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23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn im Liebfrauendom zu München

München. Anlässlich des zweiten Ökumenischen Kirchentags feierte Bischof Felix Genn am Samstag (15.05.2010) ein Pontifikalamt im Liebfrauendom zu München. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, "Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin" (Joh 17, 24) -  "Damit Ihr Hoffnung habt" - Liebe Schwestern und Brüder, es ist die einzige Stelle in der Heiligen Schrift, in der Jesus ausdrücklich seinen Willen gegenüber dem Vater so deutlich zum Ausdruck bringt. Derjenige, der sagt, es sei seine Speise, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4, 34), derjenige, der im Ringen des Ölbergs ausdrücklich zu der Entscheidung kommt: "Nicht was ich will, sondern was du willst" (Mt 26, 39), der sagt hier ganz ausdrücklich und intensiv: "Vater, ich will, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin". Das ist Seine Sendung: Die Menschen sind Ihm vom Vater geschenkt, diejenigen, die zu Ihm gehören, die wissen, was sie an Ihm haben, die Ihm glauben und vertrauen wollen, die möchte Er bei sich haben.

Was für eine Hoffnung, liebe Schwestern und Brüder, für uns als Christen! Was für eine Hoffnung für die Welt - "Damit Ihr Hoffnung habt" - dieses Wort rufen in diesen Tagen Christen aller Konfessionen in diese Stadt und in unser Land. Damit ihr Hoffnung habt, sagt der Herr: "Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, bei mir sind." Wir rufen diese Hoffnung hinaus gegenüber all den Stimmen, die sagen, Gott sei überflüssig, das Glück könne man hier erlangen und voll ausschöpfen. Wer etwas von der Intimität mit dem Herrn in sich trägt, wer das erfahren hat, der weiß, dass kein Glück dieser Erde genügt. Ganz bei Ihm zu sein, dort, wo Er in der großartigen und herrlichen Liebe des Vaters ist, das genügt.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Hoffnung rufen wir auch aus im Blick darauf, dass sich die Sehnsucht des Herrn erfüllt, dass wir das in Einheit erlangen. Wir rufen es aus, mitten in all dem Sehnen, in dem Bemühen, aber auch in den je neuen Zerreißproben im Ringen um die Einheit. Wir geben die Hoffnung nicht preis, weil wir wissen, dieses Wort steht: Er will, dass wir alle bei Ihm sind. Er schenkt uns, liebe Schwestern und Brüder, den tiefsten Grund für diese Einheit. "Vater, alle sollen eins sein" (Joh 17, 21), und er sagt dies im Blick auf die Jüngergemeinde, die Er vor sich hat, wendet aber auch den Blick hinaus auf alle, die durch ihr Wort, das Wort dieser Jüngergemeinde, einmal an Ihn glauben - wir. Es ist da bereits für uns gebetet, in dieser Stunde am Abend vor Seinem Leiden! Deshalb bricht es aus Seiner Seele heraus, dass doch das Werk, zu dem Er gekommen ist, zur Vollendung kommt, nicht zerstört wird, dass alle eins seien und zwar nicht in Kompromissen und Absprachen, sondern wie Er im Vater, so dass Er in uns ist und Er im Vater, und eine Einheit wird, die nichts mit Uniformität zu tun hat, sondern die die Vielfalt der je einzelnen persönlichen Lebensbiographien mit Ihm enthalten kann, Ihre, meine, unsere. Das ist der Reichtum Seiner Einheit, mit Ihm ganz tief verbunden zu sein in meinem je eigenen Weg. Wollen wir auf diesen Grund blicken, so mit Ihm verbunden sein, wie Er es mit dem Vater ist? Oder gibt es immer noch Vorbehalte auch in unserem Herzen, seine Gemeinschaft könne uns ein Stück des Lebens abschneiden? Das Misstrauen, dass man sich vor Ihm vorsehen muss?

Liebe Schwestern und Brüder, deshalb klingt das Wort aus der Geheimen Offenbarung hier in die rechte Stunde. Der Seher verkündet der Kirche seiner Zeit in einem anderen Bild, als es der Herr in der Intensität seines intimen Gebetes tut, das vollendete geglückte Leben. Er greift dazu das Bild auf aus dem Paradies vom Baum des Lebens und vom Eingehen in diesen Lebensgarten. Aber er fügt hinzu: "Wer sein Gewand wäscht, hat Anteil am Baum des Lebens" (Offb 22, 14). Zu unserem Christenleben und auch zu unserem ökumenischen Miteinander gehört die immer wieder neue Reinigung des Herzens, damit wir ganz und gar offen sind für die Einheit, in die Er uns rufen will, die göttliche Einheit von Vater und Sohn. Was liegt da noch auf dem Weg immer wieder neu an Vorbehalten, an Aufgaben, zu einer ganz großen Sensibilität füreinander zu kommen: Wie denke ich über den und die anderen? Überfordere ich den und die anderen? Bin ich sensibel genug, dass auch im Miteinander der Konfessionen manches deshalb schleppend wird, weil wir uns entscheiden, keine Gewalt einander auszuüben, sondern in der Geduld die Bewährungsprobe der Hoffnung zu bestehen?

Liebe Schwestern und Brüder, Hoffnung, das heißt im Hebräischen "Tikva". Das hat etwas mit einem Seil zu tun; und das Zeitwort zu diesem hebräischen Wort bedeutet "flechten". Da ist Spannung drin und Ausgespannt-sein. Hoffnung spannt sich aus. Der Seher auf Patmos bringt es in das Wort von der Sehnsucht, in der die Kirche aus dem innersten Herzen, sozusagen aus dem Bauch heraus, schreit: "Komm Herr Jesus!" (ebd. 20). Darf Er kommen? Ist das unsere Sehnsucht, dass Er kommt?

Liebe Schwestern und Brüder,auch in der Situation der Ökumene, wie auch immer wieder neu in unseren Gemeinden mit ihren unterschiedlichen Interessen und Gruppen, erlebe ich eine zentrale Wahrheit unseres Christus-Glaubens. Es ist mir von der Spiritualität des Fokolar geschenkt worden: Dass der Herr ausgespannt dasteht am Kreuz, in der Zerrissenheit alle zusammenzuführen, dass Er sich sozusagen das Herz zerreißen lässt, aber dass genau da die Kirche geboren wird. Da sind wir hineingestellt, auch in dem, was wir nicht können.

Ich sehe aber auch, dass es viele Möglichkeiten gibt. Das Allererste und Wichtigste ist, die tiefe Einheit im Wort, im gemeinsamen Hören auf das Wort, was der Geist sagt. Ganz intensiv, nicht mit Vorurteilen, sondern aus der Tiefe des Herzens heraus sich unter das Wort stellen, im großen Strom dessen, wie die Kirche dieses Wort gepflegt und gehegt hat. Und noch tiefer, dass wir in der Taufe auf einem gemeinsamen Grund stehen, der uns miteinander beten lässt: "Vater", der uns miteinander rufen lässt: "Komm Herr Jesus, wolle auch heute, dass alle, die der Vater dir gegeben hat, dort bei dir sind, wo du bist und sie Seine Herrlichkeit schauen dürfen".

Die Einheit sehe ich auch, wenn ich auf das Blutzeugnis vieler Schwestern und Brüder sehe. Wir haben heute von Stephanus gehört. Eine Christusgestalt hat sich in ihm ausgeprägt, denn er wiederholt die Kreuzesworte: "Vater in deine Hände lege ich meinen Geist, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (vgl. Apg 7, 60 u. Lk 23, 34). Wie viele Schwestern und Brüder haben das getan. Wir sind hier in München – ich denke an die Weiße Rose aus evangelischen und katholischen jungen Christen und Erwachsenen. Ich denke an Pastor Paul Schneider vom Hunsrück, aus einer evangelischen Gemeinde im Bereich meiner Heimatdiözese Trier. Ich denke an Oscar Romero, an Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp. Sie waren verbunden in der Taufe, im Wort und in der Sehnsucht, liebe Schwestern und Brüder.

Schließlich nenne ich die Einheit im Dienen: In dem vielen Diskutieren über alle möglichen Strukturen öffnet sich oft genug mein Blick, wenn ich Menschen begegne, ganz gleich zu welcher Kirche und kirchlichen Gemeinschaft sie gehören, die den Armen dienen, die den Lazarus vor der Tür sehen. Was haben wir als Christen der Welt für eine Hoffnung zu bringen, nicht mitzumachen mit dem ständigen Zwang des Wirtschaftswachstums, als ob wir noch immer nicht genug hätten, statt zu schauen, wie wir das, was uns geschenkt ist, so stabilisieren, dass die Armen davon etwas haben und die kommenden Generationen. Oder alles Bemühen um den Frieden: Er fängt bei uns an und nicht dabei, dass wir den anderen ändern wollen. Ich bin immer tief berührt vom Zeugnis der Gemeinschaft Sant’ Egidio, die den Armen zu ihrem Freund macht und so alle Grenzen übersteigt. "Damit ihr Hoffnung habt", weil Menschen spüren: Da kommen welche, die sind irgendwo verwurzelt, wo sie eine Kraftquelle der Liebe haben, die nie versiegt. Darin liegt sie: "Vater ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet eins sein, weil du mich gesandt hast" ( Joh 17, 24.23.).

Hängen wir uns an diese Schnur der Hoffnung. Sie ist gewissermaßen die Nabelschnur zum Himmel und erdet uns ganz und gar. Amen.

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  1. undefinedÖKT: Bischof Genn feiert Pontifikalamt im Münchner Dom (16.05.2010)
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Text: Bischof Felix Genn
15.05.2010

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