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Seite: Aktuelles  >  Predigt von Bischof Genn beim Gottfriedfest in Cappenberg am 17.01.2010
11.02.2012
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Dokumentiert

Predigt von Bischof Genn beim Gottfried-Fest in Cappenberg

Cappenberg. Am Sonntag (17.01.2010) feierte Bischof Felix Genn einen Gottesdienst in Cappenberg anlässlich des Gottfried-Festes. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Sehr verehrte Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Kinder! "Jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt" (1 Kor 12,7),  so hörten wir eben die Stimme des Apostels Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth. Jedem werden Gaben vom Geist geschenkt, damit sie nicht bei dem gehortet werden, der sie empfangen hat, sondern damit sie anderen nützen. Was sich hier seit fast tausend Jahren in Cappenberg zuträgt, ist ein Beleg für diesen Satz. Da ist Gottfried in seiner Zeit, der mit seinen Gaben, mit dem, was ihm geschenkt ist, und was er aus der Kraft des Glaubens empfängt, anderen nutzte; und das wird aufgegriffen und durch die Geschichte bis zu dieser Stunde heute fortgetragen. Gaben, die uns geschenkt sind, sind dafür da, um sie weiterzugeben zum Aufbau der Gemeinde. Der Apostel Paulus zählt eine ganze Reihe solcher Gaben auf, so dass wir beim Hören dieses Textes vielleicht denken: "Da komme ich nicht vor"; denn wer hat solche Gaben, die Wunderkräfte, das Deuten von Sprachen, heilende Fähigkeiten? Aber an anderer Stelle, liebe Schwestern und Brüder, spricht Paulus auch von ganz einfachen und schlichten Gaben, die durch die Kraft des Heiligen Geistes mobilisiert werden.

Liebe Schwestern und Brüder, welche Gaben haben Sie? Vielleicht sind wir als Menschen in der Kirche gewöhnt, zunächst einmal auf unsere Defizite zu schauen, auf die Schwächen, die wir zweifellos haben, auf die Sünden, die wir begehen, auf die Schuld, die wir uns aufgeladen haben, auf all die Fehler, die das Christentum im Laufe der Geschichte gemacht hat. Das zieht runter. Aber schauen wir doch auch einmal mit dem Apostel heute auf die Ressourcen, die uns geschenkt worden sind: Dass die Taufe nicht irgendein bürgerlicher Akt ist, der uns ins Leben hineinführt, sondern eine Gabe, aus der Leben entspringen, wachsen und sich aufbauen kann. Vielleicht lohnt es sich an einem solchen Tag wie dem heutigen einmal, als Einzelner zu schauen: Was ist mir eigentlich aufgrund meines Glaubens geschenkt, gegeben, damit es anderen nützt? Sie werden sicherlich manches Schlichte, Einfache, fast selbstverständlich Erscheinende entdecken, wie auch auf Dinge stoßen, die durchaus einmalig sind oder jedenfalls Ihnen besonders zu Eigen.

Liebe Kinder, das ist doch für Euch nicht unwichtig, was ich hier sage. Wenn Ihr in der Schule seid, schaut man oft darauf, welche Noten man macht, welche Leistung Ihr erbringt, ob Ihr das oder das gut gelernt habt; aber zunächst sollt Ihr einmal nicht schauen auf das, was Ihr falsch macht, sondern auf das, was Euch geschenkt ist, was Ihr könnt. Und Ihr könnt einiges, und das ist nicht einfach dafür da, dass Du es für Dich behältst, sondern, dass es anderen nützt!

Ich unterbreche hier einmal den Gedankengang. Es gibt in einem der Gebete zum Gedenken an den heiligen Gottfried eine ganz besondere Formulierung. Das Tagesgebet, das wir hier gesprochen haben, hat das anders zum Ausdruck gebracht. Aber ich wähle diese Formulierung: "Hilf uns auf die Fürsprache des heiligen Gottfried, in dem wechselnden Vielerlei dieser Welt mit ganzem Herzen auf das bedacht zu sein, was in Ewigkeit bleibt".

Liebe Schwestern und Brüder, eine solche Formulierung, mitten in dem Vielerlei das nicht aus dem Blick zu verlieren, was in Ewigkeit bleibt, lässt daran denken: Viele Menschen machen dem Christentum den Vorwurf, es bleibe nicht erdverbunden; man schaue nicht auf das, was wirklich zum Leben gehört, sondern starre sozusagen auf das, was danach kommt - und hier fügen manche hinzu: Man weiß ja nicht, ob etwas danach kommt, und wenn nicht, hat man möglicherweise die Schönheiten dieser Erde verpasst und umsonst gelebt.

Viele Menschen leben doch so, als ob es nichts gibt, das in Ewigkeit bleibt. Sie wollen alles Mögliche, was die Erde bietet, auskosten. In der Vielfalt der Angebote kommen sie gar nicht nach. Sie richten sich nach dem, was man so hat, was man so hortet, was man auf jeden Fall mitbekommen müsste. Viele orientieren sich nach all dem, was dazu beiträgt, gesund zu bleiben, fit, um ewig zu leben. Das aber geht nicht. "Mitten in dem wechselnden Vielerlei dieser Welt" - man könnte auch sagen: "Mitten in dem Vielerlei der alltäglichen Aufgaben" – so betet das Tagesgebet des heutigen Festes. Es zeigt: Christentum ist erdverbunden. Es geht nämlich um das wechselnde Vielerlei dieser Welt, um das Vielerlei unserer alltäglichen Aufgaben. Dabei entsteht die Frage: Wie gehe ich mit dem Vielerlei so um, dass ich darin sinnvoll leben kann?

Liebe Schwestern und Brüder, ausgerechnet eine Hochzeitsfeier, bei der der Wein ausgeht, kann uns hier zeigen, wie Jesus das sieht. Es geht Ihm nicht darum abzuheben. Es geht Maria nicht darum, dass die Gäste endlich nichts mehr zu trinken haben, damit sie nicht betrunken werden und mal lernen zu verzichten, sondern sie sagt: "Sie haben keinen Wein mehr" (Joh 2, 3). Es ist die irdische Not, auf die sie ihren Sohn hinweist. Ganz irdisch ist diese Not! Und da sind sechs Krüge mit dem Wasser des Alltags gefüllt. Fast möchte man sagen: Sinnbilder unserer sechs Werktage, in denen wir nur mit Wasser kochen, in denen wir in den vielfältigen Aufgaben unseres Lebens stehen, und die manchmal bis zum Rand gefüllt sind mit Sorgen, Nöten, Leid, Problemen und Scherben. Die verwandelt Er zu Wein, zu so kostbarem Wein, dass der Speisemeister dieser Tafel dem Bräutigam den Vorwurf macht: "Wenn die Gäste viel getrunken haben, kommt man mit dem geringeren Wein, weil sie dann gar nicht mehr merken, wie schlecht er ist." – Obwohl man an der Mosel – das darf ich Ihnen sagen – die Steigerung macht: Man nimmt den Besten zum Schluss – das nur nebenbei!

Liebe Schwestern und Brüder, das sind die Gaben Gottes: Sein kostbarer Wein, den er mitten in der alltäglichen Not schenkt. Es sind die Gaben als Zeichen für das, was Gott grundsätzlich gibt. Er füllt erdverbunden die irdische Leere. Damit hat Gottfried gelebt: Mitten in dem, was irdisch ist, hat er mit dem was ihm zur Verfügung stand, zugleich den Horizont des Ewigen nicht aus dem Blick verloren. Für Gott da zu sein und in Dankbarkeit Ihm gegenüber zu leben durch Gebet und Gottesliebe, das war der Inhalt seines Lebens. Gleichzeitig war er für die da, die bedürftig waren, die nicht nur keinen Wein, die nicht einmal Wasser hatten. Indem er ihnen gab, hat Er seine Beziehung zu Gott verknüpft mit der Beziehung zum Nächsten.

Die Gaben, die uns geschenkt sind, gilt es so zu verteilen, dass sie anderen nützen. Das heißt: Die Perspektive des Ewigen nicht aus dem Blick zu verlieren. Das heißt zu wissen: Wenn ich jetzt so lebe, dass ich für Gott und die anderen da bin, dann ist wirklich Gottes Friede da.

Man kann es freilich nur, liebe Schwestern und Brüder, wenn einem das als Entschiedenheit ins Herz gebrannt ist, dass es Gott gibt, dass Er größer ist als ich, und dass das alles mit Jesus stimmt, dass in Ihm Gott uns alles zur Verfügung gestellt hat, bis zu dieser "Stunde", von der Er auch heute im Evangelium spricht, in der das Leben Jesu zu dem kostbaren Wein wird, den Er austeilt als Sein vergossenes Blut, für Euch und für alle, die Ihn aufnehmen.

In der ersten Lesung, die wir heute gehört haben, bekommt Israel in der frühesten Stunde seiner Geschichte die Verheißung, wie ein kostbares Diadem in der Hand seines Gottes zu sein. Gott wendet sich diesem verlassenen Volk zu mit der Perspektive: Wie der Bräutigam sich freut über die Braut. so freut sich Dein Gott über Dich (Jes 62, 5). Wenn das jemand ausspricht, dann hat er Frieden in Gott, ob er lebt oder ob er stirbt, ob er mit dieser oder jener belastenden Situation umgehen muss oder nicht.

Das fehlt vielleicht in unseren Gemeinden. In all den Umstrukturierungen, in all dem, was wir auch in unserem Bistum in den kommenden Jahren zu gestalten haben, kommt es darauf an, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass Gott das Bleibende ist mit dem, was Er uns in Jesus geöffnet hat, und was Er uns Sonntag für Sonntag in die Krüge der Werktage mit seiner Liebe füllen wird; unter der Hand, ohne dass es bemerkt wird. Er wartet nur darauf, dass wir Ihm glauben. Das genügt. So machten es auch damals die Diener, die einfach seinem Wort folgten, die Krüge mit Wasser zu füllen. Unbemerkt, sozusagen unter der Hand wurde dieses Wasser zu Wein.

Ist in uns die Kraft des Glaubens stark genug? Ist in unseren Familien der Glaube so stark, dass wir der Überzeugung sind: Es lohnt sich, die Gottesliebe unseren Kindern weiterzugeben; es lohnt sich, unsere Kinder und Jugendliche nicht ohne Gott leben zu lassen, sie sozusagen nicht darum zu betrügen; es lohnt sich, auf die Ressourcen hinzuweisen, die aus der Quelle Gottes entspringen. Vielleicht sind wir in unserem Land da und dort müde geworden und glauben nicht mehr daran, dass es sinnvoll ist, auch andere zu Christen zu gewinnen, weil auch wir als Glaubende zuviel auf das Jetzt und Hier bezogen sind und eigentlich skeptisch gegenüber der Meinung, es sei nicht notwendig, nur für sich selbst zu sorgen. So aber denkt der Christ! Wir haben es nämlich als Christen nicht nötig, auf uns selbst konzentriert zu bleiben. Wir können mit unseren Gaben anderen nützen. Ja, wir sind der Nutzen für diese Welt, weil wir den Erlöser und Heiland in unserer Mitte wissen

Wie kann man das machen? Die Antwort gibt das Gebet des heutigen Tages: "Im wechselnden Vielerlei dieser Welt auf das bedacht sein, was in Ewigkeit bleibt." Früher hat man uns beigebracht, am Morgen und Abend zu beten. Das ist nicht einfach eine fromme Übung, sondern das ist genau die Standortbestimmung, das, was heute ist, in den großen Horizont Gottes zu stellen: Gott ist da. Er schenkt mir diesen Tag. Alles, was an Aufgaben kommt oder den Tag über mich belastet, kann noch einmal in einer Distanz angeschaut werden aus dem Horizont Gottes, von Gott her angeblickt werden. So setze ich gewissermaßen das Tagesgebet des heutigen Festes um.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte gerade am heutigen Festtag des heiligen Gottfried, den wir auch als Familiensonntag in der Kirche Deutschlands feiern, an diese Perspektive erinnern und Sie ermutigen, auf diese Ressourcen zu blicken, die uns von Gott her geschenkt worden sind: Der neue Wein seines neuen Lebens. Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
17.01.2010

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