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24.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn am Tag der Ehejubiläen

Bistum. Am Samstag (08.05.2010) fand in Münster der "Tag der Ehejubiläen" statt. Bischof Felix Genn feierte mit den Teilnehmern im münsterschen St.-Paulus-Dom einen Dankgottesdienste, in dem er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, am Ende des Johannesevangeliums schreibt der Verfasser: "Man könnte noch viele Zeichen und Wunder, die Jesus getan hat, erzählen. Aber wenn man alles aufschreiben wollte, was zu berichten ist, würde die Welt die Bücher nicht fassen können" (vgl. Joh 21, 25). Als Kind fand ich das immer etwas übertrieben: Was müssen das Mengen von Büchern sein, die die Welt nicht fassen kann? Irgendwann hört es doch auf, so dachte ich mir, mit dem Erzählen, was Jesus alles getan und gewirkt hat.

Je mehr ich teilnehme am Leben von Menschen, die mit Jesus zu tun haben, habe ich diese Meinung relativiert. Ich kann mir vorstellen, was der Verfasser mit diesen Worten gemeint hat. Sie, liebe Schwestern und Brüder, Sie können sicher auch über die Jahre Ihres gemeinsamen Lebens, vom gemeinsamen Finden und Entdecken, über Ihre Trauung, Ihr Leben in der Familie, bis zu dieser Stunde, einiges berichten, vielleicht manche Bücher schreiben. Sie sind heute Morgen hier, Sie haben unsere Einladung angenommen, Ihr diesjähriges Ehejubiläum im Dom, der Mutterkirche des Bistums Münster, mit vielen anderen Paaren zu feiern. Das heißt doch, das, was Sie miteinander erfahren, erlebt, erlitten, geteilt haben, gehört auch hierher, hat hier einen guten Platz. Oder anders ausgedrückt: Sie stellen dieses, Ihr gemeinsames Leben, in den Zusammenhang des Glaubens und der Kirche, so wie Sie es am Anfang Ihrer Ehejahre durch Ihre kirchliche Trauung getan haben. Sie stellen dieses Leben in den Zusammenhang der Geschichte mit Jesus. Was könnte dazu noch alles, auch aus Ihrem Erfahrungsschatz, berichtet werden?

Liebe Schwestern und Brüder, so abwegig und übertrieben ist also der Verfasser des Johannesevangeliums mit seiner Äußerung nicht. Wenn ich mir vorstelle, das gilt auch für andere Diözesen, das gilt für die ganze Weltkirche bis an die Enden der Erde, was könnte man alles von Jesus und der Erfahrung, die man mit Ihm gemacht hat, berichten? Dabei fällt vor allen Dingen auf: Jeder und jede hat seine und ihre Geschichte mit Ihm. Da gibt es keine Kopien.

Papst Benedikt wurde als Kardinal einmal von einem Reporter gefragt: "Wie viele Wege zu Gott gibt es?" Dann hat er geantwortet: "So viele wie es Menschen gibt", weil Gott in unserem Glaubensbekenntnis als Christen eine ganz persönliche Beziehung zu jedem Einzelnen aufnimmt, und die ist unverwechselbar, einmalig, wie die Gesichter der Menschen. Sie werden sicherlich manchmal auch bei Ihren Kindern gestaunt haben und staunen: Von denselben Eltern ganz unterschiedliche Gesichter, Charaktere, Ausprägungen des Menschseins! Das gilt auch für die persönliche Beziehung im Glauben.

Liebe Schwestern und Brüder, ja, die Ehe ist ein Zeichen, ist nicht einfach eine private Angelegenheit von zwei Menschen, die sich aneinander gebunden haben, sozusagen etwas, was sich aus der Natur und Biologie ergibt, sondern sie ist eine Entscheidung, und indem die Kirche sie zu den sieben grundlegenden Zeichen – Sakramente genannt – zählt, bringt sie eine tiefe Glaubenseinsicht zum Ausdruck. Dieses Miteinander von Frau und Mann, als Grundlage der Familie und als Keimzelle gesellschaftlichen Zusammenhaltes und Zusammenlebens, bringt auf den Punkt, dass Gott zu uns Menschen Beziehung sucht, sie aufnimmt und sie gestaltet, sie ausprägen lässt. Wenn einer als Christ in diese Verbindung eintritt, wird er mit seinem Partner, mit seiner Partnerin, zu einem Zeichen, dass Gott mit dem Menschen eine ganz innige Verbindung eingehen will, ist diese Verbindung der Ehe Ausdruck Seiner intensiven Liebe, wie Er sie uns bis ins Sterben am Kreuz bewiesen hat, und wie Er es in jeder Eucharistiefeier uns schenkt: "Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch". Das können Sie zueinander auch sagen. So sind Sie ein lebendiges Dokument, wie Gott mit uns Menschen umgehen will. Dass Sie dem so viele Jahre Treue geschenkt haben, ist wahrhaftig auch für die Kirche ein Grund tiefen Danks. Das ist ein Zeugnis, das vielleicht mehr wert ist, ja sicher mehr wert ist Schlagzeilen zu machen als so viele Banalitäten, mit denen wir tagaus, tagein konfrontiert werden. Es ist wirklich eine gute Nachricht; denn manchmal machen wir die Erfahrung, dass schlechte Nachrichten die richtigen Nachrichten sind, weil man auf das Gute gar nicht mehr hört. Heute Morgen bringen Sie die gute Nachricht, dass man es mit Gott und mit einem Menschen aufnehmen kann.

Deshalb feiere ich gerne mit Ihnen Danksagung, und ich möchte, liebe Schwestern und Brüder, Sie alle ermutigen, auf diesem Glaubensweg weiterzugehen. Deshalb führe ich Ihren Blick hin auf das Wort Gottes, das die Kirche uns an diesem Samstag der fünften Osterwoche schenkt. Ich tippe es nur an und rufe wach, was Sie eben gehört haben: Wir nehmen in der österlichen Zeit in den Lesungen Anteil an Wegetappen, die die junge Kirche gegangen ist, vom Pfingstfest bis zum Schiffbruch des Apostels Paulus vor Malta und seinem letzten Weg nach Rom. Heute sind wir noch im Gebiet der heutigen Türkei. Dort erfahren wir, wie Paulus mit seinen Begleitern gegangen ist, um den Menschen zu sagen: "Das müsst ihr unbedingt wissen. Es gibt einen Auferstandenen. Es gibt nicht nur Gott, sondern einen Gott, der den Menschen so sucht, dass er sich mit ihm bis in den Tod hinein vereinigt und von dorther den Tod innerlich zerstört, damit man wirklich glauben, hoffen und ohne Angst leben kann." Dabei lässt sich der Apostel Paulus mit seinen Begleitern führen von dem, was er innerlich durch die Kraft des Heiligen Geistes spürt. Ich erwähne das aus einem zweifachen Grund: Das Eine können Sie wahrscheinlich auch sagen: Wie oft haben Sie sich innerlich führen lassen von der Stimme Gottes, von Ihrem Gewissen, allen Widerständen zum Trotz gesagt: "Das ist die richtige Spur", und manchmal intuitiv mit der Nase gespürt: Das da, das führt ins Verderben. Gehen Sie auf diesem Weg weiter, indem Sie miteinander beten und Gottesdienst feiern und auf diese Weise ganz sensibel werden für das, was der Geist Gottes auf Ihrer Wegetappe des Glaubens Ihnen jetzt sagen will.

Und ich sage es aus dem zweiten Grund: Weil mir scheint, dass das der einzige Weg für die Kirche von Heute ist: Im Miteinander zu erspüren: Wo führt der Geist uns denn hin? Vielleicht sind Sie aktiv in der Gemeinde und helfen an vielen Stellen mit und machen die Erfahrung, dass Ihnen manches einfach zerrinnt, obwohl Sie sich so viel Mühe gegeben haben. Aber vielleicht fehlt unserer Kirche, gerade auch in Deutschland mit ihren vielen Institutionen und Möglichkeiten und äußeren Mitteln, das innere Sensorium zu schauen: Wo will der Geist uns hinführen, und wovon hält er uns fern?

Die Apostel berichten, dass sie gerne in eine bestimmte Richtung gegangen wären und spürten: Nein, sie sollen anderswohin gehen. Und weil sie dem gefolgt sind, macht der Apostel Paulus in einer Nacht die Erfahrung, dass er im Traum einen Europäer sieht, einen Mann aus Mazedonien, der ruft: "Komm doch rüber und hilf uns" (Apg 16, 9). Und so betritt das Christentum Europa. Komm herüber und hilf uns!

Bei einem solchen Text frage ich mich: Sind wir froh, dass die damals gekommen sind, und dass damit die Glaubensgeschichte auf unserem Kontinent begonnen hat, und sich dann ausbreitete über viele Ecken und Wege, bis auch hier in unser Münsterland durch den hl. Liudger und seine Nachfolger? Sind wir froh, zu dieser Glaubensgeschichte zu gehören, die natürlich viele, viele, bis zur Stunde negative Schlagzeilen gemacht hat und macht, die aber auch die Erfahrung mit sich gebracht hat, die Jesus den Jüngern vor Seinem Leiden, wie wir es heute im Evangelium vernommen haben, angekündigt hat: "Werden sie mich verfolgen, dann werden sie auch euch verfolgen. Haben sie an meinem Wort festgehalten, werden sie auch an eurem Wort festhalten. Euch geht es nicht besser wie dem Herrn" (Joh 15, 20).

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Kontext der Glaubensgeschichte steht Ihre Ehe, steht Ihre Familie. Gerade heute, wo so vieles zerbricht, ist die Frage umso drängender: "Sind wir dankbar dafür, Christen zu sein und alles, was zu unserem Leben gehört, in den Zusammenhang der Geschichte Gottes und Seiner Wegetappen mit uns Menschen zu stellen?" Der entscheidende Punkt ist: An Seinem Wort festzuhalten, Ihm zu trauen und Ihn so immer mehr kennen zu lernen als den, der von Gott gekommen ist. Das ist wahrhaftig ein Schatz zum Leben und zum Sterben.

Dazu möchte ich Sie ermutigen und Ihnen wünschen, dass dieser Tag heute Ihnen hilft, allen Widerständen zum Trotz, daran festzuhalten, bei allem, was Menschen negativ verbrochen haben, bei allem, was aber auch an Herrlichem und Schönen in der Kirche geschehen ist, den entscheidenden Punkt zu sehen: Dass Er mich meint, dass ich Sein Wort festhalte und dieses Wort lautet – es steht ein paar Zeilen vor dem Text, den wir heute gehört haben: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt doch in meiner Liebe" (Joh 15, 9). Amen.

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  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Felix Genn
08.05.2010

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