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24.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn anlässlich des Patronatsfestes in Telgte

Telgte. Am Sonntag (12.09.2010) predigte Bischof Felix Genn in der Propsteikirche St. Clemens Telgte anlässlich des Patronatsfestes. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Kinder und jugendliche Mitchristen, wie oft haben Sie schon diesen Text aus dem Johannesevangelium gehört! Eine Szene, die anrührt, und die doch sehr vertraut ist, gerade Ihnen hier in Telgte, seien Sie Pilger oder seien Sie Bewohner dieser Pfarrei und Angehörige dieser Gemeinde.

Die letzten Stunden, oder besser gesagt, die letzten Minuten im Leben Jesu; anrührend wie Er, mitten in Seinem tiefen Schmerz – und was muss Er wohl gelitten haben -, seine Mutter dem Liebesjünger anvertraut und diesen hinweist auf seine Mutter. Wie oft haben Künstler diese Szene schon dargestellt. Liebe Kinder, wenn Ihr einmal im Urlaub, in den Ferien, unter anderem auch Besichtigungen von Kirchen macht, dann werdet Ihr entdecken, wie oft diese Szene dargestellt ist: Jesus in der Mitte, Maria und Johannes rechts und links von Ihm. Oft fällt einem das gar nicht auf, aber wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht worden ist, dann bekommt man einen Blick dafür. Es hat offensichtlich Menschen angerührt, Jesus nicht allein darzustellen, Ihn in der Verbindung mit anderen abzubilden. Das Lied, das wir eben gesungen haben, und das hier zu Telgte gehört, und das wir immer in der gesamten Kirche am Gedächtnistag der Schmerzen Mariens singen, beschreibt das mit wunderbaren Worten und versucht dem noch mehr Bildhaftigkeit und innere Tiefe in der Sprache zu geben, als es der nüchterne Text des Evangelienabschnittes formuliert.

Liebe Schwestern und Brüder, und wenn wir dann dazu nehmen, dass die Kirche uns an diesem Festtag der Schmerzen Mariens den Abschnitt aus dem Hebräerbrief vorlegt, dann sind wir mit der Dimension des Leidens ganz tief verbunden. Dort wird das, was Jesus am Kreuz durchmacht, ausgedehnt in die Stunde des Ölbergs, in der Er darum ringt, die Todesstunde, die Er offenbar auf sich zukommen sieht, anzunehmen: Er, "der unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht hat, der Ihn erhören und vom Tod befreien konnte" (Hebr. 5, 7), - so drückt es der Verfasser dieses Briefes aus und dokumentiert damit, wie sehr er sich in die Betrachtung dieser schrecklichen Todessituation Jesu hineinbegeben hat.

Liebe Schwestern und Brüder, vom Leiden zu sprechen, ihm in die Augen zu blicken, ist in einer Welt, in der das Schöne in besonderer Weise zählt, nicht angenehm. Aber wie viel kann jeder von Ihnen an Leidenssituationen aufzählen! Selbst Ihr Kinder wisst, was Schmerz bedeutet, was es heißt, zu weinen, vom Leiden getroffen zu sein. Vielleicht erinnert Ihr Euch an Situationen, die Ihr Euch nicht mehr zurückwünscht. Was ist eigentlich das Schlimme? Nicht, dass etwas weh tut – das auch -, aber dass man allein ist, dass man im Leiden allein ist. Selbst wenn Menschen um einen herum sind, im Letzten bleibt man bei sich – ganz allein. Das wird dann noch schlimmer, wenn Menschen, die um einen herum sind, mit billigen Worten Trost geben. Man spürt förmlich den Worten an: Die können damit gar nicht umgehen. Das ist für die auch zu stark, und deswegen versuchen sie sich über die Runden zu retten: "Es ist halb so schlimm, es wird doch wieder besser"; oder noch schlimmer: Sie erzählen von sich und bleiben gar nicht bei mir, nach dem Motto: "Da kommst du schon durch". Das kann noch mehr das Gefühl verstärken, allein zu sein. Einen körperlichen Schmerz kann nur ich empfinden, den kann ich nicht übertragen. Ich weiß, wie es sein kann, wenn ich mir die Finger verbrenne oder was Bauchschmerzen und Kopfweh bedeuten. Aber zunächst einmal habe ich diese Schmerzen.

Die Enttäuschung, von jemanden verlassen zu sein, erlebe ich: "Ich bin allein", das hat Jesus am Ölberg durchgemacht. Die Jünger schliefen ein, als sie Ihn so leiden und ringen sahen, sie konnten damit nicht umgehen, es hat sie überwältigt. Wie sehr muss Er sich da erst allein gelassen gefühlt haben! Und am Kreuz – wer kann ermessen, was es bedeutet, mit Nägeln die Hände und Füße durchbohrt zu haben, da zu hängen, keine Luft mehr zu bekommen und dann zu wissen, da sind noch welche, die stehen zu mir, die spotten nicht. Andere taten das ja - wir wissen es. Aber auch die waren allein - Maria, Johannes. Das, was das Bild von Telgte ausdrückt, ist noch einmal mehr die Situation vom Allein-Sein. Sie hat den Toten auf dem Schoß, sie kann mit ihm reden, aber es kommt keine Antwort. Wie hilft es, dann zu wissen, dass Menschen da sind, die sich in mein Leiden hineinfühlen, bei denen ich spüre: Die verstehen mich. Ich bleibe zwar allein mit meinem Schmerz, aber ich bin verstanden. Ich bin nicht bloß einsam.

Liebe Kinder, ich vermute, dass deshalb dieses Bild hier bei Euch in Telgte durch die Jahrhunderte Menschen anzieht, weil sie in diesem Bild sehen: "Die könnte mich verstehen, die hat das auch durchgemacht." Deshalb kommen sie hierher und bringen ihre Schmerzen, ihre Sorgen, ihre Lasten, ihr Leid hierher. Aber jetzt wollen wir einmal darauf schauen, was das heißt. Das ist ja ein totes Bild: Das spricht nicht - so wie ich jetzt zu Ihnen und Euch spreche -, es ist eine Figur. Aber dahinter verbirgt sich eine Wirklichkeit, die nur der erahnt, der glaubt, dass diese Frau nicht bloß eine von vielen Frauen ist, die auch tote Kinder oder ihre toten Söhne und Töchter auf dem Schoß haben, sondern die Frau, die Gott geglaubt hat. Der gesagt wurde, sie würde einen Sohn bekommen, der wäre derjenige, der die Welt von allem erlöst. Und das hat sie jetzt davon! Das soll es sein? Vielleicht klingen ihr in den Ohren die Worte, die der Engel zu ihr gesprochen hat: "Dieses Kind wird Sohn des Höchsten genannt werden" (Lk 1, 32). So soll der Sohn des Höchsten aussehen: Mit durchbohrten Händen, Füßen, mit einer durchbohrten Seite und einer Dornenkrone? Sie glaubte trotzdem, weil sie ahnte: Wahrscheinlich geht die Erlösung vom Bösen nur dadurch, dass Er selber das Böse bis in das Letzte Seines Lebens durchleidet, dass das wirklich so ist, wie der Hebräerbrief sagt: "Er musste durch Leiden den Gehorsam lernen, um so die Erlösung der Welt zu vollbringen" (Heb 5, 8).

Gott geht dem Menschen nach, so glauben wir als Christen, sonst wäre Er nicht Mensch geworden. Er geht dem Menschen so nach, wie ein Hirt, der hundert Schafe hat und eins verliert und 99 zurücklässt, um das eine zu finden, nicht, weil er nicht weiß, wo das eine ist, sondern, weil er den Weg sucht, wie er dieses eine am besten finden kann. Dafür strengt Gott sich an. Deshalb geht Er in das Bodenlose von Tod und Grab, deshalb geht Er in das Bodenlose dieser Situation, weil Er glaubt: Da kann ich den Menschen finden. Weil Menschen dem glauben, spüren sie in der Bodenlosigkeit ihres Leids Boden unter den Füßen, bekommen plötzlich die Kraft, vertrauen zu können, wirklich deshalb nicht allein zu sein, weil sie auch dort dem begegnen, der als Gott und Mensch das durchgemacht hat, weil sie der begegnen, die weiß: In der tiefsten Bodenlosigkeit dieser Erde gibt es die Sicherheit, im Schoß Gottes aufgenommen zu werden. Deshalb schenkt die Begegnung mit einem solchen Bild ganz tiefes Vertrauen.

Wenn ich Dich dem öffne, liebe Schwestern und Brüder, glaube ich, dass Gott die Welt dadurch erlöst, dass Er selber in die letzten Situationen unseres Lebens absteigt. Eben hat das Lied das im Einzelnen besungen, und ich empfehle es Ihnen und Euch, liebe Kinder, ebenso, diesen Text noch einmal nachzulesen, was das heißt: Welch ein Schmerz der Auserkornen, da sie sah den Eingebornen, wie er mit dem Tode rang. Angst und Jammer, Qual und Bangen, alles Leid hielt sie umfangen, das nur je ein Herz durchdrang" (GL 584).

Liebe Schwestern und Brüder, deshalb geht von diesem Bild eine Botschaft aus: Du brauchst dem Bösen nicht durch Böses zu widerstehen, sondern Du kannst mitwirken daran, dass die Welt besser wird, wenn du selbst deine Situation von Schmerz und Leid Ihm gibst, damit Er es hinein nimmt in Sein Erlösungswirken. Vielleicht braucht Er auch heute Frauen und Männer, die bereit sind, die schweren Situationen Ihm zu schenken, damit mehr Treue, mehr Liebe, in der Welt wirkt und die Erlösung, die Er gebracht hat, sich auch heute durchsetzt. Deshalb wagt das Gebet die Bitte: Drücke deines Sohnes Wunden, wie du selber sie empfunden, heilige Mutter, in mein Herz. Dass ich weiß, was ich verschuldet, was dein Sohn für mich erduldet, gib mir teil an deinem Schmerz" (GL 584, 4). Äußerlich gesehen kann man sagen: Wie kann man so etwas Verrücktes beten: "Gib mir teil an deinem Schmerz"! Aber wenn man glaubt, dann weiß man: Er kann alles verwenden in Seiner großen Liebe, damit der Mensch, der sich heute in der Verlorenheit befindet, - und das kannst Du und ich, mein Nachbar, mein Freund, meine Freundin, meine Brüder und Schwestern sein -, gefunden wird. Gott hört nicht auf sich anzustrengen für uns Menschen, deshalb können wir alle von diesem Bild her Zeugen dieser Liebe sein. Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
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