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24.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn in der Mitternachtsmette 2010

Bistum. Bischof Felix Genn hat in der Nacht vom Freitag auf Samstag (25.12.2010) die Christmette im münsterschen St.-Paulus-Dom gefeiert. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! "Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh" – Ich vermute, dass Ihnen diese Zeile aus dem weihnachtlichen Lied "Ihr Kinderlein kommet" aus Kindertagen vertraut ist. Vielleicht weckt sie auch Gefühle in Ihnen, die Sie unmittelbar an diesem Abend erlebt haben. Gefühle, die Erinnerungen in sich tragen, Erinnerungen an schöne und besinnliche Stunden Zuhause, an eine Atmosphäre, die entspannt ist und in der Sie miteinander in Ihrer Familie Zeit verbringen konnten, ohne unter einem bestimmten Druck zu stehen. Kurzum: Mit Weihnachten und besonders mit dem Heiligen Abend und der darauf folgenden Nacht ist eine Kultur verknüpft, die aus dem gesellschaftlichen, familiären, aber auch aus dem wirtschaftlichen Leben unseres Landes nicht wegzudenken ist. Vielleicht steht bei Ihnen Zuhause figurenreich oder als Bild, mit besonderer Liebe in langer Arbeit aufgestellt, vielleicht auch nur als Erinnerung an Ihre Eltern und Großeltern genau dies, was die Liedzeile zum Ausdruck bringt: "Da liegt es, auf Heu und auf Stroh."

Liebe Schwestern und Brüder, die Liturgie der Kirche, die wir in dieser Heiligen Nacht fest­lich begehen, dreht sich genau darum. Sie mitzufeiern sind Sie hierher gekommen. Irgendwie gehört es dazu, in dieser Nacht oder in diesen Tagen einmal einen Kirchenraum betreten zu haben und in einem Gottesdienst gewesen zu sein. Ich freue mich, dass ich Ihnen diese Botschaft auch in dieser Nacht verkünden darf: "Da liegt er, dieser Jesus, auf Heu und auf Stroh." Einmal wird er auf dem Kreuz liegen. Das sind die beiden Pole seines Lebens: Heu und Stroh, Kreuz und Nägel. Das ist der Kern, um den sich das Liturgische Jahr bewegt. Das ist der Kern unseres Christseins: Diese eine Person. Und von ihr behaupten wir: "Er ist Gottes Sohn. In Ihm ist Gott Mensch geworden."

Ja, die Liturgie schlägt von diesem Ereignis in Betlehem einen gewaltigen Bogen in die Ewigkeit vor aller Zeit. Sie bedient sich dabei eines uralten Gebetes aus der Glaubensgeschichte Israels, eines Gebetes, mit dem die Könige einge­setzt wurden, und so ihr Wirken göttlich verankert wurde: "Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt" (Ps 2,7). Wenn die Liturgie dieses Gebet aufgreift und an den Beginn dieser Heiligen Nacht setzt, will sie das Bekenntnis der Kirche ins Wort bringen: Der, der auf Heu und Stroh liegt, das ist der ewige Sohn des Vaters, das ist unser wahrer König, und allein auf seinen Schultern ruht das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. In Ewigkeit, vor aller Zeit, hat Gott sich in Ihm ausgesprochen, hat er in der Kraft seiner Liebe sich als Vater erwiesen, der ohne das Du eines anderen gar nicht sein kann. Jetzt aber, in der Zeit, wird das handgreiflich, konkret, sichtbar bis hinein ins Heu und Stroh der Krippe, bis hinein in Nägel und Holz des Kreuzes.

Ist es vielleicht das, liebe Schwestern und Brüder, was wir spüren, wenn wir hier her kommen: Dass es hier um Liebe geht, und zwar nicht um Liebe als romantisches Gefühl, sondern um Liebe, die wirklich echt und wahr ist, ohne die wir gar nicht sein können, so wie wir ohne die Luft nicht atmen können? Spüren wir nicht im Tiefsten, dass in allem Chaos, in aller Unordnung, in allem Hang zur Resignation, in aller Bitterkeit, die unser Leben zur Genüge kennt, unausrottbar in uns der Sinn erhalten bleibt, dass es ohne Liebe nicht gehen kann? Wenn Sie dem folgen, liebe Schwestern und Brüder, sind Sie auf dem Weg nach Betlehem, zur Krippe, oder anders ausgedrückt: zu Ihm, zu Jesus, der in dieser Nacht geboren wurde. Sie sind unterwegs zur Wahrheit Gottes, die so Liebe ist, dass sie aus sich herausgehen muss, die schon in Ewigkeit aus sich heraus gegangen ist, die sich aber gedrängt fühlte, mitten in der Welt zu erscheinen, "um alle Menschen zu retten" (Tit 2,11), wie es der Apostel Paulus in einem Brief an seinen Schüler Titus sagt.

Liebe Schwestern und Brüder, dass das nicht ohne Auseinandersetzung abgeht, ist völlig klar. Wir wissen, wie sehr sich die Menschen zur Zeit Jesu damit auseinandergesetzt haben, ob er mit seinem Anspruch, unterstrichen durch Zeichen und Wunder, wirklich der ist, von dem die Engel schon auf den Fluren Betlehems sagten, er sei der Christus, der Herr (vgl. Lk 2,11). Soll wirklich dieser eine Mensch die Wahrheit Gottes sein? Christus hat sich diesen Fragen gestellt. Er hat sie zugelassen, er hat sich mit ihnen auseinandergesetzt, aber er hat auch den Menschen zugemutet, sich mit ihm auseinander zu setzen. Dazu lade ich Sie ein, sich von der Liturgie dieser Nacht, von der Atmosphäre des Weihnachtsfestes neu ansprechen zu lassen, um von der Oberfläche in die Tiefe einzutauchen, die auf den Grund Ihres Herzens geht, und die das Geheimnis der Liebe berührt. Ich bin überzeugt davon, dass Sie in Ihrem Suchen und Ringen etwas spüren von dem Geheimnis, das die Hirten auf den Fluren Betlehems umfangen hat, und die auch nicht wussten, wie ihnen geschieht, die aber bereit waren, sich dem größten Geheimnis der Weltgeschichte zu stellen und nach Betlehem zu gehen. "Da liegt es, ihr Hirten, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh, in Windeln gewickelt, in einer Krippe."  Es kommt also nicht auf hohem Ross, nicht mit Gewalt und politischer Macht, sondern als Kind, als Mensch, als Zeuge einer Wahrheit, für die wir empfänglich sind.

Der Kirchenschriftsteller und Bischof von Lyon, Irenäus, hat schon im 2. Jahrhundert dieses Geheimnis in die Worte gefasst: "Sohn des Menschen wurde er, damit er den Menschen eingewöhne, Gott zu empfangen, und Gott eingewöhne, im Menschen zu wohnen" (Adv. haeres. IV, 20,2).  Ein erstaunliches Wort. Gott gewöhnt sich daran, im Menschen zu sein: Soviel liegt ihm an uns. Aber er möchte uns eingewöhnen, in ihm zu sein, weil er im Tiefsten weiß: Nur da sind wir wirklich Zuhause, und zwar jetzt und für immer.

Liebe Schwestern und Brüder, diejenigen, die gespürt haben, dass es mit diesem Jesus von Nazareth stimmt, die sich in diesem Prozess mitnehmen ließen, sich in Gott einzugewöhnen, mussten es weitersagen. Sie waren Zeugen dieser Botschaft, und sie erfuhren dasselbe Schicksal wie dieser Jesus auch: Es gab Auseinandersetzungen, Zurückweisung, Zweifel und Fragen. Aber weil sie unbeirrt an der Liebe festhielten, weil sie sich immer mehr dazu erziehen ließen es aufzugeben, von Gott los zu sein, das Leben nur aufzufüllen mit der Suche nach der Befriedigung des eigenen Ichs, weil sie nicht sich zu schade waren, in dieser Welt in Hoffnung zu leben, weil sie innerlich darauf brannten, dass die Welt mit dem Guten erfüllt wird, deshalb haben sie es weitererzählt und eine Kultur geschaffen, von der wir bis zur Stunde zehren.

Immer wieder erinnern wir uns an Weihnachten, dem Bemühen der Kirche in Lateinamerika unsere Unterstützung zu geben. In diesem Jahr geschieht das unter dem Gesichtspunkt der vielen Laienhelfer, die als "Delegierte des Wortes" zur Lebendigkeit der Kirche dort beitragen, und die bisweilen diesen Einsatz mit einem hohen Preis, bis zur Hingabe des Blutes, im Dienst an den Armen bezahlt haben. Es wäre doch auch etwas für uns, Delegierte des Wortes zu sein. Ich jedenfalls habe diese Zeile des Kinderliedes und das damit verbundene Geheimnis nicht zuerst in der Kirche gelernt, nicht zuerst von Amtsträgern, sondern von meinen Eltern. Weil sie mit uns gesungen haben: "Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh", und weil sie uns erklärt haben, was es mit dem Kind und seiner Lebensgeschichte auf sich hat. Sie waren für mich die ersten Delegierten des Wortes. Ich möchte Sie alle gewinnen und einladen, dass Sie diesen Dom heute Abend als Delegierte des Wortes verlassen, weil Sie bereit sind, den Spannungsbogen von der großen Ewigkeit Gottes in unser Jetzt auszuhalten und Wege Ihres Lebens so zu gehen, dass Sie sich mehr und mehr in Gott eingewöhnen.

Wie macht man das? Schlicht und einfach, indem man bei Gott Wohnung hat. Und wo wohnt man mit Gott? Indem man hier in seinem Haus sein Wort hört, es mitnimmt, ihm im Herzen und Leben eine Wohnung bereitet und spürt: Davon kannst du leben, das ändert dich, das gibt dir die Kraft zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, das orientiert dich hin zum Dienst am Leben, das verleiht Hoffnung. Lassen Sie diese Botschaft nicht vergehen, so wie Sie eines Tages die Weihnachtsteller wieder in den Schrank stellen, sondern nehmen Sie diese Botschaft mit, die Sie heute empfangen haben. Kann es einen denn nicht berühren, dass Gott sich so klein und demütig macht, auf Heu und Stroh zu liegen, ja sogar in mein Herz zu kommen?

Indem ich Ihnen von Herzen, auch im Namen meines verehrten Vorgängers Bischof Reinhard und der Mitbrüder im Bischofsamt wie dem Hohen Domkapitel wünsche, sich davon berühren zu lassen, wünschen wir Ihnen eine wirklich gnadenreiche Feier der Weih­nacht: "Christus ist uns geboren. Kommt, wir beten ihn an." Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
25.12.2010

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