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Seite: Aktuelles  >  Predigt von Bischof Genn beim Neujahrsempfang des Diözesankomitees der Katholiken am 9. Januar 2010
30.07.2010
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn beim Gottesdienst zum Neujahrsempfang des Diözesankomitees der Katholiken

Bistum. Am Samstag (09.01.2010) fand der Neujahrsempfang des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum Münster statt. Bischof Genn feierte zu Beginn einen Gottesdienst mit der Laienvertretung im münsterschen St.-Paulus-Dom. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Verehrter Herr Kardinal, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! "Reiß doch den Himmel auf und komm herab, dass Berge zittern vor dir" (Jes 63,19), so lesen wir in den letzten Kapiteln des Jesajabuches in einem Psalm, von dem wir vielleicht sagen dürfen, dass er in der Zeit ungefähr am Ende der babylonischen Gefangenschaft gebetet wurde. "Reiß doch den Himmel auf", so rufen die Menschen damals, weil sie sich fern von der Heimat Israel in einem fremden Land befinden, weil die Verheißung, der sie getraut haben, auf dem Spiel steht. "Reiß doch den Himmel auf und komm herab, dass Berge zittern vor dir", es sieht nämlich so aus, so heißt es dort: "Als wären wir nie nach deinem Namen benannt, als wärest du niemals unser Herrscher gewesen".

Liebe Schwestern und Brüder, ein solcher Ausruf ist uns durchaus nicht unvertraut. Manchmal meinen wir, es müsste doch der Himmel aufgerissen werden und nicht Schneemassen auf uns herabkommen, sondern sich auf dieser Erde etwas verändern. Da müsste doch Gott eingreifen, damit diese Welt in Ordnung kommt. Geht es uns als Christen, die wir den Weg unseres Lebens im Glauben zu gehen versuchen, nicht auch so, dass wir sagen könnten: "Sieht es denn so aus, als hättest du nie etwas mit uns zu tun gehabt, als wären wir nie nach dir benannt, als wärest du nie unser Herrscher gewesen. Wo bleibt denn deine Macht?" Das Diözesankomitee in unserem Bistum, Sie, liebe Schwestern und Brüder aus den Verbänden, haben sich im zurückliegenden Jahr in besonderer Weise des Themas "Gerechtigkeit und Klima" angenommen. Da könnten Sie doch auch manchmal ausrufen: "Reiß doch den Himmel auf, dass endlich in dieser Welt und auf dieser Erde sich etwas zum Guten wendet und Gerechtigkeit wird zwischen Nord und Süd, zwischen den armen und den reichen Völkern". Wie mühselig stellt sich gerade dieses Engagement dar, und man könnte zornig werden. Aber Gott ist nicht nach unserem Maß!

Liebe Schwestern und Brüder, deswegen dürfen wir an diesem Festtag, mit dem wir die weihnachtliche Zeit abschließen, uns vom Evangelisten Lukas leiten und zeigen lassen, wie Gott und mit welchem Maßstab Er ist und misst. Da steht zunächst einmal: "Das Volk ist voller Erwartung" (Lk 3, 15). Es ist damals eine Zeit, in der Menschen auf der Suche sind nach einer Beständigkeit, nach Religion, danach, dass sich auf dieser Erde etwas ändert. Wir nehmen das wahr, wenn wir uns mit der Umwelt auseinandersetzen, in der Jesus aufgewachsen ist, und aus der heraus wir den Täufer Johannes mit seinem Tun und der Bewegung, die er ausgelöst hat, recht verstehen können. Menschen ziehen ins Jordan-Tal, in die Wüste, weil sie hier etwas an Änderung erwarten. Sie haben den Eindruck, es liegt etwas in der Luft, als müsse jetzt Erlösung und Heil für die weltlichen Zustände eintreten. Insofern gibt es vielleicht auch eine Parallele zu uns; denn die religiöse Suche ist durchaus vorhanden und das innere Streben danach, dass in unserer Welt Gerechtigkeit wird, dass diese Welt nicht untergeht, und wir sie nicht untergehen lassen, weil wir nur an uns denken. Wir können uns vorstellen, was in Honduras, in dem unser Kardinal wirkt und arbeitet, ein innerer Schrei da ist angesichts der Notsituation und der krassen Gegensätze zu unserer westlichen Welt, weil die Armen in der Mehrzahl sind gegenüber den Reichen. Da ist Erwartung! Manchmal schäme ich mich überhaupt darüber zu reden, vor allen Dingen, wenn ich mich mit dem auseinandersetze, was uns von ADVENIAT her an Bitten entgegenkommt. Was haben wir es gut und stöhnen trotzdem. Da ist Erwartung, dass wirklich Heil im urtümlichen Sinne auch für diese Erde geschieht.

Liebe Schwestern und Brüder, die Antwort, die der Täufer Johannes auf diese Erwartung gibt, ist zunächst einmal ernüchternd. Er sagt: "Ich bin nicht der Erlöser" (vgl. Lk 3,16). Auch wir sind nicht der Erlöser. Wir kriegen es nicht hin. Immer wenn Menschen versucht haben, mit ihren Mitteln die Welt zu erlösen, dann ist es gescheitert. Wir taufen wenn, dann nur mit Wasser. Wir kochen nur mit Wasser. Wir brauchen den, der mit heiligem Geist und mit einem Feuer tauft, das durch kein Wasser zu löschen ist. Darauf weist der Täufer hin und in der Menge des Volkes, das voller Erwartung sich wenigstens diese Taufe als Zeichen einer inneren Wende und Umkehr geben lässt, nicht nur einer mentalen Wende, ob der Staat oder der Einzelne mehr zu akzentuieren sei, sondern einer inneren Wende, einer Wende des Herzens. Mitten in dieser Menge, in der Menge der Sünder, steht der, der vom Himmel herab kommt. Da steht der, vor dem eigentlich Berge erzittern müssten, unerkannt.

Liebe Schwestern und Brüder, der Jordangraben ist die tiefste Stelle der Erde. "Reiß doch den Himmel auf". Das geschieht in dem Augenblick, wo der, der von oben kommt, an die tiefste Stelle der Erde tritt. Wo er sich in die Reihe der Sünder einordnet, Er, der Sündenlose, dem die Sünde ein Abscheu ist, und der kommt, um uns davon zu befreien. Der geht diesen Weg. Das ist der Maßstab Gottes: Ganz tief unten mit uns zu sein, solidarisch bis ins Letzte. Hier deutet sich schon an, was erst recht sich dann real und für Ihn brutal vollzieht, wenn Er an den tiefsten Punkt kommt, am Kreuz ausgespannt zu sein, festgenagelt, vom Tod und von der Sünde, weil das Feuer des Geistes, das in Ihm lebt, dieser Welt eine Chance zur Erlösung zu eröffnen, ja, sie ihr zu schenken, ihn bis zu diesem Tiefpunkt treibt. Er reißt nicht einfach den Himmel auf, damit wir angesichts eines Mirakels dazu kommen, uns zu ändern, sondern Er geht an den Tiefpunkt, und dann öffnet sich der Himmel, und der Geist Gottes zeigt sich über Ihm. Die Stimme des Vaters offenbart: "Du bist mein geliebter Sohn" (Lk 3, 22). Auf Ihn sollen wir hören.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist das Maß Gottes, das ist, liebe Schwestern und Brüder, das was uns in der Taufe geschenkt worden ist und uns helfen kann, ein neues Klima in die Welt zu bringen. Ein Klima, in dem Gerechtigkeit nach dem Maßstab Gottes gestaltet wird. Das ist unsere Aufgabe als Christen, voll Dankbarkeit dafür, dass Er an unserer Stelle, in unsere Reihe getreten ist, in die Schlange der Sünder, dass er sich so tief mit uns solidarisch gemacht hat,. Da kommen wir nicht raus, wenn wir Christen sein wollen; denn dieser Geist und dieses Feuer hat uns gepackt.

Deshalb ist uns die Erde nicht gleichgültig. Ich weise Sie hin, liebe Schwestern und Brüder, auf die großartige Botschaft von Papst Benedikt zum Weltfriedenstag 2010. "Wenn du den Frieden fördern willst, bewahre die Schöpfung", so lautet das Thema seiner Ausführung. Das ist gerade eine Aufgabe auch für gläubige Laien, mit ihrer Kompetenz in den unterschiedlichen Berufen, ein Bewusstsein zu schaffen für unsere Verantwortung, die wir angesichts der kommenden Generation und der Welt, weltweit, haben. Papst Benedikt greift auf, was Papst Johannes Paul II. schon einmal gesagt hat, dass die Umweltkrise wesentlich eine Krise unserer Maßstäbe ist, unserer Ethik und Moral, des Sinns für Verantwortung. Das gilt ja gerade auch für die Frage von Klimawandel, von Energieressourcen. Die Politiker können nur so weit gehen, wie die Menschen im Bewusstsein stehen, weil sie sonst immer fürchten zurückzufallen. Deswegen kommt es darauf an, dass wir diesem Bewusstsein Raum geben. Ich bitte Sie darum, das weiter zu tun, in Dankbarkeit für das Engagement, das Sie in ihren Verbänden und dem Diözesankomitee entfalten: Das Bewusstsein, dass wir als Länder in Europa, die so viele Möglichkeiten haben, allmählich lernen müssen, Maß zu halten, zu reduzieren, um der anderen willen. Wer macht das schon? Im Letzten denkt man immer doch noch mal an sich selbst. Ich habe das so oft schon in anderen Zusammenhängen erlebt, wenn ich vom Sparen sprach. Alle sagten: "Es ist wichtig, dass wir sparen, aber in unserem Bereich geht es schlecht." Da merkt man, dass in uns die Wurzel, uns auf uns selbst zu konzentrieren, durchaus Kraft hat!

Liebe Schwestern und Brüder, wer wirklich Christus in sich einlässt, sich bewusst macht, was Er tut, das geknickte Rohr nicht zu zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auszulöschen (vgl. Jes 42), wer sich diesem Jesus nähert, der wird angesichts mancher Situationen in der Welt von heiligem Zorn gepackt, aber er tut auch etwas. Lassen Sie sich nicht entmutigen, auch wenn Sie den Eindruck haben, Ihr Engagement sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich danke Ihnen, dass Sie aus der Taufe leben wollen. Aber gönnen Sie sich tagaus, tagein, Zeit, mit Jesus in Kontakt zu sein und in der Spur zu bleiben, die Ihnen sein Wort weist. Dann merken Sie: Da tut sich der Himmel auf, und Er ist bei Ihnen. Vielleicht zittert Ihr Herz vor Ihm, aber Sie wissen, es ist sein Name, der über Ihnen angerufen ist. "Ja, ich bin durch die Taufe seine geliebte Tochter, sein geliebter Sohn, deswegen will ich gern auf Jesus, den Sohn Gottes, hören." Amen.

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  1. undefinedNeujahrsempfang des Diözesankomitees (10.01.2010)
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Felix Genn
09.01.2010

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