Dokumentiert:
Predigt zum 100-jährigen Bestehen des Landesverbandes der KAB Oldenburg
Oldenburger Land. Zum 100-jährigen Bestehen des Landesverbandes der KAB Oldenburg feierte Bischof Felix Genn am Samstag (17.04.2010) einen Festgottesdienst in der Propsteikirche zu Vechta. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Mitglieder des Landesverbandes der KAB Oldenburg aus den verschiedenen Gemeinden und Gruppen, die Sie heute Nachmittag hier in dieser Propsteikirche miteinander den Gottesdienst zum Dank für all das, was sich in diesen 100 Jahren getan hat, feiern!
Ich freue mich mit Ihnen, dieses Jubiläum hier am Altar begehen zu können. Zugleich freue ich mich, das erste Mal in dieser schönen Propsteikirche die Eucharistie zu feiern. Ich erinnere mich, und das bewegt mich immer, wenn ich an solche Begebenheiten denke, dass ich 2005 hier zusammen mit Weihbischof Heinrich sein Silbernes Priesterjubiläum begangen habe. Damals war ich noch Bischof in Essen und habe gedacht: Es ist doch schön, in einem solchen Raum Eucharistie zu feiern. Aber nie hätte ich daran gedacht, dass mir das einmal in dieser Weise möglich sein würde. So tut es mir gut, auch Sie, die Sie zu dieser Propsteigemeinde gehören, mit Ihrem Propst, dem Kaplan und allen, die hier tätig sind und mit Ihnen leben, grüßen zu können und mit Ihnen zusammen das Wort Gottes zu bedenken, das die Kirche uns heute schenkt.
Das Jubiläum des Landesverbandes lässt mich aber zugleich auch anknüpfen an manche gute Begegnungen in den Jahren zuvor, in besonderer Weise als ich im Bistum Essen die Verantwortung hatte, wo in einer ganz vom sozialen Wandel geprägten Region der Auftrag dieses Verbandes eine ganz besondere Schärfe und Zuspitzung erfährt. Sie aber heute hier, in Oldenburg, stärken zu können und zu schauen, was Ihr Auftrag in dieser Region ist, das ist sicherlich neben aller Freude, neben allem geselligen Beisammensein auch der Ernst dieses Tages und dieser Stunde. Zugleich, liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitglieder der KAB, denke ich dabei auch an etwas sehr Grundsätzliches, nämlich an das Zusammenwirken verbandlicher Arbeit in der Kirche mit denen, die die Verantwortung der Verkündigung des Wortes und der Leitung haben. Das ist nämlich nicht ein Gegeneinander, sondern ein wirkliches Miteinander und Zusammenwirken.
Oft geht einem im Alltagsgespräch das Wort "Amtskirche" so einfach über die Lippen. Aber es hat etwas höchst Gefährliches so zu sprechen, denn es reißt immer einen Graben auf, als ob zwischen den Trägern der amtlichen Verkündigung und des Leitungsdienstes und den Gläubigen, dann auch noch einmal gesammelt in Verbänden, ein Gegensatz besteht. Das ist weder ein Gegensatz, noch ist es so zu verstehen, dass die Verbände gewissermaßen abhängig sind von den Trägern des Amtes, sondern es ist ein Zusammenspiel! Ich möchte Sie gerade auch im Blick auf das eben gehörte Evangelium auf dieses Zusammenwirken hinweisen. Derjenige, der diese Begebenheit aufgeschrieben hat, geht nämlich von einer solchen Kooperation, von einem solchen Zusammenwirken aus. Da ist dieses Mahl, das der Herr bereitet, da ist Fisch und Brot, und Jesus lädt seine Jünger ein: "Nehmt von den Fischen, die Ihr eben gefangen habt" (Joh 21, 10). Er will, dass das, was sie zusammen - diese Sieben - gewirkt haben, eingeht in das, was er bereits zubereitet hat. Dann löst sich Petrus aus der Gruppe, und er ist es, der das Netz an Land zieht. Der Verfasser dieses Berichtes wollte damit sehr eindrücklich darstellen, wie die Rollen verteilt sind. Er greift das dann noch einmal auf in diesem Gespräch, das Jesus mit Petrus führt, und wo Er ihn beauftragt, Seine Schafe zu weiden, nachdem er Ihm die Liebe dreimal versprochen hat und so die Verleugnung, die dreimal erfolgt war, wieder gutgemacht hat.
Liebe Schwestern und Brüder, in dieser Stunde der Kirche, unabhängig von diesem Verbandstag, möchte ich das sagen: Es ist wichtig, dass wir uns nicht auseinander reißen lassen. Auch das Netz, das da an Land gezogen wird und 153 große Fische enthält, reißt nicht. Wir Bischöfe werden in dieser Stunde herausgefordert, dieses Zusammenwirken in ganz besonderer Weise zu unterstreichen. Ich lasse mich nicht vom Träger des Petrusdienstes wegreißen, selbst wenn das ein Theologe in großen Zeitungen der Welt von mir verlangt. Gerade, weil Papst Benedikt gestern seinen Geburtstag gefeiert hat und wir am Montag daran denken, dass er vor fünf Jahren zum Petrusdienst erwählt wurde, ist es mir wichtig, das in dieser Stunde, und angesichts dieses petrinischen Textes aus dem Johannesevangelium, zu sagen. Ich bitte Sie, liebe Schwestern und Brüder, ebenso darum, in dieser Zerreißprobe der Kirche, in einer solch tiefen Krise, nicht dieses Miteinander wegnehmen zu lassen. Das gilt gerade auch, und hiermit komme ich noch einmal auf den Verbandstag zurück, liebe Schwestern und Brüder, über das Zusammenwirken von amtlichem Dienst und verbandlichem Tun.
Ich sagte eben, es ist ein Miteinander, weil es entspringt aus dem gemeinsamen Hören. Es ist nicht so, dass ich als Bischof bloß Ihnen etwas zu sagen habe, sondern, dass Sie mir, gerade als Sozialverband, auch etwas zu sagen haben. Dazu möchte ich Sie ausdrücklich ermutigen, indem wir gemeinsam auf den Ursprung, nämlich auf Christus und sein Wort hören, werden wir zu Tätern des Wortes und beschenken einander mit dem, was unsere Sendung und unser Auftrag ist. Anders ausgedrückt: Indem ich mich bemühe das Wort Gottes in seiner Klarheit, wie es uns die Kirche seit Jahrhunderten schenkt, weiterzugeben, möchte ich Sie beschenken und zugleich mich beschenken lassen davon, was Sie aus diesem Wort in den Alltag übersetzen. Wo Sie Felder entdecken, in denen dieses Wort greifen soll oder in denen dieses Wort nicht angenommen wird, in denen dieses Wort noch Felder findet, zu denen das Evangelium gelangen soll. Das ist wirkliches Miteinander von verbandlichem und amtlichem Tun.
Wenn ich das noch etwas näher ausführen kann, dann kann ich nur zurückgreifen, liebe Schwestern und Brüder, auf das Wort, das uns an diesem Sonntag von der Kirche gegeben wird. Der Ursprung liegt genau in dem, was in dieser Erzählung berichtet wird: Dass eine Gruppe, die mit Jesus zusammen war, die Erfahrung machen darf, dass der Karfreitag nicht das Letzte ist, dass sie die Erfahrung machen: Der lebt! Das ist so fundamental, dass sie selbst in der Stunde der größten Resignation aufgefordert werden, weiterzugehen in der Kraft, die sie von diesem Auferstandenen und aus dieser Ur-Erfahrung empfangen haben. Vielleicht in einem Bild ausgedrückt: Diese Männer und Frauen haben sich nicht zusammengesetzt und einen Runden Tisch gebildet und gesagt: Was machen wir jetzt mit dieser Katastrophe? Dafür war sie zu schrecklich. Dafür stand sie völlig konträr zu dem, was sie als Angehörige des Bundesvolkes Israel glaubten; sondern sie sind Ihm begegnet. Sie wollten eigentlich mit ihrer Alltagsarbeit, nämlich dem Fischen, weitermachen und ausgerechnet da trifft Er sie, und ausgerechnet da schenkt Er ihnen eine Perspektive für die Zukunft. Wie sonst hätten diese ungebildeten Fischer des Sees von Galiläa, der gebildeten Schicht der Hohenpriester und Ältesten, so widersprechen können, wie wir es eben in der Lesung gehört haben? Dass die da standen und sagen: Wir können nicht anders, man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, denn Er hat Jesus auferweckt. Von diesem Zeugnis zehrt unser Glauben. Deshalb sind wir Christen! Das hat die Welt erfüllt, das hat sie erobert, das hat Frauen und Männer zu allen Zeiten dazu bewegt, zu schauen: Wo ist diese Auferstehungsbotschaft noch nicht angekommen und zwar nicht einfach bloß im Sinne eines lexikalischen Wissens, sondern in der Umsetzung ins konkrete Tun. Deshalb haben Christen Spitäler gegründet, Krankenhäuser, Asyle für Obdachlose, deshalb haben Christen, als die industrielle Revolution begann, angefangen zu schauen, was es heißt, das Evangelium in die konkrete Welt der Arbeit umzusetzen. Diese Aufgabe ist nicht zu Ende. Papst Benedikt hat das mit seiner Sozialverkündigung der letzten Enzyklika "Caritas in veritate" – die Liebe in der Wahrheit – noch einmal sehr eindrücklich, auch im Blick auf eine globalisierte Welt und auf die Finanzkrise, sehr deutlich gemacht.
Ich wünsche mir, dass Sie als Mitglieder der KAB über alles gemeinschaftliche Zusammensein hinaus, immer wieder schauen: Wo ist bei uns noch Todeslandschaft? Wo ist in der Arbeitswelt heute nicht Auferstehung, nicht Ostern? Wo ist das Evangelium mit der Wahrheit von der Liebe Gottes, die bis in den Tod geht und Ihn tötet, noch nicht angekommen? Oder anders ausgedrückt: Wo müssen wir heute sagen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, selbst wenn der oder der Finanzier, der und der Banker, der und der Großkonzern anders reden.
Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen. Wir sind deshalb vielen Erscheinungen in der Wirtschafts- und Finanzwelt gegenüber sehr kritisch. Denn es ist viel subtiler - heute - als vor 100 Jahren, wo sich das Evangelium nicht durchsetzt, sondern die gängige Meinung, weil man sonst wirtschaftlich nichts bringt oder untauglich ist. Das ist Ihre Aufgabe und ich bitte Sie, helfen Sie mir, dass ich in meiner Verkündigung dann meine Stimme erhebe, wenn die Mächte des Todes in der Welt, in der Sie zu Hause sind, übermächtig werden und ich das übersehen könnte. Das heißt, aus diesem Wort zu leben, und von dorther Gestalter der Welt und der sozialen Wirklichkeit zu werden.
Die Quelle ist das Wort und der Ort, wo wir zusammenkommen und das Unsere einbringen in das Mahl, das Er bereitet hat. Das ist Jetzt und Heute: Das Mahl ist da. Jesus hat es bereitet. Es liegt der Fisch, der Jesus heißt, da, und wir bringen unsere Fische, das, was wir in der Woche über erarbeitet haben hinein in dieses Mahl, und von dorther werden wir befähigt und gesandt. Haben Sie das nicht auch schon in Messen erfahren, was diese Jünger am See von Tiberias erlebten: Niemand wagte Ihn zu fragen: "Wer bist du?", denn sie wussten: Es ist der Herr" (Joh 21, 12). So geht es in der Wandlung, in der Kommunion. Das ist die Quelle, aus der wir leben und aus der wir fähig werden, Ihm die Antwort zu geben: Liebst du mich? Ja, Herr, Du weißt alles, Du weißt – vielleicht können wir nur so sagen -, dass ich Dich lieben möchte" (ebd. 15-17). Bitten wir in dieser Feier darum, dass diese Liebe, die die Wahrheit der Welt ist, konkret wird in unserem Alltag.
Rein zufällig, ohne unbedingt an diese Stunde zu denken, entdeckte ich bei der Lektüre unserer Kirchenzeitung "Kirche + Leben" eine Aktion aus Ihrem Landesverband, in Harkebrügge, die gerade schon mit ihrem Leitwort "Bück' Dich", etwas von dem ausdrückt, was Christ-sein heißt. Denn Gott hat sich gebückt zu uns, niedergebeugt, und deshalb hat Seine Liebe, die sich so tief bückte, die Kraft der Auferstehung.
Wenn Sie das in unterschiedlichen Aktionen, wie es hier zum Beispiel in Harkebrügge geschieht oder da, wo Sie tätig sind, umsetzen, dann sind Sie im wahrsten Sinne des Wortes Zeugen der Auferstehungsbotschaft. Dass Sie das so viele Jahre waren, dafür danke ich, dass Sie es noch mehr als 100 Jahre sind, dafür wollen wir miteinander beten. Amen.
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17.04.2010
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