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Seite: Aktuelles  >  Predigt von Bischof Genn bei der Chrisammesse 29.03.2010
30.08.2016
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Predigt in der Chrisammesse am Montag der Karwoche 2010

Bistum. Bischof Felix Genn hat am Montag (29.03.2010) gemeinsam mit zwölf Dechanten aus dem Bistum die "Messe zur Weihe der Heiligen Öle" im St.-Paulus-Dom gefeiert. In seiner Predigt äußerte sich der Bischof auch zu aktuellen Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester. "kirchensite.de" dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe junge Mitchristen, die Ihr heute Morgen aus den unterschiedlichen Gemeinden unseres Bistums, wo Ihr als Messdienerinnen oder Messdiener tätig seid oder wo Ihr demnächst das Sakrament der Firmung empfangen werdet, hier in unseren Dom gekommen seid, um diese schöne Feier zu erleben, in der die Kirche in einer ganz besonderen Weise des Geheimnisses von Tod und Auferstehung Jesu Christi gedenkt!

An diesem Morgen, liebe Schwestern und Brüder, fließen ganz unterschiedliche Emotionen in unsere Feier und erst recht in das Bedenken des Gotteswortes ein. Wir feiern die Chrisammesse, und dazu sind in ganz besonderer Weise die Priester eingeladen. Die Weihe der heiligen Öle erinnert uns nämlich an die Spendung der Sakramente, in denen wir das Jahr hindurch in einzigartiger Dichte dem Geheimnis begegnen dürfen, das die Kirche auf dem Höhepunkt des Jahres, dem Osterfest, feierlich verkündet.
 
Die Sakramente bringen uns in unserem eigenen Leben unmittelbar in den Lebenszusammenhang von Tod und Auferstehung Jesu Christi. Vor allem im Öl des heiligen Chrisam sind wir ganz nahe an dem, was der Würdename Jesu selber ist, der Gesalbte, der mit dem Heiligen Geist Erfüllte, der wirklich unser König, Priester und Prophet ist. In der Taufe, in der Firmung, in der Priester- und Bischofsweihe, in der Konsekration der Altäre und Kirchen kommt dies alles sinnenfällig zum Ausdruck. Dass die Kraft von Tod und Auferstehung, die uns vor allem fundamental in der Taufe zuteil geworden ist, das Leben hindurch weiter wirkt, zeigt sich in der extremen Situation von Krankheit und Sterben, wenn die Kirche uns durch das Sakrament der Krankensalbung die heilende Kraft unseres Erlösers Jesus Christus schenkt. Diejenigen, die sich unmittelbar auf die Taufe vorbereiten, erhalten in der Salbung mit dem Katechumenenöl einen Vorgeschmack von dem, was in der Taufe geschieht: Wir erhalten die Kraft, dem Bösen zu wehren und keine Angriffsfläche zu bieten, so dass das Wort des Apostels Paulus an uns wahr werden kann: "Weder Tod noch Leben …, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm 8,38-39).

Diesem Dienst sind wir, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, zutiefst verbunden, ja anvertraut. Welch eine Kostbarkeit ist es, den Menschen in Wort und Sakrament die Heilskraft Jesu, sein Wirken, Leben und Sterben schenken zu dürfen! Wie wir eben im Text aus dem Evangelium nach Lukas gehört haben, greift der Herr bei seiner ersten Predigt in seinem Heimatort Nazareth das Wort aus dem Propheten Jesaja auf und wendet es auf sich an, dass er gesandt worden ist, "den Armen eine frohe Botschaft zu bringen und alle zu heilen, deren Herz zerbrochen ist" (vgl. Jes 61,1 und Lk 4,18). Ja, es fällt auf, wenn man die beiden Texte vergleicht, dass in der Verkündigung in Nazareth das Wort vom "Tag der Vergeltung", das Jesaja noch verwendet (ebd. 2), im Munde Jesu nicht auftaucht. Der Tag der Vergeltung, den hat er selber auf sich genommen, damit wir alle ein Gnadenjahr des Herrn erleben. Gerade in der Liturgie dürfen wir den Menschen dieses Gnadenjahr der Erlösung Tag für Tag ausrufen und schenken.

Dies in dem von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen Priesterjahr zu bedenken, ist gerade diese Stunde hier im Dom in besonderer Weise gewidmet. Nirgendwo sonst im Laufe des Jahres wird die Verbindung zwischen dem Bischof und seinen Priestern in der Gemeinschaft der Diözese sinnenfälliger. Durch die Erneuerung unserer Weiheversprechen bekommt das einen eigenen Ausdruck. Dieses Priesterjahr sollte ja dem Gebet um die Heiligung der Priester dienen, damit die Treue Christi und die Treue des Priesters eine Einheit werden, so dass wir Priester, von innen her in der Treue zum Herrn gefestigt, zur Heiligung des Gottesvolkes beitragen, und das Wort aus der Weiheliturgie sich in unserem Alltag erfüllt, dass "unser Leben für alle Ansporn und Richtschnur sei" (Weihepräfation der Priesterweihe).

Vor genau einem Jahr habe ich meinen Dienst als Bischof in der Kirche von Münster hier angetreten. Welche bewegenden Monate liegen hinter mir, und wie wenig hätte ich daran gedacht, dass diese Verknüpfung meines ersten Dienstjahres in Münster mit dem Internationalen Priesterjahr eine ganz besondere Herausforderung mit sich bringen wird.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, in den Wochen der Österlichen Bußzeit habe ich oft, wenn ich die Orationen des jeweiligen Tages gebetet habe, gedacht: Welche Tiefe bekommen sie angesichts der Verdunkelung des priesterlichen Lebenszeugnisses, der wir in einer Stärke begegnen müssen, wie sich das kaum jemand hat vorstellen können.

Ich bin völlig erschüttert, und ich muss offen gestehen, dass ich es kaum fassen kann, welches Ausmaß von Verwüstung in den Herzen und Seelen von jungen Menschen, gerade durch Priester und Ordensleute, angerichtet worden ist. Dabei geht es gar nicht um eine Quantität, sondern um die innere Qualität dessen, was hier geschehen ist: Dass Diener des Heilswerkes Jesu Christi sich so versündigen konnten! Dass unsere Verkündigung vom Wert jedes einzelnen menschlichen Leben so verletzt worden ist! Wenn man bedenkt, dass der heilige Kirchenlehrer Irenäus davon gesprochen hat, dass "die Ehre Gottes der leibhaftige Mensch ist", und wir zugleich sehen, wie diese Ehre Gottes mit Füßen getreten wurde, dann muss ich offen gestehen: Es ist für mich unfassbar und übersteigt meine Kraft.

Dass wir uns dem stellen, ist ein höchst schmerzlicher Prozess der Reinigung. Hier gilt es genau zuzusehen, damit wir nicht die vielen Elemente, die sich in die Debatte um den sexuellen Missbrauch mischen, durcheinander bringen und die Fähigkeit zur Unterscheidung verlieren, die gerade in solchen Krisenzeiten höchst angebracht ist. Dass jüngst auch noch die Ehre unseres Heiligen Vaters massiv angegriffen wird, verletzt und beschämt mich zutiefst. In dieser Stunde möchte ich das Treueversprechen gegenüber dem Heiligen Vater vom Tag meiner Bischofsweihe erneuern, und ich bitte Sie alle, liebe Mitbrüder, um diese innere Solidarität, die jeder von uns dem Träger des Petrusdienstes, Papst Benedikt XVI., schuldet. 

Liebe Schwestern und Brüder, die zurückliegenden Wochen haben mich in eine ungeheure Spannung versetzt, die ich in aller Offenheit bekennen und für die ich Zeugnis geben möchte:

Auf der einen Seite sehe ich das unermessliche Leid der Menschen, die Opfer von Missbrauch geworden sind, und die oft keine Stimme hatten, weil sie diese Erfahrung hat verstummen lassen, die keinen gefunden haben, der ihren Worten glaubte, und die erfahren mussten, dass zu allem Elend die tiefe Einsamkeit kam, hier nicht gehört zu werden. Es übersteigt meine Kraft, wenn ich bedenke, wie wir angemessen mit diesen Wunden umgehen sollten; und doch sind wir gefordert.

Zugleich denke ich an diejenigen, die das getan haben, sei es aus krankhaftem Trieb, sei es aus Motiven, die sie selber nicht mehr steuern konnten, oder was auch immer sie bewogen haben mag, ungeordnete, nicht geklärte Sexualität, die Einsamkeit, gerade in diesen Kämpfen mit niemandem sprechen zu können, aber auch die Schuld und das Versagen, dem nicht ins Auge geschaut zu haben.

Wenn ich wirklich Christ und Priester des barmherzigen Gottes sein will, dann kann ich nicht die Wunden übersehen, die sich auch in den Herzen der Täter gebildet haben. Sofort aber bin ich in der Spannung, das Leid der einen gegenüber dem, was die anderen getan haben, zu mildern. Jedes Wort, jede Tat steht immer in der Gefahr, es doch nicht richtig zu machen. Wie kann hier Heilung geschehen?

Liebe Schwestern und Brüder, in der Auseinandersetzung mit dieser furchtbaren Situation und mit der Frage nach Heilung habe ich an die vielen geistlichen Mittel gedacht, die die Kirche uns in dieser Situation zur Verfügung stellt, die wir aber vielleicht in den letzten Jahren – theoretisch und praktisch - übersehen haben: Was heißt es, Buße zu tun? Welche Bedeutung hat das Bußsakrament für uns? Kann geistliche Begleitung wirklich nicht helfen, Unaufgearbeitetes anzuschauen und der Heilung zuzuführen? Gibt es so etwas wie Stellvertretung und Sühne?

Liebe Mitbrüder, die Spannung, in der ich stehe, geht noch weiter: Ich denke an so viele treue Mitbrüder, die redlich ihren Dienst tun und jetzt die Erfahrung machen, einem Generalverdacht ausgesetzt zu werden, die sich fürchten, die liebevolle Nähe, die unbedingt zum seelsorglichen Dienst gehört, nicht mehr zeigen zu dürfen. Viele Mitbrüder sind deshalb auch persönlich verletzt. All das zeigt mir das Ausmaß der Zerstörung, die Schuld und Versagen anrichten können.

Zugleich kann ich uns allen nicht die Frage versagen, ob wir mit dem Versprechen der Ehelosigkeit, das wir dem Herrn und seiner Kirche gegeben haben, rein genug umgehen, ob wir es wirklich keusch leben. Ich kann doch nicht mit einem mentalen Vorbehalt ein solches Versprechen ablegen, das dem Herrn den Leib schenkt!

Immer wieder wurde ich an eine Grunderfahrung meiner kindlichen Biographie erinnert: In der Unterstufe des Gymnasiums hat unser Religionslehrer in Andernach erzählt, dass im Gefolge des Südtiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer jemand war, der ins Gefängnis eingeliefert wurde, der aber vor dem Todesurteil hätte frei kommen können, wenn er bewusst gelogen hätte. Alle bestürmten ihn, auch im Blick auf seine eigene Familie, und baten ihn, doch diese Lüge zu tun, um das Leben zu retten. Er aber antwortete: "Nein. Ich habe mein Leben nicht mit einer Lüge erkauft." Das Wort spricht für sich, auch für unser Priestertum. Es prägt meine Biographie grundlegend.

Wir als Kirche sind gefordert, wahrhaft Buße zu tun, in Stellvertretung und Sühne für all das, was geschehen ist; denn in dieser Stunde bewahrheitet sich, dass einer des anderen Last zu tragen hat.

Und welche Last hat der Herr getragen, der "zu den Verbrechern gerechnet wurde" (Lk 22, 37)! Wenn ich Jahr für Jahr in dieser Heiligen Messe der Weihe der heiligen Öle das Wort aus dem letzten Buch der Bibel höre "Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut" (Offb 1,5), dann denke ich: Ja, was steckt an Schuld und Elend dahinter, dass er uns mit seinem Blut erlösen musste! Der Herr mutet uns zu, dass wir in den Abgrund dessen schauen, was er getragen und mit seiner Liebe bis zum Letzten unterfangen hat. Wir können uns nicht ausnehmen. Nur durch Buße und Reinigung werden wir wahrhaft geheiligt, wird seine Treue mit unserer Treue zu ihm beantwortet werden können.

Liebe Schwestern und Brüder, ganz herzlich bitte ich Sie, für all die zu beten, die in diesem Zusammenhang genannt werden: Für die Opfer, auch für die Täter, und schließlich für uns alle, die wir im priesterlichen Dienst stehen, nicht zuletzt für unseren Heiligen Vater. Nur so kommen wir alle als Kirche dem nach, was dieses Priesterjahr wollte: Zu beten um die Heiligung der Priester von innen her. Und was wollen die heiligen Öle mehr als Stärkung geben, damit wir ein heiliges Volk werden? Oder um an die Worte anzuschließen, die wir aus der zweiten Lesung gehört haben: "Er hat uns erlöst von unseren Sünden durch sein Blut, er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater" (ebd. 5-6). Gemeint sind wir alle, keiner kann sich ausnehmen, ihm die Ehre und Herrschaft zu geben durch Gebet, Buße, durch vergebende Liebe, vor allem aber auch durch das Eintreten in die Spannung, die er am Kreuz am meisten durchlitten hat, aus der allein aber die Kirche entstanden ist, Gottes heiliges Volk, ja Christi Leib und seine Braut.

Liebe Schwestern und Brüder, gestärkt durch diese Feier können wir nun in unsere Gemeinden und Gemeinschaften gehen und uns in der Osternacht in Dankbarkeit und Demut, in Reue und Freude unserer christlichen Berufung erinnern und dem Herrn unser Versprechen geben, seiner Erlösungstat zu glauben und zu folgen. Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
29.03.2010

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