Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn zum 175-jährigen Bestehen der Kaufmannschaft zu Münster
Münster. Am Freitag (05.02.2010) feierte der Verein der Kaufmannschaft zu Münster von 1835 sein 175-jähriges Bestehen. Bischof Felix Genn zelebrierte aus diesem Anlass in der münsterschen St.-Lamberti-Kirche einen Dankgottesdienst in dem er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, verehrte Mitglieder des Vereins der Kaufmannschaft Münster, dieses 175-jährige Jubiläum mit einer Eucharistiefeier zu beginnen, halte ich für ein bemerkenswertes Zeichen, das nicht selbstverständlich ist. Aber Sie haben mich um diesen Gottesdienst gebeten. Ich sehe dieses Zeichen in Verbindung mit einem anderen, das ich Ende März des vergangenen Jahres erfahren durfte, als ich meinen Dienst hier in der Stadt Münster als Bischof begonnen habe. Damals haben Sie, die Kaufmannschaft, den Prinzipalmarkt geschmückt, um den Bischof auf diese Weise zu grüßen und ihm, der von außen kam, deutlich zu machen, dass er willkommen ist.
Liebe Schwestern und Brüder, ich erwähne das nicht, um in erster Linie Kirche gut dastehen zu lassen, sondern ihre Sendung. Ich beziehe es nicht auf meine Person, sondern ich sehe meinen Auftrag angefragt, in der Lamberti-Kirche, der Kirche der Bürgerschaft Münsters, hier in dieser Stunde. Was heißt es wohl, wenn Sie dieses Fest und diesen Abend des Kramermahls mit einem Gebet beginnen? Sie machen dadurch deutlich, dass Sie auch heute sich einfügen und einbinden in die Tradition dieser Stadt, die wesentlich geprägt ist vom Geist des Evangeliums Jesu Christi und dies auch über die konfessionellen Grenzen hinaus, in Verbundenheit mit den Schwestern und Brüdern der anderen christlichen Konfessionen. Sie machen dadurch deutlich, dass die Tradition der Kaufmannschaft, die ja älter ist als die Gründung von 1835, ihre Werte verwurzelt hat im Wort Gottes. Sie haben durch Ihren Präsidenten heute, an diesem Tage, an dem auch die bundesrepublikanische Öffentlichkeit Anteil nimmt an dem Jubiläum, durch ein Interview sagen lassen, was es Ihnen wert ist, ehrbare Kaufleute zu sein. Ehrbare, die geprägt sind nicht in erster Linie vom bloßen Blicken auf den Profit, sondern die sich prägen lassen von Werten, von Ethik, von Moral, davon, dass nicht das Preis-Leistungs-Verhältnis das Zentrale ist, sondern dass das gegenseitige Vertrauen dazukommen muss, was freilich nur wachsen kann, wenn es in einer Sittlichkeit grundgelegt ist. Das gehört, so durfte ich in den zurückliegenden Monaten hier erfahren, zum Urgestein der Bürgerschaft Münsters und zeigt, wie sehr Sie für diese Stadtgesellschaft da sein möchten über Ihren bloßen Beruf hinaus, wenn ich nur an die Stiftung denke, der Münster noch viel zu verdanken haben wird, und daran, dass Sie dazu beigetragen haben, dass diese Stadt ihr historisches Gesicht in wesentlichen Teilen behalten hat.
Die Verbindung dieser Kultur mit dem Geist des Evangeliums ist auch für unsere Zeit eine Anfrage und Herausforderung. Denn: Woher nehmen wir die Werte? Was sind die Grundlagen für eine Gesellschaft, die sich auf Werte und Tugenden stützt bzw. für eine Gemeinschaft, die sich nicht scheut, von Tugenden zu sprechen, wie dies heute publizistisch geschehen ist? Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, verehrte Mitglieder der Kaufmannschaft, liebe Schwestern und Brüder, sind von gewaltigem Ausmaß. Ob wir an die Globalisierung denken, ob wir an die Finanz- und Wirtschaftskrise denken oder an die Fragen von Gerechtigkeit, von ökologischem Bewusstsein, von Krieg und Frieden, vom Zueinander der Religionen. Woher nehmen wir die Wurzeln, um ein tragfähiges Fundament in unserer Gesellschaft zu behalten und weiterzuentwickeln?
Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich hier stehe, dann sehe ich mich gerade in diesen Fragen herausgefordert. Herausgefordert, Sie hinzuweisen auf das wirkliche Bonum, dieses Gute des Glaubens, aus dem die Werte entspringen dürfen, die dann viel kraftvoller, viel zukunftsträchtiger sind, als jede andere Art von Boni. Wenn ich mich dem nähere, dann lasse ich mich – und das tue ich auch sonst – konfrontieren im wahrsten Sinne des Wortes mit dem, was die Liturgie an diesem Tag vorsieht. Das kann manchmal - und Sie haben es vielleicht gespürt beim Hören der Lesungen – durchaus quer liegen. Egal, ob wir an die Gestalt einer sizilianischen Märtyrin denken aus dem Dritten Jahrhundert oder an die Texte aus dem Alten Testament und dem Lebensbericht Jesu. Aber Sie haben auch gespürt: Da geht es nicht um Ideen, da geht es nicht um Gedanken, da geht es nicht um ein Bündel von Sätzen, sondern um Personen, um Gestalten: Agatha, David, Jesus und der Täufer Johannes, Sie und ich heute. Denn in Personen wird das Wort Gestalt. In Personen lebt der Geist des Evangeliums und die Kraft des Wortes Gottes und prägt sich ein mit dem Gesicht der jeweiligen Glaubenden in ihrer Zeit.
Dass das zu Spannungen führen kann, bis hin zum Bekenntnis des Martyriums, zeigt die Gestalt dieser Märtyrin Agatha im Dritten Jahrhundert, in einer Zeit, in der das Christentum marginal im Römischen Reich war, eine Randerscheinung. Aber zugleich in einer Zeit, in der der Niedergang dieses Reiches deutlich zu greifen war, weil die inneren Fundamente nicht mehr stimmten oder sich auflösten. Da steht eine einfache Frau dafür ein, dass Er, Gott, und Seine Ehre wichtiger ist als die Länge ihres Lebens. Für sich genommen, für diesen Augenblick ihres Todes, war es ein völlig erfolgloses und unfruchtbares Leben. Aber genau darin hat sie ein Zeugnis gegeben, das so kraftvoll in sich war, dass es die Zeiten überdauerte.
Glauben wir wirklich daran, liebe Schwestern und Brüder, dass die Botschaft des Evangeliums eine Kraft ist, die uns zu Zukunftsträgern macht? Dass wir die Vorhut von Morgen und Übermorgen sind und nicht die Nachhut der Geschichte, und dass das nicht einfach ein kraftvoller Spruch ist, den der Bischof in einer öffentlichen Veranstaltung ausspricht, sondern Wahrheit! Deshalb kommt es auf Überzeugungen an, ob ich wirklich daran glaube, dass die Botschaft dieses Jesus von Nazareth wahr ist – für mich und für die Welt und die Gestaltung von jedwedem menschlichen Lebenszusammenhang. Dass das Ehrbare menschlichen Lebens seine letzte Kraft daraus bezieht, dass Gott die Ehre gegeben wird; und man kann sie Ihm nicht mehr geben, als dass man Ihm glaubt.
In der ersten Lesung steht eine andere Gestalt vor uns: David. Ein wirklicher Mann dieser Welt, ein König. Ein König mit massiven Fehlern, Sünden und großer Schuld. An dieser Stelle gestatte ich mir eine kurze Information: In der Liturgie der katholischen Kirche ist es üblich, dass das Jahr hindurch, außerhalb der Weihnachts- und Osterzeit, ein Buch der Heiligen Schrift Tag für Tag gelesen wird, so dass man den gesamten Zusammenhang hört. So war das in den letzten Wochen der Fall, in denen wir die Geschichte des Königs David in der Liturgie vernommen haben. Gestern wurde von seinem Tod erzählt, und heute blickt ein Schriftsteller des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, ein hochintelligenter Mann, der aus der griechischen Gedankenwelt kommt, auf die Geschichte Israels zurück und beleuchtet sozusagen retrospektiv die einzelnen Gestalten, die diese Geschichte geprägt haben. Der Mann heißt: Jesus Sirach. Er fasst zusammen, was das Entscheidende im Leben dieses David war. Ich denke, dieser Satz kann auch für uns etwas Markantes bedeuten. Natürlich schaut er auf die einzelnen Taten Davids, aber dann sozusagen auf den innersten Kern seines Tuns: "Bei all seinen Taten stimmte er Loblieder an auf Gott, den Höchsten, mit rühmenden Worten. Er liebte seinen Schöpfer von ganzem Herzen, alle Tage pries er ihn mit Liedern" (Sir 47, 8). Prägt das unser Tun, unseren Umgang mit Macht, Reichtum, Geld, mit der Verantwortung, die wir haben, Gott die Ehre zu geben und um den Schöpfer zu wissen, und Ihm den ersten Platz einzuräumen? David tat es auch in der Situation seiner schweren Schuld; denn die Reue, die er empfand, war nicht einfach ein Affekt für den Augenblick, sondern entsprang dem tiefen glaubenden Wissen, dass Gott die Ehre gebührt und deshalb dem Folgen seiner Gebote der Platz im Leben einzuräumen ist, vor allen anderen rationalen und sonst wie vernünftig erscheinenden Überlegungen. Ich weiß, damit bringt man Menschen in Spannung. Aber sind wir nicht intelligent und kraftvoll genug zu schauen, wie wir die schweren Fragen unseres Daseins in dieser komplexen Welt aus dem Geist lösen können, dass Gott da ist? Sollten wir das nicht schaffen, wo wir so viel vermögen? Ist das nicht eine Herausforderung an unsere Vernunft?
Im Evangelium spitzt sich die Lage für den Täufer Johannes deshalb zu, weil er dem Gebot Gottes so standhält, dass er sogar dem starken König Herodes ob seiner Lebensführung ins Angesicht widerspricht. Auch hier eine kurze Information: Der Evangelist Markus, aus dessen Lebensbericht über Jesus wir in den Wochen vor diesem Tag und nach diesem Tag hören, fügt an dieser Stelle ein, dass sogar Herodes sich damit auseinandersetzt, was dieser Jesus denn wohl für eine Figur sei. Sein Gewissen regt sich, weil er den Täufer hat töten lassen und stellt sich vor, der ist doch wieder da; denn die Kraft, die in diesem Johannes lebt, die muss so stark sein, dass sie sogar den Tod überwindet. Dieser Herrscher nimmt an, Johannes sei von den Toten auferstanden. Bemerkenswert! Dann erzählt der Evangelist die letzten Stunden des Täuferlebens. Es ist schon eine Herausforderung, für das Wort Gottes einzustehen. Er will damit sagen: So wird es Jesus auch gehen. Jedes christliche Zeugnis hat etwas davon an sich. Ist ja geradezu grotesk, dass Herodes nicht ein Versprechen, das er der Tänzerin gegeben hat, brechen möchte und dafür sich auf einer Silberschale den Kopf des Täufers geben lässt! Es hat ihn den Kopf gekostet, für die Wahrheit und Ehre Gottes einzutreten.
Warum sollte es uns, ohne dass wir uns das Martyrium weder wünschen noch zumuten, nicht auch die Kraft unserer Vernunft kosten zu fragen, wie wir heute Gottes Ehre verteidigen, zur Sprache bringen, dafür einstehen? Ich bin froh, dass Ihr Präsident in dem Interview, auf die Frage des Sonntags angesprochen, den Sonntagsschutz bejaht hat. Ich möchte das bekräftigen nicht bloß der seelischen Erhebung wegen, die der Sonntag uns schenken kann, oder auch im Verbund mit gewerkschaftlichen Kräften zum Schutz von Ehe und Familie, sondern zu alldem hinzukommend die notwendige Beachtung: Weil es einen Tag in unserem Wochenablauf geben soll, an dem wir ganz tief spüren: Nicht wir machen unser Leben; es besteht nicht im Kaufen und Verkaufen, sondern ist Geschenk, weil es einen Schöpfer gibt, dem ich mich verdanke, und weil es einen Erlöser gibt, der für mich die Kräfte des Todes überwunden hat.
Tief in meinem Herzen, liebe Schwestern und Brüder, sitzt eine Botschaft meiner Eltern, die mir in einem ganz kleinen landwirtschaftlichem Betrieb eingeprägt haben: Immer dann, wenn die Ehre Gottes nicht beachtet wird, bleibt der Segen aus. Es ging nicht um das Bild eines strafenden Gottes, so klein glaubten meine Eltern nicht, sondern es ging darum, dass das Koordinatensystem stimmt. Und das braucht geistige Fundamente, den Wechsel von Werk- und Sonntag, von Alltag und Feier.
Liebe Schwestern und Brüder, Eucharistie steht am Anfang dieses gemeinsamen Abends, als Feier der Danksagung für 175 Jahre einer prägenden Geschichte dieser Stadt. Am Höhepunkt der Eucharistie betet der Priester: "Durch Ihn - Christus ist gemeint - und mit Ihm und in Ihm ist Dir Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes, alle Herrlichkeit und Ehre". Und die Gemeinde sagt: "Amen". Sie gibt die Unterschrift. Aber dahinter steckt der Wunsch und die Bitte sowie die Herausforderung, dass das Amen als Unterschrift auf dem Prinzipalmarkt in Ihre Betriebe, in diese Stadt, in unsere Gesellschaft kommt und sich dort konkret verwirklicht: "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir Gott Anbetung, Herrlichkeit und Ehre". Amen.
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