Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn bei der Ökumenischen Vesper
Münster. Am Donnerstag (22.04.2010) predigte Bischof Felix Genn bei der Ökumenischen Vesper in der Apostelkirche Münster. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung dieser Predigt.
Verehrter, lieber Bruder Buß, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Mit großem Dank habe ich die Einladung angenommen, die mir Bruder Buß schon vor längerer Zeit überbracht hat, im Rahmen seiner Visitation ein ökumenisches Zeichen zu setzen und miteinander zu beten, Gottes Wort zu hören und so den geschwisterlichen Austausch zu pflegen. Deshalb bin ich gerne heute Abend zu dieser Vesper gekommen. Sie gibt mir die Möglichkeit, als immer noch neuer Bischof von Münster – denn das Bistum kennen zu lernen und die vielen neuen Aufgabenbereiche, die auf mich zukommen, vermitteln mir persönlich immer noch das Gefühl, hier neu zu sein – ein Zeichen ökumenischer Verbundenheit zu setzen und mich den Schwestern und Brüdern der evangelischen Kirche in dieser Stadt vorzustellen. Ich tue dies mit einer inneren Bewegung, weil ich mit der Stadt Münster den Ort des Westfälischen Friedens verbinde und deshalb immer wieder daran denken muss, was dieses Datum des Jahres 1648 für die Geschichte der Christenheit bedeutet:
Welche Schuld haben Schwestern und Brüder Jesu Christi auf sich geladen, als sie sich bis aufs Messer bekämpft haben, unser Land 30 Jahre in einen verhängnisvollen Krieg führten und auf diese Weise das Zeugnis von der Verkündigung des Auferstandenen tief verdunkelten! Immer wenn ich die Käfige im Turm der Lambertikirche sehe, wird mir das bewusst. Mögen sie für Touristen eine Attraktion sein, für mich bedeuten sie Schmerz, weil Christen einander getötet haben, ja weil sie das Grundanliegen Jesu, das er nach Ausweis des Johannesevangeliums unmittelbar vor seinem Leiden und Sterben formuliert hat, mit Füßen getreten haben: "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast" (Joh 17, 21)!
Wie dankbar können wir sein, dass wir nach diesen schrecklichen Ereignissen heute hier miteinander beten dürfen! Wie dankbar können wir sein, dass so vieles in den letzten Jahren und Jahrzehnten zwischen uns gewachsen ist, dass wir uns näher gekommen sind! Und je näher wir uns kommen, umso sensibler werden wir füreinander, spüren wir vielmehr unsere Verletzungen und Verwundungen, als wenn wir in abwehrender Distanz miteinander umgehen und zueinander stehen. Wir machen uns verwundbar, gerade weil wir den Weg zueinander suchen. So mischt sich in diesen Dank für das Miteinander auch zugleich die Herausforderung ein, auf diesem Weg weiterzugehen, um dem Grundauftrag Jesu und unserer Sendung als Christinnen und Christen in unserer Welt und in dieser zeitgeschichtlichen Stunde gerecht zu werden. Deshalb habe ich eben, als der Chor das wunderbare Kyrie aus der h-moll-Messe von Bach gesungen hat, diesen Ruf um das Erbarmen in die Worte meines Herzens gekleidet: "Erbarme dich über uns und über die ganze Welt, gedenke deiner Christenheit und führe zusammen, was getrennt ist".
Liebe Schwestern und Brüder, bei allem, was wir miteinander bedenken können, kommt es aber wesentlich darauf an, dem zu folgen, was wir soeben in dem Text aus dem Epheserbrief gehört haben: "Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn – gemeint ist Christus – erreicht haben" (Eph 4, 15). Aus diesem Grunde habe ich für meinen Predigttext den Abschnitt gewählt, den die Liturgie der katholischen Kirche Jahr für Jahr auf dem Höhepunkt des Kirchenjahres in der Feier der Osternacht zum Klingen bringt. Er bedenkt mit dem Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom das Geheimnis der Taufe. Darum geht es in der Osternacht, darum geht es an Ostern und in der gesamten österlichen Festfeier. Hier liegt für mich der entscheidende Grund unserer Gemeinschaft, ein Grund, der sich nicht erschüttern, wegreißen, zerstören lässt, so sehr auch Trennung immer noch sein wird. Das aber ist stärker: Dass wir in Ihm verwurzelt und gegründet sind. So ruft der Apostel Paulus auch uns in dieser Stunde die Frage zu: "Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind" (Röm 6, 3)?
Liebe Schwestern und Brüder, wissen wir das nicht, was das bedeutet, auf den Tod Jesu Christi getauft zu sein, in Ihm wirklich verwurzelt und gegründet zu sein?! Was kann uns da noch trennen, wo wir an der Wurzel eins sind! Dieser Akt der Taufe ist nicht ein bürgerliches Geschehen, mit dem wir den Eintritt in das Leben auf eine rituelle Weise feiern. Dieser Akt der Taufe ist mehr als die Feier einer Kehrtwende zu einer neuen Weltanschauung und einem anderen Wertesystem. Sie ist Getauft-Werden auf den Tod Jesu Christi, auf dieses schreckliche Geschehen des Karfreitags, auf dieses Ereignis, dass dieser Jesus von Nazareth so furchtbar gelitten hat, am Marterpfahl des Kreuzes gestorben ist. Mit diesem einmaligen Ereignis der Weltgeschichte bringt uns der Akt der Taufe in Verbindung. Das ist jedem von uns, die wir getauft worden sind, geschenkt, darin sind wir verbunden, so unterschiedlich wir auch sein mögen. Es ist mir ein Herzensanliegen, und ich kann es nur mit großer innerer Bewegtheit und Leidenschaft wiederholen: Sind wir uns dieses Geschenkes bewusst?! Da steht eine Schwester, ein Bruder vor mir, die mir vielleicht äußerlich fremd sind. Aber es sind Geschwister Jesu Christi, an der Wurzel sind wir miteinander verbunden, davon können wir uns nicht dispensieren und trennen. In diesem Geschehen der Taufe sind wir sogar mit Christus begraben worden, weil all das Böse, das Vergängliche des Todes, das Zerstörerische seiner Macht begraben worden ist, und so die Möglichkeit eröffnet wurde, als neue Menschen zu leben. Denn: Christus ist durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt worden. Es blieb nicht bei Tod und Begrabensein. Der Apostel Paulus wählt im griechischen Urtext für dieses großartige Geschehen eine Formulierung, die wir kaum wiedergeben können: "Wir sind nämlich in die Gleichgestalt mit seinem Tod eingepflanzt" (ebd. 5a) – eingepflanzt in die Gestalt dieses Gekreuzigten: Welche Hoffnung; denn wir werden dann auch mit Ihm in Seiner Auferstehung vereinigt sein. Welche Hoffnung für unser Jetzt und für immer!
Liebe Schwestern, liebe Brüder, deshalb können wir auch verstehen, warum der Apostel Paulus davon spricht, unser alter Mensch sei mitgekreuzigt und der von der Sünde beherrschte Leib werde vernichtet, damit wir nicht mehr Sklaven der Sünde bleiben (vgl. ebd. 6). Das heißt doch: Wir brauchen die Sünde nicht. Sie macht uns nur kaputt. Von ihr werden wir uns doch nicht abhängig machen. Was heißt das für unser Denken, auch übereinander? Was heißt das, wenn wir spüren, dass im Laufe der Geschichte sich verschiedene Mentalitäten ausgeprägt haben, die mir fremd geworden sind? Sind es absolute Grenzen, mit denen ich den anderen, die Schwester oder den Bruder aus der anderen Gemeinschaft beurteilen darf? Was ist denn stärker? Doch wohl Christus!
Seit ich als Jugendlicher das II. Vatikanische Konzil erlebt habe, ist es wie in mein Herz eingebrannt: Ökumene geht nur durch innere Umkehr, und die beginnt beim Denken, setzt sich fort im Reden und Tun. Ich weiß nicht, ob wir das wirklich schon voll realisiert haben. Und mir ist das wichtig zu sagen, bevor wir über die schwerwiegenden Fragen in ein weiteres Suchen und in einen tieferen Austausch kommen.
Wenn der Tod keine Macht mehr über Christus hat, und wir mit diesem Tod verbunden sind, dann muss doch für uns die Herausforderung tagaus tagein eingeholt werden, sich als neue Menschen zu begreifen, die für die Sünde tot sind, aber umso mehr für Gott leben in diesem Christus Jesus (vgl. ebd. 9.11).
Liebe Schwestern und Brüder, das geht natürlich nur, wenn wir uns ganz tief im Wort Gottes verankern. Das muss unser Lebenselixier werden, aus dem ich tagaus tagein lebe, aus dem ich meine Nahrung beziehe, mit dem ich umgehe, so dass es mich immer mehr durchdringt und gestaltet. Das Wort Gottes muss mir zur Heimat werden. Es geht nicht ohne Gebet – und Umgang mit dem Wort Gottes ist Gebet. Auch Gebet um Buße und Umkehr, um Änderung meines Denkens, um größere Liebe zu meinen mir durch die Taufe geschenkten Schwestern und Brüder.
"Damit ihr Hoffnung habt" – so ist dieser Gottesdienst überschrieben. Mit Christus in der Taufe verbunden zu sein, das gibt Hoffnung. Das gibt Hoffnung für die Ökumene, aber auch Hoffnung für ein Leben, das nicht mit den wenigen Jahren zu begrenzen ist, die uns hier auf Erden geschenkt sind. Und welches Hoffnungszeichen sollen wir Christen unseren Schwestern und Brüdern sein, die nicht mit uns in Gemeinschaft stehen, denen der Glaube, der uns so kostbar ist, fern liegt. Gerade in der Besinnung auf den gemeinsamen Grund unserer Hoffnung geben wir unseren Zeitgenossen ein Gesicht, das Gesicht des Christus, der gestorben und auferstanden ist. Und das ist Hoffnung für die Welt! Deshalb habe ich mich gefreut, mit Ihnen heute Abend zusammen zu beten: "Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Christus, meine Zuversicht, auf dich vertraue ich und fürcht mich nicht". Ja, Christus ist meine Hoffnung und meine Freude auch für unser Miteinander: Es wird nämlich sicherlich so sein, dass wir, je mehr wir in Seinem Wort stehen, eines Tages einander zu unserer eigenen Überraschung begegnen, weil wir uns in Christus finden. Deshalb: "Auf Dich vertraue ich und fürcht mich nicht". Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
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