Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn zum Neujahrsempfang der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bischöflichen Generalvikariates, des Offizialates und des Diözesan-Caritasverbandes
Münster. Am Freitag (08.01.2010) fand ein Neujahrsempfang mit Bischof Felix Genn für die Mitarbeiter des Bischöflichen Generalvikariates, des Offizialates und des Diözesan-Caritasverbandes Münster statt. In einem gemeinsamen Gottesdienst predigte der Bischof auch. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und Diakonen-Amt, liebe Schwestern, liebe Brüder im Glauben, wir haben Weihnachten gefeiert. So sehr der Alltag wieder eingekehrt sein mag, die Liturgie der Kirche schenkt uns, dieses Geheimnis noch mehr und tiefer zu erfassen und nicht einfach in das Gewöhnliche des Werktags überzugehen. Sie tut das, indem sie nicht nur in einer bestimmten Stimmung bleibt, die wir durchaus mit dem Weihnachtsfest verbinden, sondern uns die innere Botschaft dieser Festtage erschließt. Wir spüren daran, liebe Schwestern und Brüder, dass Weihnachten mehr ist als das, was jeder von uns im Herzen trägt, wenn er das Wort nur hört. Es geht um mehr als das, was wir an der Oberfläche mit guten Gründen, mit Weihnachten in Verbindung bringen. Wir spüren daran: Es geht eigentlich um etwas Unglaubliches.
Liebe Schwestern und Brüder, am 6. Januar wählt die Kirche als Eingangsvers für die hl. Messe ein Wort des Propheten Maleachi aus und verbindet es mit einer Anspielung aus dem 1. Buch der Chronik: "Gekommen ist der Herrscher, der Herr. In seiner Hand ist die Herrschaft und das Königtum". Spüren Sie, wie unglaublich diese Botschaft ist? Die Krippe und das Kreuz - und dann "Gekommen ist der Herrscher, der Herr. In seiner Hand sind das Königtum und die Macht"! Das ist die Botschaft, die wir Christen in die Welt hinein tragen. Die Liturgie will uns die Tiefe dieser unglaublichen Botschaft nahe bringen, indem sie in den Tagen nach dem 6. Januar Texte auswählt, die dieses Erscheinen des Herrschers und Herrn noch deutlicher vor Augen stellen. Es sind keine Weihnachtsevangelien, denn es handelt sich um Geschichten des erwachsenen Jesus, und trotzdem: Auch diese Erzählung von der Brotvermehrung ist Epiphanie: Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes in diesem Menschen Jesus von Nazareth. Da fliegt man nicht unmittelbar drauf, zu glauben, dass in diesem Menschen der Herrscher, der Herr, in dessen Namen alle Macht und Herrschaft ist, uns entgegenkommt. Aber wer sich dem nähert, dem wird es wirklich warm ums Herz, wie es an Weihnachten geschieht. Dem vergeht die Kälte, und in allem Dunkel empfängt er Licht.
In der Marienkapelle, hier im Domkreuzgang, findet sich eine Skulptur der Krippe von Dinnendahl – sehr intensiv und dicht –: Maria und Josef schauen auf das Kind in der Krippe, das wie in einem Brotkorb liegt. Die Krippe, der Ort, aus dem die Tiere fressen, wird zum Brotkorb für die Menschheit. So unscheinbar wie die Krippe, so skandalös wie das Kreuz, so klein und gering die Eucharistie. Gott gibt sich in Jesus als Brot und Nahrung für die Menschheit. Vielleicht kennen Sie Krippendarstellungen, die ähnlich motiviert sind. Das Kind ist eingewickelt, fast wie ein Leichnam im Grab - und diese Anspielung ist gewollt – oder man hat den Eindruck, es handelt sich um einen Brotlaib, zu dessen Verschönerung Einkehrbungen eingraviert werden. In dieser Erzählung von der Brotvermehrung wird aus dem Leben Jesu noch einmal in ganz besonderer Dichte gefasst: Gott gibt den Menschen keinen Korb, sondern zwölf Körbe voll. Für unseren Hunger nach Leben können wir essen und satt werden, wie es dort heißt im Evangelium: "Alle aßen und wurden satt" (Mk 6, 42). Der Brotkorb wird nicht hoch gehängt, sondern ist total irdisch, in der Krippe uns geschenkt. Das gehört innerlich zusammen.
Der Apostel Johannes bringt das in Kurzfassung, fern von jedem Bild, etwas abstrakt und doch dasselbe: "Daran haben wir die Liebe Gottes erkannt, dass Er uns seinen Sohn gegeben hat, damit wir durch Ihn leben" (vgl. 1 Joh 4, 9), so wie wir durch das Brot leben. So leben wir noch mehr durch den, der in Bethlehem im Haus des Brotes in einer Krippe geboren wurde und der sich uns anbietet, nicht einfach als Zubrot, sondern als Grundnahrung.
Liebe Schwestern und Brüder, das lateinische Wort für Hirt heißt "pastor", der Nährer. Jesus sieht die Menschen und hat den Eindruck, sie sind wie Schafe die keinen Nährer, keinen Hirten haben. Deshalb lehrt er sie vieles und gibt ihnen das Wort, und er verdichtet dieses Wort im Zeichen des Brotes, das unter seinen Händen sich vermehrt und von dem noch ein Überschuss bleibt, mit dem sich noch mehr sättigen können. Das geschieht auch heute. Wenn Er, der Hirt, sich uns anbietet in der Eucharistie, dann verteilt Er sich in das Herz und Leben eines jeden Menschen, und Er bleibt doch ganz und derselbe bei jedem Einzelnen von uns. Aber so, dass wir zu Hirten werden können, die mit dem Überschuss der Liebe austeilen, damit auch noch mehr Menschen davon haben.
Ich wünsche uns allen in diesem Jahr, dass wir immer wieder neu erfahren dürfen, wie stark wir genährt sind von dem, was Gott uns an Weihnachten angeboten hat, und wie sehr Er uns ermutigt und stärkt, mit den Kostbarkeiten unseres Glaubens noch viel mehr Menschen beschenken zu können. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
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