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Seite: Aktuelles  >  Predigt von Bischof Genn in der Osternacht 2010
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn in der Osternacht

Bistum. Bischof Felix Genn feierte in der Osternacht (04.04.2010) die Eucharistie im münsterschen St.-Paulus-Dom. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! "Die Apostel hielten das alles für Geschwätz, was die Frauen ihnen an jenem Morgen berichteten, und glaubten ihnen nicht" (Lk 24,11). Wohlgemerkt: Es waren nicht irgendwelche Fern- und Außenstehende, sondern die Apostel, der engste Kreis, den Jesus sich erwählt hatte, hält das, was die Frauen als Erfahrung vom Grab mitbringen, für Geschwätz in der ersten Stunde der Begegnung mit dem Grab, das leer ist, und der Botschaft, die es enthält! Geschwätz! Damals, liebe Schwestern und Brüder, und Sie können manchen vor sich sehen, wenn Sie dieses Stichwort hören, der ebenso spricht: "Das kann man doch wohl heute nicht mehr erzählen!"

Den Frauen war es ganz eigenartig zu mute. Sie hatten vor, ihrer Liebe zu diesem Jesus von Nazareth noch einmal einen leibhaftigen Ausdruck zu geben, indem sie den toten Leichnam salben. Und sie erfahren: Der schwere Stein, den man vor das Grab gewälzt hat, ist weg. Sie kommen in ein leeres Grab. Das macht sie ratlos. Sie wollten einen Toten salben, und jetzt ist da eine Leerstelle.

Im griechischen Text steht hier das Wort, das wir als Fremdwort gebrauchen, Aporie. Wir könnten vielleicht sagen – oder so würden Zeitgenossen es ausdrücken – die Frauen hatten das Gefühl, im falschen Film zu sein. Sie gehen in ein Grab, um einen Toten zu salben und finden eine Leere - und sie bekommen eine Lehre, denn sie werden erinnert an das, was dieser tot Geglaubte ihnen zu seinen Lebzeiten gesagt hat: Dass er einen Weg gehen muss, der durch das Leiden und Sterben des Kreuzes in die Auferstehung führt. Es ist so, als hörten sie dieses Wort zum ersten Mal, aber sie erinnern sich. Sie kennen das auch, liebe Schwestern und Brüder, dass ihnen jemand erzählt, das habe ich dir doch schon einmal gesagt, und man hat den Eindruck, man hört es zum ersten Mal, und dann erinnert man sich, geht sozusagen in seinem Gedächtnis einen Weg mit diesem Wort.

Trotzdem blicken die Frauen zu Boden, denn sie müssen sich die Frage gefallen lassen, wieso Sie einen Lebenden bei den Toten suchen. Liebe Schwestern und Brüder, und dem Petrus, der dann zum Grab eilt, geht es nicht anders. Er ist verwundert, er merkt, hier ist nicht irgendetwas an Plünderei geschehen, aber wie soll er das zusammen bekommen? Damit geht er nach Hause. So endet die Evangelienbotschaft, die wir in dieser Nacht hören, mit dieser verstörenden Erfahrung.

Liebe Schwestern und Brüder, und die Kirche setzt diese Botschaft fort, weil sie diesen Zeugen geglaubt hat. In dieser Stunde hatten die Frauen und Männer aus der Gefolgschaft Jesu sozusagen keinen Schlüssel, um dafür Verständnis aufzubringen, obwohl sie aus der Glaubensgeschichte des Bundesvolkes her kamen. Sie haben sich auch nicht zusammen gesetzt und eine Konferenz gehalten, was man mit dieser Erfahrung machen könnte, ob da nicht noch etwas drin steckt für die Menschen aller Orte und Zeiten. Der Herr selbst wird ihnen begegnen müssen, um sie auf sich selbst hin zu stoßen und ihnen zu zeigen, dass man den lebendigen Gott nicht bei den Toten suchen kann, dass man ihn, der durch den Tod hindurch gegangen ist, unter den Lebenden glauben darf. Weil diese Frauen und Männer ihre Erfahrung weiter getragen haben, mit dieser Erfahrung -  sowohl der Verstörung als auch den umstürzenden Ereignissen der Begegnung - nicht hinter dem Berg gehalten haben, es nicht als eine Privatmeinung einer Clique, die an Jesus hängt, angesehen haben, deshalb können wir glauben. Deshalb können wir in dieser Nacht diesen Menschen danken, deshalb kann die Kirche feiern und wir mit ihr.

Wir sind seit dem Gründonnerstagabend mit dem Herrn einen Weg gegangen: Vom Abendmahlssaal durch den Ölgarten ans Kreuz. Wir haben seinen Worten nachgespürt, dass er sich mit seiner ganzen Liebe verschenkt, dass er uns Menschen nachgeht und uns nicht verlieren möchte, weil wir zur Liebe berufen sind. Dass er auf diesem Weg es sogar wagt, in die letzte Verlorenheit hinein zu gehen, in den Abgrund der Sünde und ihrer Folge, des Todes, zu steigen. In dieser Nacht wird uns im Glauben feierlich bekannt und im Herzen erneuert: Sein Weg hat sich gelohnt, die Liebe siegt doch. Sie schafft es, die Sünde zu töten, sie schafft es, den Tod zu überwinden. Damit eröffnet sich eine Perspektive, die bis in den Anfang der Schöpfung hinein reicht und die uns in dieser Nacht teil nehmen lässt an dem Glaubensweg des Bundesvolkes unserer Schwestern und Brüder aus dem Volk Israel, die geglaubt haben, dass Gott wirklich der Schöpfer ist, der den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis macht und der darauf aus ist, alles zu tun, diesen Menschen, der sein Bild ist, nicht zu verlieren. Deshalb lässt er nicht ab von Israel, befreit es, geht ihm nach, auch in der Stunde, da es von ihm fern ist: "Dein Schöpfer ist dein Gemahl, mit ewiger Huld erbarme ich mich deiner" (Jes 54,5.8).  

Liebe Schwestern und Brüder, und er verheißt ein neues Herz, weil dieses Volk so tief in den Abgrund der Sünde steigt, dass es diesen herrlichen Gottesnamen vor den Völkern entweiht. Entdecken wir nicht Punkte der Glaubensgeschichte der Kirche bis hin zur Entweihung seines Namens in dieser Stunde, der Fasten- und Bußzeit der letzten Wochen? Und doch: Seine Kraft ist stärker, er möchte nicht, dass wir das bloß bedenken, sondern er lässt es uns ins Herz eingießen. Wir sollen die Möglichkeit haben, mit diesem Tod und dieser Auferstehung, in der diese Geschichte des Gottesvolkes zum Höhepunkt kommt, ganz persönlich, jeder für sich, verbunden zu sein. Deshalb ist diese Nacht die Stunde der Taufe und der Erinnerung an dieses Grundsakrament unseres Christseins. Deshalb ist diese Stunde der Ort, das zu erneuern, was wir in der Taufe zugesagt haben. Wir wollen mit dem nichts zu tun haben, was ihn zu Tode gebracht hat und was seinen Namen entweiht. Wir wollen mit der Sünde nicht in Berührung sein, weil sie gerade für diejenigen, die getauft sind, noch schwerer wiegt und das Zeugnis massiver verdunkelt, so dass man der Auferstehungsbotschaft doch keinen Glauben schenkt oder sie für Geschwätz hält. In dieser Stunde können wir die Chance ergreifen, uns die Worte an das verlorene Israel zu Eigen werden zu lassen, für dich und mich: Dein Schöpfer ist dein Gemahl. Mit ewiger Huld erbarme ich mich deiner.

Liebe Schwestern und Brüder, in meinem Bischofswort zur österlichen Bußzeit habe ich im Zusammenhang des Dienstes der Priester über die Grundberufung von uns Christen gesprochen, und ich habe gesagt, dass ich mich freue, gerade in dieser Osternacht, und ich füge hinzu, auch wenn die Zeiten noch so schwer waren und vielleicht noch sein werden, mit Ihnen Christ zu sein. Deshalb lade ich Sie ein, nachher von Herzen das Taufbekenntnis zu erneuern: Ich widersage dem Bösen, ich glaube diesem Gott, den uns Jesus Christus gebracht und offenbart hat. Auch wenn ich nichts in der Hand habe außer dem schwachen Licht der kleinen Kerze: Fassen Sie sie an, halten Sie sich am Herrn fest!

So wünsche ich Ihnen, auch im Namen meiner Mitbrüder im bischöflichen Dienst und im Domkapitel, dass Sie wirklich ein gnadenreiches Osterfest feiern. Damit meine ich nicht bloß gutes Wetter und Eintracht in der Familie und vielleicht schöne Ausflüge, sondern dass Sie voll sind von der Freude, dass Sie Christ sein können und dass wir das zusammen sind, weil wir an der Quelle sitzen. "Wisst ihr nicht, dass ihr auf den Tod Christi getauft seid" (Röm 6,3)? Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
04.04.2010

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