Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn in der Vesper am Heiligen Abend 2010
Bistum. Am Nachmittag des Heiligen Abend (24.12.2010) feierte Bischof Felix Genn im münsterschen St.-Paulus-Dom die Vesper. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt:
"Wie soll ich Dich empfangen? Wie begegne ich Dir?" Diese Worte hat unsere Kirchenzeitung "Kirche und Leben" in dieser Adventszeit zu einem Leitartikel veranlasst, um auf diese Weise alle Leser auf den inneren Kern des Festes, das wir mit dieser ersten Vesper beginnen, hinzuweisen. Der evangelische Lieddichter Paul Gerhardt, den wir auch von dem Lied "O Haupt voll Blut und Wunden" her kennen, hat diese Texte zur Betrachtung des Weihnachtsgeheimnisses verfasst. "Wie soll ich Dich empfangen? Wie begegne ich Dir?"
Liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten ist ein Fest des Empfangens und der Begegnung. Wenn Sie nachher den Dom verlassen und in Ihre Häuser zurückkehren, dann werden Sie Zuhause Menschen empfangen, oder Sie werden empfangen, und Ihr, liebe Kinder, die Ihr heute Nachmittag auch hierher gekommen seid, um so den Auftakt von Weihnachten zu feiern, Ihr freut Euch darauf, nachher etwas zu empfangen: Geschenke, das, was Ihr Euch gewünscht habt.
Wenn wir aber diesen Text von Paul Gerhardt in den Blick nehmen, liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, dann geht es hier um Jesus. Es geht nicht um Gäste unserer Familien, um Gaben, die unter dem Weihnachtsbaum liegen, sondern all das gruppiert sich um das innere Geheimnis: Jesus ist gekommen. Er ist in diese Welt eingetreten. Der Apostel Paulus hat eben in einem ganz schlichten, einprägsamen und tiefen Text das, was wir an Weihnachten feiern, auf den Punkt gebracht, nicht bloß als Beschreibung von Tatsachen: Da ist ein Mensch geboren worden, sondern als Bekenntnis des Glaubens. Der, der da kommt, das ist der Sohn Gottes, gesandt in diese Welt, und damit ist die ganze Zeit dieser Erdengeschichte erfüllt. Geboren von einer Frau tritt er ein, stellt sich unter das Gesetz seines Volkes, unter all die Gesetze menschlichen Daseins und Lebens, damit wir frei werden von dem, was uns niederdrückt, von der Hetze und Hektik, etwas gelten zu können, etwas zu sein, weil wir etwas leisten, im Mittelpunkt zu stehen. Damit wir Söhne und Töchter werden, die seine Gaben empfangen, die Ihn empfangen, die Ihn, Jesus Christus, aufnehmen und damit die Liebe des Vaters, der uns die Sorge nimmt, nur um uns besorgt zu sein! "Wie soll ich Dich empfangen?"
Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir diese Frage aus dem Blick verlieren, dann bleibt Weihnachten hohl, leer. Es mag ein schönes Ambiente sein, aber ihm fehlt die innere Kernkraft, aus der wir dieses Fest überhaupt in rechter Weise feiern können. Lassen Sie sich doch, wenn Sie jetzt in die schöne Feier mit Ihrer Familie, mit Freunden, mit Menschen, die Ihnen nahe stehen, eintreten, auch von dieser Frage leiten: Jesus, wie soll ich Dich empfangen? Wie soll ich Dir begegnen? Das kann ich das Jahr über immer wieder neu, wenn ich sein Wort antreffe und ihm begegne, der in mein Herz kommen will, mit Fleisch und Blut. Und: Liebe Kinder, bei allem Auspacken und bei aller Überraschung bei den Geschenken: Denkt heute Abend doch einmal auch kurz daran: "Jesus, wie soll ich Dich empfangen? Wenn Du in mein Leben kommen willst, dann zeig mir, wie ich Dir begegnen kann."
Dann ist Weihnachten gefüllte Zeit für Euch und für uns alle. Und das wünsche ich Ihnen von Herzen. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
24.12.2010
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