto, verehrte, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst! Von ganzem Herzen danke ich für das Vertrauen, das mir Bischof Karl-Heinz entgegengebracht hat, im Priesterjahr Ihnen, den priesterlichen Mitbrüdern aus dem Presbyterium der Kirche von Speyer einige Überlegungen vorzutragen, die uns helfen mögen, in der derzeitigen schwierigen Situation eines starken pastoralen Umbruchs unsere Berufung und Sendung zu leben. Papst Benedikt XVI. hat mit seiner Einladung, die Zeit vom Herz-Jesu-Fest 2009 bis zum Herz-Jesu-Fest 2010 als Priesterjahr zu begehen, einen Raum eröffnet, der uns helfen kann, uns unserer Sendung innezuwerden. Ich wünsche sehr, dass wir durch das gemeinsame Zeugnis des heutigen Tages gestärkt dem folgen können, was wir bei unserer Priesterweihe empfangen und versprochen haben.

I. Problemaufriss

Ich kann freilich nicht unvermittelt einige Gedanken zum Priestertum vortragen, ohne den Horizont abzustecken, in dem wir uns heute bewegen. Es ist zunächst einmal nicht das erste Mal, dass wir uns im Rahmen eines Priestertages anregen lassen, über unseren Beruf nachzudenken, in einer Art "kleinem Exertitium" für unser jeweiliges Heute eine Stärkung zu empfangen, die uns in unserem wunderlosen Alltag weitertragen kann.

Liebe Mitbrüder, manchmal trete ich mit Zittern und Zagen vor eine Gruppe von Priestern, weil ich einerseits davon ausgehe, dass Sie, die Sie mir zuhören, sich schon so viele Gedanken gemacht haben, Ihrem Dienst zu entsprechen, dass Sie aber andererseits gerade in den starken pastoralen Umbrüchen von mir weder die Lösung der Fragen und Probleme noch irgendein Wundermittel erwarten können. Es ist mühselig, in einer solchen kirchengeschichtlichen Stunde zu stehen, wie wir sie derzeit erleben. Sie wissen, dass ich das in sehr extremer Weise während meiner Tätigkeit als Bischof von Essen erfahren habe, mich der Herausforderung zu stellen, in einem großen gesellschaftlichen Wandel, wie ihn in besonderer Weise das Ruhrgebiet durchmacht, die pastorale Struktur der Kirche so zu gestalten, dass sie im Heute für das Morgen ihren Auftrag erfüllen kann. In unterschiedlicher Form erleben das auch die anderen deutschen Diözesen, und sicherlich wird auch das Bistum Speyer davon betroffen sein. Dabei brauche ich nicht zum wiederholten Male aufzuzählen, wie die äußeren Faktoren dieses Wandels zu benennen sind. Eines ist dabei klar: Auch wenn alle, die sich kirchlich engagieren und innerlich mit der Kirche verbunden sind, mehr oder weniger von diesem Wandel betroffen werden, so spüren es besonders die Priester vor Ort. Es belastet mich als Bischof, meine priesterlichen Mitbrüder in einer Situation zu wissen, und sie auch nicht aus dieser Situation befreien zu können, in der spürbar eine bestimmte Sozialgestalt von Kirche zerbricht, vielleicht längst nicht mehr vorhanden ist, eine neue Gestalt aber nicht sichtbar am Horizont erscheint. Es ist schwer, Kirche im Übergang zu leben, und es ist für den Priester in doppelter Weise schwer: Weil er die Erwartungen der Gläubigen, die mit ganz bestimmten inneren Bildern an seinen Dienst herantreten, gar nicht mehr zur Genüge erfüllen kann, und – dies wirkt schwerer – weil er die eigenen inneren Erwartungen, die er seit seiner Priesterweihe oder bereits durch Jahre der Vorbereitung geprägt in sich trägt, ebenso wenig erfüllen kann. Je mehr wir uns, liebe Mitbrüder, mit der Situation auseinandersetzen, spüren wir, wie überfordert wir sind. Und wer gibt schon gerne zu, überfordert zu sein? Aber es ist so: Es ist eine strukturelle Überforderung, geprägt von Ratlosigkeit, nicht zu wissen, wie es weitergehen soll, und eine immer wieder neu einzuübende Anstrengung, gegen den Strom zu schwimmen, sich den Wind ins Gesicht blasen zu lassen, alles Mögliche zu tun, um dem Wort des Evangeliums den Boden zu bereiten und seine Fruchtbarkeit zu ermöglichen. Am Ende werden wir oft sagen müssen: "Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan" (Jes 49, 4a). Ich wünsche Ihnen und uns, dass wir mit dem Propheten auch den Satz fortsetzen können: "Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott" (ebd. 4b).

Könnte das Priesterjahr eine Chance sein, uns innerlich zu stärken und unseren Dienst neu zu profilieren? In der Tat, so könnte es sein; und ich finde es erstaunlich, dass dieses Jahr, von Papst Benedikt in Erinnerung an den 150. Todestag des heiligen Pfarrers von Ars ausgerufen, so viel Echo hervorgebracht hat. Freilich hat es uns auch, vor allem im deutschsprachigen Raum, in neue Auseinandersetzungen um Fragen hineingeführt, die uns schon allzu bekannt sind. Angesichts der Akzentuierung des priesterlichen Dienstes steht sofort bei uns die Frage im Raum, ob die anderen Dienste denn weniger wert sind, ob wieder alles mehr priesterzentriert in der Kirche gesehen werde, und ob wir nicht endlich gelernt haben, das Priestertum in Verbindung mit dem priesterlichen Gottesvolk zu sehen. Angesichts der Umstrukturierung und der Erfahrung großer Belastungen der Priester im Verhältnis zu einer geringer werdenden Zahl wird neu und heftig die Frage des priesterlichen Zölibates diskutiert, der Zulassungsbedingungen zum Weiheamt auch für Frauen und vieles mehr, was uns aus den letzten Jahrzehnten nicht unbekannt ist. Wenn wir zudem daran denken, dass der priesterliche Dienst durch das Zeugnis missbräuchlicher Ausübung mitunter sehr verdunkelt worden ist, macht es viele müde und mürbe, den priesterlichen Zölibat als Lebensform für unseren Dienst einsichtig zu machen; und dies fällt nicht nur Laien schwer, sondern ich kann es auch im Gespräch mit Priestern immer wieder beobachten und feststellen. Umgekehrt fühle ich mich dann oft in eine defensive Haltung hineingedrängt, wenn ich meine Überzeugung bekenne, dass die Frage des Zölibats zwar immer wieder neu zur Erklärung ansteht, aber nicht zur Disposition. Ich erlebe dabei oft, dass dies mehr als eine kirchenpolitische Entscheidung angesehen wird als ein tiefes inneres Überzeugt-Sein vom hohen Wert dieser Wahl der Nachfolge Christi.

Die Ausrufung des Priesterjahres mit der besonderen Intention, für die Heiligung der Priester zu beten, damit ihr Wirken ein noch stärkeres Zeugnis für das Evangelium in der Welt darstellt, und dies zu verbinden mit der Gestalt des Pfarrers von Ars, der Priestersein im 19. Jahrhundert gelebt hat, wird als höchst problematisch angesehen. Auch im Schreiben des Heiligen Vaters zur Eröffnung dieses Jahres der Priester treffen wir auf Zitate aus den Schriften des heiligen Johannes Maria, die uns nicht mehr zeitgemäß sind, mit unserer Theologie des Priestertums nicht mehr übereinzustimmen scheinen, ja, wie es Papst Benedikt in diesem Schreiben sagt, "übertrieben erscheinen".

Liebe Mitbrüder, ist das nicht alles etwas steil, abgehoben, mit unserer harten Realität völlig unverbunden, nicht mehr zeitgemäß, sprachlich nicht mehr zu vermitteln? Was heißt schon "Heiligung der Priester"? Kann man wirklich noch davon sprechen, heilig zu werden? Neulich stieß ich auf den Text eines Büchleins aus den 60er Jahren, das den bezeichnenden Titel trägt "An unerträglichen Tagen"(1) Wie viel unerträgliche Tage gibt es auch in unserem priesterlichen Leben! Wie viele Tage gibt es, wo uns weder nach Heiligwerden, noch nach Heiligsein, ja, nicht einmal nach Gott zumute ist? Wie viele Wolken haben sich vor den Himmel des Weihe- und Primiztages gelegt? Wie sehr machen wir die Erfahrung der Fruchtlosigkeit unseres Dienstes! Wie oft müssen wir erfahren, was Karl Rahner in dem für mich immer noch unübertroffenen Gebet "Gott meiner Brüder" formuliert hat:

"Du hast mich zu Menschen gesandt. Du hast die schweren Lasten Deiner Vollmachten und Deiner Gnadenkräfte auf meine Schultern geladen und mich gehen geheißen in strengem, fast barschem Wort, mich fortgeschickt von Dir, weg zu Deinen Geschöpfen, die Du retten willst, zu den Menschen …. Oh Gott, diese Menschen, zu denen Du mich von Dir fortgejagt hast! Meistens nehmen sie mich, Deinen Boten, gar nicht auf, und wollen Deine Gaben, Deine Gnade und Deine Wahrheit gar nicht, mit denen Du mich zu ihnen gesandt hast. Und doch muss ich wie ein aufdringlicher Hausierer auch an ihren Türen immer wieder anklopfen. Wenn ich nur wüsste, dass sie wirklich Dich abweisen wollen, wenn sie mich nicht aufnehmen. Das wäre mir ein Trost. Aber vielleicht würde auch ich ruhig und selbstverständlich die Türe in das Haus meines Lebens geschlossen halten, klopfte einer wie ich daran, mit der Behauptung, er sei von Dir gesandt. Und erst die, so mich einlassen in das Haus ihres Lebens! Ach, sie wollen gewöhnlich alles andere mehr, als was ich ihnen von Dir bringen soll. … wie selten will jemand wirklich ganz und ohne Abstriche die erstaunliche Botschaft hören, dass man Dich leidenschaftlich lieben müsse, Dich, nicht bloß sich, Dich um deinetwillen, nicht bloß um seinetwillen, lieben, nicht bloß respektieren und sich vor Deinem Gericht in Acht nehmen. Wie selten will jemand das Geschenk Deiner Gnade so entgegennehmen, wie sie wirklich ist: Herb und klar, zu Deiner Ehre, nicht bloß zu unserem Trost, keusch und lauter, schweigsam und kühn. Zu solchen Menschen hast Du mich gesandt. Und ich kann nicht fliehen." (2)

Liebe Mitbrüder, und wie viel Versuchungen gibt es dann, um dem zu entfliehen, was unsere Sendung und unser Auftrag ist: Alles Mögliche zu tun, aber nicht, das was wir tun sollen, Stress, Hektik und Hetze, in die wir einerseits eingespannt sind, die wir andererseits uns aber auch selber machen, die Ausflüge ins Internet, die ungeordneten Tage, Beschäftigungen, die uns vom inneren Sinn unserer Sendung ablenken … und vieles mehr. Immer wieder habe ich als Spiritual in der geistlichen Begleitung meiner Mitbrüder - und auch im Blick auf mein eigenes Leben - einen Wert in besonderer Weise erkannt, um den es unerbittlich zu ringen, an dem es unerbittlich festzuhalten gilt: Die Treue zu dem, was der Herr als gutes Werk einmal in jedem von uns begonnen hat, die Treue zu dem, was wir dann gewissermaßen wie die Verdichtung unserer Sehnsucht und unseres Wollens in den Primiz- und Weihespruch gefasst haben, auf den jeder immer als eiserne Ration gerade an den unerträglichen Tagen zurückgreifen kann. Insofern, liebe Mitbrüder, finde ich das Thema des Priesterjahres gar nicht so uninteressant: "Treue zu Christus, Treue des Priesters".

Liebe Mitbrüder, von einer solchen Treue zu sprechen, das kann ich nur, wenn ich an die Treue Christi selbst denke. Von ihr her eröffnet sich für mich der Horizont, in dem ich mit Worten wie Heiligung, Heiligwerden, Heiligkeit umgehen kann. Immer wieder berührt mich, wenn ich im letzten Buch der Bibel in den Sendschreiben die Worte lese: "Ich kenne deine Werke und deine Mühe und dein Ausharren. … ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut" (Offb 2, 2. 9). Im Griechischen steht hier das Wort "oida". Der Herr weiß um meine Bedrängnis und meine Armut, weil Er in Treue zu mir steht. Er kennt also auch Ihre Bedrängnis, liebe Mitbrüder. Wenn es schon keine äußere Verfolgung und äußere Armut gibt, so kennt er vieles, woran ich in meiner Pastoral leide, den Schwund der Zahlen, den Schwund des Mysteriums, die Einsamkeit, die letzte Heimatlosigkeit, meine Grenzen und meine Überforderung, die Verschattung meines Lebens, meine leeren Hände, Versäumtes und unaufholbare Schuld, die Unbeholfenheit meines christlichen Zeugnisses, kurzum das, was Rilke einmal in seiner unnachahmlichen Sprache in seinem Requiem so formuliert hat: "Wenn ich mich nachts zurückziehe in meines Herzens letzte ärmste Kammer" – Er kennt es. Aus seiner Treue will ich treu sein, um seiner Treue willen heilig werden.

II. Die Heiligung des priesterlichen Lebens

II. 1 Assoziationen

Liebe Mitbrüder, auch wenn ich weiß, dass ich mit diesen letzten Ausführungen schon ein Herzstück dieser Thematik berührt habe, so möchte ich trotzdem nicht versäumen, auf das Befremdliche dieses Begriffes hinzuweisen. Zwar verwenden wir das Wortfeld von heilig, Heiligkeit, Heiliger usw. durchaus nicht selten, aber immer in einer gewissen Distanz. Selbst wenn wir uns freuen könnten, sollte jemand zu uns kommen, der uns bittet, ihm zu helfen, heilig zu werden, wie es vom heiligen Dominikus Savio in seiner Begegnung mit Johannes Don Bosco berichtet wird, wir müssten zunächst eine Distanz überwinden. Wir sind nämlich fest davon überzeugt, dass wir alle keine Heiligen sind – und das stimmt ja auch. Aber dass Gott uns als Heilige will, stimmt ebenso. Wir wären wahrscheinlich auch etwas merkwürdig berührt, wenn wir aus unserer Gemeinde hören würden: Unser Pastor ist ein kleiner Heiliger. Wir würden nämlich sofort mithören: Er ist fromm, er ist auch irgendwie lieb, aber von der Welt und von unserem Leben hat er keine Ahnung, und deshalb ist er für uns wenig hilfreich. Wir würden nicht einmal bemerken, dass durchaus hinter einer solchen Charakterisierung auch eine Sehnsucht liegt, die Menschen anzieht. Kurzum: Der Begriff des Heiligen wirkt befremdlich.

Aber dann merke ich auch, wenn ich im Stundengebet der Laudes Morgen für Morgen spreche: "Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsre Tage" (Lk 1, 74-75). Es macht mir nichts aus, das Wort, das Gebet zu sprechen, das wie eine Tür in die Exerzitien des heiligen Ignatius führt: "Seele Christi, heilige mich". Oder ich merke auf, wenn der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen bei einer Begegnung den Wert des Gedenkjahres zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin in die Worte fasst, es sei für Calvin wichtig, von der Heiligung der Christen zu sprechen und nicht bloß von der Rechtfertigung, ja, dieser Begriff sei sogar für ihn zentraler als der andere – und deshalb geht es bei der Heiligung um die Gestaltung der Welt in Gerechtigkeit. Ich merke auf, weil hier Heiligung und Gerechtigkeit in der Welt zusammen gelesen werden. Ist es vielleicht doch nicht so abgehoben?

Und immer noch bleibt für mich die Vision von Johannes Paul II. für das neue Jahrtausend grundlegend, die er in seinem Apostolischen Schreiben "Novo Millennio Ineunte" in die Worte gefasst hat: "Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit. …Wenn man diese grundlegende Wahrheit in Erinnerung ruft und als Basis für unsere pastorale Planung am Anfang des neuen Jahrtausends nimmt, könnte es auf den ersten Blick scheinen, dass es sich dabei um etwas wenig Umsetzbares handelt. Kann man Heiligkeit etwa "planen"? Was kann dieses Wort in der Logik eines Pastoralplanes bedeuten? Wer die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der Heiligkeit stellt, trifft in der Tat eine Entscheidung mit Tragweite. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, dass es widersinnig wäre, sich mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden zu geben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist. Einen Katechumenen fragen: "Möchtest du die Taufe empfangen?", das schließt gleichzeitig die Frage ein: "Möchtest du heilig werden?". Es bedeutet, seinen Lebensweg vom Radikalismus der Bergpredigt leiten zu lassen: "Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist" (Mt 5, 48). Das Konzil selbst hat erklärt, dass man dieses Ideal der Vollkommenheit nicht falsch verstehen darf, als sei es eine Art außerordentlichen Lebens, das nur von einigen "Genies" der Heiligkeit geführt werden könnte".(3) Johannes Paul greift hier auf das II. Vatikanische Konzil zurück, das ausdrücklich in seiner Kirchenkonstitution im 5. Kapitel programmatisch von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit gesprochen hat. Heiligkeit ist somit eine grundlegende Wirklichkeit, nicht etwas Abgehobenes, etwas vom normalen Leben Getrenntes, sondern gehört zentral in den Bereich unseres Christseins, grundgelegt in unserer Christwerdung durch die Taufe. Wie sehr sollte auch das für uns als Priester gelten!

Deshalb finde ich es bemerkenswert, dass Karl Rahner in den immer noch sehr lesenswerten Betrachtungen zum Priestertum, herausgegeben unter dem Titel "Knechte Christi" (4), an mehreren Stellen von der Heiligung des Priesters spricht. Ein Artikel ist ausdrücklich überschrieben: "Können wir noch heilig werden?"(5) - und dies hat er erstmals schon 1947 veröffentlicht! Die Frage bleibt aktuell, weil es um einen zentralen Inhalt unseres Glaubens und unserer Christengestalt geht.

Das Priesterjahr kann uns helfen, uns noch mehr von dem durchdringen zu lassen, was wir in der Priesterweihe und in der Taufe empfangen haben. Es kann uns helfen, zu dem zu stehen, der uns gerufen hat, der uns bis jetzt in Treue gehalten hat, und dem wir eigentlich im tiefsten Kern unseres Herzens, in unserem Seelenfunken, treu bleiben wollen. Der aber ist der Heilige allein, wie wir es im Gloria der Messe bekennen.

II. 2 "Heilige sie in der Wahrheit; Dein Wort ist Wahrheit" (Joh 17, 17)

Liebe Mitbrüder, ich möchte mich diesem Begriff der Heiligung nähern, indem ich auf eine Kernstelle des Wortfeldes aufmerksam mache und mich vom Herrn selbst inspirieren lasse, was Er unter Heiligung und Heiligwerden versteht. Dabei treffe ich auf das Abschiedsgebet aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums, das wir für gewöhnlich das "Hohepriesterliche Gebet" nennen. Dabei überlasse ich es der theologischen Diskussion, ob der Evangelist Johannes auf dem Hintergrund der Liturgie des jüdischen Versöhnungstages Jesus deutlich als Hohen Priester gezeichnet hat, finde es aber der Erwähnung wert, dass Rudolf Bultmann in seinem Kommentar bemerkt, Jesus spreche hier mit dem Begriff der Heiligung von seinem Lebensopfer: "Jesus, der Heilige Gottes (Joh 6, 69), erweist seine Heiligkeit dadurch, dass er sich für die Seinen opfert. Wie seine Sohnschaft, seine doxa nichts ist, was er für sich hat, sondern wie sein besonderes Sein, kraft dessen er Gottes Sohn ist, sein Sein für die Welt, bzw. für die Seinen ist, so ist seine Heiligkeit nichts anderes als der Vollzug dieses seines Seins für die Welt, für die Seinen. …Im Opfer ist er in der göttlichen Weise so gegen die Welt, dass er zugleich für sie ist; - für die Seinen, sofern sich an ihnen verwirklicht, was er für die Welt ist".(6) Ich habe das deshalb zitiert, weil ich bei diesem unverdächtigen Zeugen darauf aufmerksam machen kann: Der Begriff der Heiligung und der Heiligkeit hat zentral mit Hingabe und Liebe für die Welt zu tun. Bei Bultmann übrigens spielt diese Verbindung von Heiligung und Opfer auch deshalb eine so wichtige Rolle, weil er davon überzeugt ist, dass der Evangelist Johannes "den Bericht von der Stiftung des sakramentalen Mahles durch das Gebet Jesu ersetzt".(7)

Der uns, liebe Mitbrüder, zunächst einmal etwas fremd erscheinende Begriff der Heiligung gehört zentral in die Christologie. Johannes ist in besonderer Weise Garant für dieses Zeugnis. Schon im 10. Kapitel nach der Hirtenrede bemerkt der Evangelist, dass der, der hier in der Auseinandersetzung mit den Juden spricht, der ist, "den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat" (Joh 10, 36). Die Heiligung durch den Vater und die Sendung in die Welt werden zusammen gelesen. Das gilt erst recht für den Text im Hohepriesterlichen Gebet: "Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind" (ebd. 17, 17-19). Mit dem griechischen Begriff des Heiligens wird in der Septuaginta die Weihe von Opfertieren bezeichnet. Deutlich ist: Es geht um das Einbeziehen einer Wirklichkeit in den Bereich Gottes, darum, dass hier in unserem Text die Jünger mit der Art und Wesenheit Gottes durchdrungen werden. Es geht also darum, dass der, der allein der Heilige ist, Anteil gibt an seiner Art und Wesenheit, die aber im Kern nichts anderes ist als sich total verschenkende Liebe und Hingabe, also Opfer.

Papst Benedikt hat in seiner Predigt am Gründonnerstag des vergangenen Jahres in der Missa chrismatis diese Verse in großer Tiefe ausgelegt. Die Jünger werden in diesem Gebet herausgenommen aus ihren unmittelbaren weltlichen Zusammenhängen und in die Wirklichkeit Gottes gestellt. Es geht nicht um eine Heiligung sakramentaler und ritueller Art, wie sie im alttestamentlichen Tempelkult vollzogen wurde. Es geht auch nicht darum, durch Erfüllung der Gebote heilig zu werden. Es geht vielmehr darum, in der Wahrheit, genauer gesagt im Wort Jesu, so zu leben, dass diejenigen, die darin stehen, einerseits ganz hineingenommen sind in die Welt Gottes, in seine Heiligkeit hineingezogen werden und ganz aus dem Eigenen weggenommen sind, und dass sie zugleich gesandt werden in die Welt, weil sie gerade in dieser Wahrheit und in diesem Wort gut gerüstet sind, die Welt in die Welt Gottes hineinzuführen. Jesus selbst nimmt sich aus den weltlichen Bezügen, in die er durch seine Menschwerdung und durch sein Leben voll hineingestellt ist, heraus, indem er sich in Liebe mit seinem ganzen menschlichen und göttlichen Dasein dem Vater opfert und so alle Opferhandlungen des alten Bundes erfüllt, damit alle, die zu Ihm gehören, die in Seinem Wort stehen, in dieser Liebe und Wahrheit geheiligt sind. Letzten Endes lebt Jesus aus dem Gehorsam gegenüber dem Vater, sich ganz Seinem Willen hinzugeben, damit dessen Name geheiligt werde und dessen Reich komme. Der belgische Exeget Ignace de la Potterie, der sich viel mit der johanneischen Theologie beschäftigt hat, spricht an dieser Stelle ausdrücklich von dem totalen Gehorsam Jesu an den Willen des Vaters, der sich in der dauernden Hingabe während seiner ganzen menschlichen und irdischen Existenz vollzieht. Diese Hingabe erfüllt sich am Kreuz. (8)

Liebe Mitbrüder, um unseren Dienst in der Welt zu tun, kommt es also wesentlich darauf an, in der Wahrheit Jesu Christi zu leben. Deshalb möchte ich hier die tiefen Wort von Papst Benedikt aus seiner eben erwähnten Predigt zitieren: "Die Jünger werden also in Gott hineingezogen, indem sie in das Wort Gottes eingetaucht werden. Das Wort Gottes ist gleichsam das Bad, das sie reinigt, die schöpferische Macht, die sie umformt in Gottes Sein hinein. Und wie ist es da mit uns? Sind wir wirklich durchtränkt vom Wort Gottes? Ist es wirklich die Nahrung, von der wir leben, mehr als vom Brot und von den Dingen dieser Welt? Kennen wir es wirklich? Lieben wir es? Gehen wir innerlich damit um, sodass es wirklich unser Leben prägt, unser Denken formt? Oder formt sich unser Denken nicht doch immer wieder aus alledem, was man sagt, was man tut? Sind nicht doch oft genug die herrschenden Meinungen der Maßstab, an dem wir uns messen? Bleiben wir nicht doch in der Oberflächlichkeit all dessen, was sich dem Menschen von heute ebenso aufdrängt? Lassen wir uns vom Wort Gottes wirklich inwändig reinigen?" (9)

Wie also der Sohn sich dem Vater vollständig zur Verfügung stellt und nichts Heiligeres kennt als den Vater, so möchte Er es auch uns lehren. Dazu hat er uns geweiht und gesandt. Das ist in der Taufe bereits grundgelegt, sodass bei der Priesterweihe der Bischof ausdrücklich betet: "Erneue in ihnen den Geist der Heiligkeit." Das ist die Grundlage, weil wir mit Christus, dem Wort Gottes schlechthin, dem, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, seit unserer Taufe vereint sind, ja in Ihm, wie es der Apostel Paulus sagt, eingepflanzt wurden, in die Gleichgestalt seines Todes (Röm 6, 3). Auf dieser Grundlage basiert das Amt, das wir aus der Hand des Herrn empfangen haben, und das uns, wie es die Weihepräfation sagt, "die Teilhabe am Priesterdienst" schenkt, die "unser Anteil für immer sei". Nur deshalb kann das Leben des Priesters "für alle Vorbild und Richtschnur" genannt werden.

II. 3 Folgerung

Nachdem wir nun, liebe Mitbrüder, aus biblischer Perspektive und in einem geistlichen Horizont uns vertraut gemacht haben mit dem Wortfeld von Heiligung, Heiligkeit und Heiligwerden, dürfen wir daraus einige Konsequenzen ziehen. Vielleicht stört uns dabei, auf die Gestalt des Pfarrers von Ars zu schauen. Vieles kommt uns fremd, ältlich, absolut nicht mehr zeitgemäß vor. Mancher von uns wird sich damit nicht nur schwer tun, sondern auch ablehnend ihm gegenüber stehen. Sicherlich kann jeder andere Priester Gestalten aus der Gegenwart wie aus der Vergangenheit als Stütze wählen, dem Grundanliegen gerecht zu werden, ganz zum Herrn zu gehören und immer mehr hineinzuwachsen in die Christusgestalt, damit auch wir mit dem Apostel sagen können: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal 2, 20). Im Anschluss an den heiligen Ambrosius von Mailand hat eine Pastoralreferentin ein Gebet verfasst, das ich Ihnen gerne für Ihre persönliche Betrachtung zur Verfügung stelle. Es mag uns vielleicht abschrecken zu sagen, dass Christus für uns alles ist. Es mag abschrecken, weil wir wissen, wie viel anderes uns und unsere Seele besetzt, bisweilen auch gefangen hält. Ich wage es trotzdem, so zentral zu sprechen, weil ich genau weiß, dass das Herz eines jeden von uns nichts anderes in der Tiefe wollte, als Christus zu lieben und zu Ihm zu gehören. Das war es doch, was uns getrieben hat, diesen Weg zu beschreiten und in diesen Dienst zu treten. Das ist es doch, was uns hält bei all unserem Versagen, in all unserer Resignation und Müdigkeit. Er ist es doch, der unsere Hoffnung und Zuversicht ist, dem wir gehören wollen im Leben wie im Sterben. Oder ist es anders? Wenn Philipp Neri in einer Situation der Kirche, die wahrhaftig nicht goldig war, immer gebetet hat: "Jesus, sei mir Jesus", dann kann ich das eigentlich doch auch!

Aber damit darf ich auch meinen Blick doch noch einmal auf den Pfarrer von Ars wenden und ihn bitten, dass er uns provoziert mit seiner Art, auch wenn er uns an manchen Stellen fern bleibt. Ich greife drei Aspekte heraus, die mir bis ins Konkrete hinein diese Heiligung in ganz besonderer Weise aufleuchten lassen:

II. 3.1 Seelsorge heiligt den Seelsorger

Liebe Mitbrüder, Sie kennen vielleicht den Titel dieses Büchleins von Georg Mühlenbrock.(10) Auch wenn dieses Buch schon über 40 Jahre alt ist, so hat es von seinem inneren Wert nichts verloren. Zudem ist mir in der Betrachtung der Aussagen des II. Vatikanischen Konzils über den priesterlichen Dienst deutlich geworden, dass das Konzil ausdrücklich vom Dienst und Leben der Priester spricht und nicht umgekehrt. Was hat den heiligen Pfarrer von Ars immer wieder neu angetrieben, wenn nicht die Sorge um die Menschen? Es wird berichtet, dass er angesichts der großen Schwierigkeiten, die er mit dem Latein während seines Studiums hatte – denn so dumm, wie er manchmal hingestellt wird, war er gar nicht; er hatte große Schwierigkeiten, Latein zu lernen und den Vorlesungen in Latein zu folgen – deshalb nie aufgegeben hat, weil er an die Seelen dachte. Dieses Motiv ist urtümlich für eine priesterliche Berufung, dass man wahrhaftig nicht mehr sagen kann: "Heilig zu sein, das hebe vom Boden ab." Übrigens wollte der heilige Ignatius nichts anderes als "den Seelen helfen (animas iuvare)". Wie oft darf ich lesen, wie oft darf ich hören, dass als Motivation, den priesterlichen Dienst anzutreten, bis zur Stunde genau das gedacht wird. Und wie oft, so muss ich leider auch mit großem Schmerz sagen, muss ich erfahren, dass das einer der wundesten Punkte unseres Dienstes ist. Wie viele Menschen erfahren uns nicht geprägt von einer caritas pastoralis – und dies nicht, weil wir zu wenig Zeit hätten aufgrund der vielen Pfarreien, sondern weil uns manchmal die Liebe zu den Menschen abgeht. In der Tat: Sie können einem lästig werden, sie können einen belasten, sie können einen ärgern, sie können einem auf den Geist gehen.

In solchen Augenblicken, liebe Mitbrüder, denke ich an den Herrn selbst: "Vierzig Jahre war mir dies Geschlecht zuwider, und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht; denn meine Wege kennen sie nicht" (Ps 95, 10).

Oder: "Hört auf mich, ihr vom Haus Jakob, und ihr alle, die vom Haus Israel noch übrig sind, die mir aufgebürdet sind vom Mutterleib an, die von mir getragen wurden, seit sie den Schoß ihrer Mutter verließen. Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet, bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten" (Jes 46, 3-6).

Oder: "Da sagte Jesus: O du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen?" (Mt 17,17) – das alles sagt der, den wir den Heiligen nennen, oder um mit dem Propheten Jesaja fortzufahren: "Mit wem wollt ihr mich vergleichen, neben wen mich stellen? An wem wollt ihr mich messen, um zu sehen, ob wir uns gleichen?" (Jes 46, 5).

Liebe Mitbrüder, das ist die tägliche Mühsal der Liebe. Wenn Seminaristen mich fragen, was ich für die Zukunft des priesterlichen Dienstes als absolut notwendig ansehe, dann antworte ich immer ganz schlicht: "Die Menschen zu lieben. Sie sind, wie sie sind." Das heißt ja nicht, dass wir sie nicht ändern können durch unser Wort und unsere Verkündigung. Christus will ja, dass sein Wort zur Umkehr führt. Er will heilen nicht nur an Leib, sondern auch an der Seele. Er will läutern bis ins Fegefeuer hinein. Aber er ist eben gnädig und voll Erbarmen ohne Grenzen. Deshalb berührt es mich sehr, wenn der heilige Pfarrer von Ars ausdrücklich sagt: "Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, er ist es für euch" oder: "Es ist eine grobe Lästerung zu sagen, dass die Barmherzigkeit Gottes eine Grenze hat. Aber sie ist grenzenlos. Nichts beleidigt Gott mehr, als an seiner Barmherzigkeit zu zweifeln". (11)  Das ist auch der Pfarrer von Ars!

Hier möchte ich in besonderer Weise an eine Gruppe von Menschen erinnern, für die es eine besondere Sensibilität braucht. Es ist nicht ohne Grund, wenn sowohl bei der Diakonen- als auch bei der Priesterweihe (und mit einer ähnlichen Formel bei der Bischofsweihe) die Kandidaten gefragt werden: "Seid ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?" Durch meine Tätigkeit im Ruhrgebiet ist mir gerade dieser Aspekt unseres Dienstes ganz besonders nahe gerückt. Nicht als ob es das vorher nie gegeben hätte. Aber in dieser Gemengelage, vor allem im Blick auf so viele arbeitslose Jugendliche, die keine Ausbildung und keinen Arbeitsplatz erhalten, muss die Kirche Anwalt der Armen sein. Wie steht es um unsere Pfarrgemeinderäte in dieser Hinsicht? Nehmen die Pfarrgemeinden genug in den Blick, dass wir als Christen ganz besonders für diejenigen da sind, die uns nichts zurückgeben können? Gerade die Sensibilität für die Menschen, die vom Sozialprodukt her gesehen nichts bringen, ist das Kriterium, ob es mit uns als christliche Gemeinde, als Priester, ja ob es um unsere eucharistische Frömmigkeit stimmt.

II. 3.2 Wertschätzung des Bußsakramentes

Liebe Mitbrüder, von hier aus ergibt sich von selbst die hohe Wertschätzung des Bußsakramentes, die wir unmittelbar mit der Gestalt des Pfarrers von Ars verbinden. Hier berühren wir natürlich einen sehr wunden Punkt unserer kirchengeschichtlichen Situation. Sie haben an einem Priestertag mit Bischof Wanke, dessen Vortrag ich damals auch dankbar gelesen habe, über dieses Thema gesprochen. Ich brauche es hier nicht zu entfalten. Auch dieses Problem können wir nicht von jetzt auf gleich lösen. Aber wir könnten zunächst einmal selbst wieder beichten gehen, falls wir es für unsere eigene Lebenspraxis abgeschrieben haben. Ich kann nicht Menschen zum Bußsakrament hinführen, wenn ich selber dieses Sakrament nicht mehr pflege. Dazu bedarf es sicherlich eines scharfen Blickes auf die unangenehme und mitunter peinliche Wirklichkeit der Sünde. Es geht nicht darum, den Menschen Höllenangst einzutreiben oder ständig von Sünde und Schuld zu sprechen. Aber vielleicht haben wir in den letzten Jahrzehnten im Unterschied zu den Jahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Akzente verschoben von einem strafenden zu einem gnädigen Gott. Es geht aber nicht um Dialektik, sondern um die Einheit der Person Jesu Christi, der eben ein gnädiger Richter ist. Er ist voll Huld und Erbarmen, aber er ist auch Richter, weil Er uns gerade richten muss angesichts unseres Denkens und der immer wieder in uns lebenden Tendenz, auf uns selbst fixiert zu sein und letztlich doch nicht Seinem Projekt zu trauen, dass die Liebe alles zu verändern vermag. Mich berührt ein Satz wie der des Pfarrers von Ars: "Dieser gute Heiland ist so von Liebe erfüllt, dass er uns überall sucht", oder: "Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selber läuft dem Sünder nach und lässt ihn zu sich zurückkehren". Das erinnert mich an das Schreiben Papst Johannes Paul II. zum Jubiläumsjahr 2000: "In Jesus Christus spricht Gott nicht nur zum Menschen, sondern Er sucht ihn. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist Zeugnis dafür, dass Gott den Menschen sucht … Es ist eine Suche, die dem Innersten Gottes entspringt …. Gott sucht den Menschen, gedrängt von seinem väterlichen Herzen."(12)

Sie spüren, liebe Mitbrüder, wie das seelsorgliche Wirken unmittelbar mit diesem speziellen Aspekt unseres sakramentalen Tuns zusammenhängt. Was wäre gewonnen, wenn wir uns ernsthaft in unseren Pastoralkonferenzen Gedanken machen und uns Kopf und Herz zerbrechen, wie wir den Menschen die Schönheit dieser Vergebungsbereitschaft Gottes, die im Sakrament der Beichte ihren Höhepunkt erfährt, neu bewusst machen können! Wir müssen vielleicht auch Formen suchen, ohne den kirchlichen Rahmen verändern zu müssen. Die Größe Gottes zu zeigen, den Ernst der Verantwortung eines jeden unverwechselbaren Lebens und die Weite der unendlichen barmherzigen Liebe, die uns bis zum Letzten (vgl. Joh 13, 1), bis zum Äußersten des Kreuzes geliebt hat, immer wieder neu zu verkünden, dazu einzuladen, dafür sollte uns nichts zu viel sein.

II. 3.3 Der Wert der Aszese

Liebe Mitbrüder, von diesem Gedanken her wird uns auch klar, was es um die Askese ist, die uns in ihren Formen aus den Lebensberichten des heiligen Pfarrers von Ars eher abstoßen und erschrecken als anziehen und zur Nachahmung reizen. Aber abgesehen davon, dass es hier auch bei jedem seine eigene Berufung gibt (vgl. 1 Kor 7, 24), so dürfen wir uns doch selbstkritisch fragen, ob Askese in unserem Leben überhaupt noch eine Rolle spielt. Hoch im Kurs scheint sie nicht zu stehen. Dabei sagt das Wort nichts anderes als: "Übung".

Uns kommt es doch in der Tat übertrieben vor, wenn wir an die Geißelungen denken, die der Pfarrer von Ars seinem Körper zugefügt hat, so dass er dabei ohnmächtig wurde. Wenn ich solches lese, bin ich nicht nur erschreckt, sondern denke: "Der Pfarrer von Ars hat sich gegeißelt, und ich gehe zur Massage". Beides ist nicht zu verachten, aber beides kann übertrieben werden. Wahrscheinlich hat dem Pfarrer von Ars ein Beichtvater nicht die Grenzen gewiesen. Aber wahrscheinlich pflegen wir uns mehr, als angemessen ist. Eines ist auf jeden Fall klar: Übungen der Buße haben höchst diskret zu erfolgen und sind letzten Endes nur zu billigen, wenn sie aus einer tiefen Liebe zum Herrn kommen. Ich bin überzeugt davon, dass viele von Ihnen ebenfalls in großer Diskretion manches auf sich nehmen, wovon der andere nichts weiß und auch nichts zu wissen braucht. Hier gilt auch das Wort des Herrn: "Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen …  Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten" (Mt 6, 2a. 3-4), und ebenso spricht der Herr im Blick auf das Fasten. Welche Askese muss manch ein Familienvater und manch eine Familienmutter aufbringen, wenn sie sich in der Geduld üben. Wie viel Gehorsam ist im Alltag eines Berufslebens erforderlich, wie viel Verzicht, mitunter bis zur Selbstaufgabe!

Aber machen wir es ganz konkret: Was ich eben als Folgerungen aus dem Gesamthorizont der Heiligung unseres Lebens dargestellt habe, braucht doch auch Übung. Es braucht die Mühsal der täglichen Übung, in der Liebe und Treue zu bleiben. Kann das nicht manchmal schon eine harte Askese sein? Denken wir nur an die vielen kleinen Dinge, wenn sie denn überhaupt als klein zu bezeichnen sind: Zum Beispiel die Mühsal, um eine tägliche Ordnung im Gebetsleben bemüht zu sein. Oder ich zitiere den heiligen Pfarrer von Ars: "Ja meistens zu fürchtende Versuchungen, die viele Seelen verloren gehen lassen, sind die kleinen Selbstliebegedanken, Selbstschätzungsgedanken, die kleinen Beifälle auf alles, was man macht." Für mich ist es erstaunlich, dass dieser Mann, von dem so viele Fastenübungen berichtet werden, einmal gesagt hat: "Eine Stunde Geduld ist mehr wert als mehrere Tage Fasten." Wie wahr! Und doch könnte mitunter das Fasten mehr sein als bloß eine Kur, die uns wieder einige Pfunde abtrainiert und abverlangt. Wie viel stilles Fasten, aus Liebe getan, könnte manches seelsorgliche Bemühen unterstützen! Jeden solchen Verzicht kann der Herr verwenden, weil die Liebe in ihrer Kreativität und Phantasie unendlich viele Möglichkeiten zu entwickeln vermag, die unseren pastoralen Dienst stützen können. Ich denke daran, dass es nicht sinnlos ist, unser Ringen um ein keusches und dem Zölibat angemessenes Leben, aus Liebe dem Herrn geschenkt, manches an Mühsal und Schwierigkeit in Ehen und Familien unserer Gemeinden mittragen könnte. Zu Weihnachten schenkte mir jemand ein Lineal. Darauf stand: "Gottes Liebe kann man nicht messen". Man braucht auch die eigene nicht zu messen, aber sie darf genauso vielfältig, bunt, schlicht, gewaltig, groß und klein sein, wie wir die Liebe eben im Alltag erleben.

Wir sprachen von der Liebe zu den Menschen, die für den Priester von Heute und Morgen unabdingbar ist. Aber gerade diese Liebe zu den Menschen bringt uns mitunter in eine große Ohnmacht: Wir verkünden ihnen leidenschaftlich und mit dem höchsten inneren Antrieb, dass sie doch dem Herrn glauben, der frohen Botschaft des Evangeliums, und doch entscheiden sie sich nicht dafür. Diese Ohnmacht auszuhalten, den anderen in Freiheit zu lassen, die Spannung zu ertragen, die zwischen der klaren Entschiedenheit für das Evangelium ohne jegliche Abstriche und den Entscheidungen der Menschen besteht – denken Sie an das eben zitierte Gebet von Karl Rahner -, ist das nicht auch eine asketische Übung, kann das nicht ebenso weh tun wie eine äußere Geißelung? Es ist leicht, die Spannung aufzulösen in die Härte den Menschen gegenüber oder in die Laxheit, alles nicht so schlimm zu sehen. Aber dem pastoralen Seeleneifer gemäß ist und bleibt das Ausgespanntsein, das uns in die Gleichgestalt Seines Kreuzestodes bringen kann.

Schließlich möchte ich Sie auf einen Text aus dem Propheten Jesaja aufmerksam machen, der für unsere pastorale Situation eine Hilfe sein kann. Wir sind ja durchaus auch geprägt von der Mentalität unserer Zeitgenossen, in der alles schneller, effizienter, funktional gut gehen muss. Aber wir sind auf dem Acker Gottes. In seiner Liebe gelten andere Maßstäbe. Er kann sich daran freuen, wenn sich eine samaritanische Frau bekehrt und dann den Jüngern sogar sagen, "dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte" (Joh 4, 35). Deshalb berührt mich für unser Ringen, Sorgen, für die Frustrationen und Resignationen aber auch für den nicht zu übersehenden Wachstumsprozess neuen geistlichen Lebens, das Wort des Propheten Jesaja:

"Horcht auf, hört meine Stimme, gebt acht, hört auf mein Wort! Pflügt denn der Bauer jeden Tag, um zu säen, beackert und eggt er denn jeden Tag seine Felder? Nein, wenn er die Äcker geebnet hat, streut er Kümmel und Dill aus, sät Weizen und Gerste und an den Rändern den Dinkel. So unterweist und belehrt ihn sein Gott, damit er es recht macht. Auch fährt man nicht mit dem Dreschschlitten über den Dill und mit den Wagenrädern über den Kümmel, sondern man klopft den Dill mit dem Stock aus und den Kümmel mit Stecken. Zermalt man etwa das Getreide (beim Dreschen)? Nein, man drischt es nicht endlos, man lässt die Wagenräder und die Hufe der Tiere nicht darübergehen, bis es zermalmt ist. Auch dies lehrt der Herr der Heere; sein Rat ist wunderbar, er schenkt großen Erfolg" (Jes 28, 23 – 29).

4. Schluss

Verehrte, liebe Mitbrüder, nehmen Sie diese Gedanken zum Priesterjahr nicht als Unterweisung, sondern als brüderliches Geleit auf dem Weg unseres gemeinsamen Dienstes. Abschließend möchte ich mit Ihnen eintreten in den Raum des Gebetes, jenes Gebetes, das der Herr selbst seinen Aposteln und damit der ganzen Kirche ins Herz gelegt hat, durch das Er uns eintreten lässt gleichsam in sein inneres Heiligtum, Seine Liebe zum Vater. Wenn wir durch unser Gebet und Leben immer mehr erfühlen, was uns der Herr durch dieses Gebet verkündet und buchstäblich nahe legt, wenn wir durch unser dienendes Priestertum die Schwestern und Brüder immer tiefer einführen in jene Wirklichkeit, die diese Worte des Herrn bedeuten, dann dürften wir schon jetzt und einmal am Ende unseres Lebens dem Herrn voll Zuversicht und Freude entgegengehen. Wir wollen um diese Gnade bitten, immer tiefer einzutreten in das Gebet des Herrn, in den Raum der Liebe zwischen Ihm und dem Vater. Sein Anliegen, das Er uns in diesem Gebet gelehrt hat, wird dann mehr und mehr das unsere: Dass der Name des Vaters geheiligt wird, dass dessen Reich komme und nicht unseres, dass dessen Wille überall geschehe, dass wir das Brot für unser Leben haben, das wir täglich brauchen, die Verzeihung erlangen, damit wir sie anderen weitergeben, vor allem aber bewahrt bleiben vor der Versuchung, Ihm nicht mehr zu glauben, und so von allem Bösen erlöst werden.

So lasset uns beten, wie der Herr selbst uns zu beten gelehrt hat: Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Anmerkungen:

(1) L. Jerphagnon, An unerträglichen Tagen, Graz7, 1964; den Hinweis verdanke ich Bischof Bode in seinem Buch F.-J. Bode, Priester – Wurzeln und Visionen einer spannenden Berufung, Osnabrück 2009, 121 – 122.
(2) K. Rahner, Gott meiner Brüder, in: Worte ins Schweigen, Innsbruck 1965, 52 – 57; Zitat: 52 – 53.
(3) NMI 30. 31
(4) K. Rahner, Knechte Christi, Freiburg 1967. Ich habe weder bei diesem Werk noch bei dem o. g. Werk "Worte ins Schweigen" nachgeprüft, in welchem Band der Rahner Gesamtausgabe sich diese Texte heute finden.
(5) Ebd. 86 – 101.
(6) R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen19, 1968, 391.
(7) Ebd. 392.
(8) Diesen Hinweis verdanke ich dem Kommentar von R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium, Bd. III, in Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Freiburg 1975, 213. Die gesamte Auslegung dieser Verse in ebd. 210 – 214.
(9) Predigt von Papst Benedikt am Gründonnerstag, 9. April 2009 in: OR 39 (2009) Nr. 17, 8.
(10) G. Mühlenbrock, Seelsorge heiligt den Seelsorger, Donauwörth 1962.
(11) Die Zitate aus dem Mund des Pfarrers von Ars habe ich weitgehend dem Schreiben des Papstes an die Priester zur Eröffnung des Priesterjahres entnommen, in: OR 39 (2009) Nr. 26, 7 – 9. Da im Laufe dieses Priesterjahres auch an anderen Stellen Zitate von Johannes Maria auftauchen, die ich nicht weiter verifizieren konnte, habe ich mir erlaubt, sie ohne Quellenangabe zu verwenden. Die herbe Gestalt Vianeys fällt überaus detailgetreu seine erste Biographie heraus: F. Trochu, Der Pfarrer von Ars, Christiana-Verlag 2001
(12) Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio Millennio Adveniente 7.

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Text: Bischof Felix Genn
27.01.2010

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