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24.05.2012
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Predigt von Bischof Genn an Silvester 2010 in der St.-Lamberti-Kirche

Münster. Am Silvestertag (31.12.2010) feierte Bischof Felix Genn einen Gottesdienst in der münsterschen St.-Lamberti-Kirche. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Mit dem Halleluja von Georg Friedrich Händel beendete das ZDF eine Sendung zum Jahresrückblick. Interessant war, dass die Aufführung des Halleluja in einem amerikanischen Bistro stattfand, so dass neben den Sängern schließlich alle, die der Melodie kundig waren, in den Gesang des Halleluja einstimmen konnten. Der Kommentator der Sendung bemerkte, dass trotz aller Bedrängnisse und Schwierigkeiten des vergangenen Jahres viel Grund zum Dank gegeben sei.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir uns heute Morgen hier in der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti als Bürger der Stadt Münster versammeln, dann hat dieser unser Dank eine ganz besondere Adresse. Wir führen nicht einfach das Halleluja von Händel auf, sondern wir vollziehen es. Wir danken dem, der den Anfang, die Monate und das Ende dieses Jahres mit seinem Segen begleitet hat und bekennen im Rückblick und im Ausblick auf das vor uns liegende Jahr: "Der Herr krönt das Jahr mit seinem Segen" (Ps 65,12). Jeder von Ihnen wird an ganz persönliche Ereignisse denken, für die er von Herzen dankbar sein kann. Gerade in einer Zeit, in der oft die schlechten Nachrichten die Nachrichten überhaupt sind, ist es wichtig, einen solchen Akzent der Dankbarkeit zu setzen. Deshalb halte ich das, was ich im ZDF gesehen und gehört habe, für äußerst bemerkenswert; denn das Jahr, auf das wir zurück blicken, war durchaus auf den ersten Blick auch in massiver Weise ein annus horribilis, ein Jahr voller Schrecken und Erschütterungen. Dennoch wagen wir Christen es, am Schluss das Halleluja zu singen, das nichts anderes bedeutet als: "Lobet den Herren." In diesem Lob liegt die Übergabe des Lebens aller Tage, Monate und Jahre an Gott und das Bekenntnis zu ihm als dem Herrn des Lebens.

Auch für die Kirche von Münster gibt es viel Grund zur Dankbarkeit. In diesem Jahr habe ich als Bischof viele Schätze erfahren dürfen, die die Kirche von Münster birgt. Es sind vor allem die Menschen, die trotz aller Anfeindungen und Anfechtungen, trotz vieler Fragen und Nöte unerschütterlich am Glauben festhalten, sich in den Gemeinden engagieren, die Gottesdienste mitfeiern, Jungen und Mädchen in den Glauben der Kirche einführen. Ich denke aber auch an die großartigen Zeugnisse, die die Glaubensgeschichte in unserem Bistum geschaffen hat. Das sind nicht nur äußere Kunstschätze, großartige Bauten, die ich im Laufe des Jahres kennen lernen konnte. Das sind in besonderer Weise die vielen Wallfahrtsorte, in denen Glaube als persönliche Wirklichkeit und die Gemeinschaft der Kirche Ausdruck finden. Nicht zuletzt möchte ich das hohe Engagement erwähnen, das von unseren zahlreichen Ordensgemeinschaften ausgeht. Auch das ist ein wahrer Schatz unseres Bistums.

Angesichts vielfältiger Diskussionen um die zukünftigen Strukturen unserer Gemeinden kristallisiert sich für mich heraus, worauf es auch für die Zukunft des Glaubens ankommt: Dass Menschen in Wort und Tat Zeugnis geben. So hat es der Text des heutigen Evangeliums im Blick auf die Gestalt des Täufers zur Sprache gebracht. Dieser "kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht" (Joh 1,7-8). Das gilt nicht nur für den Täufer Johannes. Das gilt für die ganze Kirche als Gemeinschaft und für jeden Einzelnen: Zeugnis abzulegen für das Licht, das Christus ist, jenes Licht, von dem der Evangelist Johannes zu Recht sagt, dass es "das wahre Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet" (ebd. 9).

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann sehr gut verstehen, dass ein Wechsel und Wandel der Strukturen Unsicherheiten hervorruft, Menschen Furcht hegen, ihre angestammte kirchliche Heimat zu verlieren. Aber der Schmerz darüber, dass manches nicht mehr so gehen kann, wie man es über Jahre und Jahrzehnte gewohnt war, kann nicht das letzte Wort haben unter anderen gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Voraussetzungen. Es gilt immer darauf zu schauen, was unser Grundauftrag als Kirche ist, und dem Gestalt zu geben.

Dabei sind vor allem zwei Gesichtspunkte von besonderer Wichtigkeit:

  • Viel mehr als früher ist jeder einzelne Getaufte und Gefirmte herausgefordert, Farbe zu bekennen, dem Glauben Gesicht zu geben und dieses Gesicht zu zeigen. Niemand kann sich mehr hinter dem verstecken, was die Institution tut, und mit erhobenem Zeigefinger auf die Amtskirche hinweisen. Nein, jeder aus dem Volk Gottes ist herausgerufen Christ, zu sein. Ich möchte nachher noch zwei Besonderheiten dieses Zeugnisses herausstellen.


  • Dieses Bekenntnis jedes Einzelnen freilich ist eingebunden in das große Wir des Glaubens der Kirche. Hier kann es nicht ein Gegeneinander von einzelnen Gemeinden geben, als habe die eine Gemeinde mit der anderen nichts zu tun. Erst recht kann es nicht ein Gegeneinander zwischen den einzelnen Gemeinden und dem Bischof geben. Kirche, so hat es uns gerade das II. Vatikanische Konzil sehr deutlich vor Augen gestellt, ist als Volk Gottes der Leib Christi, der in unterschiedlichen Diensten und Ämtern gegliedert ist, in dem aber gerade dem Bischöflichen Amt die Aufgabe des Dienstes an der Einheit aufgetragen ist. Wir sind immer wieder neu herausgefordert, uns auf das zu besinnen, was aus der ersten Lesung aus den Anfängen der jungen Kirche berichtet wird. Dort gab es nämlich schon die Antichristen, von denen der Verfasser des ersten Johannesbriefes ausdrücklich sagt: "Sie sind aus unserer Mitte gekommen, aber sie gehörten nicht zu uns; denn wenn sie zu uns gehört hätten, wären sie bei uns geblieben" (1 Joh 2,19). Dann fügt er hinzu, dass die Adressaten seines Briefes zu denen gehören, die "die Salbung haben von dem, der heilig ist" (vgl. ebd. 20).

Liebe Schwestern und Brüder, sobald wir uns in unserem Zeugnis auseinander reißen lassen, dokumentieren wir, dass wir aus der Salbung des Heiligen Geistes heraus gefallen sind. Der heilige Augustinus, dem ich meine Studien gewidmet habe, betont in einer Zeit äußerster Zerrissenheit der Kirche Nordafrikas, dass jede Spaltung der Kirche ihre Wurzeln im Stolz hat, der daher rührt, die eigene Ansicht höher zu setzen als die Demut, sich in das gemeinschaftliche Verbundensein mit dem Bischof einzufügen.

Liebe Schwestern und Brüder, Zeugnis zu geben, das hat in diesem Jahr besondere Akzente erhalten. Zunächst möchte ich daran erinnern, dass das Zeugnis der Kirche sehr verdunkelt worden ist. Dieses Jahr 2010 wird sicher in der Kirchengeschichte als ein Jahr des Schreckens eingeschrieben bleiben, weil das Zeugnis für den Gott des Lebens angesichts des Missbrauchs junger Menschen durch amtliche Vertreter der Kirche schweren Schaden genommen hat. Sobald ich persönlich mich dem Zeugnis mancher Opfer nähere, mir noch einmal vergegenwärtige, was geschehen ist, bin ich je neu betroffen über diesen wahrhaften Missbrauch menschlicher Personen, menschlicher Würde. Ich denke an die Worte aus dem Buch des Daniel: "Uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht; denn wir haben uns gegen dich versündigt" (Dan 9,7.8), so betet der Prophet angesichts der Untreue des Volkes Israel. Ich kann an dieser Stelle nur meine Bitte um Vergebung wiederholen, die ich im Bußakt der Chrisammesse am Montag in der Karwoche im Dom ausgesprochen habe, und ich möchte Sie alle mitnehmen, von Ihrer Seite aus durch Gebet und Buße beizutragen, dass Wunden wirklich heilen können.

Liebe Schwestern und Brüder, angesichts dieser schrecklichen Ereignisse und Taten, dennoch zum Zeugnis für das Leben aufzurufen, fällt mir nicht leicht. Aber meine Pflicht als Bischof gebietet es, auch in unseren Tagen die Stimme zu erheben, weil ich das Wort zu verkünden habe, von dem das heutige Evangelium sagt, "dass es im Anfang bei Gott war, und dass ohne das Wort nichts wurde, was geworden ist", und der Evangelist fügt hinzu: "In ihm war das Leben" (ebd. 4). Liebe Schwestern und Brüder, das ist die Wahrheit, und jeder, der dem Gott des Lebens durch Wort und Tat widerspricht, erweist sich als derjenige, der aus der Lüge kommt, wie in äußerster Schärfe der erste Johannesbrief immer wieder betont. Das ist etwas antichristliches. Deshalb gilt es umso mehr, dass wir als Kirche die Stimme erheben für das Zeugnis des Lebens, selbst wenn in den eigenen Reihen sehr gesündigt wurde.

Wir als Münsteraner stehen in einer besonderen heiligen Verpflichtung für dieses Zeugnis des Lebens. In dieser Kirche hat Bischof Clemens August vor fast 70 Jahren, im Sommer 1941, zwei berühmte Predigten gehalten, deren eine ein großartiges Bekenntnis zum Gott und Herrn des Lebens war. Angesichts der Selektion von so genanntem "lebenswertem" und "lebensunwertem" Leben hat er alles riskiert, sein eigenes Leben. Er hat die Folgen aufgezeigt, die aus der Entscheidung entstehen, den Wert des Lebens von irgendwelcher menschlichen Entscheidung abhängig zu machen. Mit Leidenschaft hat er die Katholiken der Stadt Münster aufgerufen zu erkennen, was dem Frieden dient, nämlich die Achtung der Gebote Gottes, des absoluten Herrn.

Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten moderner Medizin, angesichts auch bedrängender Fragen um den Anfang und das Ende des Lebens stehen wir heute vor einer ähnlichen Herausforderung. Mich treibt es um, wenn ich daran denke, welche Möglichkeiten die Präimplantationsdiagnostik für die Selektion von Leben beinhalten. In einem Interview mit der Sunday Times stand schon 1999 zu lesen, bald werde es eine Sünde sein, wenn Eltern ein behindertes Kind bekämen. In der Welt von morgen zähle nur noch die Qualität des Kindes.

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin dankbar für den Einsatz, den zum Beispiel die Heinrich-Tenhumberg-Stiftung seit zehn Jahren für den Wert des Lebens gegen die Abtreibung leistet. Ich bin dankbar dafür, dass viele in unserem Land vor einer Aufweichung im Lebensschutz warnen; und ich möchte aus einem Beschluss des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken zitieren, in dem die Abgeordneten des Deutschen Bundestages aufgerufen werden, sich für ein gesetzlich ausdrücklich verankertes Verbot der PID in Deutschland auszusprechen: "Denn PID bedeutet Tötung von Embryonen allein wegen ihrer genetischen Eigenschaften und damit eine dramatische Diskriminierung, insbesondere behinderten menschlichen Lebens." Ich fürchte, dass auf eine neue Weise Selektion geschieht. Ohne die Not von Eltern gering zu schätzen, die sich ein Kind wünschen, kann die PID nicht der Weg sein, weil dadurch ein Dammbruch entsteht, der nicht aufgehalten werden kann. Bei allem Bemühen um Grenzziehungen, wo Ausnahmen möglich wären, bleibt grundsätzlich zu beachten: Der Mensch ist nicht Herr über das Leben, auch nicht Herr über den Embryo. Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist menschliches Leben entstanden, das von niemanden getötet werden darf. Bei dieser Methode aber würden Embryonen ausgesondert und getötet, weil sie nicht den Erwartungen entsprechen. In einem Antrag von Bundestagsabgeordneten, die die PID ablehnen, lese ich: "Eine Gesellschaft, in der der Staat darüber entscheidet oder andere darüber entscheiden lässt, welches Leben gelebt werden darf und welches nicht, verliert ihre Menschlichkeit." Es geht hier um schwerwiegende Prinzipien. Ich bitte Sie alle, sich mit dieser schwierigen Frage auseinanderzusetzen, weil solche Probleme nicht auf hoher akademischer Ebene allein verhandelt werden, sondern durchaus auch am Stammtisch und in Diskussionsrunden Zuhause oder im Verein. Unsere Abgeordneten brauchen aber das Bewusstsein, dass sie in ihrer Entscheidung vom Bewusstsein des Volkes mitgetragen sind. Wir brauchen hier ein Denken, das ganz und gar von dem bestimmt ist, was das Wort des Lebens, das wir alle zu verkündigen haben, gerade auch dem schwächsten Glied unserer Gesellschaft - und das ist der Embryo - zu sagen hat.

Liebe Schwestern und Brüder, am 19. September hat Kardinal Meisner im Auftrag des Heiligen Vaters in unserem Dom den Priester aus der Grafschaft Glatz Gerhard Hirschfelder selig gesprochen. Sein Lebenszeugnis beruht auf dem Widerstand gegen eine menschenverachtende Ideologie. Er hatte in einer Predigt gesagt, dass derjenige, der Christus aus den Herzen junger Menschen reißt, ein Verbrecher sei. Immer wieder sind wir herausgefordert zum Zeugnis dafür, dass die Botschaft Christi, die auch die Botschaft von Kreuz und Auferstehung ist, nicht untergeht. Die Diskussionen um das Symbol des Kreuzes, die wir im vergangenen Jahr erlebt haben, sollten uns bewusst machen, das jede Generation sich den Glauben an Christus neu erwerben muss. Dazu bedarf es der Symbole und Zeichen, dazu bedarf es der Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation. Nur so können wir mit Recht von einer christlichen Leitkultur in unserem Lande sprechen. Das bedeutet keineswegs, dass die Angehörigen einer anderen Religion von uns missachtet werden dürfen. Im Gegenteil: Papst Benedikt XVI. fordert uns in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag morgen am 1. Januar ausdrücklich auf zu bedenken, dass die Religionsfreiheit der Weg zum Frieden ist. Ich empfehle Ihnen sehr die Lektüre dieses großartigen Textes. Er hilft uns, auf der einen Seite den Schatz des eigenen Glaubens in unserem Herzen in demütigem Selbstbewusstsein aufzunehmen und auf der anderen Seite gerade deshalb in großer Hochachtung denen zu begegnen, die diesen Glauben nicht annehmen können und nicht mit uns teilen. Zeugnis zu geben in einer Gesellschaft, in der viele Religionen zusammenleben, erweist noch einmal mehr, dass wir uns als einzelne Getaufte und Gefirmte nicht mehr verstecken können. Vielmehr sind wir herausgefordert, unser Herz stark zu machen, erfüllen zu lassen von der Liebe zu Christus. In Dankbarkeit, dass Er uns Gott voll Gnade und Wahrheit gebracht hat, damit wir Ihn durch das demütige Zeugnis der schlichten und einfachen Liebe als glaubhaft bezeugen.

Liebe Schwestern und Brüder, viele Katastrophen im zurückliegenden Jahr, die Erdbeben in Haiti und Chile, die Überschwemmungen in Pakistan, die Opfer von Missbrauch innerhalb der Kirche, die Ermordung von Christen im Irak und jetzt in Nigeria zeigen uns auf unterschiedliche Weise, wie bedroht das menschliche Leben ist. Gerade deshalb sind wir Christen in einem guten Sinne Unruhestifter, weil wir immer wieder von Neuem uns anspornen lassen zum Einsatz für das Leben. Damit wir das können, bitten wir gerade an diesem letzten Tag des Jahres mit der Liturgie: "Allmächtiger, ewiger Gott, in der Menschwerdung deines Sohnes hat alles menschliche Streben nach Dir seinen Ursprung und kommt darin zur Vollendung. Lass uns zu Christus gehören, in dem das Heil aller Menschen begründet ist."

Liebe Schwestern und Brüder, das wünsche ich Ihnen zusammen mit meinem verehrten Vorgänger Bischof Reinhard, den Mitbrüdern im Bischofsamt und im Domkapitel für das Neue Jahr: Dass wir zu Christus gehören, um so mit dem Gott des Lebens uns als Freunde des Lebens zu erweisen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, Ihren Familien, Ihnen im Rat und der Verwaltung der Stadt: "Der Herr kröne das kommende Neue Jahr für Sie mit seinem Segen!" Amen. 

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Text: Bischof Felix Genn
31.12.2010

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